GTO-Pokertheorie: Das Paretoprinzip
Wir setzen unsere Artikelreihe zu Einblicken in die Welt der Wirtschaft und Spieltheorie fort, die einem auch als Pokerspieler an den Tischen weiterhelfen können.
Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Einer der Gründe, warum wir die neue Artikelreihe gestartet haben: Unser Autor hatte endlich wieder eine Entschuldigung, um über sein Lieblingskonzept zu schreiben, was das eigene Zeitmanagement betrifft. Gemeint ist das Paretoprinzip bzw. die 80-zu-20-Regel, wonach bei einer breiten Anzahl an Ereignissen 80% der Ergebnisse mit 20% des Gesamtaufwandes erreicht werden.
Es wurde als erstes von Vilfredo Pareto (1848–1923) beobachtet, dem aufgefallen war, dass 80% des Landes in Italien im Besitz von lediglich 20% der Bevölkerung standen. Seit dieser Feststellung traten in verschiedensten Feldern immer mehr vergleichbare Verteilungen auf, darunter:
- 83% des Weltvermögens war 1989 im Besitz von 20% der Bevölkerung.
- Microsoft stellte fest, dass 20% der am häufigsten gemeldeten Bugs tatsächlich 80% aller Fehler beseitigten.
- Gesundheits- und Sicherheitsexperten sind der Auffassung, dass 20% aller Gefahrenquellen für 80% aller Unfälle verantwortlich sind.
- Bei Sprachen machen rund 20% aller Wörter 80% der Gesamtmenge an in Rede und Schrift genutzten Wörtern aus.
- In den USA nutzen rund 20% der Patienten 80% der Krankenhausressourcen.
Man kann die Auflistung fortsetzen, aber am besten ihr taucht selbst etwas in die Materie ab, wenn euch das Konzept interessiert. Das Paretoprinzip ist vergleichbar mit dem Matthäus-Effekt, der besagt, dass aktuelle Erfolge mehr durch frühere Erfolge als durch gegenwärtige Leistungen bedingt werden.
Konzentration auf die 20%

Das Nützliche am Paretoprinzip ist, dass man damit untersuchen kann, ob etwas einen disproportionalen Einfluss auf die eigenen Ergebnisse hat, ob nun positiv oder negativ. Es ist gleichermaßen hilfreich im Alltag oder Berufsleben. Wenn man 80% seiner Zeit in die Betreuung von 20% seiner Kunden steckt, ist man vielleicht besser beraten, die Zeit in ein Mehr an Kunden zu investieren, die weniger anspruchsvoll und zeitaufwendig betreut werden können. Wenn 80% der Verkäufe jedoch auf 20% der Kunden zurückzuführen sind, wäre es vielleicht ratsamer noch mehr den Fokus auf sie zu richten.
Die Verteilung musst nicht immer zwangsläufig 80 zu 20 sein. Es muss lediglich ein großer Unterschied zwischen Input und Output vorliegen, eine ungleiche Verteilung. Die kann bei 75 zu 25 oder 90 zu 10 oder sogar 90 zu 20 liegen. Zusammengerechnet muss das Ganze nicht 100 ergeben, immerhin können 90% der Verkäufe auf die Arbeit von 15% der Angestellten zurückzuführen sein. Es geht lediglich darum, Bereiche mit disproportionaler Verteilung zu entdecken.
Sobald einem das Paretoprinzip bewusst ist, erkennt man überall im Leben ähnliche Muster. Ein Bekannter von mir betreibt zum Beispiel eine Pub-Kette und hat berichtet, dass 70% aller bestellten Mahlzeiten in Kneipen auf die Burger-Option fallen, was in seinem Fall eins von insgesamt sechs Hauptgerichten ist. 70% seiner Verkäufe sind also auf lediglich 17% seines Angebots zurückzuführen.
Das Paretoprinzip beim Poker

Wie lässt sich das Ganze nun auf Poker übertragen? Die 80-zu-20-Regel kann man an vielen verschiedenen Stellen beobachten, ein guter Anfang ist dabei die eigene Datenbank.
Natürlich variiert die Verteilung je nach den eigenen und gegnerischen Fähigkeiten, aber fast jeder dürfte beim Blick in seine bisherige Laufbahn feststellen, dass rund 20-25% aller Hände für etwa 80% der positiven Resultate verantwortlich sind. Das macht natürlich Sinn, wenn man bedenkt, dass die besten 20% aller Hände aus relativ einfach spielbaren Kombinationen wie hohen Aces, Broadways, Pocket Pairs und Suited Connectors bestehen.
Gleichermaßen kann man als Cashgame-Spieler auch feststellen, dass 80% des eigenen Profits auf einen sehr kleinen prozentualen Anteil der Gegner zurückzuführen sind. Ähnlich verhält es sich mit der Position am Tisch. Mann kann praktisch darauf wetten, dass jemand der 6-max-Partien spielt, den größten Anteil seines Gesamtprofits vom Button aus einfährt.
Fall es jemandem entfallen ist, dient das Paretoprinzip beim Poker also als exzellente Erinnerung daran, dass wir vor allem in position starke Hände spielen und sehr auf die Auswahl unserer Partien und Gegner achten sollten.
Über die Jahre habe ich einige belastbare Statistiken gesehen, die gezeigt haben, dass 15% aller Spieler meist für 80% der Rakeeinnahmen eines Pokerraums verantwortlich sind. Das sind natürlich Regulars mit hohem Spielvolumen und keine einzahlenden Spieler. Die Verteilung hat sich vielleicht etwas geändert, nachdem Prämien für hohes Spielvolumen immer mehr zurückgefahren wurden, dennoch wird es sich nach wie vor vergleichbar gestalten. Ähnliche Zahlen zeigen auch, dass rund 15% aller Spieler das ganze Geld beim Poker gewinnen und nur ein sehr geringer Anteil davon genug gewinnt, um eine professionelle Karriere einzuschlagen.
Ungleiche Verteilung im Blick behalten

Mehr als alles andere sollte man das Paretoprinzip mit einer Prise Kreativität in seinem Leben anwenden, um herauszufinden, wie man selbst die beste Leistung abrufen kann. Ich habe bei meiner Arbeit zum Beispiel festgestellt, dass ich am effektivsten in den ersten zwei Stunden am Morgen bin und priorisiere entsprechend die wichtigsten Aufgaben in diesem Zeitraum. Wer gerade dabei ist, an seinen Pokerkünsten zu feilen, indem er Coachings besucht, Hände postet und Videos anschaut, kann überprüfen, was ihm davon am meisten hilft. Produziert eine Variante eher wenige spürbare Resultate und eine andere umso mehr, sollte die Verteilung entsprechend geändert werden.
Doch seid gewarnt: Ein häufiges Problem bei Leuten, die anfangen das Paretoprinzip anzuwenden, ist, dass man überall nach ungleichen Verhältnissen Ausschau hält und die Verteilung auch noch perfekt disproportional sein muss. Im Grunde bleibt es lediglich eine sinnvolle Technik, um zu überprüfen, was für einen selbst funktioniert und was nicht, damit man seinen Fokus entsprechend ausrichten kann.
Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels geholfen? Wir freuen uns auf eure Kommentare!