Hand Reading
Einleitung
Als Hand Reading bezeichnet man die Tätigkeit, einem Gegner eine Range von möglichen Karten zuzuweisen. Viele Anfänger machen den Fehler, dass sie versuchen den Gegner auf genau eine Hand zu setzen: "Er bettet hier stark, er muss wohl JT und damit die Straight haben." In der Praxis ist dies total unrealistisch. Man kann i.d.R. nur sagen, dass der Gegner eine Range bestehend aus mehreren Starthänden wahrscheinlich so spielen würde - und genau das ist das Ziel beim Hand Reading.
Die Vorteile des Hand Reading
Je besser wir die Hände des Gegners lesen können, umso mehr Gewinn werden wir machen. Zum einen ermöglicht eine gute Einschätzung der gegnerischen Range uns es, in Situationen wo wir gegen die Range wenig Erfolgschancen haben frühzeitig zu folden. Zum anderen wirkt sich Hand Reading positiv beim Value Betten aus: je besser unsere Vorstellung von der gegnerischen Hand ist, umso besser können wir durch unsere Betsize Value aus einer Hand herausholen.
Die relevanten Faktoren
Generelle Preflop-Spielweise: Die Preflop-Spielweise kann man sehr gut an den Statistiken VPIP und PFR ablesen. Betrachten wir einfach mal zwei unterschiedliche Spielertypen. Spieler A hat Werte von 10/2, Spieler B hat Werte von 20/15. Wenn Spieler A nun raist hat er i.d.R. eine starke Hand. Die Top 3% der Hände nach Equity sind 99+,AKs. Oft muss man die Range noch etwas anpassen - zum Beispiel ist es in FR Spielen auf niedrigen Limits öfter so, dass eher auch mit AKo geraist wird, dafür aber Hände wie 99 gelimpt werden. Trotzdem ist die Range die wir einem solchen Spieler geben sehr eng und vorwiegend aus guten Karten bestehend. Betrachten wir nun einmal die Top 15% nach Equity (analoge Anpassungen müssten auch hier gemacht werden, aber es geht erstmal nur im die Größe der Range): 77+,A7s+,K9s+,QTs+,JTs,ATo+,KTo+,QJo. Wir sehen, dass er auch mit vielen marginalen Händen raisen wird - er muss hier nicht immer eine sehr gute Starthand haben...
Position: Ein zweiter wichtiger Faktor ist die Position. Jeder Spieler der etwas von NL versteht wird nicht die gleichen Hände in early wie in late Position spielen. Typischerweise ist man in early position weit tighter als in late position. Entsprechend können wir die Range auch anpassen. Wenn unser Spieler A also aus early Position raist, so wird er meistens eine sehr starke Starthand halten, z.B. QQ+,AK. Aus late position ist auch er etwas looser und wird evtl. auch mittlere Pocket, AQ, KQ, evtl. AJ raisen.
Die Action: Auch die Aktion vor einem Spieler beeinflussen die Ranges der Spieler dahinter. Angenommen wir sehen einen Raise und dahinter einen Reraise von Spieler B: i.d.R. hat er eine sehr weite Range, allerdings ist die Reraising range bei den meisten Gegnern deutlich kleiner. Hände wie KTo/KJo kann man hier z.B. ausschliessen - er wird damit normalerweise keinen Reraise machen, da die Hand weder sehr stark ist, noch eine gute Playability hat.
Weitere Faktoren: Neben den drei vorher genannten Faktoren gibt es eine Menge weiterer Faktoren, die vor allem auf den höheren Limits eine Rolle spielen. Zum Beispiel achtet ein guter Spieler auch darauf, welche Gegner hinter einem sind. Mit schwächeren Händen wird er beispielsweise seltener openraisen, wenn ein call-freudiger Spieler hinter ihm sitzt, da man so oft in Situationen kommt wo man OOP mit einer marginalen Hand spielen muss. Ein weiteres Beispiel ist ein Raise nachdem ein Spieler ausser der Reihe einen Blind gepostet hat - oft versuchen Spieler dieses dead money einzusammeln und raisen etwas looser. Ebenso betrachtet man, welche Gegner in der Hand eingestiegen sind. Wenn ein sehr looser Spieler openraist und ein zweiter Spieler macht eine 3-Bet, so ist seine Range hier definitiv größer, als wenn ein sehr tighter Spieler raist und dann ge-3-bettet wird.
