Aktualisiert am 12 März 26 von

Don't fold, just ask - NL: Lighte 4-Bets Teil 2

 
» Don't fold, just ask

 

Es gibt Momente im Leben eines Pokerspielers, in denen der fundierte Rat eines Profis Not tut. Unter dem Motto "gemeinsam statt einsam" könnt ihr genau diesen professionalen Rat bei unseren Contentchefs, OnkelHotte (Fixed Limit), sammy (No-Limit, SNG), Wishmaster (Fixed Limit, Real-Life-Poker), einholen. Ob ihr euch bei einer Hand unsicher seid, Fragen zur Pokertheorie habt oder was
auch immer ihr auf dem Herzen habt - fragt! Eure Fragen könnt ihr im Forum in diesem Thread loswerden: Fragen an die Contentchefs

Dieses Mal gibt es den zweiten Teil von Sammys Analyse zu einer Frage von Ghostmaster und joosP. Den ersten Teil findet ihr hier: Sammy antwortet Teil 1

Frage von Ghostmaster / joosP

No-Limit

Zwei einfache Fragen:
1. Wann und unter welchen Voraussetzungen sollte man lighte 3better mit lighten 4bets konfrontieren?
2. Wann und gegen wen sollten man Bluff-4bets (2.25fach) einstreuen?

Antwort (Teil 2) von sammy

Nachdem ich im ersten Teil auf die grundlegenden Parameter eingegangen bin und wir nun wissen, auf was wir achten müssen, wenn wir uns überlegen, ob wir einen Gegner bluff-4-betten, wird sich der zweite Teil nun mit der korrekten Entscheidung über die Betsize, welche wir für unsere 4-Bet wählen, auseinandersetzen.

In No-Limit Hold’em ist gerade die Wahl der Betsize ein enormer Vorteil, da wir durch gut gewählte Betsizes die Potsize zu unserem Vorteil manipulieren können und wir den Gegner so zu Fehlern animieren.

Ich könnte mir nun denken, dass einige von euch nach dieser Einleitung erwarten werden, dass ich euch Charts oder ähnliches an die Hand geben kann, so dass ihr immer die „perfekte“ 4-Bettingsize wählen könnt. Hier muss ich euch wohl enttäuschen, zu einem solch ausgereiften Chart wird es nicht reichen...

sammy
sammy betreut die Sektion No-Limit von PokerStrategy. Selbst lange Zeit als Spieler erfolgreich, mittlerweile auch Black Member, hat er es sich nun zur Aufgabe gemacht, die nachfolgenden Generationen in der Kunst des, wie er sagt, Big-Balls-Pokers zu unterrichten.

Ich werde euch zeigen, wie sich verschiedene Betsizes auf die Anforderungen der verschiedenen Parameter auswirken, kann euch aber nicht mit fertig berechneten Charts aushelfen, da man die Betsize seinem eigenen Style, seinen Postflopfähigkeiten und der gegebenen Spielsituation anpassen sollte. Ich denke aber, dass man mit den hier gelieferten mathematischen Gedanken und einer ruhigen Minute sich selbst mit etwas Eigeninitiative sehr viel für seine 4-Betsizes herausholen kann.

Bei einer Preflop-4-Bet sollten wir zwei Fälle unterscheiden, da wir diese dann auch etwas unterschiedlicher analysieren müssen.

Fall 1:
Unsere 4-Bet stellt eine All-In-Bet dar. Hier ist es egal, ob wir selbst All-In stellen oder den Gegner covern und er All-In sein wird. Das Merkmal ist, dass dem Gegner nicht mehr die Möglichkeit einer 5-Bet gegeben ist und er nur die Wahl hat, unsere 4-Bet zu callen oder zu folden.

