Playing +200BB deep
Einleitung
Viele unserer Spielzüge haben sich im Laufe der Zeit
standardisiert, insbesondere was Preflop-All-ins, Betsizes, Bluff induce oder
valuebets angeht. Mit einer sehr guten Hand wollen wir wenn möglich bis zum
River All-in sein und Villain stacken. Diese Grundgedanken, die wir
verinnerlicht haben sollten, beziehen sich jedoch meist auf das Spiel mit circa
100BB, also dem Maximum Buy-in. Heute wollen wir ein paar Gedanken durchgehen,
was passiert, wenn wir über 200BB deep sind.
Welche Faktoren spielen so deep eine Rolle?
Unser Spiel hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem
natürlich von den Hole cards, unseren Gegnern, der History und sollten wir
soweit kommen, dem Board. Ebenso unerlässlich ist natürlich der Blick auf unseren
Stack bzw. Villains Stack. Wir wissen, dass wir gegen Shortstacks anders
spielen müssen als gegen Fullstacks. Gleiches gilt für die Midstacks. Man hat
keine großartigen implied Odds, das heisst ein „call auf Set value" oder das
grundsätzlich Spielen von drawing hands
ist nicht mehr sonderlich profitabel. Dafür kann man meist mit Top Pair
Top Kicker broke gehen, da man ebenso weniger reverse implied Odds besitzt. Der
Spielzug „Bet/fold Turn" ist dann meist nicht mehr möglich, da Villain mit
seinem kleinen Stack nach unserer Turn-bet bereits All-in ist.
Selbstverständlich kann dies auch andersrum laufen. Sollten
wir selbst über 200BB deep sein, und Villain natürlich ebenso, so haben wir
eine grundsätzlich andere Situation als sollte jeder nur seinen „normalen"
Stack vor sich liegen haben. Zu den wichtigsten Punkten nun ein paar Gedanken.
1.) Der Gegner
Von gehobener Bedeutung ist natürlich die Art unseres
Gegners. Klar ist für uns, dass gegen jeden Gegner unsere implied Odds
ansteigen. Was auch grundsätzlich dafür spricht, dass man in position vermehrt
Hände callen kann, die man bei einem normalen Stack wohl folden würde.
Gerade gegen reasonable Spieler (TAGs, LAGs) sollten wir das
Spiel nicht grundsätzlich umstellen. Wenn wir mit etwas marginaleren Händen
immer offensiver werden und lighter 3-betten, so werden wir auch häufiger
ge-4-bettet werden. Es besteht bei den Stackgrößen aber durchaus die
Möglichkeit, 4-bet/fold zu spielen, was bei normalen 100BB Stacks nur sehr
selten in Frage kommt. Somit gewinnt hier die Bluff-4-Bet an Bedeutung, die
aber mit Vorsicht angewendet werden sollte (siehe Punkt 7.). Wir landen also
entweder in größeren Pötten als mit unserer Hand gewollt oder müssen die Hand
dennoch aufgeben. Zudem können wir davon ausgehen, dass auch Villain als
relativ guter Spieler kein Problem damit hat, mit zwei Stacks am Tisch zu
sitzen.
Gegen Calling Stations und allgemein schlechtere/schwächere
Spieler wollen wir natürlich offensiver agieren. Wir wollen hier vermehrt in
Pötte verstrickt sein, die relativ groß sind und Villain vor eine schwierige
Aufgabe stellen. Wir erhoffen uns zum einem, dass sich unser spielerischer
Vorteil durchsetzen wird, zum anderen könnte Villain etwas scared über seine 2
Stacks am Tisch sein und vielleicht sogar ein paar gute Hände folden. Wir
sollten hier also Druck ausüben.
2.) Preflop-Play
Wie in Punkt eins schon umrissen, steigen unsere implied
Odds. Am wichtigsten ist hierbei sicherlich zu betrachten, dass man auch 3-Bets
ohne großes Nachdenken sehr leicht auf Set value callen kann, während man bei
normaler Stackgröße sich schon mehr Gedanken um die implied Odds machen sollte.
Genau dies betrifft auch schwächere Starthände, wie
beispielsweise suited connectors, suited-one-gapper-connectors, suited Aces
etc. Normalerweise callen wir diese Hände preflop ohne eindeutige reads nach
einem Raise nicht direkt. Steigt ein weiterer coldcaller mit ein, so können wir
in position meist profitabel callen, aber selbst out of position ist hier ein call
meist nicht lohnenswert. Eine 3-bet ist damit in position zwar möglich, jedoch
sollte man auch dies gegnerabhängig gestalten, da diese Hände drawing Hands
sind die man häufig genug ohne Hit (bzw. Draw) durch die 3-bet preflop bzw. die
continuation Bet am Flop gewinnen muss.
