Aktualisiert am 06 Juli 26 von

Woche 25 (BSS): Villain: „I am All-In“. Hero: ???

Einleitung

von Thorsten77

All-In Entscheidungen sind, insbesondere für No-Limit Anfänger, schwierige Situationen: entweder riskiert ihr den gesamten Stack, oder ihr foldet die Hand und überlasst damit den Pot eurem Gegner. Durch die Vielzahl von möglichen Situationen (Eure Karten, das Board, die Spielweise des Gegners, …) kann man keinen Chart für solche Entscheidungen erstellen. Vielmehr bekommt man mit zunehmender Erfahrung ein Gefühl dafür, wann man callen sollte und wann die Hand besser aufgegeben werden soll. In dieser Kolumne möchte ich darauf eingehen, wie man systematisch zu einer Entscheidung kommt. Im zweiten Teil betrachten wir dann, wie Ihr kritische Hände mit einer Software selbst analysieren könnt und so selbst seht, ob ihr eine Hand richtig oder falsch gespielt habt.

Call or Fold

Wie bei jeder Entscheidung im Poker geht es bei der Frage, ob man ein All-In callen oder folden sollte, darum, welche Aktion den höheren Erwartungswert hat. Entsprechend einfach ist es daher in Situationen, wenn wir vorne liegen - wir callen und hoffen, dass unsere Hand am Showdown immer noch die beste Hand ist. Selbst wenn wir die Hand verlieren, haben wir die richtige Entscheidung getroffen. Ein Beispiel:

Stacks:
Hero: 100 BB
BB: 100 BB

Preflop: Hero is SB with A , K.
8 folds. Hero bets 4 BB. BB (has J , 9) calls.

Flop: (8 BB) K , Q , 2 (2 Players)
Hero bets 6 BB, BB raises to 100 BB (All-In). Hero ???

Hero hat hier einen einfachen Call. Sein TPTK wird in über 58% der Fälle gegen den Draw von Villain bestehen.

In der Praxis ist das ganze allerdings etwas komplizierter. Zum einen wissen wir nicht genau, welche Karten unser Gegner hält. Zum anderen können wir nicht jede Wahrscheinlichkeit direkt im Kopf berechnen. Vielmehr entwickelt man mit der Zeit ein Gefühl dafür, ob man callen oder folden sollte. Erfahrene Spieler machen jedoch keine reine Bauchentscheidung, sondern sie analysieren die Situation systematisch:

  • Was sind mögliche Hände, die mein Gegner halten kann? Man versucht seinen Gegner auf eine Handrange festzulegen. Hierzu schaut man sich an, wie und aus welcher Position er agiert hat, wie seine generelle Spielweise ist und was die anderen Spieler gemacht haben. Aus diesen Informationen leitet man dann mögliche Hände ab. Wenn zum Beispiel ein sehr tighter Spieler aus UTG raist, kann man eine sehr starke Hand vermuten. Eine mögliche Range für ihn wäre AA-QQ,AK.
  • Was habe ich und wie sind meine Gewinnchancen gegen die möglichen Hände meines Gegners? Hierzu schaut man sich für jede Hand aus der Range an, wie deren relative Stärke in Bezug zu unserer Hand ist. Angenommen, wir setzen unseren Gegner auf ein Overpair Asse oder Könige und wir haben einen Nut-Flushdraw. Wir liegen zwar gegen beide Hände hinten, haben aber 9 Outs und gewinnen damit immerhin noch in etwa 37% der Fälle.
  • Ist ein Call +EV? Im letzten Schritt müssen wir dann entscheiden, ob ein Call einen positiven Erwartungswert hat. Hat man eine Gewinnwahrscheinlichkeit über 50%, so ist ein Call immer die richtige Entscheidung. Der Umkehrschluss gilt jedoch nicht. Auch bei unter 50% kann ein Call korrekt sein, wenn bereits genug Geld im Pot ist.

Führen wir die drei Schritte an einer beispielhaften Situation durch. Ein Short-Stack-Strategy Spieler (16 BB Stack), den wir von Pokerstrategy kennen, macht einen 4 BB Standardraise von UTG. Alle anderen folden, während wir im BB mit zwei Damen sitzen. Wir können gegen einen SSS’ler nie auf Setvalue callen. Ein Reraise würde uns commiten. Insofern stellt sich die Frage, ob wir All-In gehen sollten oder die Hand folden müssen.

