Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Tobis Blog: Ein würdiger Champ!

Die WSOP 2012 ist vorbei! In seinem Blog schildert unser Reporter Tobias Block seine Erlebnisse bei den October Nine und berichtet über eine der längsten Pokernächte, die es beim Main Event der WSOP je gegeben hat.

Hey Leute,

Greg Merson ist also Main Event Champ. Ich hab' gelesen, dass er ein Weltmeister sei, der schnell wieder vergessen wird. Der Gewinner eines Final Tables, der keine großen Namen und wenig Attraktivität zu bieten hatte. Ich bin mir nicht sicher ob Leute, die das behaupten, viel Ahnung von Poker haben. Der Junge hat eine große Geschichte vorzuweisen.

Er war früher drogenabhängig, hat oft zu große Cashgame Partien gespielt, galt dennoch immer als unbequemer Gegner, den man weder online noch live gerne links von sich sitzen hatte. Merson redet, wie ihm die Schnauze gewachsen ist. Er schert sich nicht darum, was Leute über ihn denken.

Dafür ist er selber eine sehr unterhaltsame Persönlichkeit. Seine Aussagen treffen den Nagel auf den Kopf und dabei vergisst er nicht, witzig zu sein. Auf seiner Pressekonferenz etwa hat er eine Pointe nach der anderen sauber getroffen. Auf die Anwesenden im Rio hat er 'ne Menge Eindruck hinterlassen.

Gar nicht erwähnen muss man dieser Stelle eine entscheidende Kleinigkeit. Merson hat ein beeindruckendes Pokerface. Habt ihr's gesehen? Vielleicht hat er sich von seinem Boss Phil Ivey einiges abgeschaut. Während der kurzen Unterbrechungen, ging er immer wieder zu Phil Ivey rüber, der im Publikum in Mersons Besucherbox saß. Der Superstar gilt nicht gerade als ICM-Genie und daher ist es möglich, dass Merson sich Tipps zum Thema Körpersprache geben ließ. Oder sie haben Openface-Chinese gespielt, damit Ivey nicht einschläft. Fakt ist jedoch, dass Merson am Pokertisch eine beeindruckende Präsenz an den Tag legt und man kann sagen, dass weder Unbehagen noch Zufriedenheit über seine Holecards seinem Gesicht abzulesen sind.

Jemand wie er, der eine sympathische Bad Boy-Attitüde hat, und das Geld voraussichtlich nicht zur Bank trägt, sondern in Poker reinvestiert, ist am Ende optimal zu vermarkten. Ich bin gespannt ob Merson, wie alle bisherigen Main Event Gewinner auch, bald unter den Fittichen von PokerStars landet.

Lange Nächte im Rio

Zwei ganze Tage und Nächte habe ich im Penn&Teller Theatre im Rio verbracht. Dabei bin ich vor allem eins geworden – abhängig von Jack Link's Beef Jerky. Ja genau, dieses komische getrocknete Fleisch, verpackt in Plastiktüten. Die Werbung mit diesem Bigfoot-Monster, ihr wisst schon! Keine Ahnung, es schmeckt eigentlich nicht besonders gut, aber es lag dort für Medienleute gratis herum, also schiebt man es sich halt rein.

Je länger der Final Table sich hinzog, desto tiefer versank ich in meine flauschig gepolsterte Sitzecke. Die Chips wanderten von Balsiger zu Merson, dann von Sylvia zu Balsiger, dann ein Suckout und es war wieder keiner ausgeschieden. Ich bin fast eingeschlafen. Da ein Bier 8 Dollar kostete und man natürlich auch gewisse Ansprüche an die eigene Arbeit hatte, kam stures Betrinken leider auch nicht in Frage. Ich habe mich ziemlich gefreut, als mir Jesse Sylvia ein langes Exit-Interview gegeben hat.

Normalerweise sind zuerst die grossen Fernsehstationen wie ESPN an der Reihe, wenn ein Spieler ausgeschieden ist.
Danach Pokernews. Wenn ich dann bis zu dem Spieler durchgedrungen bin, ist dessen Interview-Bereitschaft oft kaum mehr messbar. Sylvia schien aber glücklich zu sein, mir die Fragen zum Final Table beantworten zu können. Ich hatte das Gefühl, er wollte die Enttäuschung, auch die über den fragwürdigen Call mit QJs, damit auch ein wenig verarbeiten.

Wie auch schon bei Russell Thomas, der am Tag zuvor als Vierter ausschied, erreichten wir einen Punkt im Gespräch, wo seine Beherrschung zu kippen drohte und ich nur eine unvorsichtige Frage von einem Tränenausbruch entfernt war. In diesem Moment schreit alles in deinem Kopf: “Nicht weinen! Nicht weinen!” Ich konnte Gott sei Dank die Tränen dodgen und verließ schnell die Bühne wieder, vorbei an den vielen Sicherheitsleuten, vorbei am großen Geld.

Es war wieder ein tolles Erlebnis aus Vegas für euch von der WSOP zu berichten. Jetzt will ich erstmal selber wieder pokern – online und live.

Im nächsten Jahr sehen wir uns hoffentlich wieder, wenn die WSOP 2013 beginnt. Ich möchte mich bei euch dafür bedanken, dass ihr die Interviews so fleißig geschaut habt und, dass die meisten von euch im Railthread so aktiv waren. Dadurch ist es erst ein Spaß geworden.

Bis bald!

Liebe Grüße aus Vegas!

Euer Tobi