Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Cashgame vs. MTT: Was ist schwieriger zu meistern?

Eine Frage, die sich die Pokerszene seit Jahren stellt, ist in der GTO-Ära neu aufgeflammt: Ist das höchste Level schwieriger zu meistern bei Cashgames oder in Turnieren?

Generell wird man in Pokerkreisen von Cashgame-Spielern belächelt, wenn man diese Frage stellt. Ein Großteil ist der Meinung, dass Turniere im Vergleich zu Cashgames ähnlich anspruchsvoll sind wie Dame im Vergleich zu Schach. Zweifellos ist mit ein Grund dabei, dass immer wieder auch Amateure und Hobbyspieler die größten Turniere für sich entscheiden können, während dieselben Spieler bei Highstakes-Cashgames niemals dauerhaft profitable spielen könnten.

Dennoch ist die Meinung abseits der klaren Haltung aktiver Cashgame-Spieler nicht ganz so eindeutig. Immer wieder werden durchaus valide Argumente vorgebracht, dass Turniere im Vergleich zu Cashgames beim tatsächlichen Anspruch an das eigene Spielverständnis klar mithalten können – und sich teilweise sogar komplexer gestalten.

Ein Mehr an Stellschrauben vs. komplexerer Entscheidungsbaum

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Größere Stacks sorgen für einen komplexeren Entscheidungsbaum

Jede einzelne Hand beim Cashgame ist mit geradezu 100-prozentiger Sicherheit komplexer allein wegen den Stackgrößen. Bei effektiven Stacks von 100-200 Big Blinds spielt es sich eindeutig schwieriger als mit Stacks von 30 Big Blinds, da es mehr Möglichkeiten in Sachen Betsizing gibt und meistens sämtliche Streets gespielt werden müssen. Ein Turnierspieler, der zu Cashgames wechselt, wird entsprechend einen schwierigeren Start haben als es bei vertauschten Rollen der Fall wäre.

Turniere haben allerdings deutlich mehr dynamische Stellschrauben, die sich im Laufe einer Partie verändern und erfordern, dass man das Spielverständnis auch abseits von Postflop-Action auf ein hohes Niveau befördert. Man muss lernen, wie man mit deepen Stacks, mittleren Stacks und Shortstacks agiert. Man muss das ICM und Bubbledynamiken aus dem Effeff kennen. Man muss sich mit den Anpassungen bei PKO-Turniere und Satellites auseinandersetzen. Man muss wissen, wie man Full Ring, Shorthanded und im Heads-up vorgehen sollte. Man muss Entscheidungen abseits des eigentlichen Spiels einfließen lassen, wie die späte Turnieranmeldung und einen möglichen Deal. Aus mentaler Sicht muss man in der Lage sein, für längere Zeit ohne Pausen auf hohem Niveau zu spielen, ohne dass man einfach aufhören kann, weil es gerade nicht läuft oder der Tilt in einem brodelt, der auch mental verarbeitet werden muss, wenn man mal wieder kurz vor der Bubble den Hut nehmen musste.

Bei Cashgames haben individuelle Hände tatsächlich deutlich verzweigtere Entscheidungsbäume, allerdings kommt es auch immer und immer wieder zu denselben Spots. Bei Turnieren findet man sich hingegen häufig in Spots wieder, die in der Art zuvor nicht zustande kamen. Mit KK im Cutoff in den frühen Blindleveln unterwegs zu sein, unterscheidet sich klar vom Spielen von KK direkt an der Bubble. Mit KK im Cutoff und 25 Big Blinds left zu agieren, wenn nur noch zwei Spieler busten müssen, bevor der Final Table erreicht ist, ist etwas völlig anderes als KK mit einem Microstack am Final Table zu spielen, während der Small Blind gerade einen Disconnect hat.

Der springende Punkt ist, dass gute Cashgame-Spieler dieselben toughen Spots häufig genug erlebt haben, dass sie einen nicht unerheblichen Teil der Entscheidungsfindung automatisieren können. Häufig diktiert allein die Erfahrung, was die korrekte Line in einem Spot sein wird. Dasselbe gilt jedoch nicht bei Turnierspielern, wo deutlich mehr spontane Entscheidungen und ein Maß an Improvisation gefragt sind, wenn auch stets in Spots, bei denen die Anzahl an Verzweigungen im Entscheidungsbaum eingeschränkter als bei Cashgames ist.

Toughere Spieler, aber leichter zu lösen?

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Künstliche Intelligenz stellt für Cashgames ein größere Bedrohung als für Turniere dar

Das ist einer der Gründe, warum Echtzeit-Solver ein deutlich größeres Problem bei Cashgames als bei Turnieren darstellen. Der Grund, warum eine "Dream Machine" funktionieren kann, ist, da man damit isoliert vom eigentlichen System, auf dem man spielt, auf eine Datenbank an vergleichbaren Spots zur tatsächlichen Action am Tisch zugreift. Turniere sind zwar nicht immun gegen Echtzeit-Hilfe dieser Art, es gibt jedoch deutlich mehr Variablen, die man beim Finden vergleichbarer Spots in der Dream Machine berücksichtigen müsste.

Derselbe Vergleich kann auch zwischen Schach und Poker gezogen werden. Schach ist theoretisch leichter zu schlagen als Poker, weil dort weniger Variablen und vor allem keine unbekannten Informationen berücksichtigt werden müssen. Entsprechend wurde Schach auch bereits vor mehr als 20 Jahren von Künstlicher Intelligenz gelöst, deutlich eher als die ersten Ansätze in dieser Richtung beim Poker zutage traten. Poker ist eine komplexere Herausforderung für die "Allgemeine Intelligenz" als Schach, da deutlich mehr reflexives Denken erforderlich ist.

Bedeutet das im Umkehrschluss, dass die Leistungen der Pokerelite höher einzuschätzen sind als die der Schach-Großmeister? Überhaupt nicht. Wenn man danach gehen würde, wo am meisten Denkvermögen, Antizipation und Intelligenz gefragt ist, dann dürfte Schach die Nase vorn haben. Das Spiel der Könige hat eine erheblich längere Historie, entsprechend umfangreich fällt das Wissen im Vergleich zu Poker aus. Entsprechend schwieriger dürfte es sein allein aus diesem Grund die höchsten Sphären beim Schach zu erreichen, hinzu kommt, dass das Glück wie beim Poker auch kurzfristig keinerlei Einfluss hat. Wenn man aber Künstliche Intelligenz darauf ansetzt, beide Spiele zu lösen, dann würde die Lösung von Poker deutlich mehr Zeit als Schach erfordern.

Ich denke, dasselbe kann man beim Vergleich Cashgame vs. Turniere sagen. Ich würde schätzen, dass die aktuell besten Spieler der Welt Cashgame-Spieler sind, wenn man aber einem Genie Poker von Grund auf beibringt, dann dürften sich der Aufstieg in die Großmeister-Sphären bei Turnieren als herausfordernder herausstellen.

Sind eure Meinung nach Cashgames oder Turniere schwieriger zu meistern? Wir freuen uns auf eure Expertise!