Bluff-4-Bets (1) - Theorie
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Bluff-4-Bets (1) - Theorie
von MiiWiin
Heute wirst du eine starke Waffe im No-Limit Hold’em kennen lernen – die Bluff-4-Bet. Es ist ein sehr schwierig zu behandelndes Thema, da es hierbei auf viele verschiedene Faktoren ankommt. Trotzdem wirst du einige grundlegende Gedanken erfahren und an zahlreichen Beispielen sehen, wann Bluff-4-Bets am besten sind.
Dies ist die erste von fünf Kolumnen, die zu diesem komplexen Thema erscheinen werden. Der Theorieteil umfasst drei Kolumnen. Zwei Teile werden mit Beispielen gespickt sein, welche zum einen in Position, zum anderen out of Position stattfinden werden.
Im Theorieteil geht es um folgende Faktoren (die hervorgehobenen in Teil 1):
- Warum überhaupt 4-betten?
- Balancing
- Raisesizing
- Deine Equity
- Bluff-/Valuehände
- Wichtige Gegnerstats
- Ideale Gegner
- Mögliche Hände
- Villains 3-Bet-Range und der Card-Removal-Effekt
- Blufffrequenzen allgemein
- Situationsbedingte Blufffrequenzen (Tableimage, Gameflow, History)
- Deine Position
- Was machst du nach einem Call?
- Alternativen
- Tilt-Restistenz
Warum überhaupt (Bluff-)4-betten?
Die erste Frage, die dir durch den Kopf schießen sollte, ist: „Warum soll ich überhaupt 4-Bet-bluffen?“
Und diese Frage ist natürlich gerechtfertigt. Viele Spieler verzichten komplett auf solche Moves und fahren damit ebenfalls nicht schlecht. Wie meistens im Pokerleben gilt auch hier: Sofern du solche Plays richtig anwendest, kannst du sie mit einem positiven Erwartungswert (+EV) spielen. Machst du aber Fehler, so werden diese ziemlich teuer.
Und dieses Thema ist eines, bei dem du viele teure Fehler machen kannst. Daher werden die wenigsten losing Player sein, bloß weil sie auf Bluff-4-Bets verzichten.
Eine Anschlussfrage müsste lauten: „Ab welchem Limit wird dies interessant?“
Auch das ist schwer zu beantworten. Es ist ab dem Punkt sinnvoll, an dem du gut abschätzen kannst, ob du eine Bluff-4-Bet +EV spielen kannst. Ist dies der Fall, so kannst du dieses Play einstreuen, es ist demnach unabhängig vom Limit.
Die Empfehlung sollte aber lauten, auf kleineren Limits (bis NL50 SH) eher sparsam damit umzugehen. Gerade als Einsteiger im SH-Bereich wirst du wissen, dass es viele Baustellen gibt, um an einem guten Gesamtplay zu arbeiten. Da ist es nicht zwangsweise nötig, sich mit solchen Moves unnötig in Bedrängnis zu bringen.
Ab einem gewissen Punkt werden deine Gegner aber immer aggressiver gegen dich spielen. Es sollte dir also logisch erscheinen, dass Bluff-4-Bets notwendig sind, wenn du häufig mit 3-Bets konfrontiert werden solltest. Ab diesem Punkt musst du dir Gedanken über dein Play machen, um nicht zu viele Hände aufzugeben.
Foldest du in diesen Fällen nahezu immer deine Hände, so besteht die Gefahr, zu einer leichten Beute für aggressive Spieler zu werden. Natürlich 4-bettest du AA/KK, meistens auch AK und QQ, aber kann es nicht sein, dass deine Gegner das beobachten und wissen?
Die logische Folge: du musst nicht nur eine große Anzahl deiner Hände aufgeben, sondern würdest gleichzeitig mit deinen starken Händen kein Payout bekommen. Wenn mitdenkende Spieler erkennen, dass du ausschließlich starke Hände for Value 4-bettest, dann können sie logischerweise wenig Fehler gegen dich begehen. Du lebst aber von den Fehlern deiner Gegenspieler.
