Vicky Coren: "Seit dem EPT-Doppelsieg ist das Interesse abnormal groß"
Wir hatten die Möglichkeit, uns exklusiv mit der Britin zu unterhalten, die sich als erste Spielerin zwei EPT-Titel sichern konnte.
"Das Interesse ist abnormal groß"

PokerStrategy.com: Vicky, kannst du uns verraten, wie deine vergangene Woche ausgesehen hat? Bist du von Interview zu Interview gehetzt?
Vicky Coren: Ich bin wirklich super im Stress, auch wenn ich nicht die ganze Zeit interviewt werde. Ich wollte nicht zu viele Interviews geben und habe deshalb nur einige wenige geführt. Meistens antworte ich zurzeit Leuten bei Twitter oder versuche, meine Arbeit zu erledigen - da ich drei Tage länger im Turnier war als erwartet, hänge ich mit meiner anderen Arbeit etwas hinterher.
PokerStrategy.com: Hat es dich überrascht, dass das Medieninteresse nach deinem EPT-Doppelsieg so groß ist?
Vicky Coren: Ja, es ist schon viel und ich jongliere zurzeit mit den verschiedenen Presseanfragen - das Interesse ist abnormal groß. Ich habe eine SMS von einem Freund bekommen, der aktuell Urlaub auf den Malediven macht. Er hat mir ein Foto von einer maledivischen Tageszeitung geschickt, die eine Story über meinen Sieg in Sanremo gedruckt hat. Also das hat mich wirklich beeindruckt und ich merke, dass es wirklich eine große Sache ist.
PokerStrategy.com: Wie sah es vor Erreichen des Final Tables aus - hattest du ernsthafte Ambitionen, der erste EPT-Doppelsieger zu werden?
Vicky Coren: Um ganz ehrlich zu sein, habe ich schon über diese Möglichkeit nachgedacht. Meiner Meinung nach kann man nicht Poker spielen und nicht daran glauben, dass man auch gewinnt. Ich muss aber zugeben, dass ich es nicht mag, so darüber zu denken: Ich mag diesen Macho-Style nicht - ich bin ein Sieger, ich werde es schaffen, die anderen Spieler haben keine Chance. Ich finde es angenehmer, wenn man hier eher pessimistisch denkt, denn dann wird man nicht enttäuscht.
Bei mir ist es so, dass ich beim Start der Events hoffe, eine schöne Zeit zu haben. Es wäre toll, etwas Geld zu verdienen, und alles andere sehe ich dann als Bonus an.
"Bei EPTs gibt es starke Teilnehmerfelder mit extrem guten Spielern"
PokerStrategy.com: Wie hast du vor dem Turnier über einen zweifachen EPT-Sieg gedacht? Gerade auch im Hinblick auf das Erreichen von anderen Auszeichnungen wie der Triple Crown?
Vicky Coren: Es ist sicherlich die Auszeichnung, die mir am meisten bedeutet, da ich niemals ein WPT-Event gespielt und auch selten an WSOP-Events teilgenommen habe. Die EPT-Events sind die einzigen Turniere, die ich spiele. Deshalb war es auch der einzige Rekord, bei dem ich die Chance hatte, ihn aufzustellen.
Natürlich wusste ich, dass es eine Menge bedeutet, da die EPTs mit starken Teilnehmerfeldern und vielen extrem guten Spielern bestückt sind. Ich wäre also auch beeindruckt gewesen, wenn ein anderer Spieler einen zweiten EPT-Titel gewonnen hätte.
PokerStrategy.com: Im Jahr 2006 konntest du das Main Event der EPT London gewinnen, was etwas Besonderes war, da du in deiner Heimatstadt triumphieren konntest. War der zweite Erfolg nun auch auf ähnliche Art und Weise besonders, da du zum ersten Mal als Team PokerStars Pro gesiegt hast?
