Aktualisiert am 12 März 26 von

Die sieben Arten von Tilt

Einleitung

In diesem Artikel

  • Welche Faktoren Tilt auslösen können
  • Warum du den Tilt an der Wurzel packen solltest
  • Wie du an deinem Tilt-Problem arbeiten kannst

Definiert man Tilt als das Ergebnis einer Verärgerung, kann man sehr detailliert analysieren, wie diese Verärgerung beim Poker entstehen kann. Die Gründe können sehr vielfältig sein. In den vier Jahren meiner Tätigkeit als Coach für Pokerspieler bin ich immer wieder auf sieben verschieden Arten von Verärgerung gestoßen, von denen jede eine andere Herangehensweise erfordert.

Immer wenn ich eine nicht spezifisch zugeschnittene Lösung vorgeschlagen habe, waren zwar kleine Fortschritte zu erkennen aber das Problem wurde nicht an der Wurzel gepackt. Als Folge mussten meine Kunden ständig versuchen, mit dem Tilt umzugehen und konnten sich nicht komplett auf die Details ihres Spiels konzentrieren.

Das Ziel sollte immer sein, dein Tiltproblem zu lösen, damit ein potentieller Auslöser wie ein Suckout von einem Fisch keine Verärgerung mehr hervorruft. Dann gibt es nämlich keinen Tilt mehr, mit dem du irgendwie umgehen musst und du kannst dich voll und ganz auf dein eigenes Spiel konzentrieren.

Ein Tiltproblem effektiv zu lösen, bedeutet seine Ursachen und nicht die Symptome zu behandeln. Am besten tut man dies, indem man die kleinen Einzelteile der Verärgerung analysiert. Dies ist auch der Grund, weshalb ich sieben Arten von Tilt definiert habe. Auf diese Weise kann man sein eigenes Tiltproblem leichter analysieren und es wird einfacher, die Wurzel des Problems freizulegen und zu behandeln. Wenn es nicht gelingt, das Problem an der Wurzel zu packen, wird der Tilt wie Unkraut, das nicht mitsamt der Wurzel ausgerissen wurde, immer wieder zurückkehren.

In „The Mental Game of Poker“ unterscheide ich die sieben Arten von Tilt noch genauer, als ich das hier mache. Die Motive für die Unterteilung sind jedoch die gleichen. Das grundlegende Problem lässt sich so leichter erkennen und gezielter bekämpfen. Da die Vorstellung, dass Tilt auf diese Art und Weise erklärt werden kann, für die meisten recht neu sein dürfte, soll dieser Artikel einen Überblick über die sieben Arten von Tilt und die verschiedenen Herangehensweisen liefern. Zwischen den einzelnen Arten gibt es wie bei einem Mengendiagramm Überschneidungen, die sicherstellen, dass die wichtigsten Tiltauslöser abgedeckt werden.

Running-Bad-Tilt

Die erste Art von Tilt ist so weit verbreitet, dass viele Spieler sie für einen natürlichen Bestandteil des Spiels halten. Ganz so als ob es in den Regeln stehen würde, dass man nach ein bisschen Pech gleich auf Tilt gehen müsste.

Tilt aufgrund eines schlechten Runs ist keine wirklich eigenständige Form von Tilt. Die häufigsten Gründe, warum Spieler bei einem schlechten Run tilten, ist, dass andere Arten von Tilt in kurzer Zeit gehäuft auftreten und nicht mehr angemessen verarbeitet werden können.

Du bist sicher nicht glücklich darüber, während eines guten Laufs einen großen Pott gegen einen Fisch zu verlieren, aber auf Tilt bist du deswegen noch lange nicht. Verlierst du aber drei davon in einer Session, nachdem du fünf aufeinanderfolgende Losing Sessions hattest, bist du auf der Stelle kaum noch zu halten.

Tilt fängt klein an und steigert sich von Tag zu Tag und von Bad Beat zu Bad Beat. Du kommst jeden Tag mit nachklingendem Ärger vom Vortag zurück. Dadurch tiltest du auch schneller, da schon kleine Auslöser ausreichen, um dich zum Kochen zu bringen.