Fall 2:
Unsere 4-Bet stellt keine All-In-Bet dar. Dieser Fall stellt für die Mehrheit der Situationen den Normalfall dar, da wir eigentlich nicht standardmäßig einen 4-Bet-Push mit sehr starken Händen im Sinne haben. Allgemein ist unsere Intention unsere Monster preflop zu protecten und dabei den Gegner dennoch in den Pot zu locken. Ein direkter All-In-4-Bet-Push scheint einem selbst daher zu oft den Gegner zu verscheuchen, sofern die Stacksizes natürlich groß genug sind.

Betrachten wir also nun die Möglichkeit mit unserer 4-Bet den Gegner direkt All-In zu setzen bzw. unseren gesamten Stack in die Mitte zu schieben. Solch eine All-In-Bet ist natürlich unterschiedlich zu betrachten, da sie von den effektiven Stacksizes abhängt und wir manchmal gar gezwungen sind, All-In zu gehen.

4-Bet Push ohne Foldequity
Die erste Frage, die ich nun beantworten möchte ist: Ab welcher Situationskonstellation sind wir gezwungen, mit unserer 4-Bet preflop All-In zu pushen?

Mit gezwungen meine ich, dass ein Push mindestens einen neutralen EV hat. Die Ergebnisse, welche die spätere Formel liefern wird, sind also immer die benötigten Parameter, so dass es für uns keinen Unterschied machen würde, ob wir nun pushen oder folden, wir also mit dem Push in diesem Sinne keinen Fehler machen. Hierbei gehen wir von der Annahme aus, dass ein Call einen niedrigen Gesamterwartungswert hat wie ein Fold.

Folgende Parameter sind zu beachten:

  • Unsere Openraisingsize
  • Deadmoney im Pot
  • Die effektiven Preflopstartingstacks
  • Unsere zu erwartende Equity gegen die gegnerische Range

Können wir mit 100%tiger Sicherheit alle vier Punkte mit konkreten Werten beantworten, so ist es ein Kinderspiel die Entscheidung zu treffen, ob wir nun All-In 4-betten sollten oder nicht.

Stellen wir also nun mal eine kleine EV-Gleichung auf, in der wir all diese Variabeln berücksichtigen und schauen inwiefern wir etwas daraus ziehen können.

Basisgleichung:
EV = 0 = ( Potsize + gegnerische Callingsize) * Equity + (1-Equity) * (- eigene Betsize)

Dies ist die Standardberechnung des EVs. Wir schauen uns an, wie viel wir gewinnen und wie viel wir durch unseren Push verlieren, wenn der Gegner callt.

Nun teilen wir die gegebenen Parameter auf:

Potsize = eigenes Openraise + gegnerisches Reraise + Deadmoney
Gegnerische Callingsize = Effektiver Preflopstack – gegnerisches Reraise
Eigene Betsize = effektiver Preflopstack – Openraise

Die wichtigen Parameter bekommen von mir nun noch algebraische Bezeichnung, diese sind frei von mir gewählt. Jeder könnte ihnen natürlich andere Buchstaben zuteilen, ich wähle jedoch diese...

Eigenes Openraise : α
Deadmoney : d
Gegnerisches Reraise : r
Effektiver Preflopstack : S
Equity : E

EV = 0 = (α + r + d + (S – r)) * E + (1 – E) * (-(S – α))

Nun wird diese Gleichung noch so weit wie möglich vereinfacht, so dass wir später weniger in den Taschenrechner eingeben müssen bzw. eventuell sehen wie die Variablen zusammenhängen.

0 = (α + d + S) * E + (1 – E) * (α – S)
0 = E * (d + 2S) + α – S

Was erkennen wir? Die 3-Bettingsize des Gegners ist irrelevant! Ob er uns nun minraist oder 4fach reraist interessiert uns für unsere Überlegung nicht. Wir werden ihn sowieso nie zum Folden bekommen, daher müssen wir uns keine direkten Gedanken über den momentanen Pot machen, den wir durch einen Fold gewinnen würden, dieser Fall wird ohne Foldequity nie eintreten.

Aufgrund der oberen Gleichungen können wir nun Fragestellungen wie die folgende mit konkreten Zahlen wie: Welche Equity benötige ich in folgender Situation, um immer preflop pushen zu müssen?

