Die psychologische Falle bei Mystery Bountys
Sobald das Jackpot-Kopfgeld gezogen wurde, ist die Enttäuschung groß und das Spielniveau in Mystery Bountys sinkt schlagartig. Dara O'Kearney erklärt, wie man sich dagegen wappnet...

Bei Mystery-Bounty-Turnieren scheint die Vorfreude auf den Umschlag mit dem Hauptgewinn keine Grenzen zu kennen. Doch genau hier liegt eine psychologische Falle verborgen: Sobald der Umschlag mit dem Hauptgewinn aus dem Spiel ist, verspüren viele Spieler eine herbe Enttäuschung, wodurch ihre spielerische Qualität dramatisch leidet.
Besonders beim Live-Poker ist dieser Stimmungseinbruch deutlich zu spüren. Nachdem Matt Glantz den Umschlag mit $1 Million bei der WSOP öffnete, durchzog den Saal ein enttäuschtes Raunen.
Ohne Aussicht auf das Kopfgeld mit dem Hauptgewinn vergeht einigen Spielern sämtliche Motivation, das Turnier weiterzuspielen. Tatsächlich lässt sich beobachten, wie manche Spieler ihre Tische verlassen. Der Glücksfaktor scheint einigen so sehr zuzusetzen, dass sie dem Ort ihrer scheinbaren Niederlage schlagartig entfliehen.
Auch in anderen Situationen lässt sich dieses Phänomen beobachten, etwa wenn ein Bigstack nach einem bitteren Cooler wieder zum Shortstack degradiert wird. Anstatt sich strategisch an seine neue Stacksize anzupassen, wird keine Gelegenheit ausgelassen, die restlichen Chips wutentbrannt in die Mitte zu feuern. Emotional gleicht der Verlust des Bigstacks dem Ausscheiden aus dem Turnier.
Jeder Umschlag enthält ein durchschnittliches Kopfgeld

Genauer betrachtet hat das Fehlen des Hauptgewinns auch Vorteile, denn viele Entscheidungen fallen nun leichter. Die Grundprinzipien des ICM-Konzepts in Hinblick auf die Auszahlungsstruktur kommt wieder wirksamer zum Einsatz. Darüber hinaus profitiert man von der abnehmenden Spielqualität der enttäuschten Opponenten.
Professionelle Spin & Go Spieler kennen dieses Phänomen genau. Sie fokussieren sich nicht allzu sehr die extrem hohen Multiplikatoren, sondern versuchen vielmehr in jedem Spot die beste Entscheidung zu treffen, um möglichst viele Chips zu gewinnen. Der Hauptgewinn eines professionellen Spin & Go Spielers besteht darin, dass viele Kontrahenten das Turnier bei einem niedrigen Multiplikator abschreiben. Dabei wird der Stack achtlos in die Mitte geschoben, in der Hoffnung, beim nächsten Spin um den Hauptgewinn zu spielen. Für viele Amateure ist die Verlockung am Rad zu drehen stärker als das Pokerturnier zu gewinnen. Dasselbe gilt auch für viele Teilnehmer bei Mystery-Bounty-Turnieren. Der Reiz, einen prall gefüllten Umschlag zu ziehen, stellt für diese Spieler eine weitaus größere Motivation dar als der potenzielle Turniersieg.
Um diese mentale Hürde zu überwinden, empfiehlt es sich, den Inhalt jedes Umschlags als ein durchschnittliches Kopfgeld zu betrachten, ohne den Fokus auf den Hauptgewinn zu richten. Während eines Turniers hat man ausreichend Zeit, die Höhe des durchschnittlichen Kopfgeldes zu berechnen. Beträgt der Hauptgewinn $100.000, so dürfte das durchschnittliche Kopfgeld etwa $6.000 betragen. Auf diese Weise lassen sich Entscheidungen auf rationaler Basis treffen. Selbst wenn der Hauptpreis gezogen wurde, sinkt das durchschnittliche Kopfgeld nur leicht von $6.000 auf etwa $4.500 - kein Grund, das Handtuch zu werfen.
Der wertvollste Rat in Hinblick auf den Umgang mit Enttäuschungen stammt aus dem Buch von Collin Moshman: “Du hast die richtige Entscheidung getroffen, akzeptiere das Ergebnis und mach weiter!" Genauso sollte man ein Mystery-Bounty betrachten. Wenn der Hauptgewinn gezogen wurde, geht die Welt nicht unter, lediglich die Höhe des durchschnittlichen Kopfgeldes sinkt. Die Rahmenbedingungen des Turnieres verändern sich auch zum Guten, denn viele vernachlässigen ihre Defensive nun völlig und spielen komplett ohne Deckung weiter.
Weitere hilfreiche Einblicke dieser Art findet ihr auch zuhauf in Dara O'Kearneys neuem Buch GTO Poker Simplified.