Aktualisiert am 12 März 26 von

Woche 39 (BSS): Strong Hands on scary Boards

Einleitung

Da das im Moment schwer im Kommen ist, werde ich diese Woche auch mal die Hände in Quizform präsentieren - wahrscheinlich wird sich das, sofern ich keinen anderen Feedback erhalte, wöchentlich mit ausführlichen Artikeln abwechseln (Meinungen ausdrücklich erwünscht!). Nach ein paar Tagen folgt dann meine Meinung zu den jeweiligen Händen.

Heute soll es darum gehen, was wir machen, wenn wir zwar eine starke Hand halten, das Board aber die Range des Gegners gut getroffen hat.

Hand 1

KK deep reraised on scary Board

MP3 ($342)
32/14/2.0/24
vpip/pfr/TAF/wtsd

Hero ($442)

1/2 No-Limit Hold'em (6 handed)

Preflop: Hero is SB with K, K
1 folds, MP3 raises to $7.00, 2 folds, Hero raises to $32.00, MP3 calls $32.00.

Flop: ($66) 9, J, Q (2 players)
Hero bets $48.00, MP3 calls $48.00.

Turn: ($162) 4 (2 players)
Hero...

Jaa, was macht ihr Heros hier? bet/call als Protection, CRAI, um noch ein paar Bluffs zu inducen, oder c/f, weil das Board zu sehr in Villians Range liegt?

Hand 2

QQ 3bet call IP

BB ($212)
22/18/4.0/23
vpip/pfr/TAF/wtsd

Hero ($359)

1/2 No-Limit Hold'em (6 handed)

Preflop: Hero is CO with Q, Q
2 folds, Hero raises to $7.00, 2 folds, BB raises to $25.00, Hero calls $25.00.

Flop: ($52) 7, T, J (2 players)
BB bets $38, Hero...

BB ist TAGish und 3-bettet relativ viel, deswegen plant ihr, an einem günstigen Flop über seine Conti zu shoven und verzichtet diesmal auf eine Preflop 4-Bet. Es gibt ein paar Draws, aber TT/JJ treffen hart. Whats your line? call, raise, oder gar fold?

Auflösung

Hand 1

Gegnerische Range am Turn

Das Problem fängt schon damit an, eine sinnvolle Range zu finden. Wir wissen quasi gar nichts detailliertes über unseren Gegner - meint er, PPs deep auf Setvalue callen zu können? Werden suited Cons von der großen 3-Bet abgeschreckt? Würde er auch deep Monster slowplayen? Wir haben hier ein Paradebeispiel, wie wichtig und schwierig es ist, Ranges gegen weitgehend unbekannte Gegner abzuschätzen und zu gewichten.

Der PFR entspricht dem eines semi-nits, der höhere vpip lässt die Vermutung zu, dass er 3-Bets etwas looser callen wird als ersterer. Betrachtet man den WtSD, scheint unser Gegner auf den ersten Blick nicht unreasonable zu sein. Für seinen relativ hohen VPIP ist er nicht besonders aggressiv, wir können also annehmen, dass er Draws tendenziell in einem so deepen Pot eher passiv spielen wird - was enorm wichtig ist.

Seine Turnrange würde ich folgendermaßen schätzen:

{ TT+, 88, AQs+, KQs, QJs, JTs, AQo } (5.1%)

Hierbei sind die non-diamond-Kombinationen von AKs und 88 die Platzhalter für Floats mit Outs. Die 99 als Sethand wurde bewusst weggelassen, da ein Call statt Raise am Flop auf diesem Board die Wahrscheinlichkeit für ein Set reduziert, selbst gegen einen passiveren Gegner.


CRAI Turn

Nun wird es haarig, denn wir müssen einige Abschätzungen vornehmen, um ein Bild zu erhalten. Wir checken zu ihm, und er rechnet sich in diesem deepen Pot am Turn einen Batzen FE aus. Er ist jedoch relativ passiv, wird also oft aus Angst vor einem CRAI seine starken Draws behind checken, weil er den Push nicht callen könnte. Bet/Folds bekommen wir tendenziell also von den schwächeren Draws und manchmal von AQ, das protecten will (selten, da ihm Pot Control wichtiger sein könnte und er manchmal auch bet/call damit spielt).

