Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

Wie realisieren Hände ihre Equity?

Die Performance einer Hand im Verhältnis zu ihrer Equity ist ein zentrales Konzept der modernen Pokertheorie, das bisher von vielen Spielern übersehen wurde.





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In meiner Artikelreihe "Selbstversuch" versuche ich, knifflige Spots eigenständig zu lösen und im Anschluss einen Solver zurate zu ziehen, um den tatsächlich korrekten Lösungsweg zu finden – zumindest wenn es um das spieltheoretische Optimum geht.

Vor kurzem habe ich ein Zitat von Patrick Leonard gehört, das mir nicht mehr aus dem Kopf gehen will: "Beim Poker dreht sich alles darum, Equity zu realisieren."

Die Quintessenz seiner Aussage besteht meines Erachtens darin, dass die ideale Spielweise einer Hand immer die maximale Equity-Realisierung zur Folge hat. Bei Value-Händen bedeutet das, die optimale Einsatzgröße zu wählen, während es bei schwächeren Händen darum geht, lukrative Bluffs zu finden. Eine zentrale Erkenntnis aus meiner Arbeit mit Solvern ist ihr Bestreben, Equity zu realisieren. Der Solver vermeidet es tunlichst, zu folden, solange die Hand noch über ein gewisses Potenzial verfügt. Aus diesem Grund würde ein Solver vermutlich nie Bet/Folds mit starken Draws vorschlagen. 

Beim Poker bezeichnet der Begriff Equity im Wesentlichen die Gewinnchance einer Hand, wenn bis zum Showdown durchgecheckt wird. Die Equity-Realisierung misst hingegen, wie gut eine Hand im Verhältnis zu ihrer Equity tatsächlich abschneidet. Hände können ihre Equity über- oder unterrealisieren. Wenn sämtliche Chips in die Mitte wandern oder der Gegenspieler foldet, überrealisieren Hände ihre Equity. Wenn eine Hand gefoldet wird, obwohl sie noch über Gewinnchancen verfügt, spricht man von einer Unterrealisierung der Equity.

Um dieses Prinzip besser zu verstehen, analysieren wir ein Beispiel mithilfe von GTO Wizard

Dargestellt ist die UTG-Range in einem Single-Raised-Pot gegen den BTN auf einem A♥9♦2♦-Flop. Die Farben repräsentieren die Equity-Realisierung, wobei grün für eine Überrealisierung, rot für eine Unterrealisierung steht. 

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Equity-Realisierung

Kleine Paare neigen dazu, ihre Equity nicht ausreichend zu realisieren. In diesem Fall liegt die Equity-Realisierung von 44 zwischen 46 und 56%. Alles unter 100% führt zu einer Unterrealisierung, während Werte darüber eine Überrealisierung bedeuten. Dieses Phänomen dürfte intuitiv verständlich sein, denn in den meisten Fällen werden kleine Pocket-Paare nach dem Flop mit drei Overcards konfrontiert. Die Equity-Realisierung für 44 liegt hier bei rund 34%, da diese Hand in der Regel gegen die erste oder spätestens gegen die zweite Bet folden muss. 

Sobald kleine Pocket-Pairs jedoch ein Set treffen, steigt der Wert drastisch an. Hier wird für das Bottom-Set mit 22 eine Equity-Realisierung von 217% angegeben. Dieses gut getarnte Monster erzielt also doppelt so viel Gewinn, wie es die Equity vermuten lässt. Zur absoluten Stärke der Hand kommt hinzu, dass Bottom-Sets die gegnerische Calling-Range nicht blockieren, sodass häufig großzügige Auszahlungen zu erwarten sind.

Suited Hände weisen die Tendenz auf, ihre Equity zu überrealisieren. In diesem Beispiel hat KQo eine Equity-Realisierung von bis zu 47%, während der Wert für K♦Q♦ sprunghaft auf 117% ansteigt. Grund dafür ist die gute Spielbarkeit von suited Händen, denn Flushdraws bieten vielfältige Optionen. Auch Backdoor-Flushdraws eröffnen lukrative Möglichkeiten für Bluffs und steigern den Realisierungsfaktor merklich. 

Schwache Hände sind überraschend gut darin, ihre Equity zu realisieren. Eine Hand wie 8♥7♥ besitzt beispielsweise eine Equity-Realisierung von 72%, was angesichts der niedrigen Gewinnchance am Flop von 20% ziemlich bemerkenswert ist. Obwohl eine Hand mit 8-hoch fast nie den Showdown gewinnt, erhält dieser Kandidat eine Menge Equity aus Bluffs mit Backdoor-Equity.

Eine Hand wie K♥J♥, die an sich viel stärker ist als 8♥7♥, besitzt eine vergleichsweise geringe Equity-Realisierung von nur 29%. Bluffs mit dieser Hand führen in der Regel dazu, dass ohnehin unterlegende Hände folden. Die Equity dieser Hand beträgt 49%, während eine Hand wie 8♥7♥ mit 20% deutlich seltener die Oberhand behält und somit ein höheres Potenzial hat, stärkere Hände zum Folden zu bringen. Das Verständnis dieser Tendenzen hilft ungemein dabei, geeignete Bluffs zu finden. Mittelstarke Hände haben häufig Schwierigkeiten, ihre Equity angemessen zu realisieren. 

Seit ich dieses Zitat von Pads gehört habe, versuche ich jede Hand, die ich spiele, unter diesem Gesichtspunkt zu analysieren. Meiner Meinung nach verdient dieses Thema viel größere Aufmerksamkeit. 

Wie und an welchen Themen arbeitet ihr abseits der Pokertische? Wir freuen uns auf eure Kommentare!