Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Sonntagsspecial: Es gibt keine Abkürzung!

Ob Pokerprofi, Koch, Ingenieur, Schachgroßmeister oder Schriftsteller – am Ende zählen doch nur die Stunden, die man in ernsthafte Arbeit investiert, um besser zu werden. KTU weiß mehr...

"Es gibt zwei Möglichkeiten, Karriere zu machen: Entweder leistet man wirklich etwas, oder man behauptet, etwas zu leisten. Ich rate zur ersten Methode, denn hier ist die Konkurrenz bei weitem nicht so groß."

Danny Kaye

Meisterschaft in einer Tätigkeit ist das Ergebnis von 3.000 bis 10.000 Stunden ernsthafter Arbeit. Und es existiert keine Abkürzung!

Dabei beziehe ich mich auf solche Tätigkeiten, die letztendlich zu komplex für unser Gehirn sind, als dass wir sie in einem Menschenleben perfekt beherrschen können.

Meisterschaft hat eine fraktale Struktur

In meinem Beitrag über Küstenlängen habe ich euch die Idee der fraktalen Geometrie der Natur von Benoit Mandelbrot vorgestellt: Die Komplexität einer Küste hängt nicht davon ab auf welcher Skala man sie betrachtet. Die Gesamtlänge wird nur immer größer, je genauer man hinschaut.

Dieses Prinzip lässt sich auch auf Meisterschaft übertragen: Zerlegt man eine komplexe Fähigkeit in Teilfähigkeiten, dann sind diese nicht zwingend einfacher, sondern oft wieder eine Wissenschaft für sich. Je tiefer man in die Details eindringt, umso stärker ist man am Ende.

Das geometrische Muster verändert sich zwar, wenn man heranzoomt, aber die Komplexität verringert sich nicht.

“Fraktale Meisterschaft” am Beispiel eines Pokerspielers

Nehmen wir aus meiner Liste von oben als Beispiel den Pokerspieler, der es im Poker möglichst weitbringen möchte. Die grundsätzlichen Fertigkeiten sehen wohl ungefähr so aus:

Fähigkeiten, welche die theoretischen Grundlagen betreffen:

  • Spielsituationen anhand von Range-Eigenschaften klassifizieren (capped, polarisiert, asymmetrisch, weit, value heavy,...)
  • Kombos zählen und Frequencies berechnen
  • grundlegende und fortgeschrittene Berechnungen durchführen (Mathematics of Poker, Laplace-Bäume, Equityrealisierung, EV-Formel, Odds & Outs)

Fähigkeiten, die den Standard-Gameplan betreffen:

  • Aufstellen und pflegen von vernünftigen Preflop-Ranges für alle Positions-Paare (UTG vs MP, MP vs BTN, CO vs SB ...)
  • Cbet und Barreling - Strategien bei verschiedenen Rangekonstellationen auf typischen Boardtexturen
  • Calldown-Strategien bei verschiedenen Rangekonstellationen auf typischen Boardtexturen

Fähigkeiten, die Exploits betreffen:

  • Muster im gegnerischen Spielverhalten aufzuspüren (Handreading)
  • Den eigenen Gameplan anpassen, um konkrete Muster im gegnerischen Spielverhalten auszunutzen
  • Reportoire an tricky Lines (Min 3bet IP, CiB, riesige Overbets, verrückte Betsizes)
  • Reportoire an Standardexploits
  • Playernotes schreiben

Fähigkeiten, welche die Technik betreffen:

  • Reports mit Holdem Manager oder PokerTracker anfertigen und interpretieren
  • Das HUD konfigurieren
  • Den Arbeitsplatz einrichten (Monitore, Stuhl, SSD)
  • Tools nutzen können (CREV, Equilab, Snowie, ...)

Fähigkeiten, welche die praktische Umsetzung betreffen:

  • Tagesplanung und Grindvolumen festlegen
  • Persönliche Anti-Tilt Prozesse festlegen
  • Sessionreviews durchführen
  • Fokus beim Spielen effizient halten, um Wichtiges von Unwichtigem zu trennen

Fähigkeiten, um auf dem neusten Stand zu bleiben:

  • wissenschaftlich konkrete Spielsituationen analysieren
  • Trends folgen und Foren browsen
  • Netzwerk an Pokerspielern aufbauen und pflegen
  • Ideen und Ansätze mit anderen Pokerspielern diskutieren

Unser Pokerspieler ist handlungsfähig, wenn er zu diesen Punkten erste funktionierende Prozesse auf die Beine gestellt hat. Das hat mit Meisterschaft nur noch nicht viel zu tun. Er ist jetzt ein Pokerspieler, der noch sehr wenig kann, aber immerhin versteht, woran er arbeiten kann.

