Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Top-Blogger MrRaise007 im Weekend-Interview

Zum nächsten Weekend-Interview haben wir uns diese Woche MrRaise007 geschnappt. Er berichtet unter anderem über seine Vorbilder, seine Vorliebe für Livepoker und sein Leben als Familienvater.

PokerStrategy.com: Du hast einen der erfolgreichsten Blogs auf PokerStrategy.com, trotzdem werden dich ein paar unserer Mitglieder noch nicht kennen. Magst du dich ganz kurz vorstellen?

MrRaise007: Ja klar. Mein Name ist Patrick. Ich bin 27 Jahre jung und komme aus dem schönen Ostwestfalen. Ich spiele ausschließlich Cashgame und das seit knappen 8 Jahren bereits.

PokerStrategy.com: Du hast schon sehr viele Fans und das liegt mit Sicherheit auch an deinem Schreibstil. Woher kommt dieser? Wer sind deine Vorbilder?

MrRaise007: Ich könnte wohl jetzt den Namen meiner alten Deutschlehrerin hier veröffentlichen. Ich fürchte nur, dass das den wenigsten etwas bringt. Ansonsten kann ich sagen, dass mich Eddy Scharfs damaliger Blog inspiriert hat. Ich fand seine Storys und seinen Schreibstil phänomenal. Man hatte immer wieder etwas zu lachen. Irgendwann dachte ich mir halt: "Hey, du hast so viel mittlerweile gesehen und Lustiges erlebt, warum das nicht mit anderen teilen?". Was ich an Eddys Blog außerdem gemocht habe, war seine offene Art immer das zu sagen, was er denkt. Auch wenn er mit dieser Art oft angestoßen ist, habe ich das immer als sehr authentisch empfunden.

"Ich liebe es, Menschen ins Gesicht schauen zu können!"

PokerStrategy.com: Man merkt dir an, wie sehr dir die Interaktion mit den verschiedensten Menschen in deinen Pokerrunden gefällt und wie scharf du deine Mitmenschen dabei analysierst. Ist das für dich der größte Reiz beim Livepoker?

MrRaise007: Auf jeden Fall. Das ist auch der Grund, weshalb ich mein Leben lang immer nur live statt online gespielt habe. Ich liebe es, den Menschen ins Gesicht schauen zu können. Ihnen Reaktionen abzugewinnen, die mir helfen, eine Entscheidung zu treffen. Gerade Fische zeigen so viele Tells durch Reaktionen und Verhaltensweisen im Livegame, dass man dies einfach ausnutzen muss oder sollte.

Eddy Scharf
Vorbild Eddy Scharf

PokerStrategy.com: Du spielst beachtliche Limits, meist NL500. Ist es psychologisch dabei nicht sehr schwer, ausgeglichen zu bleiben, wenn man in einer Session 1 bis 2 Stacks im Minus ist? Schließlich verbringt man ja auch viel Zeit mit Warten beim Livepoker.

MrRaise007: Ich weiß durchaus, dass es vielen Leuten schwer fällt, ruhig zu bleiben, sobald Sie mal 1bis 2 Stacks oder mehr hintenliegen. Gerade diese Spieler sind enorm angreifbar. Sie callen lighter und ihre Anzahl an gespielten Händen verdoppelt sich ruckizucki.

Klar verbringt man viel Zeit mit Warten, aber meine Güte: Dann hält man halt etwas Small Talk mit seinem Gegnern, beobachtet die anderen während der Hand oder hört Musik. Mein Ziel ist es nicht, am Ende der Session vorne zu liegen. Mein Ziel ist es, am Ende des Jahres vorne zu sein!

"Ein Verlust von Geld haut mich nicht um!"

Ich war früher ein sehr impulsiver und emotionaler Mensch. Leider musste ich im frühen Alter aber bereits erleben, was wirklich im Leben zählt: Gesundheit! Meine Mutter ist nach 8-jähriger, schwerer Krankheit leider viel zu früh verstorben und kurze Zeit später bin auch ich an einem Hirntumor erkrankt. Was ich damit sagen will: Durch meine "Lebenserfahrung" bin ich ein komplett anderer Mensch geworden: Ausgeglichener, ruhiger und optimistisch für die Zukunft. Da haut mich ein Verlust von Geld garantiert nicht mehr um, geschweige bringt er mich zum Nachdenken.

