Original von trixn
ja das der Zufall kein Gedächnis hat, ist mir klar.
Ich meinte das eher aus psychologischer Sicht....
Ich kann halt so ein Limit spielen, für das meine Bankroll bei dem Standardmanagement nicht unbedingt reicht, ohne mir Sorgen machen zu müssen.
Denn wenn es mal abwärts geht, steige ich halt sofort immer ab auf das sichere Limit. So kann ich quasi schonmal die Luft in dem jeweils nächsten Limit testen.
Wirklich schlechter kann diese Form des Bankrollmanagements ja auch nicht sein, wenn man sich konsequent daran hält. Das da die entsprechende Disziplin nötig ist, versteht sich von selbst.
OK, wenn Du das so meinst, dann solltest Du es vll auch im Eingangspost so formulieren, sonst versteht man das falsch.
Was Du beschreibst ist dann ja nicht anderes als der klassische "shot", also der Versuch, sich frühzeitig auf einem höheren Limit zu etablieren, in der Hoffnung, dass das Glück mitspielt.
Das ist eine Praxis, die unter bestimmten - sehr engen - Bedingungen durchaus sinnvoll sein kann, aber auch große Gefahren birgt. Ich vermute, dass viele, wenn nicht die meisten Mitglieder hier bereits derartige Erfahrungen gemacht haben.
Meiner Meinung nach sollten mindestens folgende Voraussetzungen stimmen, damit man einen shot wagen kann:
- Du solltest der wohlbegründeten Ansicht sein, dass Du das höhere Limit - unter Einberechnung des Rakes - mit einer Winrate schlagen kannst, die effektiv einem höheren Stundenverdienst entspricht.
- Du solltest Dir darüber im Klaren sein, dass der Geldbetrag, den Du in das höhere Limit investierst (also die derzeitige BR minus die stop-loss BR ab der man wieder absteigen möchte) mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit verloren gehen wird.
- daraus folgt insbesondere, dass Dich der Verlust dieses Betrages nicht im Geringsten psychisch Belasten darf. Wenn Du das derart riskant anzulegende Geld also in Wochen mühevollen Grindens im kleineren Limit erarbeitet hast, würde ich dringend von einem shot abraten. Problemloser kann ein shot dagegen nach einem starken Upswing sein, wenn Du in kurzer Zeit unerwartet viel gewonnen hast und einen Teil der Gewinne in die Chance investierst, schneller in den Limits zu steigen. Kurz gesagt: Du solltest nicht nur absolute Geldbeträge beachten, sondern auch die Zeit, die Dich ein misslungener Shot möglicherweise in Deinem Bankrollbuilding zurückwirft.
- Damit zusammenhängend: Du musst Dir der Tatsache bewusst sein, dass das Erspielen eines im shot verlorenen Betrages im kleineren Limit oftmals ein Vielfaches der Zeit dauert, in der er gewonnen wurde - auch und insbesondere dann, wenn der Betrag aus einem Upswing im kleinen Limit resultierte.
- Du musst in Deinem Spiel gefestigt genug sein, um auch auf scared money möglichst Dein A-Game spielen zu können. Das Problem tritt natürlich auch bei regulären Limitauf- und abstiegen auf: rückt die selbstgewählte Aufstiegsgrenze in greifbare oder die Abstiegsgrenze in bedrohliche Nähe, so beachtet man automatisch mehr und mehr die Bankroll, was die Stimmung und letztlich das eigene Spiel fast immer negativ beeinflusst.
Während eines Shots spielt man permanent auf scared money! Ein Umstand der häufig unterschätzt wird, mit dem aber selbst erfahrene Spieler oft Probleme haben.
- Du solltest keinesfalls die eigene Disziplin über- und die psychologischen Fallen eines "flexiblen" BRMs unterschätzen. Regelmäßige shots enthemmen und schnell wird auf dem höheren Limit mal eben der Downswing des kleineren Limits aufgearbeitet - oder eben nicht. Dies ist der Weg zur dunklen Seite. Strikt Deine Regeln einhalten Du musst.
Insgesamt ist das also eine recht komplizierte Angelegenheit und hängt von so vielen individuellen Gegebenheiten ab, dass am Ende jeder selbst entscheiden muss, ob ihr oder ihm zum jeweiligen Zeitpunkt ein Shot sinnvoll erscheint. Manchmal können günstige Randbedingungen (bekannte Fische auf höheren Stakes, Promos, Boni) den letzten Ausschlag geben, einen Shot zu wagen.
Das automatische, quasi mechanische Ansetzen von Shots bei bestimmten BR Grenzen ist aber letztlich äquivalent zu einem überagressiven Bankrollmanagement und damit kontraproduktiv.
Das frühe Entfliehen der rakelastigen Mikrolimits ist zwar - auch mathematisch gesehen - sinnvoll, lässt sich jedoch mindestens ebensogut mit einem starren BRM bewerkstelligen, indem die Grenzen dort niedriger gelegt werden. Nichts anderes tut ja das von PS empfohlene BRM.
Um noch kurz ein allgemeineres Thema anzuschneiden: Meiner Meinung nach entspringt der gesamte Gedanke, ein möglichst agressives BRM zu fahren / regelmäßige shots zu wagen einem grundlegend falschen Denkansatz gegenüber Poker.
Natürlich geht es beim Pokern ums Geldverdienen. Kaum jemand wird dauerhaft den Spielspaß aufrecht erhalten können, wenn er nicht irgendwann auch Beträge erwirtschaftet, die auch im realen Leben relevant sind. Viele der erfolgreichen Spieler, die einen Teil oder den gesamten Lebensunterhalt mit Poker bestreiten sehen dies, bei aller Freude am strategischen Wettstreit, als ihre Arbeit an und würden wesentlich weniger - wenn überhaupt - spielen, wenn es nur um Kleinbeträge oder Spielgeld ginge.
Aber was ist das Kapital dieser Spieler, was ist die Grundsubstanz, aus der sie ihre Einkünfte beziehen? Es ist nicht die Bankroll! Jeder mit einem einigermaßen gut bezahlten Job kann sich eine entsprechende Bankroll ansparen.
Das Kapital der erfolgreichen Spieler ist einzig und allein ihr Können und Wissen. Gerade hat ja z.B. Boku demonstriert, dass man, mit dem nötigen Skill ausgerüstet, jederzeit aus "nichts" in überschaubarer Zeit eine beachtliche Bankroll aufbauen kann.
Was ich damit sagen will: Welches Limit Du gerade Spielst oder ob Du ein paar Buyins früher aufsteigst und hier oder da einen shot wagst oder nicht, ist langfristig vollkommen irrelevant für Deine Pokerkarriere. Du wirst nicht schneller zum Pokerprofi, weil Du ein agressives BRM fährst oder waghalsige shots versuchst, selbst wenn dies erfolgreich sein sollte.
Was einzig und allein zählt, ist die Bankroll in Deinem Kopf. Die solltest Du agressiv ausbauen und dann und wann auch einmal einen shot wagen in Themenbereiche, die für Dein jetziges Limit noch garnicht relevant sind.
Tracoy hat übrigens zu diesem Thema einen lesenswerten Thread eröffnet:
Konzentriert euch nicht aufs Bankrollbuilding!
Gruß
Larry