Während eine Serie schlechter Hände nach Pech aussehen mag, kann sie dir dabei helfen, die auftretenden Formen von Tilt in deinem Spiel zu erkennen. Dazu musst du deine Gedankengänge analysieren:

  • „Das ist nicht fair, ich habe zu viel Pech, ich gewinne nie einen Coinflip!“ = Injustice-Tilt
  • „Wie ist es möglich, schon wieder auf diese Art und Weise zu verlieren?“ = Hate-Losing-Tilt
  • „Ich hab’s gewusst! Verdammt, wie kann ich nur so schlecht spielen?“ = Mistake-Tilt
  • „Ich bin eigentlich zu gut für so etwas. Wie kann ich nur gegen so einen Idioten verlieren?“ = Entitlement-Tilt
  • „Den Idioten werde ich 3-betten! Was glaubt der eigentlich, wer er ist?“ = Revenge-Tilt
  • „Ich spiele noch die ganze Woche, bis ich wieder gewinne!“ = Desperation-Tilt

Um Tilt in einer schlechten Phase zu reduzieren oder ganz zu vermeiden, solltest du meine Strategie aus dem vorhergehenden Artikel auf die jeweilige Art des auftretenden Tilts anwenden.

Injustice-Tilt

Denkst du manchmal, dass andere viel mehr Glück haben als du? So als ob du nie eine Chance hättest? Bist du oft neidisch auf andere, für die es scheinbar besser läuft? Fühlt sich ein Bad Beat, Cooler oder Suckout schlechter an, wenn er im Spiel gegen einen Fisch oder während einer langen Breakeven-Phase auftritt? Hast du dir schon mal gewünscht, dass Varianz beim Poker keine Rolle spielte, obwohl du weißt, dass die Varianz einer der Gründe ist, warum Poker profitabel ist?

Wie der Name schon sagt, dreht sich diese Form von Tilt um das, was du für gerecht, angemessen und richtig hältst. Diese Art von Tilt tritt auf, wenn du das Gefühl hast, nicht gerecht behandelt worden zu sein und/oder andere Spieler, die es weniger verdient haben, mehr bekommen als ihnen zusteht. Sehen zu müssen, wie ein Fisch oder andere Regulars auf deinem Limit einen guten Lauf haben, kann äußerst ärgerlich sein.

Du wirst dich dabei oft fragen, wann du endlich auch so einen guten Lauf haben wirst. Je länger du mit negativen Ergebnissen zu kämpfen hast, desto intensiver wird dein Ärger sein und desto schwerer wird es zu begreifen sein, wie anstrengend die Varianz sein kann.

Natürlich bist du dir der Varianz beim Poker bewusst und weißt, dass es solche Phasen gibt; aber du weißt auch, dass dieses Wissen dich nicht vom Tilten abhält (was selber tiltend sein kann – quasi „Tilt durch Tilt“). Dein Wissen reicht nicht aus, weil du tief in dir der Meinung bist, dass der Tilt schon nicht so schlimm werden wird, dich nicht betreffen wird oder es beim Poker gerecht zugehen sollte.

Im Poker spielt es aber keine Rolle, was du für gerecht hältst; und dass du von einer Pokerwelt ohne Varianz träumst, in der du deine Karten aussuchen kannst, zeigt, dass du dich nicht vollständig der Realität des Spiels stellst. Einer der Gründe für das Auftreten des Injustice-Tilts liegt darin, dass viele Spieler nicht in der Lage sind, positive Varianz zu erkennen. Daher kommt es ihnen auch so vor, als hätten sie viel häufiger Pech. Das liegt aber allein an einer verzerrten Wahrnehmung, die durch das Ignorieren positiver Varianz entsteht. Die meisten Spieler erwarten einfach nicht, dass sie ein solch großes Ausmaß an Pech haben können – ein Beispiel für das Verdrängen der Varianz, was Tilt hervorruft.