Hero(400$)
BU(100$)

Preflop: Hero is CO with K , Q
UTG folds, MP3 folds, Hero raises to 14$, BU raises to 30$, 2 folds, Hero ???

Wir müssen die Gleichung nun nur noch nach der Equity auflösen und die Variablen einsetzen. Macht man dies so erhält man folgendes Ergebnis:

E = 0.41747

Wir benötigen also knapp 42% Equity gegen die 3-Bettingrange des BU, um hier profitabel pushen zu können. Schmeißen wir nun Equilator an, so sehen wir, dass folgende Range des BU möglich wäre, so dass wir in diesem Spot pushen sollten:

77+, A8s+, K9s+, QTs+, JTs, ATo+, KJo+ (3-bettet er uns mit seiner Top-13%-Handrange, so wäre eine 4-Bet ein profitabler Spielzug)

Mit etwas mathematischem Geschick und etwas Eigeninitiative könnt ihr auf Basis dessen nun all solche Situation nachbetrachten und schauen, wie ihr gegen bestimmte Ranges bei unterschiedlichen Stacksizes und verschiedenen Händen dastehen würdet.

Was wir aber sicher aus dieser Berechnung lernen, ist folgendes:
Sind wir zu einer All-In 4-Bet spieltheoretisch gezwungen, so sollte für uns ein direkter Openraisepush einen höheren Erwartungwert haben, da wir eventuell doch Foldequity durch die direkt höhere Betsize erzeugen könnten

Jedoch können solche Situationen, wie oben beschrieben, sehr gut an einem Cashgametable vorkommen. Sitzt ein Shortstack zu unserer Linken, wir sind im CO und die Blinds sind deepstacked (wie wir), so sollte unser Openraise natürlich nicht der Stacksize des Shortys entsprechen, da wir so sehr leicht von den Blinds exploitet werden könnten.

Der Shortstack verkompliziert diese Situation, jedoch wissen wir nun wie wir auf eine 3-Bet des Shortstacks reagieren müssten, sofern wir seine Range gut genug eingrenzen können. Dieses mathematische Modell zeigt uns in diesem Falle nicht nur an, wann wir all-in-4-betten sollten, sondern wann wir eine direkte All-In-3-Bet des Shortstacks callen müssen.

4-Bet Push mit Foldequity
Der nächste Schritt, welchen ich nun machen möchte ist: Wie sieht denn die Angelegenheit aus, wenn die Möglichkeit besteht, dass der Gegner foldet?

Wir haben hier im Grunde eine ähnliche Startsituation bis auf die Tatsache, dass sich die 3-Bettingrange und die 4-Bet-Callingrange des Gegners unterscheiden. Spieltheoretisch gewinnen wir hier nun die Möglichkeit hinzu, den Pot ohne Showdown zu gewinnen, was unsere Hand in diesem Sinne zu einem Semibluff macht.

Unsere Basisgleichung für diese Konstellation sieht dann dementsprechend wie folgt aus:

EV = 0 = Foldequity * Potsize + (1 – Foldequity) * (E * (d + 2S) + α – S)

Foldequity : f
Potsize = α + r + d
Equity = Unsere Equity gegen seine 4-Bet Callingrange

0 = (α + r + d) * f + (1-f) * (E * (d + 2S) + α – S)

Etwas umgestellt sieht die Gleichung so aus:

0 = f * (r +d – E * (d + 2S) + S) + E * (d +2S) + α – S

Die Gleichung an sich sieht nun etwas sehr theoretisch aus. Also zeige ich euch wie man damit sehr gut eine durchaus oft vorkommende Situation analysieren könnte.

Hero(400$)
BU(400$)

Preflop: Hero is CO with A , 7
UTG folds, MP3 folds, Hero raises to 14$, BU raises to 48$, 2 folds, Hero ???