Egal ob 2k vorne oder 2k hinten, ich bin nahezu immer gut drauf am Pokertisch und schlafe Nachts keine Minute weniger, nur weil ich verloren habe. Ich bin so optimistisch, dass ich mir immer wieder nach Verlustsessions sage "Das holst du dir doppelt und dreifach wieder!"

PokerStrategy.com: Du bist Vater von einem 1-jährigen Sohn. Herzlichen Glückwunsch! Wie problemlos ist die Kombination aus Poker und Familie für dich?

MrRaise007: Ja, vielen Dank. Die Balance zwischen Familie und Poker zu finden, ist äußerst schwer. Es ist im Grunde genommen einfach kaum was planbar, da jeder Tag anders ist. Mein Sohn ist halt noch sehr jung und braucht mich gerade jetzt sehr oft. Es macht aber unheimlich viel Spaß, seine Entwicklung jeden Tag erleben zu dürfen. Ich denke aber, dass sobald mein Sohn aus dem Babyalter raus ist, es mir etwas leichter fallen wird, Abends mal wegzufahren, um meiner Leidenschaft zu folgen.

PokerStrategy.com: Wie oft hattest du schon 100%ige-Reads auf deine Gegner? Kannst du eine Hand beschreiben, wo du einen 100%igen-Read hattest und welches Verhalten du bei deinem Gegner beobachten konntest?

Reads bei der "27-Regel"

MrRaise007: Wie oft ich das hatte, kann ich schlecht sagen. Eine Hand aus alten Tagen fällt mir aber ein: NL500, Livestraddle. Es wird die "27-Regel" gespielt, sprich: Wer mit 27off gewinnt, bekommt von jedem am Tisch 10 Euro. Ich halte AJ im Livestraddle und ein aggressiv-spielender Türke erhöht am Button auf 40. Ich bezahle.

7-2-offsuit

Flop 3-8-9-rainbow. Check, Aggro-bet sehr schnell 55, call. Turn 4 - check. Aggro-bet sehr schnell 140, call. River 4 - check, Aggro-bet sehr schnell 320, Hero tankcall. Ich habe bei meinem Gegner schon oft in anderen Händen beobachten können, dass er sich bei guten Händen, die er hält, länger Gedanken macht wieviel er setzt. In dieser Hand setzte er aber in Windeseile mit einer gewissen Aggressivität, so nach dem Motto „Jetzt klatsch ich dir ein paar Chips in die Mitte, schmeiss jetzt weg verdammt!"

Am River habe ich ihn dann in einen Small Talk verwickeln können und habe gefragt, ob er 27off hält, um den Zusatz-Bonus abzustauben? Der anschließende ganz kurze erschrockene Blick brachte mich schlussendlich zum Call. Er hatte tatsächlich 27off.

PokerStrategy.com: Wenn ein Mitglied nur eine Geschichte aus deinem Blog lesen darf, welche würdest du empfehlen?

MrRaise007: Ganz klar, "Du hast doch keinen Schwanz in der Hose" auf Seite 33. Ich glaube das symbolisiert ganz gut mit welch lustig-verrückten Gestalten ich gespielt habe.

"Du hast doch keinen Schwanz in der Hose"

Mitte 2013. Tatort Stammkneipe. Blinds 2,50/5. Die obligatorische Runde. Alle kennen sich. Nichts neues. Türken, Albaner, Deutsche. Man könnte meinen, man wäre bei den olympischen Spielen, so viele verschiedene Nationalitäten waren mal wieder am Tisch. Aber man versteht sich, und das ist das Wichtigste!

Die Runde startete spät und zunächst begann mal wieder die Abtastphase. Dann passierte gegen 2 Uhr folgendes: Mit zunehmenden Alkoholkonsum wurden die Jungs auch mal "etwas lockerer" und die olympischen Spiele schienen nun eröffnet zu sein. Das große Ballern begann und auch die Trashtalks wurden wieder zunehmend unterhaltsamer.

