Aktualisiert am 12 März 26 von

Entwicklung unseres Skills

Einleitung

Diese Woche habe ich mir etwas besonderes ausgedacht. Ich denke, dass das am besten hier im 1/2, 2/4 Forum aufgehoben ist, da man spätestens auf diesen Limits einige starke Veränderungen in sein Spiel einfließen lassen muss. Diesmal wird es nicht um Hände oder bestimmte Entscheidungen gehen, sondern um Euch und darum, dass ihr zu verstehen lernt, wo ihr steht und was es brauchen wird, um weiter zu kommen.

Zielpersonen

Natürlich ist es nicht die Pflicht eines jeden, so hoch zu kommen wie möglich bzw so gut wie möglich zu werden. Dieser Text richtet sich an diejenigen, die das Optimum aus sich herausholen wollen. Sätze wie: Werdet niemals Satt sollen hier nicht negativ verstanden werden --> Wer glaubt, ein Problem mit dem Spielen zu haben, sollte selbstverständlich die Finger davon lassen und sich Hilfe suchen. Zusätzlich beziehen sie sich auf das Lernen von Poker und das Verbessern der eigenen Fähigkeit zur Entscheidungsfindung, nicht auf das übermäßige Spielen. Ich werde gewiss niemals satt etwas über Poker zu lernen, aber man muss mich teilweise schon dazu drängen, dass ich überhaupt hier und da eine Hand spiele.

Zunächst möchte ich, um die Tragweite der eben angesprochenen Veränderungen zu skizzieren, den PS.de Weg des Erlernens von Poker näher beschreiben.

Der Pokerstrategy-Weg

Im Grunde sieht der PS.de Weg das Spiel Poker zu erlernen aus wie folgt:

Ein neu angemeldeter User bekommt das Startinghands Chart in die Hand gedrückt und ihm wird über die ersten Artikel erklärt, wann er drawen sollte und wann folden und wie er sein Top Pair und besser zu spielen hat. Nun ist das zwar im ersten Moment nicht der optimale Weg, Poker zu spielen, da man im Grunde ja nur zaghafte Annäherungen an ein Preflop-Spiel macht und auch das vermittelte Post-Flop Spiel weit entfernt von einem Optimum ist.

Nun stelle man sich aber vor, man würde einem Anfänger gleich mit dem ORC und der PreFlop expert Theory kommen, man würde ihm eine Gleichung über Protection und Semibluffs vorsetzen: 90% der Spieler (wenn nicht mehr) wären überfordert und sofort demotiviert.
Vereinfachungen und das Erlernen von Automatismen (Bet/3Bet Flop etc) sind also ein entscheidender Teil unserer Skillentwicklung.
Wir lernen, wie man ein Top Pair im HU und 3-Handed etc. spielt. Wir lernen, wie wir einen Flushdraw spielen. Und oft stellt sich bei uns das Gefühl des Abhakens einer Situation ein.

Nehmen wir zB. eine Hand und drei, von mir bestimmte, Entwicklungsstufen unseres Skills.

ich werde das Ganze etwas abkürzen, da es nicht um die jeweiligen Spielweisen im Einzelnen geht.

Variante A

Preflop: Hero is BB with A, 9
7 folds, BU raises, SB folds, Hero calls.

Flop: (4.50 SB) A, T, 2 (2 players)
Hero checks, BU bets, Hero raises, BU calls.

Turn: (4.25 BB) 5 (2 players)
Hero bets, BU raises, Hero calls.

River: (8.25 BB) 6 (2 players)
Hero checks, BU bets, Hero calls.

Final Pot: 10.25 BB

Variante B

Preflop: Hero is BB with A, 9
7 folds, BU raises, SB folds, Hero calls.

Flop: (4.50 SB) A, T, 2 (2 players)
Hero checks, BU bets, Hero calls.

Turn: (3.25 BB) 5 (2 players)
Hero checks, BU bets, Hero calls.

River: (5.25 BB) 6 (2 players)
Hero checks, BU bets, Hero calls.

Variante C

Preflop: Hero is BB with A, 9
7 folds, BU raises, SB folds, Hero 3-bets, BU calls.

Flop: (4.50 SB) A, T, 2 (2 players)
Hero bets, BU calls.

Turn: (3.25 BB) 5 (2 players)
Hero checks, BU bets, Hero raises, BU calls.

River: (5.25 BB) 6 (2 players)
Hero bets, BU calls.

Nun haben wir drei Varianten der selben Hand, drei unterschiedliche Lines gesehen. Natürlich ist nicht jede gleich gut, aber ich möchte meinen, dass sich die Qualität der Line von Variante A nach C verbessert (auch wenn das natürlich Read abhängig ist).

Aber darauf will ich nicht heraus. Viele Spieler erreichen eine dieser Stufen

A: Erlernen der Standard Moves
B: Erkennen einer Ausnahmesituation und der Nachteile eines Standard Moves
C: Anpassung an Equity Gedanken und Optimale Aggression bei Ausnutzung der gegnerischen Schwächen.

