Warum Pokerspieler oft nicht reif genug sind, echte Weltmeister zu sein
Nach der Kritik von Joe Hachem an Jerry Yang und Jamie Gold diskutiert Barry Carter darüber, warum Poker die Spieler nicht für das Rampenlicht vorbereitet.
Diese Woche sorgte Joe Hachem für reichlich Furore in der Pokerszene: Der WSOP Main Event-Champion des Jahres 2005 hatte unter anderem die vergangenen Main Event-Sieger Jerry Yang und Jamie Gold heftig kritisiert - sie hätten das Erbe der WSOP-Sieger zerstört. Der Australier äußerte sich generell sehr kritisch über die heutigen Sieger des wohl bekanntesten Pokerturniers der Welt: Seiner Meinung nach wären die Champions der vergangenen Jahre nicht so unterhaltsam und offen wie er, Chris Moneymaker oder Greg Raymer.
Auch wenn ich sicherlich kein Fan von Joe bin, bin ich auf seiner Seite. Ich stimme ihm in jedem angesprochenen Punkt zu. Die meisten Sieger des WSOP Main Events, die nach dem Moneymaker-Effekt gewonnen haben, präsentieren das Pokerspiel nicht im richtigen Maße und zeigen sich nicht als gute Botschafter. Joe weitete die Diskussion im Interview aus: Nicht nur die heutigen WSOP Main Event-Sieger, auch viele andere bekannte Spieler hätten Defizite bei der Eigenpräsentation.
Doch ist es überhaupt in Ordnung, dass die Poker-Community so viel von einem Main Event-Champion erwartet? Muss er wirklich ein Botschafter für unser Kartenspiel sein? Ist der Titel so bedeutungsvoll und prestigeträchtig, dass sich die Sieger anschließend respektvoll verhalten und Verantwortung tragen müssen?
Jeder Amateur kann Erfolg haben

Zudem können sich die Teilnehmer entsprechend darauf vorbereiten, denn in den meisten Sportarten geht es für die Spieler schrittweise von unten nach oben: Meist fangen sie in niederklassigen Wettkämpfen an, die oft auf lokaler Ebene ausgetragen werden. Stück für Stück geht es weiter und talentierte Athleten kämpfen sich über regionale und nationale Wettbewerbe in Richtung Weltspitze vor.
Sie gewöhnen sich langsam und beständig daran, wie es ist, Erfolg zu haben. Sie lernen, mit dem Druck von außen zurechtzukommen, und gewöhnen sich daran, Interviews zu geben und in der Öffentlichkeit zu stehen. Zudem empfehlen sie sich über einen längeren Zeitraum für Sponsoren. Die Sportler haben Trainer und Manager, die auf sie aufpassen und die versuchen, sie in die richtige Richtung zu drängen. Auch wenn es nicht immer gelingt, ist es doch eine gute Vorbereitung für die Spieler auf dem Weg nach oben - sie sind meist gut vorbereitet auf große Erfolge.
Beim Pokerspiel sieht das jedoch anders aus, innerhalb kürzester Zeit kann man plötzlich auf dem Siegertreppchen stehen. Chris Moneymaker hatte 2003 nicht im Ansatz damit gerechnet, Weltmeister zu werden. Er hatte möglicherweise davon geträumt, Pokerweltmeister zu werden, doch er wurde von diesem schnellen Erfolg ziemlich überrascht. Er hatte keinen Manager und hatte keine Ahnung davon, wie man sich in der Öffentlichkeit präsentieren muss und wie wichtig zum Beispiel Interviews sind. Von einem Tag auf den anderen war er plötzlich Weltmeister eines Spiels, das sich gerade in einer Wachstumsphase befand.
Moneymaker hat sich trotz seiner Unerfahrenheit bravourös verhalten und zeigte sich als großartiger Botschafter für Poker. Wir alle sind dem US-Amerikaner dankbar für sein tolles Verhalten nach seinem Sieg, denn dadurch entstand erst der Boom. Doch es ist wenig überraschend, dass nicht jeder Spieler dafür bestimmt ist, sich so gut in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Es gibt viele Main Event-Sieger, die mit dem medialen Interesse nicht zurechtkamen, und schnell wieder abtauchten. Viele Menschen denken, dass Hachem durch seine Aussagen die spielerischen Fähigkeiten von Gold und Yang kritisieren wollte. Möglicherweise war dies auch eines seiner Anliegen. Es steht aber definitiv fest, dass beide angesprochenen Spieler keinen großen Bedarf daran hatten, sich als Weltmeister zu präsentieren.
Eigenschaften eines guten Weltmeisters