Für den ersten Schritt können wir unseren Read benutzen: unser Gegner ist ein PS.de SSS’ler. Da er von UTG raist muss er eine starke Hand haben. Gemäß SSS Starting Hand Chart spielt man aus dieser Position nur AA-JJ und AK. Auf diese Range setzen wir unseren Gegner also.

Im zweiten Schritt betrachten wir unsere Gewinnchancen gegen jede gegnerische Hand.

  • Gegen AA (6 mögliche Kombinationen) haben wir eine typische Situation Pair vs. Overpair. Wir haben hier nur eine Gewinnchance von etwa 20%.
  • Für KK (6 mögliche Kombinationen) gilt dasselbe.
  • Es gibt 1 mögliche Kombination für QQ – die anderen beiden Damen. Hier liegt unsere Equity bei 50%, wir gewinnen also nie (bis auf den Fall, bei dem wir einen One-Card Flush bekommen).
  • Gegen JJ (6 mögliche Kombinationen) gewinnen wir in 80%.
  • Gegen AK (16 mögliche Kombinationen) gewinnen wir in etwa 55% der Fälle (der klassische Coinflip – wobei das Pocket Pair meist einen kleinen Vorteil hat).

Unsere durchschnittliche Gewinnwahrscheinlichkeit ergibt sich als gewichtetes Mittel über alle 35 Kombinationen der Handrange folgendermaßen:
Gewinnwahrscheinlichkeit = (6*20% + 6*20% + 1*50% + 6 * 80% + 16*55%) / 35 = 47,1%
Wir sehen, dass wir knapper Underdog gegen den SSS’ler sind.

Im dritten Schritt müssen wir entscheiden, ob ein All-In trotzdem +EV ist. Hierzu berechnen wir zuerst den finalen Pot. Dieser besteht aus dem Stack des SSS’lers (16 BB), dem SB (0,5 BB), dem BB (1 BB – was sonst ;)) und dem Betrag, den wir setzen müssten, um den SSS’ler All-In zu setzen (15 BB, da wir ja schon den BB bezahlt haben). Der Pot ist also 32,5 BB groß.

Der Anteil den wir am Pot haben ist 47,7% * 32,5 BB = 15,3075 BB. Wir gewinnen also im Durchschnitt 15,3075 BB falls wir all-in gehen. Das All-In kostet uns aber nur 15 BB. Insofern haben wir einen positiven Erwartungswert von 0,3075 BB und können, trotz der Gewinnwahrscheinlichkeit von unter 50% korrekterweise callen. Der Grund hierfür ist, dass bereits „dead money“, nämlich die Blinds“ im Pot waren.

Anmerkungen zur Analyse

Wir haben gesehen, wie man eine Situation strukturiert analysieren kann, um zu überprüfen, ob man die richtige Aktion gewählt hat. Analoge Gedankengänge finden bei erfahrenen Spielern auch im Spiel statt, dort jedoch mit kleinen Einschränkungen.

Einerseits kann man oft den Gegner nicht auf eine exakte Range festlegen. Hierzu kann man aber nur sagen, dass dies einer der Skills ist, die man entwickeln muss! Auch für andere Entscheidung wie z.B. die Größe einer Valuebet am River, sollte man ein gutes Verständnis darüber haben, welche möglichen Hände ein Gegner halten kann. Daneben sollte man sich immer darüber im Klaren sein, dass es besser ist, eine systematische Entscheidung gefällt zu haben, bei der man evtl. eine Hand nicht in der Range hatte, als einfach eine Bauchentscheidung zu treffen.

Eine zweite Einschränkung ist die Art der Berechnung. Sicherlich wird man während eines Spiels nicht die Zeit haben, alle Wahrscheinlichkeiten genau nachzurechnen. Auch hier gilt: lieber etwas weniger exakt, als gar nicht berechnet. Macht Euch einfach klar, wie ihr gegen die verschiedenen Hände steht und überschlagt Eure Gewinnchancen. Es ist nicht so wichtig zu wissen, ob man nun eine Gewinnchance von 47,59% oder „etwa 50%“ hat; aber zu wissen, dass man ein großer Favorit ist oder dass man meilenweit hinten liegt, ist Geld wert.

Ausblick

In dieser Kolumne wurde Euch gezeigt, wie man bei All-Ins zu einer Entscheidung kommt. Ihr werdet Euch jetzt vielleicht denken, dass die Berechnungen von Hand sehr aufwändig sind. Das ist auch definitiv der Fall. Allerdings gibt es kostenlose Programme, die Euch den größten Teil der Arbeit abnehmen. Im zweiten Teil werden wir uns ein solches Programm anschauen und es wird ein Quiz zu All-In geben.