Aktualisiert am 06 Juli 26 von

Einführung in das Blindspiel

Einleitung

von Ghostmaster

Mit dem Blindspiel werden in der Regel 2 Situationen
beschrieben.

1) Der Blindangriff - Wir sitzen im Cutoff oder Button, es
ist bisher noch niemand in den Pot eingestiegen und wir beschliessen die Blinds
anzugreifen, mit dem Ziel den Pot direkt zu gewinnen.

2) Die Blindverteidigung - Wir sitzen im Small - oder
Bigblind und jemand aus später Position greift unseren Blind an und
beschliessen, dass unsere Hand/die Situation passend ist für eine Verteidigung.

1. Angriff der Blinds

(Grober Einstieg in die Theorie
hinter dem Blindstealing)

A) Blindangriff - Preflop

In der Regel spielen wir in einer 0.5BB (SB)/ 1BB (BB)
Blindstruktur und unsere Raises betragen 4BB.

Bei einem Blindsteal riskieren wir also 4BB, um 1.5BB zu
gewinnen. Anders ausgedrückt bedeutet das, dass wir in 8 von 11 Fällen Preflop
gewinnen müssen, um einen direkten Profit aus einem Blindsteal zu ziehen.
Unsere Gegner müssen also zu mehr als 72% ( 8/11) folden, damit ein
Blindangriff profitabel ist.

Je tighter unsere Gegner ihre Blinds also verteidigen, desto
höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass wir ohne weitere Gegenwehr Preflop den
Pot gewinnen.

Wenn wir nach dem SHC spielen, dann stealen wir im Schnitt
22% unserer Hände. (Standardstealingrange)

22+,A2s+,KTs+,QTs+,JTs,T9s,98s,87s,76s,65s,54s,ATo+,KTo+,QTo+,JTo

Diese Range ist sehr universell und lässt sich gegen tighte
als auch sehr loose Gegner benutzen, beachtet allerdings nicht im geringsten
die Postfloptendenzen unserer Gegner.

Faustregel: Je tighter unsere Gegner in den Blinds spielen,
desto mehr Händen sollten wir spielen. (literarisch: jedes Ass, jeden King,
jedes Paar, jeder Suited Connector bis zu 43s, jeder Connector bis 67)

Häufig sitzen allerdings auch callfreudige Gegner in den
Blinds (oder unsere tighten Gegner passen sich an unseren aggressiven Blindangriff an). Allerdings müssen wir auch in dieser Situation nicht verzweifeln, weil
es ja noch weitere Möglichkeiten gibt die Hand zu gewinnen.

Wenn wir aus dem Cutoff stealen, dann sollten wir auch
darauf achten, was für eine Art Gegner im Button sitzt. Es ist eine sehr
unangenehme Situation, wenn wir mit einer marginalen Hand Out of Position
spielen müssen, weil der Button zwischen unseren Blindsteal funkt. -> Je
looser der Button ist, desto tighter sollten wir in der Regel am Anfang stealen.

B) Blindangriff - Postflop

In der Regel haben wir nach unserem Blindsteal Position und
können durch unseren Preflop-Raise weiteren Druck ausüben. Damit sitzt unser
Gegner in einer ungünstigen Situation.

Unser Stichwort gegen die meisten Gegner: Betten

Ich verschone euch mit konkreten EV Rechnungen, aber als ein
gutes Mittel hat sich eine Contination Bet in Höhe von 2/3 Potsize
herausgestellt. Wir müssen den Pot also am Flop in mehr als 40% der Fälle
gewinnen, um einen direkten Profit mitzunehmen.

[Anmerkung: Je tighter wir stealen, desto größer sollten wir
unsere Continuation Bet gestalten, da wir in der Regel eine sehr viel bessere
Hand als unser Gegner am Flop halten.]

Natürlich gibt es Flops, auf denen die Hände unsere Gegner
sehr viel wahrscheinlicher getroffen haben wird, als auf anderen Flops. Falls
euch dieses Thema näher interessierst, stöbert mal durch die vielen
Continuation Bet Artikel.

http://de.pokerstrategy.com/strategy/weekly-no-limit/454/

http://de.pokerstrategy.com/strategy/weekly-no-limit/675/

http://de.pokerstrategy.com/strategy/weekly-no-limit/792/

http://de.pokerstrategy.com/strategy/no-limit/13/
(Silber)

C) Blindangriff - Das Vorgehen, wenn der Gegner nicht
aufgibt

- Der Gegner reraised uns vor dem Flop und wir haben keine
Hand mit der wir laut Starting Hand Chart weiterspielen können -> folden.

- Der Gegner wird aggressiv am Flop auf dem wir keine starke
Hand halten -> folden.