Sollten wir hier direkt All-In pushen, obwohl wir 100BB deep sind? Kann das gut sein?
Schauen wir uns die Sache doch mal etwas genauer an. Mit welcher Range würde uns einer sehr tighter Gegner hier callen?

QQ+, AKs, AKo

Wie sieht unsere Equity hier aus? Sie liegt bei 28,35%!! Der nächste Schritt ist nun, die zu benötigende Foldequity zu berechnen auf Basis unserer oberen Gleichung. Umgestellt ergibt sich folgendes für die Foldequity f:

f = -(E * (d +2S) + α – S) / (r + d – E * (d+2S) + S)

Geben wir unsere Werte ein, so erhalten wir eine benötigte Foldequity f von 0.69844. Er müsste also 69.84% seiner 3-Bettingrange folden, so dass wir selbst gegen so einen Gegner einen +EV-Push mit dieser Hand hätten.

Woher wissen wir nun wie seine 3-Bettingrange auszusehen hat. Hier gibt es zwei mögliche Wege diese zu erstellen.

Weg 1: Equilator und eine prozentuale Betrachtung der Ranges

1. Wir schauen in Equilator nach, wie groß seine prozentuale Callingrange ist. In diesem Fall beträgt sie 2,6%

2. Nun nehmen wir eine einfache Dreisatzrechnung aus der Grundschule vor, um zu schauen, wie groß seine prozentuale 3-Bettingrange sein muss.

x = 2,6 / (1 - 0,6984)*100
x = 8.62 %

3. Unser x entspricht der prozentualen 3-Bettingrange. Diese geben wir nun im Equilator ein, wobei wir immer den größeren Wert nehmen, falls der Equilator uns nicht den genauen Wert angeben kann.

8,62% entsprechen hier nun einer 3-Bettingrange von 88+, ATs+, KTs+, QJs, AJo+, KQo (Ich nehme hier der Einfachheit halber die Toprange aus dem Equilator. Diese muss aber nicht immer zutreffen, da manche Spieler ihre 3-Bettingrange polarisieren.)

Weg 2: Manuell die Handkombinationen zählen

1. Wir berechnen die möglichen Handkombinationen seiner Callingrange. In diesem Fall beträgt sie 27 (12x AK, 6x QQ, 6x KK, 3x AA) Wir müssen hier natürlich Deadcards (in diesem Fall unser A) aus dem Deck herausnehmen

2. Wir nehmen wieder eine einfache Dreiatzrechnung vor, um zu schauen, aus wie vielen Handkombinationen seine 3-Bettingrange mindestens bestehen muss

x = 27 / (100 – 69,84) * 100
x = 89,5 (Hier runden wir immer auf um in dem +EV Spot zu gelangen)
x = 90

3. Wir sind nun selbst kreativ und erstellen dem Gegner eine individuelle 3-Bettingrange aus 90 Handkombinationen und überlegen dann, ob diese zu tight oder zu loose für ihn in diesem Spot wäre.

Ein Beispiel wäre hier: (12x AK, 12x AQ, 16x KQ, 6x 88, 6x 99, 6x TT, 6x JJ, 6x QQ, 6x KK, 3x AA, 4x QJs, 4x JTs, 4x T9s)

Mit beiden Wegen können wir uns individuelle 3-Bettingranges erstellen und je nachdem, ob wir glauben, dass der Gegner looser oder tighter 3-bettet herausfinden, ob ein Push hier +EV ist oder nicht.

Normalerweise verwendet man bei solch einer Analyse die Variante über den Equilator. Falls man jedoch gerade keinen PC zur Hand hat, dennoch aber solch eine Überlegung tätigen möchte, so kann man dies, wie oben beschrieben, auch manuell mit dem Zählen der Handkombinationen machen.

Nun aber zurück zur Hand und etwas allgemeines zum direkten Pushen...
Auf Basis der Analyse können wir je nach Gegner nun sagen, ob wir von ihm denken, dass seine 3-Bettingrange größer oder kleiner ist wie die benötigte, so dass wir hier einen +EV-4-Bet-Push mit 100BB-Stacks machen können. Wir sehen also, dass wir durchaus mit suited Assen solch einen direkten Push tätigen können, so dass dieser für sich allein gesehen +EV ist.