Und denken sofort bei Meisterung des jeweiligen Leistungsstandes, diese Situation nun abgehakt zu haben und weiter machen zu können.
Dieses Denken ist für Anfänger auch durchaus Positiv, da es bei ihnen den klaren Vorrang hat, ein Grundgerüst zu erschaffen.

Aber : Ist die Phase, ein Grundgerüst zu erschaffen, abgeschlossen, ist ein solches Denken stark kontraproduktiv für euer Weiterkommen!

Wichtig ist, dass ihr nun, nachdem ihr 50c/1$ SH hinter euch gelassen habt, anfangt, schlicht alles zu hinterfragen. Es gibt vielmehr im Pokern zu entdecken, als ihr euch heute vorstellen könnt. Eine Unzahl an Faktoren beeinflusst jede einzelne Entscheidung. Allein Gegner spezifische Reads(damit meine ich keine Stats) können eine Line um 180° drehen.

Wenn es euer Ziel ist, euch permanent zu verbessern:

Vermeidet Automatismen!

(Dieser Punkt wurde bereits im Artikel Scripting angesprochen, wurde allerdings in meinen Augen zuwenig beachtet).

Keine Situation ist wie die andere und sollte somit auch jedesmal neu überdacht werden. Korn selbst sagte einmal, dass Standard Lines so heißen, weil sie oft angewendet werden, nicht, weil sie immer angewendet werden.
Versucht also das nächste Mal zu ergründen, warum ihr hier "Call Flop Raise Turn" spielt: Was spricht gegen einen Raise am Flop? Gibt es vielleicht Argumente, die für einen River Raise sprechen oder hat Bluffinduce doch mehr Value ?
Versucht, die einzelnen Vor- und Nachteile von Moves zu ergründen. Fragt euch: Mit welcher Intention spiele ich "Call Flop Raise Turn"? Erst wenn ihr vollkommen verstanden habt, warum ihr eine gewisse Sache tut, könnt ihr sie auch richtig anwenden. Bestes Beispiel ist hier wohl ein Fremdwort, dass sich furchtbar gut anhört, aber erst vernünftig zu benutzen ist, wenn man dessen Bedeutung vollends verstanden habt.

Nicht, dass ihr das hier falsch versteht: Es ist nichts verkehrtes an Standardmoves und gerade der Move "Call Flop Raise Turn" hat sehr viel Stärke gegen die meisten Gegner, da es vielen unmöglich zu sein scheint sich daran anzupassen.

Der zweite und fast noch wichtigere Regel :

Werdet niemals satt!

Hier ist wohl der schwierigste Part des ganzen erreicht. Normalerweise lebt die Motivation eines Menschen aus dem Erreichen von Zielen. Beim Pokern wäre das also: Das Meistern des Spiels, die Perfektion von Entscheidungen etc. .
Das Problem ist aber folgendes: Wir werden das Pokerspiel niemals meistern, weil es immer die Möglichkeit einer Verbesserung unseres Skills gibt.

Nun könnte man natürlich sagen : Ich will Geld verdienen, das soll meine Motivation in Sachen Pokern sein.
Nun, zum einen sind viele von euch noch weit davon entfernt, zum ersten mal auf 5/10 eine ordentliche Summe abheben zu können (natürlich könnt ihr auch vorher schon auscashen, mir persönlich war auf 2/4 oder 3/6 nur einfach das Verhältnis zwischen Arbeit und Lohn nicht gut genug), zum anderen ist eure Bankroll Swings unterworfen. Diese Swings gefährden natürlich kurzfristig eure Motivation.

Aufgrund dessen bin ich der Meinung, dass der einzig machbare Weg, sich zu motivieren, in der Freude an einer Verbesserung eures Spiels und Pokerverständnisses liegt. Diese Motivation ist das einzige, was quasi unabhängig von äußeren Einflüssen existieren kann, und die Freude an einer guten Entscheidung kann auch durch einen Beat nicht gedrückt werden.

Mit dieser Motivation ist es euch nun also möglich, euch eben nicht auf erreichten Limits oder Skillständen auszuruhen. Hinterfragt alles und jeden und fragt nicht: kann ich hier folden... Fragt nach Argumenten, Faktoren.

Ruht euch nicht auf erreichten Zielen aus und werdet nicht satt.

Das ist in meinen Augen der Schlüssel zum langfristigen Erfolg.

Ich hoffe, ich konnte euch auch dieses Mal etwas mit auf den Weg geben. Natürlich erfüllt dieser Text nicht für jeden Leser seinen Sinn. Ich hoffe trotzdem, dass ich einigen von euch klar machen konnte, welche Einstellung man im Pokern braucht, wenn man es zu etwas bringen will bzw. sich das Ziel gesetzt hat in hohen Limits zu spielen.

MfG,

Milamber