Aktualisiert am 12 März 26 von

Woche 38 (BSS): Große Leaks in kleinen Pötten

Einleitung

Gleich am ersten Tag meines Daseins als professioneller Handbewerter für den Bereich bis NL200 schreibe ich einen Artikel der Reihe "Lehrreichste Beispielhände".


Was mir auffiel und immer noch auffällt, sind Leaks in kleinen bis mittelgroßen Pötten. Der Grund dafür wird sein, dass man am Ende jeder Session die größten Verluste und Gewinne Revue passieren lässt, sie noch einmal durchdenkt und gegebenenfalls von Freunden oder dem Forum bewerten lässt.

 

Was sind die Probleme?

Weniger intensiv werden die 08/15-Situationen behandelt, die in jeder zwanzigsten Hand mal auftreten, und wo man im schlimmsten Fall 1-2 BB sausen lässt. Es wird immer proklamiert, NL ist die Kunst der großen Pötte - die müssen einfach gewonnen werden, um sich wirklich als guter Spieler zu behaupten. Das ist nur größtenteils richtig, da Leaks in großen Pötten schneller auffallen und intensiv bekämpft werden.

 

Dabei können kleine, dafür oft vorkommende Situationen einen fatal destruktiven Einfluß auf die Winrate haben. Die meisten Winrates liegen zwischen 2-5ptbb. Unser Edge ist vorhanden, solide, aber bei weitem nicht so gigantisch, als dass wir es uns leisten könnten, einzelne BB alle paar Hände zu verschenken.


Oft ist das zusätzlich ein Tilt- und/oder Konzentrationsproblem. Mit zunehmendem Maß an Frustration steigt unsere Bereitschaft, kleine und scheinbar schwache Raises zu callen, hier und da ein SB mehr zu completen/raisen etc. Man regt sich auf, im letzten 200BB Pot wieder einen 2Outer kassiert zu haben oder kriegt das härteste Colddeck der Saison. Was machen die 3-4 BB dann schon aus? Im Hinblick auf die longterm winrate: eine ganze Menge.


Nach all dem einleitenden Vorgeplänkel kommen wir nun zu konkreten Beispielen. Diese sind entweder allgemeine Konzepte oder in ähnlicher Form auch hier im Beispielhandforum zu finden. Sie repräsentieren Leaks, die ich vor einiger Zeit auch bei mir fand und nach wie vor vorhanden sind, wenn ich zu unkonzentriert spiele.


Einiges wird euch trivial vorkommen, aber es ist ein Unterschied, hier zu sagen "klar, das würd ich auch nicht anders machen" und wirklich die DISZIPLIN zu besitzen, das am Tisch dann auch so durchzuziehen, denn das ist der Hauptpunkt. Ich möchte euch mit diesem Artikel für diese Dinge sensibilisieren.

 

 

Beispiel 1

Villian: unknown random Fish


1/2 No-Limit Hold'em (6 handed)


Preflop: Hero is BU with K, Q

MP2 folds, MP3 calls $2.00, CO folds, Hero raises to $10.00, 2 folds, MP3 calls $8.00.


Flop: ($23.00) K, A, T (2 players)

MP3 checks, Hero bets $16, MP3 raises to $32.00, Hero ....


calls, weil er denkt, er kann noch gut vorne liegen gegen so eine kleine Bet. Raisen macht nicht viel Sinn auf dem Board, aber wegwerfen wäre schon arg weak. Also callt man halt mal, der Gegner könnt ja nen Draw haben. Und man hat ja noch Position.


Dann kommt der Turn und die gegnerische Bet - ob klein oder groß, man sitzt, sofern man seinen Gutshot oder Trips nicht getroffen hat, in einer ziemlich unangenehmen Situation, die oft einfach mit einem Fold endet, und in der man sich wundert, wie der Pot eigentlich schon 90$ groß sein kann. Vielleicht gabelt man noch einen Spade auf und den nutflush-redraw, sodass man noch mal callt, ohne irgendeine Ahnung zu haben, ob Implieds vorhanden sind, was der Gegner eigentlich hält, und allgemein ist die Situation komplett undefiniert und damit unkontrollierbar.


Man kommt in eine Situation, in der man sich unsicher ist. Unsicher, was der gegnerische minraise bedeutet hat, unsicher, was die Bet jetzt bedeutet und unsicher, ob man mit seiner Hand noch SD Value hat, falls man überhaupt dort ankommt.


Vermeidet Situationen, in denen ihr dermassen unsicher seid, und in denen euch die Kontrolle über die Potsize entgleitet! Ich ertappe mich immer wieder, wie ich denke "naja, man bekommt ja die Odds". NEIN! Bekommt man NICHT!. Ihr callt am Flop eine 16$ bet für einen 87$ Pot, müsst also etwa 18% Equity haben auf eine Karte, falls ihr am Turn auf die Bet foldet, die fast immer kommt. Euch helfen die beiden Kings, lediglich 3 der Jacks, eventuell zum Splitpot, und die 3 Qs sind keine cleanen Outs. Implied habt ihr sehr wenige mit den Händen, zu denen ihr improven könnt. Und so sieht die Situation aus, wenn ihr immer am Turn foldet. Manchmal kommt einfach eine Blank, die eurer Empfinden der Situation unwesentlich beeinflusst, eine 1/3 Pot Bet vom Gegner und ihr callt am Ende noch mal.