Balancing
Und damit sind wir schon beim Punkt Balancing. Egal, welche Aktion du am Pokertisch vollführst, es darf niemals offensichtlich sein, was du hältst. Du openraist AA sowie 45s, du contibettest strong Hands, Bluffs, Semibluffs und kannst in vielen anderen Bereichen, z.B. bei 3-Bets, deine Plays hervorragend balancen.
Warum also nicht auch mit 4-Bets? Wie im obigen Abschnitt beschrieben, verfolgst du primär folgende Ziele damit:
- Gegen notorische 3-Better setzt du dich zur Wehr und es wird seltener gegen dich gestealt
- Deine Gegner können dich schwerer lesen, wenn deine 4-Bet-Range größer wird.
- Du bekommst mit starken Händen weniger Credit und bekommst dort ein besseres Payout.
- Dadurch ist nicht nur gewährleistet, dass du mit AA/KK häufig ausbezahlt wirst, sondern auch, dass du ruhigen Gewissens mit AK/QQ broke gehen kannst.
Entscheidend sind dabei die Blufffrequenz sowie gut geeignete Hände (beides in Teil 2).
Raisesizing
Bet- bzw. Raisesizing ist in diesem Fall ein sehr wichtiger Aspekt. Wie hoch sollte deine (Bluff-) 4-Bet ausfallen?
Ein Punkt muss klar sein: Eine Bluff-4-Bet sollte genau so hoch angesetzt werden wie eine 4-Bet for Value. Dies dient selbstverständlich dem Balancing und ist unerlässlich.
Dennoch soll deine 4-Bet Foldequity erzielen und nicht zu light gecallt werden. Eine Min-4-Bet gibt dem Gegner immerhin Odds von besser als 3:1. Zu viele Spieler sehen sich da genötigt, einen (meist falschen) Call zu tätigen. Diese Option solltest du deinem Gegner nicht bieten.
Die ideale 4-Betsize beträgt dabei das ca. 2,5-fache der 3-Bet.
Preflop: Hero is CO with XX
Hero bets 4BB, BU raises to 12BB, Hero raises to 30BB
In diesem Beispiel 4-bettet Hero auf das 2,5-fache der 3-Bet. Dies ist die ideale Raisesize, aber warum?
Mit einer Bet- bzw. Raisesize willst du grundsätzlich viele Ziele erreichen:
- Value von schlechteren Händen extrahieren
- Foldequity gegen bessere Hände generieren
- Starke Hände protecten
Im Falle einer 2,5-fachen 4-Bet gibst du dem Gegner Odds von 46:18, also grob 2,5:1. Diese Odds sind ausreichend.
Vergleiche hierzu das idealisierte Verhältnis der Continuationbet, die mit einer 2/3-Potsize Bet veranschlagt ist, und zwar genau aus den oben genannten Gründen (max. Value, max. Foldequity, gute Protection). Mit einer 2/3-Potsize Continuationbet gibst du deinem Gegner ebenfalls Odds von 2,5:1.
Somit bleibt folgende Frage: Wie häufig muss die 4-Bet Erfolg haben? Beruht sie alleine auf der Foldequity, so kannst du es wie folgt ausrechnen:
Du investierst weitere 26$, um 16$ zu gewinnen. In 46 Fällen müsste dein Gegner also dreißig Mal folden, dies entspricht ca. 62%.
Damit aber nicht genug. Die Raisesize auf das 2,5-fache mag somit viele Vorteile haben, aber sie ist auch elementar wichtig um korrekt zu spielen.
Wie meistens ist nämlich alles eine Frage der Equity.
Deine Equity
Die Equity ist im Pokerleben entscheidend, auch wenn sich viele Spieler nur wenig mit ihr auseinandersetzen.
Bei den Entscheidungen, wann du eine Hand als Bluff 4-betten kannst, wann du for Value 4-bettest oder wann du dich fälschlicherweise mit einer Hand committet hast, ist eine grundlegende Kenntnis über deine Equity entscheidend.
Zumindest musst du dich damit auseinandersetzen, sofern du vor hast, Bluff-4-Bets in dein Repertoire zu integrieren.
Dafür brauchst du auch nicht wirklich viel, nur deine benötigte Equity sowie den Equilator.
Bleibe bei obigem Beispiel:
100BB Stacks
Preflop: Hero is CO with XX
Hero raises 4BB, BU raises to 12BB, Hero raises to 30BB, Villain pushes All-In
Daraus folgt, dass du noch 70BB nachlegen müsstest, um an einem 200BB Pot beteiligt zu sein. Du benötigst demnach genau 35% Equity (70/200).
