GTO-Pokertheorie: Ruin des Spielers
Heute starten wir eine neue Artikelserie mit Einblicken in die Welt der Wirtschaft und Spieltheorie, die einem auch als Pokerspieler weiterhelfen können.

Wer sich für Poker interessiert, bekommt meist zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, Künstliche Intelligenz, Psychologie und Spieltheorie. Daher starten wir heute eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Den Anfang macht die Spieltheorie und wie man spielen sollte, wenn die Gewinnchancen eigentlich gegen einen ausfallen.
Der Ruin des Spielers ist ein statistisches Konzept, das erklärt, warum man letztendlich broke geht, wenn man Partien mit negativem Erwartungswert spielt bzw. wenn man mit begrenzten finanziellen Möglichkeiten ein faires Spiel gegen jemanden mit unbegrenztem Vermögen spielt. Je mehr Durchläufe man in einem Spiel mit keinerlei Edge abschließt, desto wahrscheinlicher wird es, dass man alles verliert.
Wenn zum Beispiel ein Roulettespieler $100 an den Tisch bringt und je $1 auf Rot oder Schwarz setzt, wird er irgendwann automatisch broke gehen, da das Haus eine kleine Edge aufgrund der Null auf dem Rouletterad hat. Wirft man im zweiten Fall immer und immer wieder eine Münze und wettet dabei mit Warren Buffett um je $1, wird man letztendlich ebenfalls broke gehen. Es wäre zwar ein Spiel ohne Edge, irgendwann würde man jedoch einen Downswing erwischen, der einen das gesamte Vermögen kostet, während Warren Buffett praktisch für immer gegen einen spielen könnte.
Aufs Ganze oder nach Hause gehen

Für eingefleischte Pokerspieler sind das natürlich keine neuen Informationen, es wird jedoch interessant, wenn man gedanklich durchspielt, wie man vorgehen sollte, wenn man ein Spiel mit negativen Gewinnchancen spielen müsste. Nehmen wir an wir haben $100 und müssten daraus $250 machen, indem wir auf Rot oder Schwarz beim Roulette setzen. Der beste Ansatz wäre hier eine aggressive Strategie passend genannt "Bold Game", bei der man zunächst die ganzen $100 auf eine Farbe setzt und im Gewinnfall genauso mit weiteren $25 verfährt. Falls es beim zweiten Mal zum Verlust kommt, würde man auf $37,50 erhöhen usw.
Vereinfach gesagt ist die Strategie, mit der kleinstmöglichen Anzahl an Wetten zum gewünschten Ergebnis zu kommen.
Der Grund dafür ist, wenn die Gewinnchancen gegen einen sind, dann wird es immer wahrscheinlicher, dass die Partei mit der Edge ihren Vorteil tatsächlich realisiert, je mehr Wiederholungen man durchläuft. Wenn man lediglich immer $5 auf Rot oder Schwarz setzt, um daraus $250 zu machen, ist es deutlich wahrscheinlicher, dass man gegen das Haus pleitegeht, als dass man einen Lauf erwischt. Beim Bold Game ist der Gewinn von zwei Ereignissen direkt zu Beginn zwar auch reines Glück, aber dennoch ist der Ansatz erfolgsversprechender als eine langfristigere Strategie.
Wenn man zum Beispiel gegen LeBron James im Basketball antreten müsste, er einem den ersten Ball überlässt und man die Anzahl an Körben für einen Sieg festlegen dürfte, dann sollte man immer einen einzigen Punkt wählen. Dass man zwei Körbe gegen den King macht, ist äußerst unwahrscheinlich, aber man könnte mit einer gehörigen Portion Glück durchaus direkt mit dem ersten Ball einen Wurf vom Parkplatz aus reinmachen.
Weniger Durchläufe als Underdog

Wie genau sieht bei all dem nun der Bezug zu Poker aus? Das Bold Game sollte man in Erwägung ziehen, wenn man sich in einer Partie wiederfindet, bei der man eigentlich völlig deklassiert werden würde. Nehmen wir zum Beispiel an, man hat es als Amateur durch ein Satellite zu einem EPT-Event geschafft und landet an einem Tisch gespickt mit Highrollern und Braceletsiegern. Wenn man seine Skills der ultimativen Prüfung unterziehen und sich mit den großen Jungs messen will, nur zu! Wenn man jedoch lediglich überleben und den Tisch hinter sich lassen will, ist das Bold Game die aussichtsreichste Taktik in solch einem Spot.
Das bedeutet natürlich nicht, dass man in jeder Hand All-in gehen und versuchen sollte, ein eigentlich fünftägiges EPT-Turnier im Rekordtempo zu beenden. Es geht vielmehr darum, dass man das spieltheoretische Konzept des Ruins des Spielers so effektiv wie möglich vermeidet. Statt also in den Harakiri-Modus zu wechseln, sollte man versuchen, die Möglichkeiten zu verringern, bei denen die Spieler mit bedeutender Edge einen busten könnten. Daher drehen sich die Anfängerstrategien für neue Spieler auch stets darum nur Premiumhände zu spielen, da es für gute Spieler deutlich schwieriger ist, einen Anfänger zu crushen, wenn er ausschließlich die stärksten Hände spielt.
Wenn man sich dann einmal in einen Pot mit einer starken Hand vorwagt, kann man die Wahrscheinlichkeit für einen Ruin weiter verringern, indem man den Pot größer gestaltet. Smallball gegen einen überlegenen Spieler zu spielen, käme dem Versuch gleich, das Haus mit kleinen Wetten oder LeBron beim 11-Punkte-Spiel zu besiegen. Stattdessen folgt man auch mit seinen Einsätzen einem Bold Game und setzt beim Spielen einer Hand nur hohe Bets, die ein Ausmanövrieren für den Gegner schwieriger machen. Natürlich ist eine solche Spielweise deutlich größeren Schwankungen ausgesetzt, sodass man sich auch mal früh verabschieden würde. Wenn man aber ohnehin davon ausgeht, dass der langfristige Erwartungswert gegen einen ist, hat man so zumindest die Chance auf einen Lucky Punch, wenn die Varianz es einmal gut mit einem meint. Chris Moneymakers Triumph beim WSOP Main Event 2003 ist das beste Beispiel für ein erfolgreiches Bold Game gegen deutlich überlegene Konkurrenz. Er hat selektiert aggressiv gespielt, hatte das Glück auf seiner Seite und in der Folge Geschichte geschrieben. Wenn es so nicht klappt, kann man immerhin sagen, dass man das Bestmögliche versucht hat.