Aktualisiert am 12 März 26 von

Preflop-Strategie: Tight or Loose?

Einleitung

Oft werden Spieler nach zwei Dimensionen kategorisiert. Zum
einen nach der Auswahl ihrer Starthände, d.h. ob sie tight oder loose spielen.
Zum anderen danach , ob sie eher passiv oder aggressiv spielen. Bezüglich der
zweiten Dimension ist man sich relativ einig, daß eine aggressive Spielweise
besser ist als das passive Spiel, da man so neben dem Sieg mit der besten Hand
oft auch Pötte gewinnt indem man bessere Hände zum Folden bringt. Bezüglich der
ersten Dimension gibt es jedoch keine eindeutig bessere Strategie: unter den
Winning players eines Limits sind oft Spieler der Typen TAG und LAG enthalten.

In dieser Kolumne möchte ich die Vor- und Nachteile des
tighten bzw. loosen Spiels darstellen und darauf eingehen, wann welche
Spielweise sinnvoller erscheint. Hierzu beschreibe ich zuerst meine eigene
Entwicklung und gehe dann darauf ein, welche Lektionen ich aus den Erfahrungen
gelernt habe.

 

Erst sehr tight, dann sehr loose - jetzt irgendwas dazwischen

Als ich mit Full Ring auf NL25 angefangen habe hielt ich
mich erst einmal nur an den Starting Hand Chart. Aus meinen Erfahrungen mit
Fixed Limit wußte ich, daß eine kleine Änderung der Preflop Strategie an der
falschen Stelle starke Auswirkungen haben kann und entsprechend war ich
diesbezüglich sehr konservativ.

Durch das Anschauen der FR Coachings von Shagg habe ich dann
aber zunehmend seinen Stil adaptiert, der oft sogar noch etwas tighter ist. So
wurde beispielsweise AQo für mich an einem FR Tisch aus UTG zum Standardfold.
Durch die Änderungen konnte ich oft vorkommende marginale Situationen vermeiden
und profitabler spielen. Daneben habe ich auch an meinem Postflop Spiel
gearbeitet und konnte dann Stück für Stück auf NL200 und NL400 aufsteigen.

Dort war die sehr tighte Spielweise immer noch profitable,
allerdings sank die Winrate doch merklich. Vom Shorthanded.-Spiel inspiriert
begann ich meine Starting Hand Range aufzuloosen: während ich von den frühen
Positionen immer noch relativ tight war habe ich insbesondere vom Cutoff und
vom Button sehr viel mehr Hände gespielt. Der Umstieg war nicht ganz
reibungslos, da ich zuerst lernen mußte in welchen Situationen welche Hände
profitabel spielbar sind und welche man besser folden sollte, jedoch stellte
sich nach einiger Zeit ein sehr positives Ergebnis ein: ich konnte sehr viele
kleine Pötte durch Bluffs gewinnen und wurde mit guten Händen öfter ausbezahlt,
so daß die Winrate insgesamt stieg.

Auf dem Weg von NL400 über NL600 zu NL1000 habe ich dann
immer weiter experimentiert. Der Höhepunkt meines loosen Spiels war dann eine
Session auf NL1000 mit 25/20 Stats - d.h. ich habe jede vierte Hand gespielt
und jede fünfte Hand erhöht. Damals hatte ich schon zwei Tage mit einem sehr
loosen Spiel äußerst gute Ergebnisse erzielt, so daß ich dachte man könnte die Gegner generell ausspielen. Das Endergebnis war eine große, rot leuchtende Zahl
auf die ich nicht näher eingehen möchte...

Heute spiele ich weder sehr tight, noch ultra-loose, sondern
habe im Schnitt FR-Stats von etwa 15/10 (natürlich sind das nur Mittelwerte; je
nach Tisch und Gegner kann es hier zu größeren Abweichungen kommen). Damit
spiele ich nun seit längerem auf NL400 bis NL1000 recht profitabel und ich
denke daß ich mittlerweile eine solide Preflop-Strategie für mich gefunden
habe.

 

Vor- und Nachteile der jeweiligen Spielweise

Meine Erfahrung ist, daß tightes und looses Preflop-Spiel
komplementäre Vor- und Nachteile haben. Generell kann man die Eigenschaften auf
die folgenden zwei Aspekte konzentrieren:

  • Stärke der Starthand.
    Schon in den ersten Strategie-Artikeln haben wir gelernt, daß wir möglichst mit starken Starthänden zum Flop gehen sollen, da wir sonst oft nicht wissen wo wir stehen. Bei einer tighten Spielweise ist das gegeben. So raisen wir als sehr tighter Spieler beispielsweise aus UTG nur
    die stärksten Starthände wie QQ+,AK - hier gibt es wenige Hände die uns
    dominieren können. Ebenso haben wir auch in position meist die beste Hand
    wenn wir raisen. Bei einem loosen Spieler ist das nicht der Fall. Er hat
    oft eine schwächere Hand als die bereits in den Pot eingestiegenen Gegner und callt oder raist damit. Entsprechend kann er nicht davon ausgehen, daß er immer vorne
    ist wenn er ein Top Pair getroffen hat, sondern man muss postflop etwas
    vorsichtiger (was nicht passiver heißt) weiterspielen.

