Aktualisiert am 25 Feb. 26 von

Wie können wir Poker für Freizeitspieler attraktiver machen?

Im Anschluss an Daniel Negreanus Einlassungen diskutiert Barry Carter, wie selbst die introvertiertesten Pokerspieler für mehr Spielspaß sorgen können.

//cdn-origin.pokerstrategy.com/2014/02/19/daniel-negreanu-2014-1.jpg2014 wird das Jahr, in dem "Poker wieder mehr Spaß machen soll." Die Diskussion darüber ist seit der harschen Kritik von Joe Hachem an den letzten Siegern des WSOP Main Events in vollem Gange und wurde von Daniel Negreanu und seiner Vision einer schönen neuen Pokerwelt weiter voran getrieben.

Im Detail sagte Negreanu:

“Mein Vision ist eine Pokerwelt, in der die Profispieler gemeinsame Zielen verfolgen und wir alle für das große Ganze zusammenarbeiten. In dieser Welt freuen sich Freizeitspieler darauf, mit den Profis am Tisch zu sitzen, um sich dort einen sportlichen Wettkampf liefern und unterhalten werden zu können. Gleichzeitig haben sie keine Angst, an den Tischen bloßgestellt zu werden und fühlen sich an ihnen wohl. In dieser Welt soll Poker zunächst einmal Spaß machen und der Wettbewerb zwischen den Spielern im Hintergrund stehen. In dieser Welt denken die Spieler zuerst daran, was für die Community als Ganzes gut ist und wissen, dass sie am Ende genau davon profitieren werden."

Obwohl mir Negreanus Vision einer neuen Pokerwelt sehr gefällt, glaube ich kaum, dass wir ernsthaft von allen Pokerspielern erwarten können, ihr Verhalten am Tisch komplett zu verändern.

Große Veränderungen fangen immer mit kleinen und leicht umzusetzenden Schritten an. Von allen zu erwarten, sich demnächst wie Antonio Esfandiari zu verhalten, ist sehr unrealistisch; darauf zu hoffen, dass alle Spieler am Tisch einen Neueinsteiger mit einem freundlichen "Hallo" begrüßen dürfte jedoch durchaus realistisch sein.

Wer beherrscht noch Small Talk?

//cdn-origin.pokerstrategy.com/2014/02/19/kamikaze-bingo-04-1024.jpgDas größte Problem ist meiner Meinung nach nicht, dass die meisten ambitionierten Spieler besonders unfreundlich wären, sondern eher dass sie zumeist sehr introvertiert sind. Small Talk gehört oft nicht zu ihren Stärken. Zwar lernt man am Pokertisch viel über andere Menschen, soziale Fertigkeiten bekommt man aber nicht zwangsläufig beigebracht.

Aktuell gibt es eine ganze Generation von Spielern, die nach der Schule oder Uni außer Pokern nichts gemacht haben. Das ist natürlich etwas anderes als die meisten anderen Menschen mit "normalen Jobs", die 40 Stunden pro Woche mit ihren Kollegen mit verschiedenem Alter, Geschlecht und anderer Herkunft zusammenarbeiten.

Der Gegensatz zur Schul- oder Unizeit, in der man in Cliquen unterwegs ist und zur Pokerwelt, in der man oft auf Gleichgesinnte trifft, ist groß. So kenne ich viele Pokerspieler, die Small Talk hassen, obwohl die Fähigkeit dazu zu den sozialen Kompetenzen gehört, mit denen man andere Menschen am schnellsten für sich gewinnen kann.

Ich will es mir aber nicht zu einfach machen und behaupten, dass die Fähigkeiten, die einen guten Pokerspieler ausmachen, eher in sozial ungelenken Menschen zu finden sind. Sicher bin ich mir jedoch, dass Poker ein Bereich ist, in dem sich zurückhaltende Menschen wohlfühlen - vor allem natürlich beim Online-Poker.

Ich selbst halte mich für eine recht umgängliche und extrovertierte Person, habe aber nach Jahren der Arbeit vom heimischen Schreibtisch aus bemerkt, dass ich etwas zurückhaltender geworden bin als zuvor. Bei jungen Online-Pokerprofis muss das noch stärker ausgeprägt sein, da sie wahrscheinlich nie die Erfahrung gemacht haben, mit Kollegen zu arbeiten und nie diesen Lebensstil kennenlernen konnten.

Digitales Angstsyndrom

//cdn-origin.pokerstrategy.com/2014/01/23/Event_62_Day_02C_FUR_0589.jpgNatürlich betrifft dies nicht nur die Pokerwelt, sondern ist in unserer Gesellschaft heutzutage überall anzutreffen, seitdem jeder unbegrenzten Zugang zum Internet hat. Mehr Menschen als je zuvor sind in der Lage, von zuhause aus zu arbeiten, und selbst in der Öffentlichkeit haben wir dank Smartphone und Tablet unendliche Möglichkeiten, um uns aus sozialen Interaktionen auszuklinken.

Es dürfte genauso schwer sein, Pokerspieler am Tisch vom Spielen an ihren Smartphones abzuhalten, wie "normale" Menschen davon, in Bars oder Restaurants genau das gleiche zu tun. Dieses "Fear of Missing Out" genannte Syndrom beschreibt, warum wir immer wissen wollen, was online so los ist - und dabei nicht mehr bemerken, was direkt vor unseren Augen passiert.

