Aktualisiert am 12 März 26 von

Das Freeplay (3) - Toppairs

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Das Freeplay (3) - Toppairs

von steinek

Nun ist es Zeit für den dritten und letzten Teil der Kolumne über das Freeplay.

Selbstverständlich kann nicht jede auftretende Situation abgedeckt werden, aber wenn du dir stets über die im Teil 1 und 2 genannten Punkte Gedanken machst und aufmerksam durch die Beispiele hier schaust, solltest du einiges an Sicherheit in dein Spiel bringen können.

Heute soll es um die Fälle gehen, in denen Hero ein Toppair trifft. Dies ist eine sehr knifflige Situation. Oft ist der eigene Kicker nicht besonders stark und man befindet sich auf einem schmalen Grat zwischen dem Verschenken von Value, mangelnder Protection, dem unnötigen Auszahlen stärkerer Hände und zu weaker Spielweise.

Die Ausgangssituation

Full Tilt Poker $6.50 NL Texas Hold'em 15/30 Blinds

Stacks & Stats
UTG 1500
UTG+1 1500
MP1 1500
MP2 1500
MP3 1500
CO 1500
BU 1500
SB 1500
Hero 1500

BEISPIEL 1

Preflop: Hero is BB with J 3
2 folds, MP1 calls 30, 1 folds, MP3 calls 30, 2 folds, SB calls 15, Hero checks

Flop: J T 7
SB checks, Hero ?

Es sind vier Spieler im Pot und du triffst ein TP mit einem schlechten Kicker. Das Board ist zwar rainbow, macht aber mit T und J einige Straightdraws bei den Gegnern wahrscheinlich. Ferner ist zu bemerken, dass dir hier sehr viele Turns nicht gefallen. Du möchtest natürlich weder eine Overcard, noch eine weitere T, 9 oder 8 sehen, was immerhin 23 von 47 unbekannten Karten sind.

  • Die direkte Bet:

Hier direkt zu betten generiert multiway in der Regel nicht genügend Foldequity. Es ist sehr wahrscheinlich, dass hier so ziemlich jede T, J oder jeder Gutshot callen wird. Du wirst also oft noch mit ca. zwei weiteren Gegnern am Turn stehen, der Pot ist dann schon deutlich größer und du hast in deiner Position dann Probleme, die Hand in eine gute Richtung zu lenken. Spielst du dann zum Beispiel check/call, so werden dich mögliche angekommene Draws oder bessere Madehands valuebetten, schlechtere Hände oder noch nicht angekommene Draws hingegen eher behindchecken. Bettest du hingegen selber, verstößt du gegen die Maxime, in der frühen Phase mit marginalen Händen nicht zu viele Chips zu investieren. Die Bet ist durchaus spielbar, bringt dich aber sehr häufig in knifflige Situationen.

  • Checken:

Insofern solltest du, gerade wenn du noch nicht übermäßig viel Erfahrung mit dem Spiel nach dem Flop besitzt, eher den Check wählen und gegen Action, die über eine kleine Positionbet hinausgeht, einfach aufgeben. Lieber einmal eine Hand folden, die man marginal +$EV hätte spielen können als einmal unnötig den halben Stack mit solch einer Hand zu verlieren.
Von check/raise solltest du hier komplett ablassen. Die Gegner auf den unteren Limits callen einfach viel zu oft und der Weg zum Showdown ist einfach zu weit, um mit solch einer Hand am Flop schon einen großen Pot aufzubauen.

 

Fazit:

  • Je mehr Spieler in der Hand sind, desto stärker muss deine Hand sein, da es in einem multiway Pot unwahrscheinlicher ist, dass alle folden. Der Weg zum Showdown ist so weit, dass du oft einiges an Chips investieren musst, um dorthin zu kommen.

  • Je mehr Draws das Board bietet, desto weniger Foldequity hast du gegen deine Gegner. Natürlich müsstest du so mehr protecten und bekommst oft Chips mit der aktuell besten Hand in die Mitte, aber du musst stets im Hinterkopf haben, dass erst am Showdown die Entscheidung fällt und fast immer Karten an Turn und River kommen können, die mögliche Draws komplettieren. Dann ist es ziemlich unmöglich, die richtige Mischung aus Verlustminimierung für den Fall, dass du beat bist und Valuemaximierung für den Fall, dass du noch vorne bist, zu finden. Im Zweifel solltest du also auf drawlastigen Boards gleich aufgeben.