Vicky Coren: Eigentlich hatte ich meinen PokerStars-Deal während der EPT London unterschrieben. Ich war mir anfangs aufgrund des Engagements etwas unsicher, denn ich wusste nicht, ob ich gut genug bin, und offen gesagt, wussten sie es auch nicht. Wir waren an einem Punkt angelangt, an dem ich sagte: "Wisst ihr was? Warum setzt ihr mich nicht einfach an die Tische bei der EPT in London? Es ist meine Heimatstadt und ich fühle mich hier am wohlsten. Warum lasst ihr mich nicht einfach dieses Event spielen und wir schauen dann, wie es läuft?"
Das erste Turnier, das ich unter der Flagge von PokerStars gespielt habe, konnte ich gewinnen. Ich denke, dass PokerStars sehr glückbringend für mich war und möglicherweise denken sie so auch von mir. Wir sind ein sehr fröhliches Team. Wenn man diesen Standpunkt betrachtet, ist ein weiterer Sieg natürlich eine tolle Sache und sie können beruhigt sein, da sie möglicherweise richtig gehandelt haben.
PokerStrategy.com: Hat dir die Erfahrung von deinem ersten EPT-Sieg am Finaltisch von Sanremo geholfen oder war es ein zusätzlicher Druck, da du am zweiten EPT-Titel geschnuppert hast?
Vicky Coren: Ich fühle mich am Pokertisch immer wohl. Wenn ich mich unwohl gefühlt hätte, würde ich nicht spielen.
Meiner Meinung nach war es sicherlich ein Vorteil, dass ich bereits etliche Male an TV-Tischen gespielt habe. Ich war aufgrund der Kameras nicht nervös. Manche Spieler fangen an, extrem originelle Spielzüge zu machen, da sie darüber nachdenken, was die Kommentatoren und ihre Freunde darüber sagen, wenn sie die Hände sehen. An solchen Blödsinn denke ich nicht einmal, das war also schon ein Vorteil.
Bevor es mit dem Final Table losging und nur noch acht Spieler dabei waren, fragte mich der Interviewer, was es mir bedeuten würde, wenn ich einen weiteren Titel gewinnen würde. Ich sagte ihm: "Ich möchte diese Frage nicht beantworten, ich fühle mich etwas komisch dabei. Ich habe die wenigsten Chips von allen Spielern und tendiere dazu, pessimistisch zu denken. Ihr könnt mich noch einmal fragen, wenn ich gewinnen sollte."
Der Interviewer fragte mich dann nach dem Turniersieg, doch da hatte ich schon vier Gläser Wein getrunken und war nicht mehr in der Lage, zu antworten.
"Selbst für Leute, die nicht an den Pokertischen aktiv sind, war es ziemlich interessant"
PokerStrategy.com: Warst du von der Berichterstattung in den Mainstream-Medien überrascht?
Vicky Coren: Nach meinem Sieg in London war die Presseresonanz schon ziemlich groß und dieses Mal passte alles perfekt zusammen - ich hatte bereits an Tag 1 damit angefangen, bei Twitter über das Event zu berichten. Normalerweise twittere ich nicht über jedes Turnier, das ich spiele. Dieses Mal war es, aus welchen Gründen auch immer, anders und ich erstellte von Beginn an regelmäßig Tweets (Vicky hat bei Twitter mehr als 240.000 Follower, Anm.d.R).
Als ich dann immer weiter gekommen bin und an Tag 3 die Geldränge erreicht habe, war es glaube ich selbst für Leute, die nicht an den Pokertischen aktiv sind, ziemlich interessant. Sie haben die Entwicklung verstanden und gesehen, dass man aus dem Turnier geworfen werden kann, und dass es nun um echtes Geld geht.
Am Finaltisch haben dann einige Leute eingeschaltet und zugeschaut. Sie haben gemerkt, dass es sich wie eine großartige Geschichte anfühlt, und sie waren von Anfang an dabei gewesen. Es war ein Novum für sie. Als ich gewonnen hatte, habe ich gehofft, dass die Leute fürs Zuschauen belohnt worden sind. Ich war mir bewusst, dass viele Menschen, die noch nie Poker gesehen und meine Tweets gelesen haben, möglicherweise erwartet haben, dass das Ganze nur so lange wie ein Fußballspiel dauern würde. Ich spielte dann acht Stunden und der Final Table dauerte noch an.