  • Lesbarkeit
    Den zweiten Aspekt den man beachten muß ist die Tatsache, wie einfach wir
    es unseren Gegnern machen uns auf eine kleine Range zu setzen. Es sollte
    klar sein, daß wir möglichst verhindern wollen lesbar zu sein, da der Gegner
    - wenn er uns präzise auf eine kleine Range setzen kann - oft selbst mit
    schwächeren Karten profitabel gegen uns spielen kann. Genau hier liegt das
    Problem des sehr tighten Spielers. Nehmen wir noch mal den Spieler von
    oben, der sehr tight spielt und aus UTG raist. Da die meisten Spieler nur
    ihre Top x% raist können wir relativ einfach sagen, daß er beispielsweise
    ein hohes Pocket pair oder AK hält. Postflop können wir daher gut
    einschätzen, ob wir vorne sind oder einfach folden können. Ein looser Spieler
    der zum Beispiel über 20% seiner Hände aus dem Cutoff openraist ist schon
    viel schwerer Lesbar. Er kann hier ein kleines Pocket, einen suited
    connector, zwei Bilder oder auch ein Monster halten. Bei so einer weiten
    Range wird es viel schwerer einzuschätzen, ob wir am Flop vorne liegen
    oder nicht.

 

Wie sieht die ideale Standard-Strategie aus?

Nachdem wir die zwei zentralen Aspekte beleuchtet haben
stellt sich die Frage nach der optimalen Standard-Strategie. Die gibt es
natürlich nicht. Letztlich müssen wir immer überlegen, gegen welche Gegner wir
spielen. Nehmen wir daher folgende Szenarien an:

  • Unsere Gegner achten vorwiegend nur auf ihre eigenen Karten und nicht, wie wir spielen. Ebenso versuchen Sie nicht uns auf eine Range zu setzen.
    Gegner dieses Typs sind oft auf den kleineren Limits anzutreffen. Sie
    haben zwei Karten und spielen diese „nach Standard": am Flop wird
    betrachtet ob man eine ordentliche Made Hand hat und wenn das der Fall ist
    sieht man sich vorne. Gegen solche Gegner müssen wir uns bzgl. Lesbarkeit
    wenig Gedanken machen - sie achten ja sowieso nicht darauf. Daher können
    wir uns darauf konzentrieren, nur relativ starke Starthände auszuwählen
    und spielen entsprechend tight.

  • Unsere Gegner nutzen PokerTracker und PokerAce und achten auf unsere Statistiken wie PFR und VPIP. Diese beziehen sie auch in ihre Entscheidungen ein. Auf
    den höheren FR Limits findet man zunehmend Gegner diesen Typs.

    Bei solchen Gegnern werden wir es viel schwerer haben, mit einer tighten
    Spielweise oft mit guten Händen ausbezahlt zu werden. Anhand der
    Statistiken sehen die Gegner, daß wir sehr selektiv in der Auswahl unserer
    Starthände sind und entsprechend oft Hände wie TPTK oder besser halten.
    Gegner die mitdenken können uns jedoch exploiten, indem sie uns nicht ausbezahlen
    wenn das Board gut zu unserer Range paßt, und uns aus dem Pot bluffen wenn
    das Board ungünstig ist bzw. value betten falls sie eine bessere Hand
    haben. Entsprechend macht hier gegen gute Gegner eine etwas loosere Range
    Sinn, damit wir nicht so leicht ausgespielt werden können und mit starken
    Händen auch einen Payout bekommen.

Wichtig dabei ist, daß es selbst innerhalb eines Limits sehr
unterschiedliche Gegner gibt, so daß eine Anpassung der Preflop-Strategie
sinnvoll ist. Sitzt beispielsweise ein Fisch am Tisch, so versuche ich viele
Pötte mit ihm zu spielen (werde also looser) um ihn stacken zu können. Bei
einem Maniac würde ich dagegen eher etwas tighter Spielen und auf eine richtige
Hand warten, mit der ich dann aber auch bereit bin all-in zu gehen.

Die generelle Betrachtung der Vor- und Nachteile zeigt aber,
daß Aussagen wie „LAG ist besser als TAG" oder umgekehrt relativ unsinnig sind,
da sie nicht die konkrete Spielsituation (insbesondere unsere Gegner)
betrachten.

 

Fazit

Man kann sowohl als tighter, als auch als looser Spieler
Winning Player sein. Wichtig ist, daß man seine Spielweise den jeweiligen
Gegnern anpaßt. Je weniger die Gegner auf uns achten, desto weniger müssen wir
auf unsere Lesbarkeit achten und können uns voll auf das Spielen starker
Starthände konzentrieren. Wenn die Gegner allerdings darauf achten wie viele
Hände wir spielen und uns auf entsprechende Ranges setzen sollten wir etwas
looser werden damit sie Schwierigkeiten haben uns zu lesen.