Einbindung von Hand Reading in das Spiel
Im Spiel sollte Hand Reading vor jeder eigenen Aktion gemacht werden. Am Anfang hört sich das nach viel Arbeit an, allerdings automatisiert man auch das Lesen der Gegner und erkennt "Standardranges" für die es wiederum Standardaktionen gibt. Bevor man also foldet, checkt, callt oder raist sollte man sich über die möglichen Hände des Gegners Gedanken machen. Für jede Hand der Range kann man dann überlegen wie man die eigene Hand am besten spielt und so die optimale Spielweise herausfinden. Nehmen wir an, Spieler A raist aus early position und wir halten JJ am BU. Alle anderen haben gefoldet. Aufgrund seiner sehr engen Range macht eine 3-Bet hier weniger Sinn: er wird Hände wie QQ+ oder auch AK selten aufgeben und wir sind definitiv Underdog zu seiner Range. Wir können hier aber sehr gut callen und wenn wir unser Set treffen stacken wir den Gegner meistens wenn er ein Overpair hat. Zudem können wir auf guten Flops einen Float versuchen, d.h. seine Contibet callen und bei einem check am Turn betten (falls kein A oder K kommt). Wenn Spieler B raist macht er das mit einer immer noch relativ weiten Range. Entsprechend sind wir hier vorne und bekommen durch eine 3-Bet noch die Initiative - gegen einen solchen Spieler würde ich also meine Jacks immer 3-betten.
Ganz wichtig ist, dass wir am Flop, Turn und River die Ranges weiter eingrenzen. Hierbei überlegen wir uns "macht eine bestimmte Aktion eines Gegners mit einer bestimmten Hand seiner Range Sinn oder würde man diese Hand niemals so spielen?". Auf einem 2-suited 7,8,9 Board in einem Multiway Pot würde ein Set z.B. so gut wie niemals slowplay betreiben. Wenn ein Gegner hier eine Bet callt ist es viel wahrscheinlicher ein Draw - mit einem Set würde man in so einem Spot so gut wie immer protecten.
Ein letzter wichtiger Punkt ist, dass man seine Ranges nach jeder Aktion anpasst. Angenommen wir haben 99 auf einem K72 rainbow flop. Der preflop aggressor conti-bettet und wir callen. Am Turn kommt eine 2 - eine sehr gute Karte für uns. Der Agressor checkt zu uns und wir sehen uns hier vorne und betten um gegen overcards zu protecten. Er antwortet mit einem Raise. Auch wenn wir uns am Anfang noch vorne gesehen haben, so sagt seine Aktion nun etwas anderes: nicht nur dass wir geraist werden - der c/r ist ein relativ starker Move, der an Fullring Tischen meist mit einer sehr starken Hand gemacht wird. Ohne TPTK kann man hier gegen einen Standardgegner getrost folden.
Fazit
Für die Wahl der optimalen Alternative ist es enorm wichtig zu wissen, was unser Gegner wohl auf der Hand hat. Können wir ihn von der Hand moven? Müssen wir mit einer marginalen Hand protecten? Sollten wir mit den Nuts am River all-in pushen? All diese Fragen benötigen ein Wissen über die Hand des Gegners. Indem wir den Gegner anhand verschiedener Aktionen auf allen Streets auf eine immer exaktere Handrange setzen, können wir uns überlegen, was die beste Aktion gegen ihn ist und entsprechend besser gegen ihn spielen.