Bei solch einem aggressiven Preflop-Pushen ist natürlich zu bedenken, dass wir, wenn wir ein paarmal von KK oder QQ gecallt werden, durchaus ein Maniac-Image am Tisch haben werden, was uns wiederum in anderen Situationen zum Vorteil/Nachteil sein kann.

Falls ihr also selbst mal einen Gegner seht, der solch harte 4-Bet-Pushes macht und ihr ihn mit KK callt und er ein suited Ass hat, so solltet ihr dementsprechend auch nicht direkt denken, dass dieser Kerl keine Ahnung hat, von dem was er da überhaupt macht, er kann hier durchaus einen +EV-Push gegen euch gemacht haben.

Durch die obere Beschreibung könntet ihr nun die Rollen vertauschen und eure Ranges hernehmen, mit denen ihr callt/3-bettet, und so eventuell herausfinden, wie sehr man euch exploiten kann. Es ist dann natürlich nicht schlimm, wenn man feststellt, dass man exploitet werden kann. Der Knackpunkt ist es, das am Tisch zu erkennen und sich dementsprechend mit seinen eigenen Ranges anzupassen, so dass man nun den Gegner wiederum exploiten kann.

Insgesamt gesehen ist es einfach eine Stylefrage, ob man preflop so spielen möchte und mit einem solchen Tableimage auch umgehen kann.

Wir sollten jedoch bedenken, dass die Frage des effektiven Stacks hier eine enorme Rolle spielt. Spielen wir beispielsweise mit 600$-Stacks, so müssten wir in der oberen Situation eine Foldequity f von 78,21% erzeugen, so dass der Push an sich +EV wird.

Man sollte sich also stets genau die Parameter anschauen, wenn man diese Strategie in sein Spiel einbinden möchte und nicht einfach wild mit suited Assen preflop rumpushen. Ansonsten kann es sein, dass man bei zu großen Stacks –EV-Pushes macht und später dann die negativen Resultate auf die höhere Varianz dieser Strategie schiebt.

Nun geht es aber zu der interessantesten Konstellation, welche wohl die meisten von euch brennenst interessieren wird.

Normale 4-Betsizing
Welche 4-Bettingsize sollten wir wählen, wenn wir nicht direkt pushen wollen? Wir gehen bei dieser Überlegung davon aus, dass der Gegner, wenn er ein weiteres Mal erhöht, direkt All-In geht.

Sollten die Stacks so groß sein, dass der Gegner 5-betten kann, ohne direkt All-In zu sein und durch die großen Stacks ein weiteres Postflopspiel möglich ist, so ist dies hier nicht mitabgedeckt. Wobei man natürlich sich fragen sollte, inwiefern eine 4-Bet bei so enorm deepen Stacks sinnvoll wäre und ob hier nicht ein Call der 3-Bet eventuell ebenfalls seine Vorteile hätte.

An unsere Betsize stellen wir eine wichtige Vorraussetzung: Wir wollen uns nicht mit der 4-Bet commiten!! Wir wollen auf eine 5-Bet folden können, ohne dabei einen –EV-Move machen zu müssen.

Also schauen wir uns diesen Punkt doch als ersten an und versuchen, dafür eine mathematische Gleichung aufzustellen, so dass wir anhand dieser sehen können, wie viel wir höchstens setzen sollten.

Der Ansatz, um solch eine Gleichung aufzustellen, geht über die Pot Odds und die Odds, welche wir zum Callen benötigen würden. Der besseren Anwendbarkeit wegen stelle ich nun eine Ungleichung auf, so dass wir daran direkt sehen, mit welcher Betsize wir uns gerade nicht commiten wüden.