Der Grund dafür sind einfach die implied Odds, da wir das
Board selten gut genug damit treffen. Hat Villain jedoch einen sehr großen
Stack, steigen natürlich die zukünftig zu erwartenden Gewinne. Somit kann man
sich meist profitabler „mal den Flop anschauen".
Halten wir jedoch starke Hände preflop, so müssen wir auf
der Hut sein. Hier muss uns auch klar sein, dass wir um deutlich größere
Beträge spielen als mit normalen Stacks. Man kann prinzipiell sagen, dass wir
für 100BB mit KK preflop immer All-in gehen. Gegen sehr aggressive Spieler gilt
ähnliches meist auch für AK und QQ. Nun müssen wir natürlich drauf achten, ob
wir wirklich mit solchen Händen in Coinflip-Situationen All-in gehen wollen.
Nicht nur, dass wir selber mehr riskieren als normal, auch Villain muss klar
sein, dass er um mehr als einen Stack spielt. Seine Range sollte sich dadurch
deutlich einengen. Geht ein aggressiver Spieler auch gerne mit QQ und JJ mal
preflop All-in für 100BB, so dürfte sich das für über 200BB durchaus ändern.
Gegen tighte Gegner, die preflop nicht viel raisen, kann man sich Gedanken
machen, womit er unsere 4-bet mit KK 5-bettet. Ist dies für 100BB ein
Standard-All-in, kann man bei über 200BB deep hier durchaus einen fold finden.
Wir werden hier nahezu immer in Aces laufen.
3.) Die Varianz
Anschließend zu Punkt zwei ist natürlich die Varianz ein
Thema. Sollten wir normalerweise auch Coinflip-Situationen suchen, so ist klar,
dass bei einem Spiel mit deutlich größeren Stacks die Varianz vergrößert wird.
Am Ende wandern nicht zwei Stacks zum Spieler mit der besseren Hand, sondern
zwischen 4 und 6 Stacks und eventuell sogar noch mehr. Wie schon erwähnt, wird
Villain nur mit sehr guten Händen bereit sein, solche Summen zu investieren. Unsere
Standard-Moves sollten somit grob überdacht werden, ein Overpair am Flop im
3-bettet Pot oder sogar ein Set am Flop muss nicht automatisch heißen, dass wir
nun alles investieren wollen, so wie wir es meist für 100BB tun würden. Jede
Entscheidung ist nun mindestens doppelt so teuer, und wer kein Freund großer
Varianz ist, kann sich bei Unsicherheit mit der eigenen Hand durchaus mal eher
einen fold leisten.
4.)
Pot control > Protection
Somit ist uns natürlich in solchen Pötten die pot control
wichtiger als die protection. Gerade mit „marginalen" Händen wie Top Pair Top
Kicker oder ein Overpair am Flop wollen wir für diese Stackgrößen keinesfalls
broke gehen. Notfalls verteilen wir mal eher freecards oder geben die Hand bei
scarecards am Turn und River auf. Wir müssen auch hier die Ranges abwandeln.
Auch wenn ein aggressiver Villain häufig mit einem Draw raisen wird, so ist es
durchaus möglich, dass er bei sehr großen Stacks eher mal callt um nur improved weiter zu spielen. Für über
200BB geht man ungerne mit einem Draw All-in.
5.)
Weniger Bluffs / Bluff induce
Damit sind wir beim nächsten Punkt. Grundsätzlich nimmt mit
erhöhter Stackgröße die Bereitschaft zu bluffen ab. Wie schon erwähnt, werden
die Ranges von Villain enger, da auch er ungerne seinen mühsam erkämpften Stack
mit einem eventuell unangebrachten Move verschleudern will. In solch großen
Pötten wird weniger geblufft, gerade wenn man sich am Turn befindet und der Pot
in eine beträchtliche Höhe geschnellt ist (die normalen Bluff-raises am Flop
werden natürlich meistens dennoch vollzogen, da man bis dahin meist das
„Standard-Spiel" vollzieht).
Somit sollte man auch mit der Bluff induce vorsichtig sein.
