Woche 49 (BSS): Fullring Hände, die nicht "Standard" sind
Einleitung |
von Thorsten77 |
Heute möchte ich Hände diskutieren, die zeigen dass auch bei Fullring nicht nur „Set-Minen“ möglich ist. Die Hände wurden auf höheren Limits gespielt und sind daher auch nur bedingt zur Nachahmung auf niedrigen Limits geeignet. Dort sollte man vorwiegend solides ABC-Poker spielen – große Bluffs und Überlegungen wie „der Gegner setzt mich hier auf ein Overpair, also mache ich dies oder jenes“ funktionieren hier seltener, da die Gegner schwächer sind und nicht soweit mitdenken. Trotzdem denke ich dass die Diskussion dieser Hände hilfreich ist, da man sehen kann welche Gedanken man sich gegen gute Spieler machen kann.
In den folgenden Beispielhänden habe ich meine Gedanken auf der jeweiligen Street dokumentiert. Fragen, Kommentare und Diskussionen zu den einzelnen Händen sind ausdrücklich erwünscht!
Hand 1: Vom Set-Minen zum Bluffen
UTG+2 ist ein weak-tighter Spieler.
Hero: $404
UTG+2: $474.50
2/4 No-Limit Hold'em (9 handed)
Preflop: Hero is MP1 with 6

UTG+1 folds, UTG+2 raises to $16.00, Hero calls $16.00, 6 folds.
Standardmäßig callen wir hier auf Set value. Es macht keinen großen Sinn den relativ tighten UTG+2 zu 3-betten, da er hier oft eine sehr starke Hand hat die er nicht folden wird.
Flop: ($38.00) 9


UTG+2 bets $24, Hero calls $24.00
Auch wenn wir das Board nicht getroffen haben - es ist relativ gut für uns. Wir können UTG+2 auf eine Range wie QQ+,AK setzen. Die Bet zeigt aber eindeutig Schwäche. Auf so einem Board würde eine Made Hand i.d.R. viel stärker protecten. Zudem können wir das Board sehr gut getroffen haben. Wir entscheiden uns daher für einen Call mit dem Ziel zu floaten. Zudem haben wir noch Outs auf die Straight - auch wenn es das idiot end ist, so ist nur JJ plausibel und selbst das wird der tighte UTG+2 aus early position meistens nur limpen.
Turn: ($86.00) J
UTG+2 bets $50, Hero raises to $100.00, UTG+2 folds.
Am Turn bettet UTG+2 erneut hinein, aber die absolute Scarecard ist angekommen: UTG+2 muss hier Angst vor dem Flush, der Straight, aber auch von 2 Pair Händen haben.
Hand 2: Bluff catching
Zu dieser Hand muss man die Vorgeschichte kennen. Villain ist ein guter NL1k regular. Er spielt sehr loose, openraist und 3-bettet viel. Entsprechend geraten wir oft aneinander, insbesondere im Blind Battle. Ich weiss, dass er hier eine Menge 3-bettet - er kann das mit any-Pocket, any Ace, suited connectors und 2 high cards machen. Ebenso ist Villain in der Lage, Bluffs zu machen bei denen der gesamte Stack riskiert wird.
5/10 No-Limit Hold'em (10 handed)
Preflop: Hero is BU with J
7 folds, Hero raises to $35.00, SB folds, BB raises to $135.00, Hero calls $100.00.
Der Raise mit QJs ist sicherlich Standard. Auf die 3-Bet folde ich meistens gegen einen Unknown, nicht jedoch gegen diesen Gegner. Ich habe eine Hand mit guter playability und bin in position.
Flop: ($275.00) K