Chris Moneymaker, Greg Raymer, Jonathan Duhamel und Joe Hachem waren und sind definitiv gute Botschafter. Sie lehnten niemals Interviews ab, präsentierten sich in der Öffentlichkeit und gaben immer Autogramme - sie haben richtig viel gemacht. Hachem und Duhamel trugen enorm dazu bei, dass Poker in Australien und Kanada populärer wurde. Auch Pius Heinz war kurz nach seinem Triumph in fast allen deutschen Medien präsent und warb für Poker.
Es ist natürlich immer sehr subjektiv, aber ich denke, dass Greg Merson und Jonathan Duhamel in den vergangenen Jahren als Weltmeister herausragten. Sie sind starke Spieler und genießen den Respekt ihrer Kontrahenten. Es gibt nicht viele Main Event-Sieger, die nach ihrem großen Erfolg auch weiterhin so konstant und erfolgreich waren wie Merson und Duhamel. So zeigte Merson beim PCA in diesem Jahr eine famose Leistung, Duhamel konnte in den vergangenen beiden Jahren Preisgelder in Höhe von $2,5 Millionen gewinnen.
Doch nicht nur spielerisch können Weltmeister hervorstechen, oft sind es auch polarisierende Charaktere: Jamie Gold war ein solcher Spieler, den man entweder geliebt oder gehasst hat. Fest steht jedoch, dass er eine echte Persönlichkeit an den Tischen war, der teilweise mit seinem Gerede recht unterhaltsam war. Joe Hachem erinnerte ab und an an Phil Hellmuth, da er manchmal zu verbissen an den Tischen agierte. Auch über Ryan Riess wurde viel diskutiert, nachdem er sich zu seiner eigenen Spielstärke ("Ich bin der beste Spieler der Welt") geäußert hatte.
Ich sage nicht, dass diese Spieler einen guten Charakter besitzen, aber es macht Spaß, ihnen zuzuschauen. Man möchte gegen Spieler wie Hachem oder Gold spielen und sie am liebsten aus dem Turnier werfen - genauso wie Phil Hellmuth. Beim Pokerspiel muss es auch Bösewichte geben, die es mit John McEnroe, David Haye oder Floyd Mayweather auch in anderen Sportarten gibt und gab.
Allerdings gab es auch Main Event-Champions wie Jerry Yang, Peter Eastgate oder Joe Cada, die wenig für unser Kartenspiel getan haben. Ich möchte ihnen nichts vorwerfen und sie hatten den Triumph sicherlich verdient, jedoch haben sie anschließend meistens versucht, unerkannt zu bleiben.
Den perfekten Weltmeister im Pokerbereich gibt es nicht

Aber können wir erwarten, dass ein Pokerspieler, der das WSOP Main Event gewinnt, die Rolle als Pokerbotschafter annimmt? Ich denke nicht. Die meisten von uns haben sicherlich am Anfang nicht einmal gewusst, dass eine solche Rolle wirklich existiert. Pokerspieler spielen meist nicht vor einem großen Publikum und haben keine Fans oder Sponsoren. Wir nehmen unser eigenes Geld in die Hand, um an Turnieren teilzunehmen, und deshalb können wir auch selbst entscheiden, wie wir uns nach einem Erfolg verhalten wollen. Wenn ein Spieler sich nicht wie ein Weltmeister verhalten möchte, dann kann ihn auch keiner dazu zwingen.
Jedoch hat Hachem mit seiner Kritik recht: Es wäre hilfreich für die gesamte Community, würde sich ein Pokerweltmeister wie ein Botschafter verhalten. Denn Amateure möchten gegen bekannte Spieler antreten und Freizeitspieler freuen sich, wenn sie ihre Vorbilder im Fernsehen sehen oder wenn sie ein gemeinsames Foto mit ihrem Lieblingsspieler machen können. Gute Champions können dafür sorgen, dass sich mehr Spieler für Poker interessieren.
Natürlich können wir nun wieder hoffen, dass der nächste WSOP Main Event-Champion ein Sympathieträger ist, der das Pokerspiel voranbringen wird. Besser wäre es aber vielleicht, wenn wir unseren professionellen Pokerspielern zeigen würden, wie wichtig das richtige Verhalten nach einem großen Triumph ist.
Seid ihr der Meinung, dass sich die WSOP Main Event-Sieger nach ihrem Erfolg als Botschafter präsentieren sollen? Wir freuen uns auf eure Meinungen in der Kommentarspalte.
von Barry Carter