Timing Tells (2) - Grundsätze
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Timing Tells (2) - Grundsätze
von MiiWiin
Wie wichtig Timing Tells sein können und wodurch man sie erkennt, hast du in Teil 1 bereits kennen gelernt.
Nun geht es darum, dies auf verschiedene Bereiche zu übertragen. Wer gibt diese Tells, woran erkennt man sie und was können sie aussagen? Wie kann man sich selbst davor schützen, vielleicht unbewusst solche Tells zu geben?
Übersicht:
Wie im vorherigen Teil bereits geschildert, könnte man sich über dieses Thema sehr breit auslassen. Du solltest allerdings versuchen, dich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
Dabei gibt es vier wichtige Fragestellungen:
- Gibt mein Gegner Timing Tells?
- Gebe ich Timing Tells?
- Wie weit denkt mein Gegner?
- In welchen Situationen sind Timing Tells besonders wichtig?
Wie weit denkt mein Gegner? Gibt mein Gegner Timing Tells?
Diese Frage solltest du dir jedes Mal stellen, unabhängig von der Thematik der Timing Tells.
Häufig wird vom Level-War geredet, dem Denken in Ebenen. Wer ist seinem Gegner einen Schritt voraus.
Dazu ein Beispiel. Du spielst an einem NL25-Tisch, du kennst deinen Gegner recht gut, er ist ein regulärer Spieler, spielt solide und denkt häufig mit. Nun kommt folgender Spot:
$25 NL Hold'em (6 handed)
Stacks & Stats
UTG ($25)
MP ($25)
CO ($25)
BU ($25)
SB ($25)
Hero ($25)
Preflop: Hero is BB with X ; X
3 folds, BU raises $0.75, 1 fold, Hero raises $2.50, BU raises $5.75, Hero...
Dein Gegner überlegt längere Zeit, sagen wir zehn Sekunden, und dann kommt die 4-Bet. Was kannst du daraus erkennen?
Sagst du dir: „Der hat lange überlegt, also hat er eine schwere Entscheidung zu treffen gehabt, das können ja keine Aces oder Kings sein!“
Meistens wohl nicht. Die Augenbrauen gehen hoch, die Nase wird gerümpft, da ist doch irgendwas im Busch. So billig kommst du an eine Information über seine Hand wohl nicht heran.
In der Theorie gibt es bei Villain folgende Möglichkeiten:
- Er hat tatsächlich eine schwache Hand/Bluff und musste überlegen.
- Er weiß, dass du weißt, dass es schwach aussieht, und spielt daher eine starke Hand so.
- Er weiß, dass du weißt, dass es schwach aussieht, und spielt daher eine schwache Hand so, da du es doch als Stärke interpretierst.
- Er weiß...
So kann es unendlich weitergehen. Er selbst kann es sogar ideal spielen, indem er einfach bei jeder dieser Entscheidungen zehn Sekunden überlegt, in diesem Fall erkennst du daraus gar nichts.
Somit besteht immer Gefahr, gewisse Aktionen deiner Gegner falsch zu interpretieren. Die Frage ist, auf welcher Ebene sich dein Gegner befindet.
Selbst bei schwachen Spielern wurde bereits in Teil 1 festgestellt, dass sie sich bereits auf Ebene 2 befinden.
Ebene 1 wäre der Grundsatz: Schnelle Entscheidung = starke Hand, langsame Entscheidung = schwache Hand.
Jedoch wurde selbst bei den eher schwachen Spielern festgestellt, dass sie ihre Hände möglichst tricky spielen wollen. AK wird schnell geshoved, es soll stark aussehen. Mit Aces wird versucht zu trappen, es soll schwach aussehen.
Die Interpretation daraus ist eindeutig: Selbst diese Spieler haben Ebene 2 erreicht und versuchen auf einfachstem Wege, ihre Handstärke zu verschleiern. Der Vorteil dabei: Diese Ebenen werden sie selten verlassen.
Die Gegner
Daher ist klar, dass du bei schwachen Gegnern davon ausgehen kannst, dass sie immer gleich spielen. Ebene 2 wird nicht verlassen, stark soll schwach aussehen, schwach soll stark aussehen. Fertig.
In den meisten Fällen ist dies so. Des Weiteren kannst du davon ausgehen, dass sie ihrerseits nicht auf Tells von dir achten werden. Sie spielen ihre eigene Hand und werden weder deinen Betsizes noch möglichen Timing Tells besondere Aufmerksamkeit schenken.
Interessant wird es gegen gute Spieler, also reguläre Spieler die mitdenken und mit denen du es häufiger zu tun haben wirst.
Da musst du Reads über mögliche Timing Tells herausfinden. Wollen sie eine starke Hand stark aussehen lassen, damit du es wiederum als schwach einstufst?
Wie häufig hast du übertriebene All-In-Pushes light gecallt, mit einem Lächeln im Gesicht („billiger und schlechter Bluff“) und bist in Aces gerannt? War dein Gegner da schon eine Ebene weiter?
Die Ebenen können beliebig fortgeführt werden. Zu erkennen, welcher Timing Tell etwas wert ist, da hilft in erster Linie Aufmerksamkeit und Reads zu erfassen. Dennoch werden im Folgenden einige Standards erörtert werden.
Deine eigene Adaption lässt sich aber jetzt schon ableiten: Lässt du dir bei jeder Entscheidung gleich viel Zeit, kann dein Gegner nichts heraus lesen. Das ist schon mal ein wichtiger Merksatz, den du im Hinterkopf haben solltest.
Gebe ich Timing Tells?
Ich bin mir echt sicher die Antwort zu kennen: Ja.
