Der Wechsel von Full Ring auf Shorthanded
Einleitung
Die folgenden Seiten behandeln den Umstieg von NL Full Ring Games auf Shorthanded-Tische. Der Artikel soll euch einen Einblick in das Shorthanded-Spiel geben, die Unterschiede zu Full Ring aufzeigen und euch so den Wechsel an die SH-Tische erleichtern.
Für wen kommt der Wechsel in Frage bzw. wann ist der richtige Zeitpunkt?
Wann der Umstieg angebracht ist, fällt im Einzelfall sehr verschieden aus. Man kann diese Frage, wie so häufig, nicht pauschal beantworten. Es gibt also nicht das Keylimit oder ähnliches, bei dem man wechseln sollte. Jedoch solltet ihr Full Ring bereits über eine längere Zeit erfolgreich gespielt und die grundlegenden Konzepte (Anhaltspunkt: Silber-/Gold-Content) verstanden und umgesetzt haben. Wenn es euch dann noch reizt, shorthanded zu spielen, seid ihr bereit für den Wechsel.
Warum überhaupt wechseln? Die Vorteile des SH-Spiels
I) Es gibt mehr Fische. Je höher man in den Limits kommt, desto weniger FR-Tische stehen zur Verfügung. Auf der anderen Seite hat man für 6max eine deutlich größere Tischauswahl, noch dazu mit vielen schlechten Spielern. Shorthanded Games ziehen schlechte Spieler geradezu magisch an, was wohl auf das generell schnellere und loosere Spiel zurückzuführen ist.
II) Ihr seid gegen die oben genannten Gegner häufiger in der Hand, da ihr selbst looser werdet. Das lässt eure Winrate steigen.
III) Ihr spielt mehr Hände pro Stunde bei gleicher Tischanzahl, da sechs Spieler eine Hand nun einmal schneller spielen als zehn Spieler. Im Ergebnis führt das ebenfalls zu einer höheren Hourly Winrate.
Die Unterschiede zwischen Full Ring und Shorthanded
Kommen wir nun zum Hauptteil des Artikels, den Unterschieden zwischen beiden Spielformen und der Frage, in welchen Punkten ihr euer Spiel umstellen müsst. Vorweg sei gesagt, dass ihr, insbesondere postflop, nicht anders vorgehen solltet als bisher gelernt - die Grundlagen bleiben die gleichen.
Aber auch preflop heißt das Spiel No Limit Hold'em. Behandelt die Tische wie FR-Tische, jedoch so, als hätten die ersten vier Spieler gefoldet und MP2 wäre in jeder Preflop-Runde first to act. Dieser Punkt ist ungemein wichtig, da aus der Erfahrung heraus viele Anfänger den Fehler machen, zu viele Hände zu spielen.
Grundsatz: Wir behalten unser solides, tightes Spiel bei und passen es an die Gegebenheiten eines 6max-Tisches an.
Preflop
Eure relative Handstärke nimmt zu, da bei nur sechs Spielern natürlich weniger gute Hände im Umlauf sind. Daher könnt ihr auch mehr Hände spielen. Ein weiterer Unterschied ist, dass ihr in später Position häufiger first to act seid oder nur ein looser Limper in die Hand eingestiegen ist. Auch das erweitert eure Range. Wie diese aussehen kann, zeigt der folgende Open Raising Chart, den ihr gegen unbekannte Gegner benutzen könnt und der euch für den Anfang ein solides TAG-Preflopspiel ermöglicht.
Habt ihr Reads und/oder Pokertracker-Stats eurer Gegner, müsst ihr euer Spiel natürlich daran anpassen und looser oder tighter werden. Von äußerster Wichtigkeit ist es, in früher Position tight und zum Button hin mehr und mehr Hände zu spielen, da wir postflop so selten wie nur möglich Out of Position spielen möchten. Da das NL-Preflopspiel sehr gegnerabhängig ist, wird es sicher eine Weile dauern, bis ihr eure ganz individuelle Prefloprange gefunden habt.
Hier eine mögliche Open-Raising-Range:
No Limit Open Raising Chart SH
| UTG |
MP |
CO |
BU |
SB |
BB |
|
| Pairs | 88 | 66 | 22 | 22 | 22 | 22 |
| As | AJs | ATs | A2s | A2s | A2s | A2s |
| Ks | KQs | KJs | KTs | K9s | KTs | K9s |
| Qs | QTs | Q9s | QTs | Q9s | ||
| Js | JTs | J9s | JTs | J9s | ||
| Ts | T9s | T8s | T9s | T8s | ||
| 9s | 98s | 98s | ||||
| 8s | 87s | 87s | ||||
| 7s | 76s | 76s | ||||
| 6s | 65s | 65s | ||||
| 5s | 54s | 54s | ||||
| A | AQ | AJ | AT | A2 | AT | A2 |
| K | KQ | KJ | KT | KJ | KT | |
| Q | QJ | QT | QJ | QT | ||
| J | JT | JT | ||||
| T | T9 | T9 |
Erklärungen
Ein Open Raise ist ein Raise, das gemacht wird, wenn vor einem noch niemand in die Hand eingestiegen ist. Das Chart listet die Hände, die Ihr mindestens raisen müsst, falls vor euch noch kein Spieler in den Pot eingestiegen ist. Alle besseren Hände werden natürlich erst recht geraist. Ist z.B. im Chart AT gelistet, so erhöht Ihr auch mit AJ, AQ und AK. Steht im Chart J9s, so erhöht ihr auch mit JTs.