Es gibt häufig Situationen, wo man den Turn behind checkt um einen Bluff zu
induzieren und any River callt. Gerade bei solch großen Stacks sollte man da
doppelt vorsichtig sein. Zum einen können die Bets schon eine enorme Größe
haben, zum anderen wird Villain hier wie gesagt seltener eine große Bluffbet
setzen. Auch der Punkt Varianz spielt sich hier wieder in den Vordergrund. Auch
wenn ich Villain ein Bluff-All-in am River zutrauen würde, da ich am Turn durch
den check behind weakness gezeigt habe, muss ich mich fragen, ob ich das für
zusätzliche 100BB+ wirklich herausfinden möchte.
6.) Ausnutzen der Weakness
Im Gegenzug sollten wir uns natürlich überlegen, ob wir uns
die weakness bei den großen Stacks nicht durch Aggressivität zum Vorteil machen
könnten. Dabei geht es nicht um das eben angesprochene Bluff-All-in am River,
was eindeutig zu teuer wird und meist nur die Varianz freuen dürfte. Wir können
preflop bzw. am Flop eher mal bluffen.
Die aufgezählten Gedanken wird Villain meist ähnlich
wahrnehmen, und in solchen Pötten mit uns etwas vorsichtiger spielen. Somit
können wir am Flop häufiger mal bluff-check-raisen, da Villain klar sein muss,
dass er mit seiner eventuell marginalen Hand in einen ziemlich teuren Pot
verstrickt werden könnte. Wir haben hier durchaus die Möglichkeit, häufiger
bessere Hände zum folden zu bringen, als dies mit einem 100BB-Stack der Fall
sein dürfte.
7.) Die Bluff-4-bet bei gesteigerter Fold
Equity
Wir wollen also ausnutzen, dass Villain etwas scared ist
und wir ihn zwingen können, um einen großen Pot zu spielen. Andererseits wollen
wir teure Entscheidungen am Turn mit einer marginalen Hand vermeiden. Neben der
angesprochenen Aggressivität am Flop können wir auch preflop durchaus mit einer
schwachen Hand mal 4-betten, da wir uns damit nicht committen. Gerade gegen
LAGs, die preflop sehr viel raisen und 3-betten, kann man mit marginalen Händen
4-bet/fold spielen. Viele Hände werden von Villain aufgegeben, die besser sind
als unsere. Mit dem read, dass Villain ebenso ein Typ ist, der uns gerne
3-bettet, kann man auch mit 56s mal 4-betten. Sollte anschließend der
200BB+-push kommen, verabschieden wir uns aus der Hand. Der push Villains wird
nur von einer sehr starken Hand kommen, unsere Fold Equity steigert sich enorm,
da Villain die 4-bet nur sehr schwer callen kann, aber natürlich auch wenig
Hände pushen kann, die er normalerweise 3-bettet.
Zusammenfassung
Mit 200BB+ deep müssen wir sehr aufpassen, wenn wir auf
Gegner mit ähnlich großen Stacks treffen. Reads sind hier sehr wichtig, wir
sollten genau wissen, mit wem wir es zu tun haben. Unsere implied Odds steigen
preflop deutlich, dafür natürlich auch die reverse implied Odds nach dem Flop.
Wir können uns hier mit marginalen Händen in viel zu teuren Pötten bewegen. Die
Varianz wird dadurch deutlich zunehmen, da wir eben nicht um zwei Stacks
spielen, sondern mindestens um 4 oder gar (deutlich) mehr.
Hände, die ein gutes Showdown-value haben, sollte man
versuchen günstig bis zum River zu spielen. Pot control sollte hier häufig vor
protection gehen, so dass man im schlimmsten Fall eher mal Freecards verteilt
und bei ungünstigen Karten die Hand aufgibt, als seine marginale Hand um jeden
Preis protecten zu wollen.
Bluffs werden ab dem Turn, wo die Bets und Raises in enorme
Höhen schnellen können, tendentiell seltener. Jedoch sollten wir uns selbst
unsere Aggressivität zu Nutze machen und versuchen, durch 4-bets preflop sowie
ab und an ein bluff-check-raise am Flop gegen Spieler, auf die wir reads haben,
unsere Stackgröße auszunutzen und Villain zum Aufgeben zu zwingen.
Sowie wir der Meinung sind, in eine schwierige Situation
geraten zu sein, in denen wir die Stärke unserer Hand nicht mehr konkret
einschätzen können, sollte bei solch großen Stacks ein fold im Zweifelsfall
immer profitabler sein.