Nun habe ich begonnen, darüber nachzudenken, dass ich jetzt wirklich gewinnen muss. Ansonsten wäre es wie in einem schlechten Film, den mich der Regisseur drei Stunden anschauen lässt, und der dann ein mit einem schlechten Ende aufhört. Ich denke, dass dieses Ende großartig war.
PokerStrategy.com: Jeder in der Pokerwelt kennt die Bedeutung eines EPT-Doppelsiegs, doch wie sah es bei den pokerfremden Zuschauern aus? Musste man diesen Menschen erst noch die Bedeutung eines solchen Erfolgs erklären?
Vicky Coren: Das ist schwierig zu sagen, ich würde die Frage weder bejahen noch vereinen. Ich denke, dass die Medien einen ziemlich guten Job gemacht haben, das Ganze zu erklären. Ich kann mir vorstellen, dass sich die Leute noch an den Sieg in London erinnern, da über diesen Triumph auch groß in den Medien berichtet worden ist. Ich habe immer noch ein Poster mit einer Zeitungsanzeige an der Wand hängen, die im Evening Standard abgedruckt wurde: "Frau gewinnt Vermögen beim Pokern". Das klang, als hätten sie einen sprechenden Hund gefunden, diese Überschrift war einfach so ungläubig.
Für Menschen, welche die Aussagekraft eines zweifachen EPT-Siegs nicht realisieren konnten, war das Preisgeld in Höhe von 476.000 Euro beeindruckend, da es sehr viel Geld ist. Ich denke, dass die Leute diese Bedeutung definitiv verstanden haben.
"Etliche Menschen haben gesagt, dass sie nach meinem Sieg mit Poker anfangen möchten"
PokerStrategy.com: Ich hatte vor Kurzem darüber berichtet, dass dein EPT-Doppelsieg sehr gut für Poker ist. Damit kann man das Kartenspiel noch besser bewerben und bekannter machen. Hast du bereits gemerkt, dass das Interesse größer geworden ist?
Vicky Coren: Ja klar, natürlich. Es gibt einige hundert Menschen bei Twitter, die gesagt haben, dass sie mit Poker anfangen möchten. Oder sie meinten, dass sie mit Poker aufgehört haben, jetzt aber wieder starten wollen. Manche haben auch geschrieben, dass sie schon immer mal Poker spielen wollten und es jetzt versuchen möchten.
Es ist sehr speziell und ich würde mich freuen, wenn die Leute ihre Pläne auch wirklich umsetzen. Ich hoffe, dass die Menschen, die schon immer mit Poker anfangen wollten, aber bislang aus welchen Gründen auch immer zu viel Angst hatten, es jetzt versuchen und merken, wie viel Spaß Poker macht. Natürlich ist auch ein gewisses Verantwortungsgefühl wichtig: Man möchte nicht, dass Menschen, die in eine finanzielle Schieflage geraten sind und Poker bislang ablehnten, nun mit unserem Kartenspiel anfangen, weil ich viel Geld gewonnen haben.
Ich habe kein Interesse daran, viele verzweifelte und hoffnungsfrohe Menschen anzulocken. Ich möchte, dass sie aus den gleichen Gründen mit dem Pokerspiel beginnen wie ich: Ich habe nicht damit angefangen, um mir meinen Lebensunterhalt zu finanzieren oder um ein Vermögen zu verdienen. Ich fand diese Herausforderung interessant, das Abenteuer und den Spaß. Am Ende habe ich mich so in das Spiel verliebt, dass ich viel Zeit meines Lebens investiert habe, um mir dann mit den Einnahmen meine Wohnung finanzieren zu können.
Solche Leute möchte ich ansprechen: Menschen wie ich, die aus den richtigen Gründen spielen wollen, und die nur eine Bestätigung benötigen, dass es nicht seltsam ist.