(1 – E) / E > (S + d + ß) / (S – ß)
ß < -E * (2S – d) + S

Erläuterung zu den Variablen:

Equity vs. Gegnerische 5-Bet Pushingrange: E
Effektiver Preflopstack: S
Deadmoney: d
Unsere 4-Betsize: ß

Nehmen wir nun ein direktes Handbeispiel, anhand dessen wir diese Erkenntnis anwenden.

Hero(400$)
BU(400$)

Preflop: Hero is CO with T , 8
UTG folds, MP3 folds, Hero raises to 14$, BU raises to 48$, 2 folds, Hero ???

Der BU wird uns hier auf eine 4-Bet nur noch mit QQ+, AQs+, AKo 5-Bet pushen. Wir hätten hier also eine Equity von nahezu exakt 30%

Wie hoch dürften wir also nun höchstens 4-betten, so dass wir uns nicht commiten würden?

ß < -0,3 * (2 * 400$ – 6$) + 400$
ß < -241,8$ + 400$
ß < 158,2$

Würden wir nun also auf mehr als 158,2$ 4-betten, commiten wir uns mit unserer Hand gegen die gegnerische Pushingrange und müssten demzufolge auch einen Push callen, da im Falle eines gegnerischen 5-Bet Pushes ein Call einen höheren EV hätte als ein Fold.

Super, was hat uns das Ganze nun gebracht? Wir können nun für das obere Beispiel unsere 4-Bettingsize eingrenzen. Sie darf zwischen 82$ (eine Min4bet) und 158$ (einer non-commiting 4-Bet) liegen.

Wir konnten durch unsere Vorraussetzung, dass wir uns mit unserer 4-Bet nicht commiten wollen, die mögliche Betsize eingrenzen, wissen nun aber noch nicht, welche denn jetzt die „perfekte“ 4-Bettingsize ist.

Was wir bisher noch nicht betrachtet haben ist, ob unsere 4-Bet Preflop überhaupt +EV ist bzw. ab wann sie +EV wird. Hier gilt der ähnliche Ansatz wie bei einem direkten 4-Bet-All-In-Push.

Wir müssen mit unserer 4-Bet so viel Foldequity erzeugen, so dass der Gegner genügend Hände aus seiner 3-Bettingrange foldet und wir damit oft genug den Pot preflop mitnehmen können. Im Vergleich zum 4-Bet-All-In-Push, welcher ein Semibluff war (bei einem Call können wir noch gewinnen), ist unsere 4-Bet hier ein purer Bluff (foldet der Gegner nicht, sondern 5-bettet uns, so müssen wir folden und haben keine Chance, etwas zu gewinnen).

Ein weiter Unterschied beider Strategien sind die Ranges, welche wir als Referenz betrachten. Pushen wir direkt All-In, so interessiert uns die Callingrange des Gegners.

4-Betten wir normal, so interessiert uns die 5-Bettingrange des Gegners. Diese beiden Ranges sind oftmals unterschiedlich. Gerade, wenn man sehr oft direkt All-In pusht, kann es vorkommen, dass die Callingranges der Gegner größer sind wie ihre eigenen 5-Bet-Pushingranges, da sie euch schon mit A4s pushen gesehen haben und dementsprechen nun mit ATs callen würden, was sie selbst jedoch nicht 5-Bet pushen würden, wenn man ein „normales“ 4-Betting-Image hat.

Beide Strategien erstreben demzufolge auch unterschiedliche Tableimages, daher kann man pauschal auch nicht sagen, dass eine Strategie besser als die andere ist, da es insgesamt in eurem Spiel dann einfach passen muss. Sicherlich ist jedoch dass „normale“ 4-Bets einem selbst vertrauter sind, um es ins eigene Spiel zu integrieren, da man dadurch ein solides Image bewahrt.

Die Gleichung der benötigten Foldequity bei einer 4-Bet berechnet sich nun so wie bei einem puren Bluff am River. Wir müssen schauen, welche Odds wir auf unseren Bluff bekommen, um so zu sehen, wie viel Prozent der Hände unser Gegner weglegen muss, damit unser Bluff +EV ist.