Dabei geht es nicht um eine Konfrontation zwischen Jung und Alt. Zwar haben sich die meisten meiner Beispiele eher auf die jüngere Generation der Pokerspieler bezogen, was aber vor allem daran liegt, dass sie den Großteil der Spieler ausmachen. Trotzdem kenne ich zahlreiche ältere und/oder Live-Spieler, denen größere Soft Skills ebenfalls nicht schaden könnten. (So waren in die einzigen Vorfälle von Sexismus und Rassismus an Live-Tische, die ich erlebt habe, ausschließlich ältere Spieler involviert.) Die Debatte dreht sich also nicht um Alt vs. Jung oder Online vs. Live und sollte nicht in diese Richtung abgleiten.
 

Wie wir Freizeitspieler an die Tische bekommen

//cdn-origin.pokerstrategy.com/2014/02/19/51cc0bf637c81.pngNatürlich verfolgen alle, die ein größeres Engagement der Pokercommunity fordern, auch ihre eigenen Ziele - in diesem Fall haben wir es aber mit einer der seltenen, klassischen Win-Win-Situationen zu tun. Daniel Negreanu wird es leichter haben, weil es mehr 'schlechte' Spieler geben wird; in der Pokerindustrie Beschäftigte wie ich werden profitieren, weil der Markt insgesamt wächst; und auch Freizeitspieler haben mehr davon, weil ihnen das Spiel wieder mehr Spaß machen wird.

Wir sollten jedoch aufpassen, bei all unseren Versuchen, das Spiel attraktiver zu machen, nicht wie manipulative Abzocker herüber zu kommen. Auch wenn es vielleicht genau das ist, was wir eigentlich sind, sollten wir offen und ehrlich sein und versuchen, so viel Integrität wie möglich zu bewahren.

Meine Sicht der Dinge wurde wesentlich von einer schon einige Jahre zurückliegenden Erfahrung (von der ich schon oft erzählt habe) geprägt. Damals hatte ich meiner Mutter zu ihrem Geburtstag das Buy-in zu ihrem ersten Live-Turnier überhaupt geschenkt. Aufgrund ihrer schlechten Erfahrungen mit den Trollen in den Chatboxen der Online-Pokeranbieter hatte sie immer etwas Angst vor der Atmosphäre beim Live-Poker.

Bei ihrer Live-Poker-Premiere hatte sie allerdings das Glück, mit der britischen Pokerlegende Tony 'Tikay' Kendall am Tisch zu sitzen, der mustergültig vorführte, wie man sich Einsteigern gegenüber verhalten sollte. Er unterhielt sich nicht nur freundlich mit ihr und erklärte ihr die Etikette beim Live-Poker, sondern wies auch alle neuen Spieler und Dealer darauf hin, dass sie zum ersten Mal dabei wäre und man etwas Rücksicht nehmen sollte. Und natürlich hat er sich mit ihr über jede gewonnene Hand gefreut. Obwohl er sie dann am Ende aus dem Turnier geworfen hatte, war meine Mutter glücklich darüber, ausgerechnet gegen den netten Gentleman verloren zu haben, der sie so gut unterhalten hatte. Sie hatte großen Spaß bei ihrem ersten Turnier ohne auch nur einen einzigen Penny zu gewinnen.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass einer der üblichen Tische, an denen nur geschwiegen wird, ziemlich abschreckend gewirkt hätte. So spielt sie aber noch heute regelmäßig Live-Poker.
 

Kleine Schritte für ein großes Ziel

//cdn-origin.pokerstrategy.com/2014/02/19/Poker-at-home.jpgWenn wir Poker im Jahr 2014 unterhaltsamer machen wollen, sollten wir den eher introvertierten Spielern beibringen, wie sie mit Freizeitspielern umgehen könnten.

Auch wenn die Videoserie 'Wie macht man Small Talk' bei PokerStrategy.com wahrscheinlich nicht besonders beliebt wäre, wäre sie im Moment wahrscheinlich genau das, was die Pokerwelt braucht.

Es ist gut, dass sich zurzeit so viele Leute über dieses Thema Gedanken machen, aber wenn wir wirklich vorankommen wollen, sollten wir nicht über die großen Visionen nachdenken, sondern über die kleinen Schritte reden, die jeder von uns beim nächsten Mal sofort umsetzen kann und die das Spiel für alle spannender machen.

Ich möchte mit einigen Vorschlägen meinen Teil dazu beitragen. Viele werden zwar sagen, dass das nichts bringen würde, aber ich finde es erstaunlich, wie viele Spieler von einfachsten Verhaltensregeln noch nie gehört zu haben scheinen:

• Wir sagen "Hallo", "Viel Glück" und "Nice Hand." (Man muss kein großer Entertainer sein, um nett zu anderen Spielern zu sein.)
• Wir sprechen nicht über Strategien und weisen niemanden auf seine Fehler hin.
• Wir aktivieren an unseren Handys den Flugmodus und lassen es in unseren Taschen verschwinden. (Das könnte auch unserer Konzentration gut tun.)
• Wir unterhalten uns über das aktuelle TV-Programm des Casinos (meistens also Sport).
• Wir spielen Side Games wie das 7-2 Game.
• Wir machen Blödsinn und spielen beispielsweise What does Johnny Lodden Think?.

Was denkt ihr darüber? Mit welchen einfachen Schritten können wir Poker unterhaltsamer und attraktiver machen? Sagt uns eure Meinung in den Kommentaren.

von Barry Carter