Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Frühere Fehler beim Poker: Domination

Dara O'Kearney wirft einen Blick zurück auf übliche Fehler, die Spieler vor der Solver-Ära begangen haben. Den Anfang macht zu viel Sorge, dominiert zu werden.

Ich bin gerade dabei, ein neues Buch zum Thema GTO abzuschließen und es ist erstaunlich, wie sehr das spieltheoretische Optimum den Zeitgeist von Poker in kürzester Zeit durchdringen konnte. So hat sich die Art und Weise, wie Poker von guten Spielern gespielt wird, innerhalb der letzten drei bis vier Jahre erheblich geändert.

Was mich am meisten dabei fasziniert, ist wie falsch eigentlich viele der "Vordenker" beim Poker lagen, bevor es zum Aufstieg der Solver kam. Das soll keine Kritik sein, auch ich selbst war von vielen der damaligen Annahmen überzeugt und man kann immer nur sein Bestes versuchen mit den Mitteln, die einem zur Verfügung stehen.

Es gibt viele unterhaltsame Beispiele, was alles falsch gemacht wurde, und ich will die meisten davon analysieren. Den Anfang machen soll heute, dass man sich grundsätzlich zu viel Gedanken gemacht hat, dominiert zu werden.

Domination

Dara
Dara O'Kearney

In den frühen Jahren von Online-Poker war das Thema "Kicker" allgegenwärtig. Man beschäftigte sich eingehend damit, wie man mit Händen wie AT Gefahr läuft, gecrusht zu werden. Selbst große Hände wie AJ oder AQ waren nicht sicher. Hände wie JT oder KQ wurden gegen bestimmte Spieler als Trash gewertet, mit dem man letztlich nur in ärgerliche Spots geraten würde.

Solver haben uns aber gelehrt, dass sich viele derartiger Broadways und Ax-Hände in zahlreichen Spots sehr gut spielen lassen und man generell mit einer deutlich weiteren Range unterwegs sein sollte, als in der Frühzeit der modernen Pokerära angenommen.

Hände wie AQ und AJ sind sehr starke Hände gegen die meisten Ranges, sie leiden lediglich, wenn es gegen eine tatsächlich extreme Nit geht. Wenn man mit derartigen Händen callt, dann aber wegen Kickersorgen foldet, obwohl man Top Pair trifft, wird man extrem exploitbar. Die überholte Binsenweisheit zu diesen Händen war, dass man damit auf keinen Fall brokegehen sollte. Die neue Sichtweise lautet nun aber, dass man derartige Hände nicht verfrüht folden sollte, weil man sonst Gefahr läuft, Exploits Tür und Tor zu öffnen.

Boardcoverage

poker
Eine gute Range covert jedes Board

Dann gibt es noch extrem starke Bluffhände wie A5s, vor denen früher wegen schlechtem Kicker gewarnt wurde, die aber eigentlich äußerst gut performen aufgrund ihres Blockervalues, Straight- und Flushvalues und tatsächlich auch in Maßen wegen ihres Top-Pair-Values. Selbst Hände wie K4s sind aus ähnlichen Gründen mittlerweile Teil vieler Ranges, obwohl sie auf dem Papier extrem dominierbar erscheinen.

In diesem Zusammenhang ist auch das Thema Boardcoverage relevant. GTO hat uns gelehrt, dass wir grundsätzlich exploitbar werden, wenn Boardformen möglich sind, die wir nicht getroffen haben können. Wenn man eine Oldschool-Range wie zum Beispiel AJ+ 88+ spielt und ein Flop mit 3-3-2 ausgeteilt wird, dann weiß ein guter Spieler, dass wir darauf nichts getroffen haben können. Daher ist mittlerweile klar, dass auch der Einbau von Händen wie A3s und K4s in die eigene Range wichtig ist, weil einem mitdenkenden Gegner bewusst sein wird, dass wir solche Hände halten können, entsprechend kann er uns auf Boards mit Lowkarten nicht attackieren.

Ein Profi in den frühen Jahren von Online-Poker hätte euch ausgelacht, wenn er wüsste, dass ihr Hände wie A2s spielt und gefragt, was man denn für eine Hand beim Gegner erwartet, wenn man mit sowas unterwegs ist. Die solide Konstruktion einer Range ist sehr wichtig, sich aber zu sorgen, dass man dominiert werden könnte, vor allem mit eigentlich sehr starken Händen, ist ein mittlerweile überholtes Konzept.

Weitere hilfreiche Einblicke dieser Art findet ihr auch zuhauf in Dara O'Kearneys neuem Buch Endgame Poker Strategy: The ICM Book.