Aktualisiert am 25 Feb. 26 von

Kolumne: Wie habt ihr den Black Friday erlebt?

Nach genau einem Jahr wirft PokerStrategy.com-Redakteur Barry Carter einen Blick zurück auf den berüchtigtsten Tag der bisherigen Online-Pokergeschichte und erörtert, wie sich die Pokerindustrie seit dem Black Friday entwickelt hat.

Man weiß, dass ein Ereignis seinen Abdruck in der Geschichte hinterlassen hat, wenn man zu Recht fragen kann: "Wie habt ihr den Tag erlebt, als es passierte?" In der Pokerszene wird diese Frage seit dem 15. April des vergangenen Jahres stets lauten: "Wie habt ihr den Black Friday erlebt?"

Es ist schwer zu glauben, dass es ein Jahr her ist, seit Pokerspieler auf der ganzen Welt mit der berüchtigten FBI-Warnung konfrontiert wurden. Manchmal hat man das Gefühl, es sei erst gestern passiert. Manchmal wiederum wirkt es, als hätte sich die Pokerszene in den letzten zwölf Monaten so sehr verändert, dass ich mich gar nicht recht daran erinnern kann, wie sich die Dinge vor dem 15. April 2011 darstellten.

Meine persönliche Black Friday-Story ist aus einer Reihe von Gründen ziemlich interessant. Zunächst war er es der Tag, an dem jaredtendler und ich zusammen ein Buch veröffentlichten. Ihr habt richtig gelesen, wir haben ungewollt ein Pokerbuch am schlimmsten Tag der Pokergeschichte auf den Markt gebracht. Ein für uns denkbar schlechter Zufall.

Wo wart ihr, als die Warnung des FBI online ging?

FBI
Die berüchtigte FBI-Warnung

Aber persönliche Wehwehchen beiseite. Als die FBI-Warnung online ging, befand ich mich in einem sehr interessanten Poker-Mikrokosmos. Ich hielt mich zu der Zeit im Dusk Till Dawn Club im britischen Nottingham auf und arbeitete an der Übertragung des PartyPoker Big Game.

Ich schätze, es ist ein gutes Zeichen für die Erholung der Pokerindustrie, wenn zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels, der Dusk Till Dawn Club ein Event mit einem garantierten Preispool von £1 Million veranstaltet und das PartyPoker Big Game am Rande der WPT Wien in seinem neuen Zuhause, dem Montesino Casino, regelrecht aufblüht.

Der Dusk Till Dawn Club war am 15. April 2011 jedenfalls prall gefüllt und langsam aber sicher wurde aus anfänglichem Geflüster lautstarkes Geplapper: "Hast du es gehört?", "Ist es wahr?", "Ist das dein Ernst?" Im gesamten Club machte sich ein Gefühl der Fassungslosigkeit und des Zweifels breit. Man war nicht etwa verärgert, besorgt oder traurig, sondern einfach nur komplett überrascht.

Ein interessanter Aspekt war, dass man das gesamte Wochenende über von PartyPoker-Mitarbeitern umgeben war. Auf dem Papier waren das die Jungs, die wohl am meisten von den Ereignissen profitierten. Sie waren Teil des größten Pokerraums, der nicht von den Beschlagnahmungen des US-Justizministeriums betroffen war. Während sich also die Zukunft für viele der Betroffenen ungewiss darstellte, sollte man meinen, dass es Party-Zeit für die Leute von PartyPoker war?

Anerkennend muss man jedoch sagen, dass Schadenfreude, Witze oder gar Feierlichkeiten auf Seiten von PartyPoker ausblieben. Die Champagnerkorken knallten an diesem Wochenende also nicht. Ich glaube, die Leute realisierten sehr schnell, dass die Ereignisse letzten Endes negative Konsequenzen für die gesamte Pokerindustrie haben würden und dass viele der Leute, mit denen man Seite an Seite zusammenarbeitete, auf äußerst negative Art und Weise von den Geschehnissen betroffen waren.

Der Überbringer schlechter Nachrichten

leatherass
Dusty Schmidt

Am für mich außergewöhnlichsten Moment des Tages war PokerStrategy.com-Coach Dusty 'leatherass9' Schmidt beteiligt. Ich bin recht gut mit Dusty befreundet, und auch wenn er der wohl fleißigste Grinder der Pokerszene ist, ist er keineswegs für seine Pünktlichkeit bekannt.

Eigentlich sollte er das Event zusammen mit Jesse May kommentieren, jedoch kam er wie immer zu spät. Die Show sollte in wenigen Minuten beginnen und mir wurde aufgetragen, Dusty so schnell wie möglich zu finden und ihn zum "Green Room" zu bringen.