Nehmen wir einmal an, wir bekämen bet/folds von folgender Range:

{ TT, 88, AcKc, AhKh, AsKs, AcQc, AhQh, AsQs } (1.4%)

Natürlich ist das eine grobe Abschätzung, und die Hände sind fließend austauschbar mit reinen callbluff/float-Händen. Als Abschätzung kommt also in Frage, dass er mit circa. 28% seiner Holdings bet/fold spielt.

bet/call spielt er mit

{ JJ+, QJs, AcQh, AcQs, AdQs } (2.3%)

Er wird also nur mit einem kleinen Teil der AQ Hände bet/call spielen, und einige davon behind checken, nämlich die restlichen 1.4% seiner Range.

Gegen seine bet/call-Range halten wir noch eine Equity von:

Hand 0: 35.064% 32.36% 02.70% 6087 508.50 { KhKs }
Hand 1: 64.936% 62.23% 02.70% 11706 508.50 { JJ+, QJs, AcQh, AcQs, AdQs }

Ein beeindruckendes Ergebnis. Wir halten noch einen Gutshot, fast immer die 2 Outs auf den King, Outs gegen QJs und schlagen AQ deutlich. QJs ist wahrscheinlich etwas zu stark gewichtet worden, weil es auch am Flop oft geraist hätte, aber das sollte sich mit dem Weglassen von 99 kompensieren. Wir haben grob eine FE für den CRAI von 0.4 - bettet Villian am Turn 90$, sieht unser EV folgendermaßen aus:

(0.4*252$) + (0.6)*(0.35*685 - 262) = +87.8$

Sofern unsere Ranges also ansatzweise realistisch sind, ist ein CRAI deutlich +EV. In der Praxis ist es schwer abzuschätzen, mit welcher Range Villian bet/call und bet/fold spielt, aber ein CRAI ist in dieser Situation schon mal kein grober Fehler.

Gegenüber bet/call hat CRAI noch einen weiteren Vorteil: den schwächsten Teil seiner made hand Range und seine starken Draws wird Villian tendenziell behind checken, sodass wir Pot Control betreiben und am River bei einer nicht zu ungünstigen Karte c/c oder b/f spielen können.

Bet/call

Gibt man Villian mit bet/call die selbe Callingrange wie gegen den CRAI, ist sofort logisch, dass CRAI natürlich der bessere Move ist, wenn er bettet. Die Frage ist nun, ob uns die Freecard tendenziell mehr Geld kostet, als wir Value aus den bet/fold Händen bekämen. Bet/fold spielt er nach obiger Abschätzung mit 1.4% der Gesamthände, cb mit etwa genauso vielen. Wenn er mit den bet/fold-Händen 90$ bettet und dann foldet, ist also die Frage, ob die Draws 90$ an einer Freecard verdienen.

Wir bekommen im Falle des CRAI nur Probleme mit den Draws, wenn er durchcheckt und am River eine gefährliche Karte auftaucht, und vereinbaren dann auf eine Bet zu folden - der Gegner würde dann also die Turn-Potsize von 162$ gewinnen. Es müsste also am River zu 35% eine Karte auftauchen, die uns zum Folden bringt, falls er überhaupt bettet.

Nun hat kein Draw am Turn noch so viele Outs, und da er passiv ist, wird er seltener als andere Spieler einen anderen Draw als seinen eigenen repräsentieren. Wir verlieren also tendenziell weniger durch die Freecard (sofern wir ihm keine Implieds geben), als wir durch die bet/folds am Turn gewinnen. Die Entscheidung zwischen bet/call und CRAI ist knapp, und deswegen instinktiv unzugänglich. Da beides von Details der gegnerischen Psyche abhängt, weicht der durchschnittliche EV nicht weit voneinander ab - was es schwierig macht, eine perfekte Lösung anzugeben.

Bet/fold

Dass Bet/fold keine Alternative ist, wird sofort aus unserer geringen FE von 0.4 und unserer Equity gegen seine Callingrange ersichtlich.

Mein Fazit, beste Lösungen in Reihenfolge:
1. CRAI Turn
2. bet/call Turn

Hand 2

Gegnerische Callingrange

Da unser Gegner TAGish 3bettet, müssen wir erstmal davon ausgehen, dass sämtliche PPs und ein Großteil der suited cons in seiner Blind vs CO 3bet Range liegen. Wenn wir am Flop pushen/raisen, würde ich seine Callingrange so abschätzen:

Hand 0: 24.518% 22.96% 01.56% 7954 541.50 { QcQd }
Hand 1: 75.482% 73.92% 01.56% 25613 541.50 { TT+, 77, AKs, KQs, QJs, JTs, 98s }

Hier nehme ich 4xAKs noch rein, weil es 16 Kombinationen AK gibt, und er sich manchmal noch entscheiden wird, mit Overcards+Nut-Gutshot den Push zu callen. Selten, da high variance und readbasierend, aber wenn man noch ein paar Readcalls mit reinnimmt (zB 88,99 weil er uns auf nen Bluff setzt), sind diese 4 Hände als Platzhalter geeignet.

