Warum gestaltet sich das Spiel mit 30BB schwieriger?
Man hat nicht automatisch mehr Edge gegen schlechte Spieler, je größer der eigene Stack ausfällt. Laut Dara O'Kearney sind einige Spots mit deepen Stacks weniger profitabel als mit kleineren.

In einem meiner vorherigen Artikel bin ich auf die Vorteile einer späten Anmeldung bei Turnieren eingegangen. Die Kernaussage dabei war, dass die Stackgröße und die zu erwartende Edge in einem nicht linearen Zusammenhang stehen, wofür ich etwas Kritik ernten musste. Viele Spieler argumentieren, man opfere zu viel Edge, wenn man ein Turnier mit 20 Big Blinds oder weniger beginnt.
Im Allgemeinen ist die Aussage zutreffend, je größer der Stack, desto höher die mögliche Edge. So wird ein professioneller Spieler logischerweise eine umso höhere Winrate gegen einen Amateur erzielen, je deeper die Stacks sind, mit denen gespielt wird.
Allerdings gilt diese Beziehung nicht für alle Stackgrößen. Mit Stacks zwischen 10-20 Big Blinds lassen sich höhere Winrates erzielen als mit Stacks im Bereich von 20-30 Big Blinds.
Nachteile beim Spiel mit 30BB-Stacks
Üblicherweise vermeide ich bei Turnieren mit 30BB-Stacks zu starten, wenn ich mich für eine späte Anmeldung entscheide, da ich so einige erhebliche Einbußen für mein Spiel hinnehmen müsste.
Mit einer derartigen Stackgröße macht man sich zum einen gegen Resteals von kleineren Stacks angreifbar. Reshoves gegen größere Stacks verlieren derweil an Attraktivität, weil man zu viele Blinds riskiert. Entscheidet man sich hingegen für eine 3-Bet, gerät man ebenfalls in sehr ungünstige Spots, sobald man auf eine 4-Bet trifft – für einen Call ist eine sehr starke Hand notwendig, ein Fold bedeutet den Verlust eines großen Teils des Stacks.
Das Spiel mit 10-20 Big Blinds birgt etliche Vorteile, vorausgesetzt man gehört zu den Shortstacks am Tisch. Diese Stackgröße erlaubt einem mit einer sehr weiten Range zu restealen. Die größeren Stacks können jedoch nur mit einer starken Range callen, da sie stets die mögliche Gegenwehr von größeren Stacks einkalkulieren müssen, die im Anschluss noch an der Reihe sind. Ich nenne es "Foldequity stealen", weil man die größeren Stacks am Tisch als Druckmittel nutzt, um zusätzliche Foldequity aufzubauen.

Das Spiel mit Shortstacks erzeugt äußerst profitable Situationen, in denen sich weite Ranges spielen lassen. Theoretisch entsteht das profitabelste Szenario, wenn man nur noch über 1 Ante verfügt und ein Gegner raist. In diesem Fall erhält man Odds von etwa 9:1 bei einer Gewinnchance von mindestens 20%. Das entspräche einer Winrate von fast 100BB/100.
Grafisch dargestellt, wird der Zusammenhang zwischen Stackgröße und Winrate durch eine Parabel beschrieben. Sowohl das Spiel mit sehr kleinen Stacks als auch mit deepen Stacks ermöglicht hohe Winrates. Stacks zwischen 20-40 Big Blinds sind jedoch deutlich schwieriger zu manövrieren.
Allerdings beträgt der durchschnittliche Stack in den meisten Turnierphasen genau jene 20-40 Big Blinds. Es gilt also vor allem diese Stackgrößen zu meistern, um bei Turnieren dauerhaft erfolgreich zu sein.
Weitere hilfreiche Einblicke dieser Art findet ihr auch zuhauf in Dara O'Kearneys neuem Buch GTO Poker Simplified.