Braucht Poker einen Turing-Test?
Welche Maßnahmen können Online-Anbieter treffen, um sicherzustellen, dass Künstliche Intelligenz nicht die Integrität des Spiels aushebelt?

Zu Beginn der Woche hat die US-Ratingagentur Morgan Stanley die finanzwirtschaftliche Bewertung der größten an den Aktienmärkten öffentlich gelisteten Online-Pokeranbieter herabgesetzt, da man durch Fortschritte im Bereich Künstlicher Intelligenz die Integrität des Spiels gefährdet sieht. Nachdem es jüngst in zwei Fällen dazu kam, dass man mit einer KI einige der besten Pokerspieler der Welt im Heads-up und 6-max schlagen konnte, wurden Investoren gewarnt, dass Online-Poker eine risikoreichere Investition geworden sei.
Innerhalb der Industrie ist man sich seit jeher dieser Art von Gefährdung bewusst. Ob nun verbotene Software, die gezielt schwache Spieler ins Visier nimmt, Bots an sich oder der Aufstieg der Solver-Technologie, man kämpft seit Jahren gegen Fortschritte in Bereichen an, die wenigen Spielern einen Vorteil verschaffen, während der Großteil des Spielerpools davon keinerlei Kenntnisse hat.
Grundsätzlich erwarte ich, dass man sich in der Pokerindustrie auch auf die neue Gefahr von weiterentwickelter Künstlicher Intelligenz einstellen wird. Daran gibt es keine Zweifel. Es stellt sich aber die Frage, wie genau man sicherstellen kann, dass Online-Poker tatsächlich ein Duell von Mensch gegen Mensch bleiben kann.
Nur noch Bots und keine Menschen
Es gab bereits eine Reihe von Maßnahmen, die in genau diese Richtung gehen, beispielsweise die Einführung neuer noch ungelöster Formate wie 6+ Hold'em oder PokerStars Power Up, Limitierungen im Bereich Multitabling, Screenname-Wechsel oder blinde Lobbys. All diese Änderungen zielen in gewissem Grade darauf ab, die Vorteile einzugrenzen, die sich einige Spieler durch das rasante Tempo beim technologischen Fortschritt zunutze machen könnten.
Es scheint, als bräuchte die Pokerindustrie ihren eigenen Turing-Test – einen Weg, um sicherzustellen, dass ein aktiver Spieler tatsächlich der ist, der er vorgibt zu sein, und nicht die Hilfe einer KI nutzt. Das ist kein spezifisches Problem für Poker an sich. Etliche Lebensbereiche, in denen wir im Alltag Technologie nutzen, werden vom Thema KI beeinflusst. Es gibt sogar ein hypothetisches Tech-Event genannt "The Inversion", bei der eine dystopische Prognose im Zentrum steht, in der die Mehrheit aller Internetnutzer letztlich nur KI gesteuerte Bots statt echte Menschen sein werden.
Wie das aussehen könnte, sehen wir schon heutzutage in Form von chinesischen Klickbetrieben und mutmaßlichen russischen Bots, die sich in Wahlen einmischen oder bei Twitter trollen. Auch Meinungen, dass die Algorithmen bei Seiten wie YouTube eher von Bots anstatt von echten Nutzern beeinflusst werden, machen bereits die Runde, sodass die uns vorgeschlagenen Videos eher dem Bild entsprechen, was jemand schauen würde, der nur versucht vorzugeben, wie wir zu sein.
Gegenreaktion zum technischen Fortschritt
Wenn wir sicherstellen wollen, dass wir gegen andere Menschen spielen, die keine von KI unterstützen Hilfsmittel nutzen, bedeutet das zwangsläufig, dass wir seitens der Pokerseiten Maßnahmen akzeptieren müssen, die mehr in unsere Privatsphäre eindringen. Da führt kein Weg dran vorbei. Erste Beispiele dafür gab es bereits in Form von Webcam-Pokertischen, die nach wie vor als die Lösung für viele weitere Probleme gesehen werden, denen sich Online-Poker ausgesetzt sieht. Heutzutage, wo fast jeder mittlerweile bei Twitch streamt, ist eine Umsetzung zumindest etwas realistischer als noch vor ein paar Jahren.
Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass die Pokeranbieter noch mehr Zugriffsrechte auf den eigenen Computer einfordern werden, um mit ihrerseits verbesserter Technologie illegale Software und auf KI hindeutende Verhaltensmuster zu entdecken.
Die Welt entwickelt ein breiteres Bewusstsein für die Unsicherheiten, die Künstliche Intelligenz und Automatisierung für das eigene Leben mit sich bringen. Die meisten Menschen realisieren, dass Aspekte ihrer Arbeit auf Maschinen ausgelagert werden können. Fahrerlose Autos sind letzten Endes nur noch eine Frage der Zeit und US-Präsidentschaftsanwärter Andrew Yang konnte auf Basis dieser Ängste bereits eine kleine Gefolgschaft hinter sich vereinen. Irgendwann wird es eine Gegenreaktion zum technologischen Fortschritt geben, wenn es nicht bereits in einigen Bereichen schon so ist. Online-Poker ist im Gesamtbild nicht in einer Ausnahmestellung, aber man wäre gut beraten, wenn man beim Finden einer Lösung der Zeit voraus sein kann.
Was können Online-Pokeranbieter tun, damit die Integrität des Spiels nicht von Künstlicher Intelligenz ausgehebelt werden kann? Wir freuen uns auf eure Expertise!