Warum das ICM hohe Suited-Karten bevorzugt
Viele Turnierspieler wählen zu viele kleine Paare und nicht genug Kx-Hände derselben Kartenfarbe, wenn das ICM das Geschehen diktiert. Dara O'Kearney erläutert warum...
Die meisten Spieler wissen, dass man seine Range an spielbaren Händen erweitern kann, je später die Position am Tisch ausfällt. Umso weniger Spieler nach einem noch an der Reihe sind, desto geringer fallen die Chancen aus, dass noch jemand mit einer guten Hand aufwacht, entsprechend kann mehr Hände profitabel spielen.
Ein Fehler, den viele Spieler jedoch beim Erweitern der eigenen Range in Situationen machen, in denen das ICM hohen Einfluss hat, ist ein zu lineares Vorgehen beim Gestalten der Range. So werden häufig erst einmal mehr Offsuit Broadways, kleine Paare und Suited Connectors mit in die erweiterte Handauswahl genommen.
Stattdessen sollte man in derartigen vom ICM dominierten Spots jedoch eher zu mehr Ax- und Kx-Händen der gleichen Kartenfarbe greifen.
Betrachten wir dazu ein Beispiel: Nachfolgend findet ihr eine vom Solver abgesegnete 50BB-Opening-Range aus UTG in einem ICM-lastigen Spot.

Wie man sehen kann, geben uns die Suited Aces gute Boardabdeckung und wir lassen Paare kleiner als 66 außen vor. Der schlechteste Suited Connector ist JTs und wir haben zudem K9s, was manch ein Spieler als fischige Auswahl bezeichnen könnte.
Wie erweitert sich diese Range, wenn wir im Cutoff sitzen? Daraus wird:

Ich denke, dass viele Spieler noch Hände wie A2o, K8o, Q9o, 22 und 43s deutlich eher eingebunden hätten, bevor sie über Hände wie Q5s in solch einer Range nachdenken. In einer Situation, in der das ICM keine Rolle spielt, würden sie damit auch richtig liegen.
Warum also wird eine offenbar trashige Hand wie Q5s in einem ICM-lastigen Spot die bessere Wahl im Vergleich zu A2o, 22 oder 43s?
Mehr Turns und Riverbets

Das liegt nicht daran, dass Suited-Karten mit einer Highcard in ICM-Spots isoliert betrachtet zu stärkeren Karten werden als 22. Vielmehr liegt es daran, dass man mit solch einer Hand genug Equity aufgreifen kann, um auf vielen Flops häufiger weiterzuspielen. Man trifft einen Flush in 1,5% der Fälle, einen Flushdraw in 10% der Fälle und einen Backdoor-Flushdraw fast immer. Man hat zudem die Chance auf gute Top Pairs, erreicht für gewöhnlich den besten Flush, falls er tatsächlich ankommt, und man blockt außerdem einen Teil der großen Hände, vor denen man sich beim Preflop-Raise fürchtet, weil sie einem eine 3-Bet um die Ohren hauen.
Mit Händen wie Q5s hat man also mehr Gelegenheiten, um auf Flop und Turn noch zu semibluffen. Das ist schlichtweg nicht der Fall bei kleinen Paaren und niedrigen Suited Connectors. Natürlich kann ein kleiner Suited Connector eine Straight oder einen Flush treffen, man hat aber ein Problem, wenn man lediglich ein Paar trifft und man kann sich nie sicher sein, ob der getroffene Flush tatsächlich der beste ist. Kleine Paare müssen derweil auf den meisten Flops aufgeben, wenn sie irgendeine Form von Gegenwehr bekommen.
Mit kleinen spekulativen Händen landet man also zu häufig in Situationen, in denen man postflop folden muss, was eine herbe Aussicht ist, wenn das ICM eine große Rolle spielt. Je kleiner der eigene Stack ausfällt, umso mehr wert sind die einzelnen Chips. Sind die Stacks also niedrig und der ICM-Einfluss signifikant, dann kann man schlichtweg nicht rechtfertigen, viele Hände postflop noch zu folden. Man wirft in solch einem Fall zu viel Equity einfach zum Fenster hinaus.
Suited-Hände mit mindestens einer Highcard bieten einem hingegen Boardabdeckung, die Chance auf einen starken Flush, die Chance auf ein starkes Paar und den vielleicht wichtigsten Aspekt überhaupt: Man hat einen natürlichen Bluff-Kandidaten, den man auf mehreren Straßen problemlos spielen kann.
Weitere hilfreiche Einblicke dieser Art findet ihr auch zuhauf in Dara O'Kearneys neuem Buch Endgame Poker Strategy: The ICM Book.