Wann man Platz 2 im Turnier anpeilen sollte
Dara O'Kearney erläutert, wann man die Drecksarbeit dem Chipleader überlassen sollte, um im Turnier ohne viel Gegenwehr den 2. Platz zu erreichen.

Die meisten Spieler ignorieren irgendwann das ICM und spielen lieber voll auf Sieg. Hier und da genießt das ICM sogar einen derart schlechten Ruf, dass es heißt, man würde sich damit primär zu einem Mincash folden. In der Realität ist es natürlich ein dynamisches Modell, das stets die profitabelste Entscheidung in einem Turnier widerspiegelt. Spieler, die das ICM verstehen, werden entsprechend langfristig auch die meisten Turniersiege vorweisen – und auch am häufigsten auf Platz 2, Platz 3 usw. landen.
Es gibt aber tatsächlich auch Situationen, in denen das ICM eindeutig zu einer Strategie tendiert, die einem aller Voraussicht nach am Ende lediglich Platz 2 einbringen wird. Das ist stets der Fall, wenn am Final Table ein Chipleader unterwegs ist, der einen erheblichen Vorteil in Chips gegenüber dem Rest des Tischs hat.
Die meisten werden wissen, dass die beste Strategie in einem Turnierfinale mit einem Microstack ist, darauf zu warten, dass der kleinste Stack ausgeschieden ist. Die Leichtigkeit, mit der man einen Preisgeldsprung nur durch Abwarten eintüten kann, diktiert in solch einer Situation, dass man mit einem normalen Stack schlichtweg ein absolutes Monster bräuchte, wenn man das eigene Turnierleben aufs Spiel setzt.
Was die meisten jedoch nicht realisieren, ist, dass das ICM bei einem großen Chipleader am Final Table auch dazu rät, dass der Rest des Tisch sehr tight agieren sollten. Manch einer nimmt an, dass die korrekte Strategie in solch einer Situation wäre, relative loose zu agieren, um die Chance auf mehr Chips zu haben, damit man den Chipleader noch einholen kann. Das ist jedoch nicht korrekt. Der Chipleader hat in solch einem Turnierfinale den 1. Platz so gut wie sicher, entsprechend verschiebt sich die Wertigkeit mehr in Richtung der restlichen möglichen Payouts.
Enorme Big- oder Smallstacks machen das Bubblen noch desaströser
Nachfolgend seht ihr eine Tabelle zu einem üblichen Final Table, bei der der Bubble-Faktor jedes Spielers in Relation zu jedem anderen Spieler am Tisch dargestellt wird. Je höher die Zahl ausfällt, umso tighter sollte der Spieler gegen den entsprechenden Gegner agieren. Jeder Bubble-Faktor über 1,5 bedeutet, dass man die eigene Range deutlich tighter als üblich im Vergleich zur nötigen Potodds-Equity gestalten sollte, die man in einem beliebigen Pot benötigt. Ein Bubble-Faktor von 2 oder höher bedeutet im Grunde, dass man eine extrem starke Range im Bereich von AK, QQ+ benötigt.

Am tabellarisch dargestellten Tisch befindet sich ein Chipleader (Seat 1) mit knapp der Hälfte aller Chips im Spiel. Dieser Spieler unterliegt im Grunde fast keinem Bubble-Faktor, der Rest des Tischs hat hingegen einen sehr hohen im Duell gegeneinander und gegen den Chipleader. Die Spieler mit den höchsten Stacks haben dabei auch den höchsten Bubble-Faktor gegen den Chipleader. Es wäre für sie mathematisch ein Desaster vor einem der kleineren Stacks aus dem Turnier auszuscheiden.
Wir alle haben uns sicherlich schon einmal in solch einem Spot befunden, in dem wir schlichtweg warten können, bis der Chipleader drei oder vier Spieler vom Tisch genommen hat und wir eine hohe Platzierung erreichen konnten. Ich kann mich noch gut an eine Situation zu Beginn meiner Pokerkarriere erinnern, als ich einen Final Table beim Live-Poker erreicht hatte, bei dem ein Spieler über einen absurden Chiplead verfügte. Jeder andere am Tisch dachte, er wäre höchstpersönlich auserkoren, um es mit dem übermächtigen Chipleader aufzunehmen, während ich nicht eine einzige Hand spielte und dennoch das Heads-up im Turnier erreichen konnte.
Es gibt Momente, da macht ein Gamble mit einem Bigstack gegen einen anderen Bigstack Sinn, um die Aussicht auf den Turniersieg zu erhalten. Wie in einem vorherigen Artikel erläutert, sind derartige Plays aber eher etwas für den vorletzten Tisch vor dem eigentlichen Final Table, wenn man nicht zu viel Equity dadurch aufs Spiel setzt.
Es mag dem einen oder anderen weak erscheinen, dass ich eine Strategie vorschlage, die im Kern Platz 2 anpeilt. Man darf aber auch nicht vergessen, dass das Turnier noch weitergeht, wenn man das Heads-up erreicht hat. Platz 2 zu sichern und mit einem erheblichen Chipnachteil ins Heads-up zu gehen, bleibt immer eine bessere Taktik, als einen komfortablen Stack aufs Spiel zu setzen, während noch neun weitere Spieler im Turnier verbleiben. Und wer weiß, vielleicht ist der überragende Leader im finalen Heads-up in Spendierlaune und lässt einen Chop der ausstehenden Summe springen, wie bei meinem einstigen Live-Turnierfinale geschehen...
Weitere hilfreiche Einblicke dieser Art findet ihr auch zuhauf in Dara O'Kearneys neuem Buch Endgame Poker Strategy: The ICM Book.