Allgemein lässt sich sehr schnell erkennen, dass wir OOP sehr tight spielen, am Button aber deutlich looser werden. Die Range auf dem SB ist tighter als die Range am Button. Das liegt vor allem daran, dass wir, sollten wir vom BB gecallt werden, keine Position auf ihn besitzen.
Die Open-Raising-Range vom BB bezieht sich auf die Situation, in der der SB first in limpt.
Das Chart sagt nichts über die 3betting-Range oder das Spiel gegen Limper aus. Es ist so auch nicht möglich, sie in allgemeiner Form anzugeben, da beides sehr stark von dem entsprechenden Gegner abhängt. Vor allem am Anfang empfehle ich eine recht tighte 3betting-Range. Weiteres zu der 3betting-Range findet ihr auch in dem Artikel Tight aggressive Preflop Spiel für Fortgeschrittene.
Schlechte Spieler sollten tendenziell mit einer großen Range isoliert werden (alle im Chart stehenden Hände), während man gegen gute Spieler deutlich tighter agieren sollte, da die Postflop-Edge entsprechend geringer ausfällt und man sich wesentlich öfter in marginalen Situationen wiederfindet.
Postflop
Grundsätzlich verändert sich unser Spiel nach dem Flop kaum, gleichwohl die eine oder andere Anpassung nötig ist. Aufgrund der Tatsache, dass die Handranges eurer Gegner in Folge des looseren Preflopspiels an Shorthanded-Tischen deutlich größer sind, sind die Gegner schwerer zu lesen und halten auch öfter eine nicht ganz so starke Hand. Vermeidet jedoch den Fehler, diesen Spielern keine gute Hand mehr zu glauben!
Um eure Gegner besser einschätzen zu können, solltet ihr die Tipps in dem Artikel "Reads" befolgen. Zudem ist es ratsam, individuell auf die Stats des Gegners einzugehen und diese bei jeder Entscheidung zu berücksichtigen. Des Weiteren werdet ihr am Flop häufiger als Preflopagressor Heads Up sein. Um diese Situationen richtig zu spielen, solltet ihr den "Continuation Bet"-Artikel verinnerlicht haben.
Um die schwierigen Postflopsituationen gut zu meistern, müsst ihr also den No-Limit-Content von Pokerstrategy sicher in euer Spiel integriert haben. Dazu empfehle ich euch (vor allem die oben genannten) Artikel noch einmal gründlich durchzuarbeiten.
Psychologie
Im Vergleich zu Full Ring fällt die Varianz an SH-Tischen merklich höher aus. Um auf die großen Swings vorbereitet zu sein, wie sie beim Shorthanded-Spiel keine Seltenheit sind, solltet ihr euch mit dem "Upswings und Downswings"-Artikel auseinandergesetzt haben.
Die vielen (natürlich auch kleineren) Swings erhöhen die Gefahr des Tiltens. Gerade für tiltanfällige Spieler ist es eine Herausforderung, die vermehrten Ups und Downs der Bankroll zu verkraften, und somit ist für diese Spieler der Artikel "Über das Tilten" unumgänglich.
Bankrollmanagement
Wie zuvor schon erwähnt, ist die Varianz shorthanded größer. Aufgrund dieser Tatsache empfehle ich ein konservativeres Bankrollmanagement von mindestens 25 Stacks. Möchte man also auf NL 0.10/0.25 SH spielen, sollte eine Bankroll von nicht weniger als 625$ vorhanden sein. Wer nur sehr ungern bei anfänglichen Schwierigkeiten auf dem neuen Limit wieder absteigt, der sollte zur Sicherheit ein größeres finanzielles Polster besitzen.
Was sollte ich beim Umstieg noch beachten/lesen?
Bei deinen ersten Versuchen an 6max-Tischen ist es auf jeden Fall zu empfehlen, nur zwei Tische zu spielen. Auch wenn du Full Ring Multitabling betrieben hast, ist es wichtig, zu Beginn die Tischanzahl zu reduzieren, um das gelernte Wissen gut umsetzen zu können und sich an das schnellere Spiel zu gewöhnen.
In Sachen Buchempfehlung gilt generell: Lies alles, was du über No Limit finden kannst. Praktisch alle Artikel beziehen sich auf No Limit im Allgemeinen und nicht speziell auf Full Ring oder Shorthanded.
Lasst eure Hände analysieren und besucht Coachings! Das Gesagte sind zwar allgemeingültige Ratschläge, jedoch solltet ihr sie beim Wechsel besonders gut beachten, um Anfängerfehler schnell zu verbessern.
Fazit
Dieser Artikel gibt euch eine Einführung in das Shorthanded-Spiel. Außerdem solltet ihr nun nachvollziehen können, worin die Vorteile eines Wechsels zu SH liegen. Ihr seid nun gut vorbereitet und könnt euch an den Wechsel wagen.