Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Der Widerspruch zwischen Gefühl und Logik

Grigoriy 'ahlinpoker' Skrypnik setzt seine Artikelreihe zum Thema Wahrnehmungsverzerrungen unseres Gehirns fort und erläutert ihren Einfluss auf unser Pokerspiel.

Heute folgt ein weiterer Artikel zum Thema kognitive Verzerrungen und wie sie unser Pokerspiel beeinflussen. Die ersten fünf relevanten Täuschungen unseres Gehirns wurden im ersten und zweiten Teil dieser Artikelreihe erläutert. Werft also einen Blick darauf, falls ihr es noch nicht getan habt.

Projektion der eigenen Meinung auf andere Menschen

Kognitive Verzerrung beim Poker

Für Pokerspieler ist die Tatsache, dass unser Gehirn uns fälschlicherweise suggerieren will, dass andere Menschen genauso denken wie wir, eine sehr wichtige aber auch gefährliche Verzerrung. Wir tendieren zur Annahme, dass unsere Gegner das Spiel genauso wahrnehmen wie wir, entsprechend erwarten wir auch, dass sie in denselben Situationen ähnliche Entscheidungen wie wir treffen würden.

Betrachtet man, was diese Fehleinschätzung in der Realität bedeutet, wird sehr schnell klar, worin die Gefahr besteht. Ein konservativer Spieler, der vergleichsweise tight spielt, wird unterbewusst auch erwarten, dass andere Spieler ähnlich zurückhaltend agieren. Ein looser Spieler, der sein Heil in der Attacke sucht, wird hingegen eher davon ausgehen, dass seine Gegenspieler einen ähnlich loosen Ansatz verfolgen.

Natürlich wird ein Gegner niemals exakt dieselbe Entscheidung von uns erwarten, wenn wir uns im gleichen Spot wiederfinden. Allerdings besteht trotzdem stets die Tendenz, den eigenen Spielstil auch auf sein Gegenüber zu projizieren. Ist der Gegner ein Rock, wird er uns tighter wahrnehmen, als es tatsächlich der Fall ist. Loosere Gegner werden uns hingegen als aktiver einstufen, als wir es tatsächlich sind.

Über diesen Sachverhalt sollte man sich stets im Klaren sein, wenn man versucht, das eigene Image in den Augen des Gegners einzuschätzen.

Falsche Wahrnehmung von sehr kleinen und sehr großen Zahlen

Kognitive Verzerrung beim Poker

Es ist überraschend, allerdings kann unser Unterbewusstsein sehr kleine und sehr große Zahlen nicht exakt verarbeiten, darunter fallen auch einige Wahrscheinlichkeiten, die beim Poker Relevanz haben und die mathematische Genauigkeit unserer Entscheidungen beeinflussen können.

Pokerspieler tendieren dazu, die Bedeutung von großen Pötten zu überschätzen. Wir nehmen an: Je mehr große Pötte wir gewinnen, desto effektiver exploiten wir unsere Gegner und desto besser ist unser Spiel insgesamt. Natürlich haben große Pötte einen Einfluss auf unsere Winrate, manchmal sogar einen sehr großen. Gute Spieler wissen jedoch, dass kleine Pötte, die immer wieder in den üblichen Situationen gespielt werden, wichtiger sind. Unser Gehirn kann die Profit- und Verlustspanne, die in solchen Spots erzielt wird, leider jedoch nicht richtig wahrnehmen. Unsere Intuition kann uns schlichtweg nicht sagen, wo genau das Geld herkommt oder wo es verloren geht.

Auf ähnliche Weise können wir Situationen, in denen ein minimaler Unterschied im Risk-Reward-Verhältnis besteht, ebenfalls nicht richtig einschätzen. Ein kurzes Beispiel: Am River setzt der Gegner 10% des Pots. Unsere Hand ist ziemlich schwach, hat jedoch noch ein bisschen Showdown-Value. Wäre ein Call profitabel? Unser Gehirn muss sehr hart arbeiten, um solch ein Szenario tatsächlich korrekt einzuschätzen.

Kognitive Verzerrung beim Poker

Ein weiteres Beispiel: Wir bluffen am River und setzen die Hälfte des Pots. Unser Gegner callt in 60% der Fälle. Da er in mehr als der Hälfte der Fälle den Pot gewinnen wird, wird der Anschein erweckt, dass wir auf lange Sicht Geld verlieren. Das Gehirn bekommt für die Aktion häufiger negatives Feedback und wird uns nahelegen, den Bluff in Zukunft zu unterlassen. Es ist nicht in der Lage zu berücksichtigen, dass die negativen Ausgänge weniger wert sind als die positiven. In der Realität ist es jedoch offensichtlich, dass ein Bluff unter den gegebenen Bedingungen profitabel ist.

Gefühl und Logik in Einklang bringen

Wie kann man dagegen vorgehen? Die Lösung ist letztendlich simpel: Training, Training und noch mehr Training. Unser Bewusstsein weiß mit 100-prozentiger Sicherheit, dass der Bluff profitabel ist, da wir es durchgerechnet haben.

Das Ziel muss nun sein, auch unser Unterbewusstsein davon zu überzeugen. Dies kann man durch ständige Berechnung verschiedener mathematischer Szenarien erreichen. Je häufiger man sich in einem bestimmten Spot wiederfindet, desto schneller werden Bewusstsein und Unterbewusstsein zur selben Antwort finden und die gleiche Entscheidung treffen.

Auch in unserem Alltag werden wir immer wieder mit diesem Wechselspiel konfrontiert. Wie oft überzeugen Logik und Kalkulation uns von einer Sache, während innere Ängste und Intuition uns in eine andere Richtung lenken. Während unserer gesamten Pokerkarriere müssen wir versuchen, Gefühle und Logik in Einklang zu bringen. Je schneller uns das gelingt, desto besser fallen die Ergebnisse an den Tischen aus.

Fortsetzung folgt...

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