Drei Schritte zur richtigen Entscheidung
Einleitung |
von Thorsten77 |
Viele Fragen von Anfängern sind relativ allgemein: „Wie spiele ich ein Overpair am Flop?“ oder „Sollte ich mit meinem Flushdraw eher betten oder check/call spielen?“. Meistens gibt es auf solche Fragen dann die Standardantwort: „Es kommt auf die Situation an.“
Das Dilemma beim Lehren von Poker ist, dass man versucht das Spiel einfach zu halten und daher Anfängern Regeln an die Hand gibt, die in den meisten Situationen Sinn machen. Beispiele hierfür sind die „Call-15“-Regel oder auch der Starting Hand Chart. Allerdings verliert man hier oft den Blick für das Wesentliche: welche Gedanken sollte ich mir machen, um situationsabhängig die richtige Entscheidung zu treffen?
In dieser Kolumne stelle ich drei einfache Schritte vor, die man bei jeder Entscheidung durchgehen sollte. Natürlich benötigt man für die einzelnen Schritte auch etwas Wissen, wie z.B. das Spiel nach Odds & Outs bzw. die Einschätzung wie der Gegner auf eine bestimmte Aktion reagieren wird. Teilweise kennt man diese Basics jedoch schon und das Einschätzen der Gegner wird mit zunehmender Spielpraxis immer besser. Wenn ihr Euch aber an die drei Schritte haltet werdet ihr sicher bessere Entscheidungen treffen.
Die drei Schritte
1. Bestimmung der Range des Gegners
Letztlich wollen wir profitabel Poker spielen und eine Grundvoraussetzung hierfür ist, dass man den einen oder anderen Pot gewinnt. Viele Anfänger machen jedoch den Fehler nur über ihre eigene Hand nachzudenken.
Ein Beispiel: Hero hat 22 im BB und bekommt ein Freeplay. Vor ihm sind 5 Spieler mitgelimpt. Der Flop kommt 5



Wir müssen uns darüber klar werden, dass die absolute Stärke unserer Hand (im Beispiel haben wir ein Set, was ich als starke Hand bezeichnen würde) keine Relevanz hat. Es bringt uns ja nichts, wenn wir ein Full House haben, wenn der Gegner einen Vierling hat. Wir haben zwar eine sehr starke Hand, aber eben die zweitbeste Hand und verlieren entsprechend den Pot. Ebenso ist 22 auf einem Board mit 5 Overcards keine starke Hand – wir können damit aber am Showdown noch gewinnen, sofern der Gegner kein Paar gemacht hat.
Das einzige was also zählt ist, wie die relative Stärke unserer Hand ist: wie steht unsere Hand im Vergleich zur Hand des Gegners da. Dazu müssen wir den Gegner auf eine Range setzen. Nehmen wir also obiges Beispiel: wir überlegen uns mit welchen Händen uns die Gegner hier spielen.
Preflop limpen alle Gegner. Meistens sind dies Hände wie kleinere Pocket Pairs, Suited Connectors, Suited Aces; die Spieler nahe am Button bekommen relative gute Pot Odds und können daher auch gut mit Connectors oder 2 Suited Cards mitlimpen und auf einen guten Flop hoffen.
Am Flop zeigen wir extreme Stärke: wir betten Potsize in 5 Spieler rein (eigentlich sollten wir die 3 Schritte bei dieser Entscheidung schon anwenden; um jeden Schritt für sich gut zu erklären nehmen wir einfach an wir hätten dies gemacht und sind zur Entscheidung gekommen das eine Bet am besten ist)! Trotzdem callen 3 Spieler. Mit was callt man hier eine Potsize bet? Am wahrscheinlichsten erscheint mir hier eine 3, 76 oder ein Flushdraw zu sein. Einige Gegner callen hier auch mit einem Gutshot (87) oder Ax. Möglich, wenn auch schlechtes Spiel, wäre ein Call mit einem Pocket Pair höher als 55 oder ein Set.
2. Vergleich unserer Hand gegen die gegnerische Range
Im zweiten Schritt gilt es die relative Stärke unserer Hand zu ermitteln. Wir wissen genau wo wir stehen: wir haben mit 22 das Bottom Set. Doch was haben unsere Gegner? Nehmen wir die einzelnen Hände der Range und betrachten wie das Board am Turn (6 
- 3x (wahrscheinlich): Die 3 hat nun eine Straight gemacht – wir liegen hinten.
- 76 (wahrscheinlich): 76 hat immer noch einen OESD und ein Top Pair dazu bekommen – wir liegen vorne.
- x
y
(wahrscheinlich): Zwei Karos haben den Flush gemacht – wir liegen hinten.
- Ax (weniger wahrscheinlich): Ax hat immer noch einen Gutshot – wir liegen vorne.
- 87 (weniger wahrscheinlich): 87 hat die Straight gemacht – wir liegen hinten.