  • Je niedriger dein TP ist, desto häufiger wird es am Turn kein TP mehr sein. Das klingt trivial, kann aber leicht vergessen werden. Zum Beispiel ist ein TP mit einer T in mehr als 33% der Fälle kein TP mehr am Turn, zu mehr als 55% kein TP mehr am River.

BEISPIEL 2

Preflop: Hero is BB with K Q
2 folds, MP1 calls 30, 2 folds, CO calls 30, 2 folds, Hero checks

Mit dieser recht starken Hand ist es definitiv eine Überlegung wert, hier preflop zu raisen. Allerdings ist
davon auszugehen, dass der erste Limper, der sich ja in recht früher Position entschloss, Chips zu investieren,
ein Raise auch noch callen wird. In diesem Fall steigt dann meist auch CO noch mit ein und du hast nichts
gewonnen außer out of Position einen großen Pot aufzubauen. Somit ist der Check hier die Standardline.

Flop: Q 8 7
Hero ?

Nun sieht die Lage schon ganz anders aus. Du hast ein Toppair mit dem zweitbesten Kicker. Weiterhin ist das einzige Toppair, gegen das du hier hinten bist, die Hand AQ und diese hätte sich meist preflop durch ein Raise gezeigt. Insofern kannst du davon ausgehen, hier sehr oft vorne zu sein und auch noch gegen einige Hände ordentlich Value gewinnen zu können. Auf diesem Limit werden die Gegner häufig noch mit Händen wie 99, TT oder QJ, QT einige Chips investieren. Gegen einen unbekannten Gegner sollte dir das hier reichen, um broke zu gehen. Die Frage ist, wie du am besten Value erhältst und protectest.

Eine direkte Bet ist hier auf jeden Fall eine solide Wahl. Da aber zwei Spieler hinter dir an der Reihe sind und
hier oft zumindest einer von ihnen etwas getroffen hat, bietet sich hier auch ein Checkraise an. Welche Alternative besser ist, hängt davon ab, mit wieviel du die Gegner betten und einen Raise callen siehst und auch davon, ob du sie ihre Draws eher aktiv oder passiv spielen siehst.

Spätestens ab dem Turn solltest du dann einfach durchbetten, solange sich kein A zeigt.

Fazit:

  • Hältst du ein starkes Toppair, bei dem es in der Regel keine dominierenden Hände in den gegnerischen Ranges gibt, solltest du bei einem Pot mit höchstens drei Spielern bereit sein, broke zu gehen, wenn kein Regular dabei ist. Natürlich kommt es trotzdem ab und an vor, dass dir hier AQ gezeigt wird, dann mach dir einfach eine Note und hake das ab, die Regel ist das sicher nicht.

  • Je betfreudiger du deine Gegner einschätzt, desto öfter wirst du mit einem Checkraise viele Chips gewinnen und so gleichzeitig besser protecten können.

  • Je trockener das Board ist, desto eher kannst du einmal checken. Eine Freecard hittet die gegnerische Range dann selten so, dass dich Hände überholen. Im Gegenteil, auf einem Q77 Board kann zum Beispiel ein J auf dem Turn erst dazu führen, dass dir dein Gegner mit JT massig Chips hinterherwirft. Auf drawlastigen Boards sind deine Reads, ob die Gegner ihre Draws eher behindchecken oder betten, Gold wert. Im ersteren Fall solltest du auf jeden Fall selbst betten.

BEISPIEL 3

Preflop: Hero is BB with Q 5
3 folds, MP2 calls 30, 4 folds, Hero checks

Flop: Q 7 4
Hero ?

Nun sind nur zwei Spieler im Pot und du hast abermals ein Toppair mit einem recht schwachen Kicker getroffen. Bei nur einem Gegner wie in Beispiel 1 direkt aufzugeben, würde auf jeden Fall in die Kategorie "zu weak" fallen. Für ein Checkraise eignet sich die Hand aber auch nicht, da dann ziemlich alles Schlechtere folden und alles Bessere callen wird. Somit gewinnst du spieltheoretisch kaum etwas.