Raise/call vs Raise/fold

Angenommen wir spielen raise/fold. Wir raisen seine Flopbet auf 95$ - das ist bereits ein kleiner Raise. Pusht er nun, haben wir 92$ behind für einen 425$ Pot, uns gehört aber gegen die obige Range 104$.

1. Ergebnis: raise/call bzw. push ist besser als raise/fold.

Raise/call vs Fold

Nun wird er auch manchmal auf unseren Raise bzw. Push folden. Die benötigte FE, um unseren push/raise bei obiger Callingrange +EV zu machen, sieht ungefähr so aus:

(p_Fold)*($90) + (1-(p_Fold)*(0.245*$425 - $188)) != 0

--> pFold = 0.48

Seine 3bet Range muss also ca. doppelt so groß sein wie seine Callingrange. Unter der Annahme, dass hohe suited cons beteiligt sind (das müssen wir annehmen, da sie in der Callingrange mit drin sind), schätzen wir nun seine minimale Range ab. Die Callingrange von oben entspricht 4.2% der Gesamthände, das Minimum liegt also bei ca. 8.4%. Die tightmöglichste Range, die diese Bedingung erfüllt und in der obige suited cons mit drin sind, sähe so aus:

{ 66+, AQs+, KQs, QJs, JTs, T9s, 98s, 87s, AQo+ } (8.3%)

Im Allgemeinen wird ein TAGisher Spieler, der suited cons in seiner 3bet Range hat, aber looser 3betten:

{ 22+, AQs+, KQs, QJs, JTs, T9s, 98s, 87s, 76s, AQo+ } (10.4%)

Sind die 3betting Ranges des Gegners wesentlich tighter, muss die gesamte EV Analyse für eine andere Callingrange wiederholt werden. Das obige Board trifft suited cons aber recht gut, sodass im Ergebnis höchstwahrscheinlich auch bei einer tighteren Range noch genug FE vorhanden sein wird. Die erneute Berechnung für eine semi-nit Range sprengt den Rahmen des Artikels.

Gehen wir von aus, dass - wie in der Aufgabenstellung erwähnt - unser TAGisher Gegner viel 3bettet, so ist die Range oben realistisch. Durch den hohen TAF ist es weiterhin wahrscheinlich, dass er einen Großteil seiner Range am Flop contibetten wird.

2. Ergebnis: raise/call ist besser als fold flop

Raise/call vs Call

Wir wissen schon mal, dass Raise/call gewiß kein Fehler ist. Das schwierigste Problem ist nun, den EV mit dem eines Flopcalls zu vergleichen, weil tonnenweise unbekannte Variablen einfließen: die Turncard, die Turnaction, Turnstats vom Gegner, etwaige Reads des Gegners auf den Hero etc.

Die Hand, die bei einem Call am meisten Freecards treffen kann, ist AK. Sekundär noch 9T und kleinere PPs, diese jedoch mit deutlich weniger Outs. Checkraist er den blank Turn, hat sich unser Problem nur verlagert und entspricht raise/fold vs raise/call, da eine ordentliche Turnbet bereits in Richtung 90$ gehen muss. Ein CR wird also von uns gecallt.

Bettet er den blank Turn, so besteht seine Range aus obiger Callingrange UND second barrels (zB von AK), was der ausschlaggebende Faktor dafür ist, dass ein Push am Turn mehr Value einsammeln dürfte, als ein Push am Flop. Nachteil ist, dass wir auf Scarecards wie A oder K am Turn c/f spielen müssen, da es fast keine plausiblen Teile seiner Range gibt, gegen die wir noch etwas callen können.

Checkt er einen beliebigen Turn und wir spielen cb, müssen wir bei jedem non-A und non-K River noch eine Bet callen, weil unsere Hand extrem unterrepräsentiert wurde.

Mein Fazit, beste Lösungen in Reihenfolge:
1. call Flop, call/cb Turn ohne Scarecard, call River falls cb Turn
2. raise/call Flop
3. call Flop, bet/call Turn
4. fold Flop / raise/fold Flop