Spielt solche mittelgroßen Pötte mit klar definierten Händen, klar definierten Outs und einer Vorstellung von der gegnerischen Range, insbesondere oop. Lasst euch nicht in schwierige Situationen reinziehen, in denen ihr die Kontrolle abgebt, bloß weil die gegnerischen Bets klein bzw. weak zu sein scheinen.

 

 

Beispiel 2

Villians: Beide unknown random NL200 Fische


1/2 No-Limit Hold'em (6 handed)


Preflop: Hero is SB with K, 9

3 folds, BU calls $2.00, Hero completes, BB checks.


Flop: ($6.00) K, T, 7 (3 players)

Hero checks, BB checks, BU bets $4, Hero....


...hat ein Problem, weil die Situation (wie oben) undefiniert ist. BU ist nach seinem openlimp höchstwahrscheinlich ein Fisch, kann also alles haben. Man kann keine Range angeben, keine Implieds, ob er das auch machen würde um den Pot zu stealen, ob er Draws so spielt, nichts. Hinter einem sitzt BB, der vielleicht einen FD o.ä. getroffen hat und drüberraist. Aber naja, folden kann man top pair 3handed unraised ja nicht, mit nem raise verstrickt man sich oop mit einer kaum ausbaufähigen Hand. Also callt man halt mal:


Hero checks, BB checks, BU bets $4, Hero calls 4$, BB calls 4$.


Turn: ($18.00) Q (3 players)

Hero checks, BB bets $10, BU folds, Hero...


steht erneut dumm da. BB coldcalled am Flop und bettet nun in einen IP-Aggressor rein, und dazu noch so komisch klein. Erkauft er sich ne Freecard mit einem Flushdraw? Hat er ne kleine Hand, die er vor dem Flush protecten will ohne den Pot zu builden? Hat er ein Monster und Fish-slowplayt es? Kriegt man die Odds oder kriegt man sie nicht? Kommt am River noch eine Bet von ihm? Die meisten werden hier folden, aber da die bet so weak erscheint, wird sie manchmal noch gecallt. Wir nehmen das hier mal an, um das Problem zu illustrieren. Hero calls.


River: ($38.00) A (2 players)

Hero checks, BB bets $22, Hero...


muss sehr oft folden. BB checkt nicht behind, was seine Range auf busted draw oder stärkere Hand eingrenzt. Meistens liegt man hier gegen ein Popel-2pair hinten. Dabei hatte man noch Glück, dass kein Flushdraw ankam, gegen den man immer folden muss.


Der Fehler beginnt hier preflop. Completed solche Hände nicht, auch wenn sie suited so gut aussehen. Ähnliches gilt für Hände wie zB offsuited onegappers. Ihr zahlt zwar in dem Moment nur einen kleinen Dollar für den Flop, verstrickt euch aber mit mangelnder Disziplin in Situationen, die wesentlich mehr kosten - bedenkt diese reverse implieds, wenn ihr preflop überlegt, "wegen den guten Odds" mal den Flop anzusehen. oop mit marginalen Händen zu spielen ist fatal, also achtet darauf.


Der Flop ist dann eine Art "Folgefehler" mangels besserer Alternativen. Was will man machen? Man hat sich in eine marginale Situation hineinmanövriert und hofft eigentlich nur noch, dass man möglichst ohne Action zum Showdown kommt. Manchmal klappt das auch, aber das ist es nicht wert. In der Regel floppt ihr Hände, die ihr nicht bräuchtet um den Pot zu gewinnen, weil sie nur zum Showdown kommen wenn jemand was besseres hat. Ihr flopt zu selten ein Monster, auf das ihr Action bekommt, um das zu kompensieren.


Das Ganze gilt in gleicher, aber aufgrund der Potsize verstärkerter Form für den Turn. Lasst euch nicht in solch marginale Spots reinziehen, und bekämpft sie in diesem Fall an der Wurzel, nämlich preflop. Quasi alle hier werden sich bei der Hand denken "omfg b00n", aber kommt mal 6tablend und unkonzentriert in solche Situtationen und löst sie so, dass ihr euch eurer Entscheidung sicher seid. Das wird fast nie der Fall sein. Und hinterher ist die Hand schnell wieder vergessen, weil sie ja nur ein paar Dollar gekostet hat und die großen Beats und Colddecks viel spektakulärer im Gedächnis bleiben.

 

 

Schlusswort

Wie bereits betont, sind obige Hände nur zur Illustration und Sensibilisierung gedacht. Ich habe schon so einiges gesehen in kleinen Pötten - Situationen, in denen der Fehler absolut offensichtlich ist, sofern man der Hand auch nur einen Bruchteil an Aufmerksamkeit schenkt. Gerade bei Fließbandplay und Routine ist diese Aufmerksamkeit nicht vorhanden und kostet oft wenig Geld, das sich aufsummiert.