Im nächsten Schritt geht es dann darum, die einzelnen Teilfähigkeiten auf Hochglanz zu polieren. In der Praxis ist es so, dass jeder seinen eigenen Stil hat und es dementsprechend vor allem nur in speziellen Bereichen sehr weit bringt. So gut wie nie findet man einen Pokerspieler, bei dem Standard-Gameplan und exploitives Play auf gleichem Level sind.

"Den Gameplan anpassen, um Muster im gegnerischen Spielverhalten auszunutzen" sieht sehr unterschiedlich aus, je nachdem wieviel Zeit man investiert hat"

Schauen wir uns exemplarisch das Thema “Gameplan anpassen” an und wie unser Pokerspieler nach einer Stunde, 50 Stunden, bzw. 300 Stunden dazu steht. Natürlich nimmt nicht nur die Präzision der Exploits zu, sondern auch die Menge an Exploits.

Nach einer Stunde könnte unser Pokerspieler etwas sagen wie: "Ich hab jetzt rausgefunden, wie man Maniacs erkennt und die bluffen einfach viel zu viel. Darum spiele ich gegen die meine schwachen Toppairs oft passiv, um sie einfach rumbluffen zu lassen."

Nach 50 Stunden: Ich hab festgestellt, dass viele Nit-Regs, die am Flop gegen Continuationbets zu viel folden, recht statisch an Turn und River callen. Darum C-Bette ich gegen diese meist 100% auf trockenen Boards mit 1/2 Pot und overbette dann den Turn und River mit meiner Valuerange und gebe Bluffs an Turn und River auf".

Nach 300 Stunden: "Er blufft viel zu wenig insgesamt auf Busted Draw Runouts und ist insgesamt wohl bei einer Value zu Bluff Ratio von 80:20, wenn überhaupt. Außerdem hat er ein Betsizing und Timing Tell hier. Seine Nuts overbettet er gerne gegen Bluffcatcher-Ranges und tankt dabei auch noch lange. Seine Bluffs bettet er eher 2/3 Pot und auch deutlich schneller.

Darum hab ich meine Calldownfrequencies an Flop und Turn wiefolgt angepasst [Range 1 - Default] [Range 2 - Exploitive], aufgrund von [komplizierter Rechnung die verschiedene Boardrunouts im EV der Strategie berücksichtigt]. Am River bluffcachte ich gar nicht gegen Overbets und shove manchmal gegen 2/3-Pot Bets. Alle Showdowns schau ich mir sofort an, um zu sehen, ob meine Annahme auch immernoch zutrifft. Weicht er ab, gehe ich sofort wieder zu meinem Default-Gameplan zurück.

Jede Teilfähigkeit lässt sich beliebig optimieren

Sokrates

Sokrates: "Ich weiß, dass ich nicht weiß". Meinte er damit wohl, dass man durch viel Nachdenken zwar den relativen Abstand zwischen sich und seinen Mitmenschen vergrößert, aber dem Universum und der absoluten Wahrheit niemals auf die Schliche kommt?!

Das hier gezeigte Beispiel ist meiner Erfahrung eher die Regel als die Ausnahme. Die meisten Teilfähigkeiten sind so komplex, dass man beliebig viel Zeit in diese investieren kann. Man kommt nicht irgendwann zu einem Punkt: “Oh, ich habe hier wirklich alles verstanden und bin jetzt perfekt”. Meist ist eher das Gegenteil der Fall. Man sieht immer mehr Dinge, von denen man noch keine Ahnung hat.

In der Praxis empfehle ich die folgenden vier Dinge, wenn man sich irgendwo verbessern möchte:

1. Zerlege deine Fähigkeit in Teilfähigkeiten!

2. Schaffe ein “Running System” und eigne dir rudimentäres Wissen in allen Teilfähigkeiten an, so dass du handlungsfähig bist!

3. Optimiere die Teilfähigkeiten gemäß Amdahls Law: Investiere deine Zeit so, dass sich stets deine gesamte Leistungsfähigkeit am meisten erhöht!

4. Trainiere, damit dir dein Wissen in Fleisch und Blut übergeht und du am Tisch sofort die richtigen Ideen hast!

Wer sich an diesem Konzept üben will, kann nun auf dem Papier 30 Minuten sich der fraktalen Natur des perfekten Frühstücks üben. Wer weiter philosophisch über diese fraktale Struktur nachdenken möchte, dem sei der folgende Link empfohlen, der die fraktale Struktur des Universums ganz schön zeigt: http://htwins.net/scale2/

Einen schönen produktiven Sonntag wünscht,

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