Wie immer verwende ich die gleichen Variablen für unser Openraise, das Deadmoney etc. pp.

Somit gilt:

Potsize = α + r + d

Kosten der 4-Bet = ß – α

Für die benötigte Foldequity f gilt diese Gleichung, welche sich aus dem Verhältnis von Potsize und Kosten der 4-Bet zusammensetzt:

f = [(ß – α) / (α + r +d)] / [1 + (ß – α)/( α + r +d)]

Für diejenigen unter euch, die es nicht so mit dem Umstellen und Vereinfachen von Gleichungen haben, überspringe ich die Zwischenschritte und präsentiere euch direkt die vereinfachteste Form.

f = (ß – α) / (ß + r +d)

Geben wir nun unsere Parameter ein, so sehen wir, welchen prozentualen Anteil wir durch unsere 4-Bet bei der gegnerischen 3-Bettingrange zum Folden bringen müssen.

Ein Minraise sollte also,

f(82) = (82 – 14) / (82 + 48 + 6) = 0.5

den Gegner dazu bewegen, 50% seiner Range zu folden.

Das Maximumraise, welches uns nicht committed, sollte daher,

f(158) = (158 – 14) / (158 + 48 + 6) = 0.6792

den Gegner dazu bewegen 67,92% seiner Range zu folden.

Wir sehen, dass ein Unterschied von 76$ ein Zuwachs von 17,92% an Foldequity benötigt. Ist das nun enorm? Erreichen wir solch eine Steigerung der Foldequity?

Oft ist es so, dass der Gegner kaum auf die 4-Betsize achtet, da er direkt denkt, dass er sich nun in einer „Push-or-Fold“-Situation begibt. Das bedeutet für uns, dass die erzeugte Foldequity einer 105$ Betsize und einer 140$ Betsize nahezu identisch sind. Daher müssten wir einen Aspekt noch einmal genauer betrachten, welchen ich anfangs vorausgesetzt hatte.

Unser Gegner soll auf unsere 4-Bet folden oder pushen. Wir wollen keinen Call haben, da wir sehr ungern bei einem solch kleinem Pot/Reststack-Verhältnis postflop spielen wollen, da wir dort sehr schnell durch eine Bet committed sind.

Wir sollten daher ein direktes Minraise eher vermeiden, da es bei zu häufiger Anwendung zu viele Calls provoziert.

Ich würde hier in dieser Situation also dazu tendieren, je nach Gegner und History eine 4-Betsize zwischen 102$ und 115$ zu wählen.

Umso öfter wir einen Gegner natürlich schon gereraist haben, desto wahrscheinlicher wird es, dass er zurückspielen wird. Das Wissen über das Wie (Call oder Push) bringt uns natürlich einen Informationsvorteil, welchen wir in unsere 4-Betsize einfließen lassen sollten.

Ihr seht also, selbst mit dem Versuch, unser Problem der 4-Betsize auf eine mathematische Ebene zu bringen und es auf diesem Wege zu lösen, kann ich euch nicht mit einem Chart aushelfen, bei dem ihr nur noch auf die Betsizes, effektiven Stacks und Hands achten müsst und eine perfekte Betsize ablesen könnt.

Durch die Gleichungen kann ich nur eine Möglichkeit bieten, selbst zu schauen, ob ihr, sofern ihr den Gegner auf einigermaßen akkuraten Ranges setzen könnt, seine Strategie demzufolge exploitet, weil er:

a) einen zu großen Anteil seiner 3-Bettingrange auf einen Push foldet
b) einen zu großen Anteil seiner 3-Bettingrange auf eine normale 4-Bet foldet.

Ich hoffe natürlich, dass trotz des fehlenden Charts euch dieser Artikel soweit einiges über die Möglichkeiten der 4-Betsize gezeigt hat, dass ihr selbst eure „Line“ für euer persönliches Spiel findet.

In diesem Sinne, viel Spass und Erfolg an den Tischen,
euer Sammy