Es entwickelte sich dann folgende Hand zwischen 2 Protagonisten, die noch für einiges an Heiterkeit und Lachmuskelschmerzen bei den anderen sorgen sollte.

Ein Deutscher, ich nenne ihn mal "Anton", circa 45 Jahre alt mit Glatze (Nein, kein Nazi!) raist in UTG auf 50. Ein türkischer Autohändler (oder irgendwie sowas...) bezahlt am Button. POT 105€. Beide sind circa 1,2k deep. FLOP: 897. Anton bet 70 – Autoverkäufer raise 250. Anton call. POT 605€. Turn 3. Anton check - Autoverkäufer bet 280 - Anton call, POT 1.165€. River 3. Anton pusht von vorne All-in mit circa 650.

Nun geht unser Autoverkäufer tief in den Tank und versucht mit Anton zu reden.

Autoverkäufer: "Mann, Mann, Mann, scheiß letzte Karte. Hast du Asse oder was Mann?"

Anton: "Vielleicht vielleicht."

Autoverkäufer: "Oder bluffst du mich, Farbe verpasst? Ich hatte dich schon, aber diese scheiß letzte Karte hat mich kaputt gemacht."

Autoverkäufer openfoldet daraufhin 89.

Autoverkäufer: "Los, zeig her deine Asse!

Anton: "Ich hab dich nur geblufft Mensch"

Autoverkäufer: "Ach was, Laberkopf. Du und bluffen, haha. Dafür hast du keinen Schwanz in der Hose!"

Das lässt sich unser sichtlich angeheiteter und (leicht) angetrunkener Anton nicht zweimal sagen: "Waaas habe ich nicht?" Anton steht auf: "Hier guck mal was ich fürn Schwanz in der Hose habe!!!!" Anton knöpft sich seine Hose auf und holt sein "Prachtstück" hervor und legt seinen Dödel auf den Tisch. "Hier schau es dir genau an!!! Schau es dir genau an, da ist auch nix beschnitten!"

Anton deckt nun seine Karten auf: AK.

Dem Autoverkäufer war beim Anblick des Dödels schon schlecht, aber nach dem Aufdecken der Karten wurde er noch kreidebleicher. Wildes Geschrei am Tisch. Alle können nicht mehr vor Lachen. Vielleicht sollte man auch erwähnen, dass gerade just in diesem Moment auch die junge Wirtin reinkam und sich das "Spektakel" mit angucken musste. Ich hingegen saß auf meinem Stuhl und habe gelacht wie lange nicht mehr. Meine Bauchmuskeln taten so dermaßen weh vor Lachen, als hätte ich 500 Liegestütze hinter mir.

Manche mögen mit dem Kopf schütteln oder solche Sachen einfach Assi finden. Aber es war unsere Stammrunde (!) mit Leuten, die das Leben nicht ganz so ernst nehmen und einfach Spaß haben.

 

Chamäleon
Ärgert sich das Chamäleon schwarz?

PokerStrategy.com: Was war dein verrücktester Gegner?

"Der größte Freier der Pokergeschichte"

MrRaise007: Puh, da gab es schon ganz schön viele. Ich spielte wöchentlich mit einem Versicherungsmakler, der schon wirklich sehr crazy war. Er spielte manchmal gerne "blind" und war wohl der größte Freier der Pokergeschichte. Wobei der verrückteste, den ich je gesehen habe war ein älterer Türke, der es nicht für nötig hielt, seine Chips selbst zu setzen. Er hatte immer einen jungen Burschen dabei, der auf Aufforderung das tun musste, was der Ältere sagte. Er ballerte auch gerne mal 500€ in einen 100€ Pot mit Luft.

PokerStrategy.com: Kommen wir zur letzten Frage: Wenn ein Chamäleon in einem komplett verspiegelten Raum sitzt, welche Farbe nimmt es an?

MrRaise007:  Ähm....äh....Gute Frage. Ich sag einfach mal schwarz. Das Chamäleon ärgert sich doch sicher schwarz, in einen vollverspiegelten Raum zu sitzen. Wer wäre da schon gerne?

PokerStrategy.com: Vielen Dank für das tolle Interview und weiterhin viel Erfolg an den Live-Tischen!

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