PokerStrategy.com: Für viele Spieler stehst du nun in der Verantwortung, das Spiel würdig zu repräsentieren. Ist dies ein spezieller und zusätzlicher Druck für dich?
Vicky Coren: Nein, nicht wirklich. Meiner Meinung nach ist Poker bereits ziemlich groß. Wenn manche Leute Dinge sagen wie "Poker stagniert zurzeit etwas, da nur 400 Spieler bei diesem oder jenen €5.000-Turnier dabei sind", dann möchte ich am liebsten Folgendes sagen: "Ihr hättet sehen sollen, wie das Ganze war, als ich mit Poker angefangen habe." Man ist zum Spielen gegangen und jedes Mal waren die gleichen 20 Spieler dabei.
Meine Hoffnungen sind, dass es nun nützlich sein kann, die Unterschiede zwischen Poker und Gambling deutlich herauszustellen. Es ist ja nicht so, wie der örtliche Buchmacher vielleicht denkt, dass man eben gefühllos Münzen in eine Maschine reinwirft, gegen die man nie gewinnen wird. Natürlich ist etwas Glück involviert, aber es gibt einen Skillfaktor und Poker macht einfach Spaß. Ich hoffe, dass sich diese Meinung über Poker in der Welt durchsetzen wird.
"Schüchternheit ist die größte Barriere für potenzielle neue Pokerspieler"
PokerStrategy.com: Durch deinen Triumph erwarten viele einen positiven Einfluss auf Poker in Großbritannien, zudem werden voraussichtlich mehr Frauen den Weg an die Pokertische finden. Welcher Markt profitiert deiner Meinung nach am meisten von deinem Sieg?
Vicky Coren: Ich denke nicht wirklich über die Bedeutung für die verschiedenen Märkte nach. Meiner Meinung nach sind Frauen ein Teil einer Gruppe von Menschen, die den leisen Verdacht haben, dass sie Poker lieben und auch gut sein würden - allerdings sind sie noch zu schüchtern, um es auszuprobieren.
PokerStrategy.com: Ist möglicherweise Schüchternheit die größte Barriere für potenzielle neue Pokerspieler?
Vicky Coren: Natürlich. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich anfangen wollte, in Casinos zu spielen. Ich war auch ziemlich schüchtern. Ich gewöhnte mich daran, in das Vic Casino in London zu gehen und legte zum Glück irgendwann auch meine Nervosität vor dem Pokerraum ab.
Es ist vielleicht auch so, dass viele Menschen, die in der Pokerszene brillant wären, einfach zu schüchtern sind. Ein Beispiel: Bei meiner Quizshow Only Connect haben wir unglaublich schlaue Leute, sie sind einfach genial. Die meisten davon sind gebildet, aber ziemlich schüchtern. Sie haben diese besondere Art und sind jetzt nicht unbedingt übereifrig an sozialen Dingen interessiert, aber bei Quizsendungen, Kreuzworträtseln und Poker sind sie klasse.
Ich bin der Meinung, dass es viele solcher Leute gibt, die gut Poker spielen würden, allerdings mit dem Hindernis konfrontiert werden, in einen Raum mit Unbekannten zu gehen, sich hinzusetzen und sich vorzustellen. Ich kenne diese Situation gut, denn es war bei mir damals nicht anders. Ich kann nur sagen, dass ich die Scheu eines Tages abgelegt habe, in den Pokerraum gegangen bin und ihn seitdem nur selten wieder verlassen habe.
PokerStrategy.com: Vielen Dank für das Interview und wir drücken dir für deinen dritten EPT-Titel die Daumen.
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Barry Carter ist Redakteur bei PokerStrategy.com und Co-Autor von 'The Mental Game of Poker 1 & 2'. Er arbeitet seit neun Jahren in der Pokerbranche und wurde im Jahr 2013 mit einem APAT-Award in der Kategorie "Best Poker Media Provider" ausgezeichnet. Mehr über Barry erfahrt ihr hier.
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