Das Problem war, dass Dusty zu der Zeit auch Mitglied des Team PokerStars Online war. Als ich ihn also endlich gefunden hatte, musste ich ihn auf schnellstem Wege in das "Green Room" verfrachten und ihm im gleichen Atemzug die erschütternde Nachricht überbringen. Ich werde niemals vergessen, wie ich sagte, "Hey Dusty, man braucht dich umgehend im Green Room. Übrigens, das FBI hat Online-Poker in den USA stillgelegt." Er steckte es relativ gut weg, wahrscheinlich, weil er es gar nicht so richtig verarbeiten konnte, während wir eilig zur Kommentatorenkabine hetzten.

An diesem Wochenende waren auch recht viele Full Tilt-Pros vor Ort. Im Nachhinein wünschte ich, ich hätte mir mehr Zeit genommen, um mit ihnen über die Ereignisse zu sprechen. Allerdings konnte man damals noch nicht erahnen, welch unfassbare Wende die ganze Geschichte im Hinblick auf Full Tilt Poker nehmen würde. Ich erinnere mich, wie ich irgendwann die beiden FTP-Pros Mike Matusow und Andrew Feldman in einer Ecke des Saals erspähen konnte. Sie unterhielten sich und beide sahen nicht wirklich glücklich mit ihren bald schon verachteten Full Tilt-Abzeichen aus.

Die verzweifelte Suche nach Antworten

leatherass
Matusow beim Big Game am Black Friday

Als die erschütternde Nachricht die Runde gemacht hatte und das Wochenende seinen Lauf nahm, kann ich mich vor allen Dingen daran erinnern, wie verzweifelt die Leute nach Antworten suchten - und zwar nicht nach irgendwelchen Antworten in naher Zukunft, sondern nach sofortigen Antworten.

Neben Angst und Ungewissheit merkte ich vielen Pokerspielern, mit denen ich sprach, auch eine gewisse Ungeduld an. Das gesamte Wochenende über kamen Spieler auf mich zu und fragten mich, was nun meiner Meinung nach passieren würde.

Ich hatte zum Beispiel an einem Live-Stream gearbeitet und die dazugehörige Chatbox war gefüllt mit rund 4.000 Anfragen, die allesamt um weitere Informationen zu den Ereignissen baten. Das Big Game selbst war schon lange nicht mehr das Gesprächsthema. Zum wohl deprimierendsten und zugleich auch unvergesslichsten Moment kam es, als ein Pokerspieler mich um Folgendes bat: "Sag mir bitte einfach, was ich im Moment denken soll!"

Zwölf Monate später kann ich mir nicht wirklich vorstellen, was dieser Spieler angesichts der vielen noch ungeklärten Fragen nun denken mag. Wahrscheinlich hat er wie viele von uns ein geduldigeres und kritischeres Interesse an einer Regulierung von Poker entwickelt. Die größte Veränderung, die ich seit dem Black Friday in der Pokerszene feststellen konnte, ist das Ausmaß an Transparenz, auf das die Pokerspieler mittlerweile bestehen.

Gegenwärtig dreht sich der Großteil der pokerrelevanten Nachrichten vor allem um die Industrie und um Regulierungsmaßnahmen. Ich weiß schon gar nicht mehr so recht, welche Themen im Zentrum meiner Artikel vor dem 15. April 2011 standen. Ich denke, wir alle verlangen nun viel mehr von den Leuten, denen wir unser Geld anvertrauen. Und ich hoffe, dass die meisten Pokerspieler mich mittlerweile nicht mehr fragen würden, was sie denn eigentlich denken sollten, sondern die Lage selbst sehr gut einschätzen können.

Nachdem der Black Friday einigermaßen verdaut war, waren viele von uns der Meinung, dass die Ereignisse der Industrie wahrscheinlich auf lange Sicht helfen würden. Ich denke zwar nach wie vor, dass das stimmt, allerdings ist es ziemlich alarmierend, wie viel Ungewissheit es auch noch ein Jahr später gibt. Ich bin jedoch stolz auf die Arbeit, die PokerStrategy.com innerhalb der letzten zwölf Monate im Hinblick auf den Black Friday geleistet hat, indem wir euch stets über die neuesten und aktuellsten Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten haben.

Ich denke, grundsätzlich kann sich die Sachlage für Poker letzten Endes nur verbessern. Ich wünschte jedoch, dass wir nicht über den Black Friday sprechen müssten, als hätte er sich erst vor einer Woche ereignet.

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von Barry Carter