- Wir haben einen starken Draw aufgegabelt und sehen keine
hohen Chancen, dass der Gegner am Turn auf eine weitere Bet aufgibt -> wir
checken Behind und schauen uns einen kostenlosen River an.

- Am Turn hittet eine Scarecard (ein Ass ein König oder eine
Queen auf einem LowCard Board, das Board paired sich, eine Karte zum
Flush/Straight kommt, selbst eine Blank hilft bei Gegnern die sehr ängstlich
spielen) -> Wir betten nochmal.

Hier sollte man allerdings beachten, dass man nicht einfach
wild eine 2nd Barrel feuert, sondern auch die wahrscheinlichen Hände des
Gegners beachtet (in Kombination mit dem Board). Wenn die Chance, dass der
Gegner getroffen hat, dann ist eine weitere Bet auf dem Turn natürlich
verschwendetes Geld.

Macht euch also zu jedem Zeitpunkt Gedanken über die wahrscheinlichsten
Hände der Gegner und wie er mit diesen auf eine Bet oder Check von euch
reagiert.

- Lasst euch nicht entmutigen, wenn ein Blindsteal nicht
funktioniert. Auch eure Gegner halten manchmal starke Hände. In der Regel
passen sie sich aber nicht an eure aggressive Spielweise an.

- Achtet ein bisschen auf euer Image. Man muss nicht 5x
nacheinander den Blind mit Trashhänden stealen. Eure Gegner werden auch euch,
wenn auch nicht korrekt, reagieren.

2 Verteidigung der Blinds

Grunsätzlich ist anzumerken, dass die Blinddefense immer
darin resultiert, dass man eine Hand Out of Position spielt. Die Problematik
dahinter habe ich in folgendem Artikel ein bisschen näher beschrieben:

http://de.pokerstrategy.com/strategy/weekly-no-limit/725/

Kurz gesagt: Blindefense mit marginalen Händen ist eigentlich keine
Notwendigkeit.

Da viele Anfänger/Fortgeschrittene Spieler Out of Position und in 3 Bet Pots mit
marginalen Händen extreme Schwierigkeiten haben und langfristig mehr Geld
verlieren als gewinnen, sollte man bei der Verteidigung der Blinds große
Vorsicht walten lassen. Im Zweifel eine Hand also lieber folden.

A) Reraise Vs. Call

Reraise:


Wir müssen unseren Positionsnachteil durch Aggressivität
ausgleichen, da unser Gegner sonst einfach die Blindstealstrategie gegen uns
verwendet.

Das Problem bei einem Reraise ist allerdings, dass wir einen
großen Pot spielen werden, in dem es sehr schnell um unseren ganzen Stack gehen
kann.

Daher empfehle ich für den Anfang eine sehr tighte und
solide Range zu Reraisen:

TT+,AJs+,AQ+

Mit dieser Range sind wir gegen die meisten Gegner immer
noch mit der besseren Hand ausgestattet.

Wie in (1) werden wir oft den Pot Preflop einsammeln oder
relativ oft nach dem Flop.

Allerdings werden wir in der Regel die Hände der Gegner auch
sehr viel besser eingrenzen können. Wir werden vor allem mit unseren
Continuation Bets (wenn wir keine starke Made Hand halten) sehr viel sparsamer
umgehen müssen. Wir benötigen dafür Flops auf denen wir eine starke Hand
repräsentieren können. Dafür eignen sich speziell A/K High Flops, weil ein
großer Teil der Callingrange des Gegners hier direkt folden muss. (niedrigere
Pocketpairs, irgendwelche Connectors etc.)


Callen:

Wir können einen Blindsteal auch einfach nur callen. Der
große Vorteil dieser Variante ist, dass der Pot nicht groß wird und wir uns mit
einer marginalen Hand nicht durch einen Fehler direkt potcommiten und um
unseren Stack spielen müssen.

Allerdings werden wir Postflop auf viele schwierige
Entscheidungen treffen, weil wir i) keine Position haben und ii) keine
Initiative.

Man muss also sehr gute Lines zur Verfügung haben, um mit
dieser passiveren Variante seine Hände profitabel spielen zu können.

(Für einen Anfänger ist diese Strategie zu anspruchsvoll, um
weiter vertieft zu werden)

Fazit

Prinzipiell kann man ganze Bücher über das Blindspiel
schreiben. Dieser Artikel ist allerdings für Einsteiger gedacht, die erstmal
einen generellen Überblick über die Thematik bekommen sollen.

Haltet euch prinzipiell erstmal aus unsicheren Situationen
heraus, wenn ihr nicht genau wisst, wie euer nächster Spielzug auszusehen habt
und ihr sicher seid, dass dieser Spielzug auch profitabel ist. (Winning by
Folding)

Falls ihr mal in eine schöne Blindspiel Situation kommt,
dann könnt ihr die Hand ins Forum posten
und wir können darüber diskutieren.