BB checks, Hero bets $150, BB calls $150.00.
Der Check am Flop kann zwei Sachen heissen: entweder er hat einen K und will mich nicht vertreiben, oder er hat den Flop verfehlt. Ich versuche durch die kleine Bet Informationen von ihm zu bekommen. Er ist äußerst aggressiv und wird hier in der Regel jeden K pushen, da er das auch mit anderen Händen wie JJ/QQ/AA so machen würde. Der Call ist nicht sonderlich gut, aber wir haben Outs.
Turn: ($575.00) J
BB checks, Hero checks.
Der Turn hilft uns weiter: wir haben nun neben dem Flushdraw auch noch Showdown Value bekommen. Daher können wir behind checken; eine schwächere Hand würde unsere Turn-Bet sowieso nicht callen und wir würden uns durch eine richtige Bet commiten.
River: ($575.00) 5
BB bets $700, Hero raises to $700.00 (All-In).
Auch der River ist eine gute Karte. Doch Villain pusht. Was hat er hier? Eine 5 halte ich für äußerst unwahrscheinlich. Ein K ist möglich, aber den hätte er vor dem River i.d.R. anders gespielt. AJ schlägt mich auch - allerdings macht damit ein Push überhaupt keinen Sinn. Auch mit QQ würde er meines Erachtens nicht pushen. Nach langer Überlegung hatte ich den Eindruck, dass er hier entweder ein Monster anders als sonst gespielt hat, oder eben einen großen Bluff versucht. Da mehr "Bluff-Hände" als Kx Hände in seiner Range sind und ich halbwegs gute Pot odds bekomme calle ich.
Final Pot: $1975.00
Results follow:
BB shows [ 9d, Ah ] two pairs, Kings and Fives
Hero shows [ Js, Qs ] two pairs, Kings and Jacks
Hero wins $1,972 USD with two pairs, Kings and Jacks.
Hand 3: Marginale Calls und Value betting
MP1: $1.025
MP3: $1.245
Hero: $1.015
5/10 No-Limit Hold'em (8 handed)
Preflop: Hero is BU with 8

UTG+2 calls $10.00, MP1 calls $10.00, MP2 calls $10.00, MP3 calls $10.00, CO calls $10.00, Hero calls $10.00, SB calls $5.00, BB checks.
Nach so vielen Callern kann man mit J8s IP gut mitgehen.
Flop: ($80.00) 9


SB checks, BB checks, UTG+2 checks, MP1 checks, MP2 checks, MP3 checks, CO checks, Hero checks.
Wir treffen bottom pair. In einem Multiway Pot ist das definitiv nichts wert. Sollten wir hier bluffen? Definitiv nicht. Bei so vielen Gegnern ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass mindestens ein Spieler mitgeht. Hier sind oft Hände wie suited Aces, oder auch Connector wie JT unterwegs die definitiv nicht folden werden. Hero nimmt sich daher die Freecard und auf eine weitere 8 oder einen J.
Turn: ($80.00) 7
SB checks, BB checks, UTG+2 bets $30, MP1 calls $30.00, MP2 folds, MP3 calls $30.00, CO calls $30.00, Hero calls $30.00, 2 folds.
Durch die 7 bekommen wir einen Gutshot. Nach der Regel "never draw to a gutshot" müssten wir hier folden. Allerdings bekommen wir hier sehr gute Pot Odds. Wir müssen 30$ zahlen um die Chance auf einen 200$ Pot zu haben. Daher callen wir hier.
River: ($230.00) T
UTG+2 checks, MP1 checks, MP3 checks, CO checks, Hero bets $60, UTG+2 folds, MP1 calls $60.00, MP3 calls $60.00, CO folds.
Am River wird es interessant. Wir treffen unseren Gutshot und es wird zu uns gecheckt. Wieviel sollten wir hier betten? Wir haben nur die one-card straight, d.h. JT wird uns all-in setzen und ein J wird definitiv callen. Wenn wir groß betten vertreiben wir also nur schwächere Hände. Ein check kommt aber auch nicht in Frage. Wir müssen versuchen, value von schwächeren Händen wie das idiot end der Straight sowie 2 Pairs zu bekommen. Diese nehmen sich aber oft aus Angst vor dem koordinierten Board den free showdown. Daher bettet Hero sehr klein, in der Hoffnung noch von diesen Händen value zu bekommen.
Final Pot: $410.00
Results follow:
MP1 shows [ 5h, 6h ] a straight Six to Ten
MP3 shows [ 7c, 6c ] a straight Six to Ten
Hero shows [ 8h, Jh ] a straight Seven to Jack
Hero wins $407 USD with a straight, Seven to Jack.
Hand 4: Deception, Balancing und Value Betting
5/10 No-Limit Hold'em (9 handed)
Preflop: Hero is UTG+1 with 7
Hero raises to $35.00, UTG+2 folds, MP1 calls $35.00, 6 folds.
Wenn wir in den SHC schauen, so steht dort 97s definitiv nicht als Raise in EP. Hier raisen wir for deception. Das Ziel dieser Aktion ist es, von early position nicht allzu lesbar zu sein. Wenn wir hier nur sehr gute Starthände wie QQ+,AK raisen können unsere Gegner sehr gut in Position gegen uns spielen. Durch das gelegentliche Einstreuen von solchen Deception-Händen erreichen wir 2 Dinge: zum einen können wir hin und wieder größere Pötte gewinnen, da wir nie auf die entsprechende Hand gesetzt werden. Zum anderen nehmen wir dem Gegner die implied odds: wenn er hier mit einem Pocket Pair auf Set Value callt wird er oft genug den Pot auf unsere Continuation Bet folden. Wenn er dann sein Set trifft und callt oder raist bekommt er von uns allerdings kein Value mehr, da wir keine starke Hand haben.
Flop: ($85.00) 7