Du wirst Timing Tells geben, wenn auch unbewußt. Bislang hast du nur das einfache Beispiel der 4-Bet preflop gesehen, dies ist natürlich nur ein Bruchteil aller Möglichkeiten.
Betrachte nun folgendes Beispiel:
$25 NL Hold'em (6 handed)
Stacks & Stats
UTG ($25)
MP ($25)
CO ($25)
Hero ($25)
SB ($25)
BB ($25)
Preflop: Hero is BU with
3 folds, Hero raises $0.75, 1 fold, BB calls $0.75
Flop: ($1.60) (2 players)
BB checks, Hero bets $1.25, BB calls $1.25
Turn: ($4.10) (2 players)
BB checks, Hero bets $3.00, BB calls $3.00
River: ($10.10) (2 players)
BB checks, Hero checks
Die Hand sieht nach Standard aus. Raise preflop, contibet, 2nd Barrel for Value und Protection, checkbehind River nachdem sich die Queen paired und der Flush ankommt.
Was ist das besondere?
In einer idealen Handanalyse wäre es schön zu wissen, wie viel Zeit du für deine Entscheidungen benötigst.
Dies betrifft sekundär deine Bets an Flop und Turn, aber primär die einfachste aller Entscheidungen: Deinen Check am River.
Am Tisch ist die Entscheidung klar. Am Turn tendiert es schon Richtung bet/fold for free Showdown, bei der Rivercard hast du wohl keine Valuebet mehr. Da du ohnehin last to act bist, kannst du schnell behindchecken, Timing Tells kannst du nicht geben. Doch das ist nicht richtig.
Stell dir nun vor, du checkst sofort behind, quasi ohne Nachzudenken und kurze Zeit später passiert folgendes:
$25 NL Hold'em (6 handed)
Stacks & Stats
UTG ($25)
MP ($25)
CO ($25)
Hero ($25)
SB ($25)
BB ($25)
Preflop: Hero is BU with
3 folds, Hero raises $0.75, 1 fold, BB calls $0.75
Flop: ($1.60) (2 players)
BB checks, Hero bets $1.25, BB calls $1.25
Turn: ($4.10) (2 players)
BB checks, Hero bets $3.00, BB calls $3.00
River: ($10.10) (2 players)
BB checks, Hero???
Du überlegst. Du brauchst ein paar Sekunden, um zu überlegen, ob du eine 3rd Barrel feuern solltest und wie groß sie ausfallen sollte.
Was kann dein Gegner erkennen? Er hat gesehen, dass du mit marginalen Händen nichtmal über eine Bet nachgedacht hast. Was hast du aus Teil 1 gelernt? Einfache Entscheidung = schnelle Entscheidung.
Aber hier überlegst du. Du hältst nichts Marginales, sondern Nuts or Nothing. Entweder du überlegst, ob du bluffen sollst, und wenn ja wie, hoch du setzen solltest, oder du hältst eine sehr gute Hand und überlegst dir, wie du den höchsten EV aus deiner Bet ziehen kannst.
In Beispiel 2 hast du deinem Gegner gezeigt: Habe ich eine leichte Entscheidung, checke ich einfach behind. Und in Beispiel 2 kann dir damit auch nichts passieren, aber für die folgende Hand hast du deinem Gegner einen Read geliefert.
Was kannst du dagegen tun? Es ist nötig, in Beispiel 3 eine Valuebet zu setzen und dabei die Höhe zu überdenken, oder aber mit Händen, die tatsächlich gar nichts getroffen haben, über einen Bluff nachzudenken. Da musst du überlegen.
Die Adaption ist einfach: In Beispiel 2 hättest du trotz ganz leichter Entscheidung ein paar Sekunden überlegen sollen. Selbst dort hätte Villain sich wieder Gedanken machen müssen: “Wollte er vielleicht erneut betten? Kann er so loose betten, glaubt er ich calle da etwas Schlechteres?“
Dein Gegner muss sich anstrengen und du gibst keinen Read preis, eigentlich ideal. Genau das gleiche machen auch deine Gegner:
$25 NL Hold'em (6 handed)
Stacks & Stats
UTG ($25)
MP ($25)
CO ($25)
Hero ($25)
SB ($25)
BB ($25)
Preflop: Hero is BU with
3 folds, Hero raises $0.75, 1 fold, BB calls $0.75
Flop: ($1.60) (2 players)
BB checks, Hero bets $1.25, BB calls $1.25
Turn: ($4.10) (2 players)
BB checks...
Würde dein Kontrahent am Turn sofort checken, quasi ohne nachzudenken, sagt dies viel über seine Hand aus. Immerhin fällt eine Overcard, ein Straightdraw kommt an. Unter normalen Umständen würde Villain wohl überlegen müssen, wie er out of Position weiterspielt.
Möchte er bluffen oder möchte er valuebetten? Doch dadurch, dass er sofort checkt, wird sein Way ahead - Way behind - Spiel offensichtlich, in den häufigsten Fällen läufst du hier gegen eine marginale Hand wie Tx, 9x, 88-.
Daher solltest du auch selbst in solchen Spots aufpassen, keine Timing Tells zu geben. Selbst wenn dein Check/Call-Kurs feststeht, da du Way ahead - Way behind spielen willst, solltest du deinem Gegner das nicht so offen darlegen.
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| Nach weiteren grundlegenden Themen zu Timing Tells hast du zuletzt Beispiele gesehen, in denen Timing Tells gegeben werden können.
Im kommenden Teil werden die wichtigsten Situationen beschrieben, in denen du dich entweder verraten kannst oder aber deinen Gegner einen Teil seiner Range preisgeben könnte. |
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