Aktualisiert am 12 März 26 von

Raisewars im NL Cashgame - What's your Line?

» KOLUMNE

Raisewars im NL Cashgame - What's your Line?

von misterlinus21

In den höheren Limits wird das Preflopspiel merklich aggressiver. Du wirst öfter mit 3-Bets und 4-Bets konfrontiert werden und selbst vermehrt 3-Bets und 4-Bets anbringen.

Im Extremfall können speziell unter Regulars sogenannte Raisewars entstehen. Den 3-Bets und 4-Bets wird dann nur noch wenig Credit gegeben und die Spieler gehen sehr loose broke. Damit geht eine hohe Varianz einher. Dennoch gibt es keine Alternative zum Raisewar. Die Gründe dafür erfährst du im folgenden Abschnitt.

Praxisbeispiel: Handranges

Anhand konkreter Handranges kann man zeigen, wie sich das Preflopplay über die Zeit hinweg aufschaukeln kann. Es wird dabei von folgenden Prämissen ausgegangen:

  • Der Spot ist eine 3-Bet des BU nach einem Openraise des CO.
  • Die Blinds folden.
  • Beide Spieler sind kompetente Regulars.
  • Beide Spieler haben 100 BB Stacksize.
  • Die Möglichkeit von 3-Bet und 4-Bet Bluffs bleibt zunächst außer Acht.

Ausgangsgleichgewicht:

  • Als Ausgangspunkt werden sehr tighte Ranges gewählt. Nimm an, dass der Button hier standardmäßig QQ+, AK 3-bettet.
  • Im Pot sind bislang 19,5 BB. 4 BB vom Cutoff, 14 BB durch die 3-Bet des Button und 1,5 BB durch die Blinds.
  • Wenn der Cutoff sich für 4-bet/call entscheidet, investiert er 96 BB um 201,5 BB zu gewinnen. Er benötigt also knapp 48% Equity.
  • Diese Equity erreicht der Cutoff nur mit KK+. Der Rest seiner Range wird gefoldet.

Exploiting:

  • Der Button kann seine 3-Betting-Range nun aufloosen, da der Cutoff nahezu seine gesamte Range gegen eine 3-Bet foldet.
  • Eine angepasste Range wäre etwa: 88+, AJ+ sowie gelegentlich suited Connectors und selten pure Bluffs.
  • Der Button gewinnt hier an EV hinzu, ohne ein Risiko einzugehen.

Nash-Gleichgewicht:

  • Nach einer gewissen Zeit wird der Cutoff reagieren und seine Range anpassen. Die relative Stärke der beiden Handranges wird wiederhergestellt.
  • Die erforderliche Equity wird mit der Range TT+, AK erreicht.
  • Entsprechend wird der Cutoff nun mit einer weiteren Range 4-bet/call spielen. Als Reaktion wird der Button lighter 5-betten.

Letztlich hat sich der EV gegenüber dem Ausgangsgleichgewicht nicht verändert. Jedoch ist die Varianz gestiegen. Im Sinne des RNK haben sich beide Spieler also verschlechtert. Dennoch gibt es keine Alternative. Ein Verzicht auf die Anpassung der Range würde dem Gegner gratis EV überlassen.

Das neue Gleichgewicht ist ein Nash-Gleichgewicht. Das bedeutet, dass kein Spieler den Anreiz hat, von seiner Range abzuweichen. Im Ausgangsgleichgewicht ist dies noch der Fall gewesen, da so Exploiting betrieben werden konnte.

Spieltheoretische Darstellung

Den Mechanismus von Raisewars kann man auch mit einem abstrakten Zahlenbeispiel gut verdeutlichen. Es wird von folgenden Annahmen ausgegangen:

  • Cutoff und Button sind kompetente Regulars.
  • Beide schlagen ihr Limit mit einer Winrate von 4BB/100.
  • Die Standardabweichung ihrer Winrate beträgt 3BB/100.

Die folgende Matrix musst du folgendermaßen lesen:

  • Am Rand sind die jeweiligen Aktionen abgetragen. Oben die des Cutoffs, links die des Buttons. Befindest du dich im Kasten links oben, spielen z.B. beide eine tighte Range.
  • In diesem Kasten steht B für Button und C für Cutoff.
  • Die realisierten Winrates und Standardabweichungen sind in Klammern angegeben: B (Winrate, Standardabweichung); C (Winrate, Standardabweichung)

Im Ausgangsgleichgewicht realisieren beide Spieler den oben angenommenen Ausgangswert. Exploitet nun der Button mithilfe der loosen Range, gewinnt er an EV hinzu, ohne die Standardabweichung zu erhöhen. Entsprechend verliert der Cutoff EV.

Genauso könnte auch der Cutoff mit einer looseren Openraisingrange die tighte 3-Betting-Range vom Button exploiten. Die Winrates verschieben sich dann in umgekehrter Weise.

Letztendlich wird sich der exploitete Spieler anpassen und seine Range entsprechend aufloosen. Im neuen Gleichgewicht „loose-loose“ realisieren beide Spieler eine höhere Standardabweichung bei gleichem EV.

Button / Cutoff Tighte Range Loose Range
Tighte Range
B (4,3); C (4,3) B (3,3); C (5,3)
Loose Range
B (5,3); C (3,3) B (4,5); C (4,5)

Auswege aus dem Dilemma?

Durch das loosere Spiel stellen sich beide Spieler schlechter. Bei gleichem EV realisieren sie eine höhere Standardabweichung. Dennoch ist das loose Spiel unausweichlich. Wenn du tight spielen würdest, bedankt sich der andere Spieler für das EV-Geschenk.

Theoretisch könnte man sich darauf einigen tighte Ranges zu verwenden, um durch Kooperation die Varianz zu minimieren. Natürlich ist das in der Praxis völlig unrealistisch. Und auch in der Theorie besteht nach wie vor der Anreiz für jeden Spieler, den anderen zu betrügen und aufzuloosen.

» ZUSAMMENFASSUNG

Das oben beschriebene Gleichgewicht ist nicht das Ende der Fahnenstange. In einem zweiten Schritt könnten die Spieler die Range noch looser gestalten. Dieses Spiel lässt sich immer weiter treiben. Jedoch stoßen die Spieler irgendwann an die Grenzen ihrer Varianztoleranz. Und möglicherweise lässt sich eine sehr loose Strategie wiederum durch eine ultra-tighte Strategie exploiten.

Es wurde hier mit einigen Vereinfachungen gearbeitet. Es wurde ausgeschlossen, dass 4-Bet-Bluffs erfolgen oder das 3-Bets nur gecallt werden können. Außerdem wurde von der Einbeziehung des Tableimages und des Gameflows abgesehen. Und natürlich können die Ranges der Spieler nicht mit absoluter Genauigkeit bestimmt werden.

Dennoch bringt die Anwendung der Spieltheorie Licht ins Dunkel. Die grundsätzliche Logik ist immer dieselbe. Um langfristigen Erfolg zu erzielen, musst du dich an aggressive Spieler anpassen. Idealerweise bist du der Mark van Bommel am Tisch, der aggressive Leader, und die anderen Spieler passen sich deiner Spielweise an.