- 66+ (weniger wahrscheinlich): 66 hat nun Top-Set gemacht gegen das wir hinten liegen, 77+ hat ein Overpair, gegen das wir vorne liegen.
- 44,55 (weniger wahrscheinlich): 44 und 55 haben ein Set am Turn – wir liegen hinten.
Bei der Range ist zu beachten, dass die einzelnen Handkategorien eine unterschiedliche Anzahl von Händen enthalten. Zum Beispiel gibt es bei der Hand "76" insgesamt 12 Kartenkombinationen, während die Hand x

3. Analyse der jeweiligen besten Aktion gegen die einzelnen Hände der gegnerischen Range
Im letzten Schritt betrachten wir die einzelnen Hände der Range und überlegen uns welche Aktion optimal ist. Generell müssen wir feststellen, dass wir gegen den Großteil der Range hinten liegen. An eine Value Bet ist daher nicht mehr zu denken. Teilweise kann es aber profitabel sein, nochmal zu betten um z.B. den Pot zu vergrößern oder einen Gegner mit einer marginalen, aber zurzeit besseren Hand raus zu bluffen. Betrachten wir die Hände die unser Gegner zurzeit wohl hält im Einzelnen:
- Flush (x :d y :d): Ein Flush ist hier die stärkste Hand. Selbst wenn wir stark betten werden wir wohl vom Flush geraist oder zumindest gecallt werden.
- Straight (3x, Ax, 87): Eine Straight ist eine starke Hand, auf dem Board muss sie aber Angst vor dem Flush haben. Trotzdem gehe ich davon aus, dass wir noch oft von einer Straight gecallt werden würden.
- Set (44,55,66): Ein Set sieht auf dem Board sowohl die Gefahr einer Straight, als auch eines Flushes. Falls jedoch am River eine 2,4,5 oder 6 kommt macht das Set ein Full House und schlägt diese Karten. Entsprechend wir ein Set hier meistens auch noch callen.
- Overpair (77+): Ein Overpair dürfte sich auf dem Board sehr unwohl fühlen. Gegen eine stärkere Bet würde es wohl folden.
- Top Pair + OESD (76): Analog ist das TP nicht viel wert. Zudem wurde der Straightdraw entwertet, da bereits ein Flush möglich ist. Auch diese Hand wird gegen größere Action wohl folden.
Wir sehen also, dass wir die Hände die wir schlagen (76,77+) zwar mit einer Bet zum folden bekommen können, die Hände die uns schlagen aber wohl meistens callen oder sogar raisen würden. Zudem kommt, dass in einem Multiway-Pot wie diesem ein Flush oder eine Straight so gut wie sicher sind. Eine Bet ist hier also die schlechteste Alternative. Gegen alle Hände ausser 44-66 haben wir aber noch 10 Outs auf das Full House. 44-66 sind zudem die Hände der Range, die weniger wahrscheinlich sind (sie raisen meistens am Flop, da sie protecten müssen). Zudem haben unsere Gegner starke Hände, von denen sie sich meistens nur schwer trennen können – unsere Implied Odds sind also gut. Entsprechend wäre der optimale Spielzug in dieser Situation zu checken und eine normale Bet zu callen. Wenn die Action allerdings zu groß wird (z.B. Potsize Bet und 3-facher reraise) müssen wir unser Set folden, da wir nicht mehr die notwendigen Pot Odds bekommen.
Fazit
Das Beispiel erscheint recht komplex: wir haben einige Gegner, die Range ist relativ groß und entsprechend viele Fallunterscheidungen müssen wir machen. Mit zunehmender Übung geht diese Denkweise aber in Euer Blut über und ihr werdet immer schneller die 3 Schritte durchdenken können. Zudem gibt es viele Situationen, die deutlich einfacher sind (z.B. ein solider PS.de Spieler raist von UTG – seine Range wird relativ klein sein).
Der große Vorteil bei diesen Überlegungen ist, dass ihr keine „Standardentscheidungen“ mehr trefft, sondern die beste Aktion in der jeweiligen Situation tätigt. Das führt zum einen dazu, dass ihr viel Geld einsparen könnt, indem ihr nicht als Underdog Euren Stack in die Mitte schiebt. Zum anderen hilft es, viel Geld zu gewinnen, indem man gute Value Bets macht. Wenn Ihr beispielsweise die Nuts habt und Euer Gegner wahrscheinlich die Second Nuts besitzt kann man oft All-In gehen selbst wenn dies eine stärkere Overbet bedeutet. Er wird hier oft genug callen. Wenn ihr allerdings wisst dass er nur ein Top Pair auf der Hand hat macht man eine kleine Value Bet, die meistens noch gecallt wird. Je besser ihr also die Range Eures Gegners kennt, umso profitabler könnt ihr gegen ihn spielen.
Nächste Woche werden wir das Thema etwas praktischer behandeln: anhand von Beispielhänden gilt es die drei Schritte für den gesamten Handverlauf durchzuführen. Bis dahin versucht einfach mal das System an den Tischen – Viel Erfolg!