Somit ist ein Problem klar: Bekommst du die 35% Equity gegen die Range, die du Villain gibst, so kannst du auch deinen ursprünglich geplanten Bluff nicht mehr folden.
Auf dieser Raisesize basierend folgen gleich ein paar Beispiele. Vorher jedoch noch ein paar andere Bet- und Raisesizes damit du siehst, wie sich die benötigte Equity verändern kann:
- Hero bets 3,5BB, BU raises to 10BB, Hero raises to 25BB, Villain pushes All-In=> 75/200 => 37,5% benötigte Equity
- Hero bets 3BB, BU raises to 9BB, Hero raises to 23BB, Villain pushes All-In=> 77/200 => 38,5% benötigte Equity
- Hero bets 2,5BB, BU raises to 7BB, Hero raises to 18BB, Villain pushes All-In => 82/200 => 41% benötigte Equity
Gib Villain eine mittelmäßig tighte broke Range: JJ+/AKo/s
Nun unterscheidest du deine Hände in 6 Kategorien:
- Hohes Paar: KK
- Highcards: AKo
- Suited Connectors: 67s
- Low Pocketpairs: 55
- Highcard Hands mit Card-Removal-Effekt: A2s
- Crap: J3o
Bevor die Analyse kommt, gehe mal in dich: Solltest du alle diese Hände ge-4-bettet haben und mit obiger Situation konfrontiert sein (Villain pusht), mit welchen Händen müsstest du equitytechnisch gegen die angenommene Range callen?
| Equityanalyse | |||||
| Board | |||||
| Equity | Win | Split | Loss | Hand | |
| Spieler 1 | 37,4% | 35,35% | 4,1% | 60,55% | JJ+, AKs, AKo |
| Spieler 2 | 62,6% | 60,55% | 4,1% | 35,35% | KK |
Dieses Beispiel sollte selbsterklärend sein.
| Equityanalyse | |||||
| Board | |||||
| Equity | Win | Split | Loss | Hand | |
| Spieler 1 | 60,22% | 44,09% | 32,26% | 23,66% | JJ+, AKs, AKo |
| Spieler 2 | 39,79% | 23,66% | 32,26% | 44,09% | AKo |
Du weißt, dass du mit AK nicht 4-bet/folden kannst. Hier erneut der mathematische Beweis.
| Equityanalyse | |||||
| Board | |||||
| Equity | Win | Split | Loss | Hand | |
| Spieler 1 | 70,32% | 70,13% | 0,39% | 29,48% | JJ+, AKs, AKo |
| Spieler 2 | 29,68% | 29,48% | 0,39% | 70,13% | 67s |
Ein suited Connector ist eine gute (Semi-)Bluffhand. Du kannst auf einen Push hin korrekt folden.
| Equityanalyse | |||||
| Board | |||||
| Equity | Win | Split | Loss | Hand | |
| Spieler 1 | 66,78% | 66,57% | 0,43% | 33% | JJ+, AKs, AKo |
| Spieler 2 | 33,22% | 33% | 0,43% | 66,57% | 55 |
Hier ist es schon sehr eng. Du müsstest nur knapp folden, jedoch gibt es in diesem Beispiel eine Besonderheit:
Die schlechte Equity bescheren dir hier die Jacks. Gehst du nur von einer Broke-Range von QQ+/AK aus, so kommst du auf folgende Equity:
| Equityanalyse | |||||
| Board | |||||
| Equity | Win | Split | Loss | Hand | |
| Spieler 1 | 64,36% | 64,14% | 0,44% | 35,43% | QQ+, AKs, AKo |
| Spieler 2 | 35,66% | 35,43% | 0,44% | 64,14% | 55 |
Und siehe da, du kannst mit kleinen Pocketpairs gegen eine tighte Broke-Range nicht Bluff-4-betten.
| Equityanalyse | |||||
| Board | |||||
| Equity | Win | Split | Loss | Hand | |
| Spieler 1 | 70,47% | 69,44% | 2,07% | 28,5% | JJ+, AKs, AKo |
| Spieler 2 | 29,53% | 28,5% | 2,07% | 69,44% | A2s |
Der Card-Removal-Effekt hilft dir natürlich, dennoch kannst du bei einem Push deine Hand problemlos weglegen.