Die Frage ist also, ob hier ein Check/call oder eine direkte Bet die bessere Line ist.

Für Check/call  spricht, dass du hier gegen verhältnismäßig wenige Hände valuebetten kannst und somit Bluffinduce oft mehr Value bringen kann. Auf der anderen Seite ist die Hand auch nicht so stark und eine Freecard wird dir nur in wenigen Fällen weiterhelfen. Dies spricht eher für eine Bet. Wirst du dann geraist, kannst du in der Regel einfach aufgeben, callt dein Gegner nur, so bist du meist vorn, solltest aber vorsichtig weiterspielen. Ein weiterer Vorteil ist, dass du durch eine direkte Bet die Potsize besser kontrollierst. Gerade auf einem so trockenen Board reicht eine Bet von etwas über halbe Potsize aus und du hast auch für spätere Streets noch etwas Spielraum.

Wird die Bet gecallt, so solltest du am Turn noch einmal eher klein betten. Sitzt dein Gegner auf einer starken Hand, wird er dich meist am Turn raisen und du kannst aufgeben. Hat er nur eine marginale Hand, so gibt er nun entweder auf oder callt noch einmal und nimmt sich dann am River den Checkbehind, sodass du sogar noch Value bekommst. Hättest du hingegen gecheckt und er bettet halbwegs groß, so bist du vollkommen ratlos, ob das nun eine Value- oder eine Bluffbet ist und läufst Gefahr, noch zwei Valuebets von ihm zu bezahlen, weil du Angst
hast, geblufft zu werden.

Fazit:

  • Gegen nur einen Gegner ist es zu weak, die Hand direkt aufzugeben. Die große Frage ist hier, ob Check/call oder eine direkte Bet die bessere Line ist.

  • Je blufffreudiger und aggressiver dein Gegner ist, desto eher solltest du Check/call spielen, um Bluffs zu inducen und um zu vermeiden, im Falle eines Raises die bessere Hand zu folden.

  • Schätzt du deinen Gegner als Callingstation, solltest du einfach betten. Oft hält er hier ein Pocket wie 88 und zahlt dir gerne zwei Valuebets aus.

  • Je drawlastiger das Board ist, desto eher solltest du betten, um zu protecten. Auf trockenen Boards hingegen ist auch eine Freecard kein Problem für dich und die Wahrscheinlichkeit, dass dein Gegner gar nichts hat und sein Glück im Bluffen sucht, steigt.

» ZUSAMMENFASSUNG
Du hast nun gelernt, worüber du dir im Falle eines gefloppten Toppairs in der frühen Phase Gedanken machen solltest. Je mehr Spieler in der Hand, desto passiver verhältst du dich. Den Pot wirst du selten ohne Showdown gewinnen und der Weg dorthin ist einfach sehr weit.

Auch im Freeplay kannst du sehr starke Toppairs treffen, da man die dominierenden Hände meist aus den Limpingranges ausschließen kann. In diesem Fall spielst du postflop gegen unbekannte Gegner wie mit einem Overpair und machst dir Gedanken, ob ein Checkraise oder eine direkte Line die bessere Wahl ist.

Hast du nur einen Gegner, so ist auch ein TP mit schlechtem Kicker eine Hand, die zu gut ist, um ganz passiv gespielt zu werden. In diesem Fall solltest du dich an alle Informationen über den Gegner erinnern, die du schon erhalten hast und daraus versuchen, seine Gedanken zu verstehen. Oft ist hier eine Line mit Bets von etwas über 1/2 Potsize am Flop und Turn mit der Intention, auf Raises zu folden, eine gute Mischung aus Protection, Valuemaximierung und dem Verhindern von Bluffs.

Als abschließenden Hinweis solltest du wissen, dass es sich auf jeden Fall lohnt, auch NL-Videos und Strategieartikel durchzuarbeiten, um am eigenen Freeplay zu arbeiten. Gerade der letzte Fall hat viele Parallelen zum Heads-up-Spiel, sodass die Beschäftigung damit das eigene Spiel mit Sicherheit bereichern wird.