Aktualisiert am 25 Feb. 26 von

Jason Somerville: "Ich definiere mich mehr über Poker als über meine Sexualität"

Im zweiten Teil unseres Interviews mit Jason Somerville erfahren wir, wie es ist, einer der ersten offen homosexuellen High-Profile-Spieler innerhalb der Pokerszene zu sein.

Dies ist Teil 2 unseres Interviews mit Jason Somerville. Werft vorab einen Blick auf den ersten Teil des Interviews, falls ihr ihn noch nicht gelesen habt.

"Die Trolle sind mir egal"

//cdn-origin.pokerstrategy.com/2014/03/17/jason-somerville-poker.jpgPokerStrategy.com: Zwei Jahre sind vergangen seit deinem Coming-out via Blogeintrag. Wie hast du die Zeit als einer der ersten offen homosexuellen High-Profile-Spieler seither erlebt?

Jason Somerville: Als ich den Blogeintrag verfasst habe, wusste ich, dass ich bereit dafür war, denn ich war gespannt auf die Resonanz aber nicht besorgt.

Ich hatte immer Angst, dass ich auf Zurückweisung treffen würde. Dass jede Interaktion, die ich nach dem Coming-out mit einzelnen Personen der Pokerszene haben würde, stets einen gewissen Unterton hätte oder dass es bei jeglicher Interaktion irgendeine Art von Wendung geben würde. Ich hatte befürchtet, dass mich jeder von nun an anders behandeln wird.

Je mehr Zeit jedoch verging, desto mehr merkte ich, dass es gar keine so große Sache war. Ich fühlte mich immer wohler. Letztendlich realisierte ich dann, dass es einfach ein Teil dessen ist, was mich ausmacht, und dass ich nicht ich selbst sein kann, wenn ich versuchen würde, das Ganze zu unterdrücken. Als ich mich schließlich für das Coming-out entschlossen hatte, war meine Hoffnung, dass die Menschen zumindest kein Problem damit haben würden – und ich habe mich natürlich auch auf einen gewissen Grad Nonsense vorbereitet. Ich war einfach bereit.

Glücklicherweise musste ich mich nie allzu sehr mit Unsinn befassen. Tatsächlich haben die Leute nicht nur mit den Schultern gezuckt, aus den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens haben mir die meisten sogar sehr viel Unterstützung zukommen lassen. Für mich persönlich war es einfach eine Sache, die ich tun musste, um den Rest meines Lebens auf glückliche Weise verbringen zu können.

PokerStrategy.com: Ich muss zugeben, dass ich etwas besorgt um dich war, denn ein großer Teil der heutigen Pokerkultur spielt sich in Foren ab, was natürlich auch viele Trolle bedeutet.

Jason Somerville: Das hatte mir in der Vergangenheit auch den einen oder anderen Albtraum beschert. Als mir klar wurde, dass ich diesen Teil von mir erkunden musste und in jener Zeit Online-Datingprofile und Ähnliches erstellte, hab ich immer befürchtet, dass irgendjemand aus dem NVG-Forum (2+2-Forum "News, Views, and Gossip") die Sachen finden würde. Es wäre nicht sehr schwer gewesen, zu erkennen, dass es sich dabei um mich handelt. Ich war bereits bekannt genug, dass mich jemand hätte erkennen können. Also hatte ich stets die Furcht, dass es zu einer Art von TMZ-Klatsch kommen könnte, dass man mein damaliges Geheimnis in den Foren breittreten würde.

Natürlich wird man mit ein paar Leuten konfrontiert, die dir Dinge wie, "Oh mein Gott, Schwuchtel!", an den Kopf werfen. Egal wohin man geht, man wird immer auf gehässige Leute und Trolle treffen. Mir ist das aber im Grunde egal. Man kann darüber nachdenken, darüber reden, darüber debattieren – am Ende des Tages musste ich diesen Schritt gehen und das Wissen, dass diese Dinge einfach nicht wichtig sind, verschafft mir ein gewisses Level an Selbstbewusstsein und Schutz.

"Ich weiß nicht, warum es nicht mehr offen homosexuelle Spieler gibt"

//cdn-origin.pokerstrategy.com/2014/03/17/MV5BMzQzMzMzNDg1N15BMl5BanBnXkFtZTcwMTI4ODI0OQ@@._V1_SY1200_CR84,0,630,1200_.jpgPokerStrategy.com: Es scheint etwas komisch, dass du im Jahre 2014 einer der einzigen offen homosexuellen High-Profile-Spieler bist.

Jason Somerville: Ja, das stimmt. Ich hatte erwartet, dass nach meinem Coming-out noch ein paar weitere Leute denselben Schritt gehen würden. Ich dachte, es würde andere geben, die dann sagen, "Achja, ich übrigens auch!", und dass ich dann mit, "Wenigstens bin ich nicht der Einzige", reagieren würde.

Nun sind zwei Jahre vergangen und ich bin mehr oder weniger nach wie vor der einzige Mann. Es gibt Leute, die sich mir gegenüber privat offenbart haben, aber aus unterschiedlichen Gründen den Weg des öffentlichen Coming-outs noch nicht gehen wollen. Dafür habe ich natürlich Verständnis.

Jeder trifft diese Entscheidung letztendlich für sich selbst. Nichtsdestotrotz ist es schon etwas merkwürdig, dass Vanessa und ich zumindest im Hinblick auf Spieler eines gewissen Niveaus nach wie vor die einzigen sind. Ich kann mir nicht ganz erklären, warum das so ist.

PokerStrategy.com: Glaubst du, dass etwas Bestimmtes weitere homosexuelle Spieler von einem Coming-out abhält, oder denkst du eher, dass irgendetwas an Poker homosexuelle Spieler eher abschreckt?

Jason Somerville: Darauf habe ich leider keine Antwort. Ich glaube, zu einem bestimmten Grad kann es daran liegen, dass Poker eine gewisse Machokultur innehat. Wir beide setzen uns an einen Tisch, einer von uns wird am Ende mehr Geld haben, der andere wird als Verlierer dastehen. Ich glaube, dass die heftige Konkurrenznatur, die Poker ausmacht, den einen oder anderen davon abbringt, wenn er nicht allzu kompetitiv aufgewachsen ist. Ich glaube deswegen gibt es auch weniger Frauen, die Poker spielen, da die Umgebung nicht wirklich Offenherzigkeit fördert.

Meine Theorie ist, dass Poker nicht unbedingt, den typischen offen homosexuellen Typen anspricht. Aber ich kann natürlich nicht sagen, ob das tatsächlich der Fall ist. Ich denke einfach, dass es nicht auf die richtige Weise vermarktet wurde. Ich denke aber auch nicht, dass ich wirklich für die Homosexuellen-Community sprechen kann, da ich weitaus mehr in der Pokerszene verankert bin als in der LGBT-Community. Selbst zwei Jahre nach meinem Coming-out definiere ich mich selbst immer noch mehr als Pokerspieler als alles andere – und ich denke nicht, dass sich das in naher Zukunft ändern wird.

PokerStrategy.com: Vielen Dank für deine Zeit, Jason!

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//cdn-origin.pokerstrategy.com/2014/02/22/71514_443563348174_1472734_n.jpgBarry Carter ist Redakteur bei PokerStrategy.com und Co-Autor von 'The Mental Game of Poker 1 & 2'. Er arbeitet seit neun Jahren in der Pokerbranche und wurde im Jahr 2013 mit einem APAT-Award in der Kategorie "Best Poker Media Provider" ausgezeichnet. Mehr über Barry erfahrt ihr hier

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