Hero bets $50, MP1 calls $50.00.
Am Flop machen wir eine standardmäßige Continuation-Bet - in diesem Fall hätten wir allerdings etwas mehr betten sollen, da das Board recht draw-heavy ist.
Turn: ($185.00) 3
Hero checks, MP1 bets $130, Hero calls $130.00.
Am Turn verbessern wir unsere Hand zwar nicht, allerdings kann Hero hier noch gut vorne liegen. Zudem haben wir einen OESD. Wir kennen MP1 und wissen dass er gerne floatet. Auf dem Board ist das definitiv ein idealer Spot für ihn. Wir entscheiden uns hier für einen c/c, da wir nicht aus dem Pot geraist werden wollen wenn wir betten und er stark reraist.
River: ($445.00) 7
Hero bets $250, MP1 raises to $575.00, Hero calls $325.00.
Am River machen wir die Trips und sehen uns vorne. Wie sollten wir weiterspielen? MP1 ist relativ aggressiv. Er kann hier gut einen Flushdraw haben, eine Hand wie 98,T9 oder JT oder auch nur Overcards. Wir entscheiden uns hier für eine relativ kleine Bet. Dies hat zwei Gründe: zum einen wollen wir von schwächeren Händen wie TP einen Call. Zum anderen sieht unsere kleine Bet aus wie eine Blockbet, die von aggressiven Spielern manchmal als Bluff geraist wird. Durch das Imitieren einer Blockbet balancen wir unsere Line; ansonsten könnte Villain uns immer bei einer Blockbet mit any2 raisen. Wenn wir seinen Raise teilweise aber callen muss er seine Bluff frequency anpassen, da er sonst viel Geld verliert.
Final Pot: $1595.00
Results follow:
MP1 shows [ Ac, Jd ] a pair of Sevens
Hero shows [ 7h, 9h ] three of a kind, Sevens
Hero wins $1,592 USD with three of a kind, Sevens.
Fazit
Die vorgestellten Hände zeigen, dass man insbesondere auf hohen Limits weit tiefer denken muss und es nicht mehr ausreicht, Standard-Lines abzuspielen. Sicherlich gehen ähnliche Situationen wie die oben dargestellten auch öfter mal schief – z.B. passiert es mir auch oft, dass ich einen Bluff catchen will und dann doch eine Value Bet ausbezahle, da ich den Gegner auf eine falsche Range gesetzt habe. Trotzdem denke ich, dass es unterm Strich die Winrate etwas steigert, wenn man nicht nur nach Schema spielt, sondern versucht sich in den Gegner hineinzuversetzen und genau einen Schritt weiterzudenken.