| Equityanalyse | |||||
| Board | |||||
| Equity | Win | Split | Loss | Hand | |
| Spieler 1 | 80,04% | 79,72% | 0,64% | 19,64% | JJ+, AKs, AKo |
| Spieler 2 | 19,96% | 19,64% | 0,64% | 79,72% | J3o |
Natürlich ist dies ein klarer Fold. Hier musst du dir aber die Frage stellen, warum du solch eine Hand überhaupt raist.
Das Ergebnis aus dieser Analyse ist eindeutig:
- Für Bluff-4-Bets sind equitytechnisch geeignet: Suited Connectors, Ax/Kx-Hände, Crap
- Für Bluff-4-Bets sind equitytechnisch nicht geeignet: Pocketpairs, AK, hohe Paare
Ganz fix ein Schlenker zurück: Die 35% Equity benötigst du nur aufgrund der 2,5-fachen Raisesize.
Was wäre, wenn du wie folgt 4-betten würdest?
100BB Stacks
Preflop: Hero is CO XX
Hero raises to 4BB, BU raises to 12BB, Hero raises to 50BB, Villain pushes All-In
In diesem Fall bräuchtest du nur noch 25% Equity (50/200). Die Folge: Du müsstest mit 67s und A2s broke gehen. Kann das dein Ziel sein?
Zudem sollte jedem denkenden Gegenspieler dieser Umstand klar sein. Das bedeutet: Setzt du deine 4-Bet so hoch an, dass jeder weiß, dass du dich damit committest, so nimmst du deinem Gegenspieler die Möglichkeit, light zu pushen (bzw. als Bluff). Er selbst kann sich nahezu keine Foldequity mehr geben.
Das heißt zum einen, dass dein Payout mit starken Händen verringert wird, zum anderen, dass du mit Schrott-Händen broke gehen musst, nur weil du dich selbst committed hast.
Das kann aber nicht Sinn und Zweck dieses Plays sein. Da hilft es auch nichts, dass du mit einer hohen 4-Bet eine leicht höhere Foldequity erzielst (äquivalent dazu könntest du bei einer Continuationbet auch jedes Mal für max. Foldequity direkt pushen, sinnvoll wäre das aber nicht).
Somit solltest du zum Ergebnis kommen, dass eine 4-Bet auf das 2,5-fache der 3-Bet eine ideale Raisegröße ist, selbst wenn du selten Bluff-4-Bets in dein Spiel integrierst.
Bluff-/Valuehands
Wie immer muss dir klar sein, ob du eine Erhöhung als Bluff in der Hoffnung durchziehst, bessere Hände könnte folden, oder aber for Value, in der Hoffnung, schwächere Hände könnten dich ausbezahlen.
Nach obiger Equityanalyse stellt sich diese Frage nur bei einem Handtyp: Kleinen Pocketpairs.
Wenn du hier 4-bettest, kannst du nicht mehr folden. Kannst du aber allen Ernstes mit solchen Händen for Value 4-bet/call spielen?
Du bewegst dich hier in einem sehr engen Raum. Dennoch sollte dir hierdurch klar werden, dass ein lightes broke gehen mit Händen wie mittleren Pocketpairs (TT-77), die unter Umständen noch kleinere Pocketpairs dominieren, nicht immer der falsche Weg ist.
Hierfür sind Reads mehr als entscheidend sowie die Frage, ob es aus Sicht der Deception bzw. des Balancing nötig ist. Dieser Punkt wird aber nun nicht näher betrachtet, da es sich hier um reine Bluff-4-Bets handeln soll.
| » ZUSAMMENFASSUNG |
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Du hast heute den Einstieg in die Bluff-4-Bets geschafft. Ein paar grundlegende Kenntnisse der Equity sind Vorraussetzung für solche Aktionen. Wie du aber gesehen hast, kannst du dir merken, dass mit Pocketpairs 4-bet/fold für 100BB kaum möglich ist. Daher wird es in den folgenden Teilen nur um Hände gehen, mit denen solch ein Play auch sinnvoll ist. |
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