Eine Lösung: Beschäftige dich mit Varianz. Arbeite daran, sowohl positive als auch negative Varianz in Echtzeit besser zu erkennen. Nimm deine falschen Annahmen über die Varianz und versuche sie mithilfe deiner Logik (siehe vorheriger Artikel) zu korrigieren. Während es über die richtige Spielweise beim Poker massenhaft Material gibt, gibt es über einen der grundlegendsten Faktoren des Spiels nur sehr wenig Lektüre. Ist dein Verständnis von Varianz bedeutend kleiner als dein Skill am Pokertisch, wird Tilt mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem Problem werden.

Hate-Losing-Tilt

Ehrgeiz zu entwickeln und immer gewinnen zu wollen, ist für alle Sportarten eine großartige Eigenschaft, ganz besonders beim Poker. Alle Topspieler besitzen diese Eigenschaft und ich empfehle ganz ausdrücklich, diese Eigenschaft nicht zu unterdrücken, sondern umzuleiten.

Auslöser für diese Art von Tilt ist das Verlieren, weil ehrgeizige Spieler es hassen zu verlieren. Das Problem für viele Pokerspieler ist, dass es keinen anderen Sport gibt, in dem der eigentlich bessere Spieler häufiger gegen einen unterlegenen Gegner verlieren kann. Ein Golfer mit einem Handicap von 20 wird nie gegen Tiger Woods gewinnen können, egal wie viele Glücksschläge es während der Runde gibt.

Beim Poker gewinnen jedoch jeden Tag eigentlich schlechtere Spieler. Für sehr ehrgeizige Spieler ist dies schwer zu verkraften, was teilweise am Gefühl des Verlierens selbst liegt. Niederlagen können einen Spieler dazu bringen, das eigene Spiel schlechter zu sehen als es tatsächlich ist, ihm das Gefühl geben, als sei er Lichtjahre von seinen Zielen entfernt; er fühlt sich als Versager und sieht keine Hoffnung mehr für sein Spiel.

Vergleichst du Poker mit anderen Spielen oder Sportarten, wird deine Definition von „Gewinnen“ beim Poker fehlerhaft. Auf lange Sicht ist Geld oder ein gewonnener Titel der ultimative Maßstab des Erfolgs. Allerdings werden manche Spieler nie ihr volles Potential ausschöpfen können, da sie sich kurzfristig zu sehr mit Preisgeldern oder Titeln beschäftigen. Auf diese Dinge kannst du dich aber nicht verlassen. Das bedeutet natürlich nicht, dass dir deine Ergebnisse egal sein sollten – aber du solltest stattdessen deinen Ehrgeiz auf Faktoren lenken, die du beeinflussen kannst. Hier sind die sechs wichtigsten Faktoren:

  • Dein Können.
  • Emotionale Kontrolle.
  • Die Zeit, die du abseits der Tische investierst.
  • Die Fähigkeit, dein Können richtig einzuschätzen.
  • Die Fähigkeit, das Können deiner Gegner richtig einzuschätzen.
  • Die Fähigkeit, Varianz anzuerkennen.

Konzentrierst du dich auf Faktoren, die du kontrollieren kannst, so bist du in der Lage, dein Spiel sowohl mental als auch taktisch besser zu kontrollieren. Dadurch hast du unabhängig von kurzfristigen Ergebnissen einen Maßstab für deinen Erfolg und wirst besser spielen.

Unbedingt gewinnen zu wollen ist kein Problem. Das Problem liegt in der Definition von kurzfristigem Erfolg, der den Umgang mit den unvermeidbaren Niederlagen so schwer macht.

Mistake-Tilt

Wenn du keine Fehler mehr begehst, liegt das daran, dass du die richtige Spielweise bereits beherrschst. Fehler sind Bestandteil des Lernprozesses, aber sie am Tisch dann tatsächlich zu machen, kann frustrierend sein, besonders wenn sie dich viel Geld kosten. Die Verärgerung nach einem schlechten Spielzug ist nicht unbedingt etwas Negatives, wenn sie dich dazu motiviert, abseits der Tische hart daran zu arbeiten, um sie in Zukunft zu vermeiden. Das ist jedoch nicht immer der Fall und oft kommt es vor, dass die Wut nach einem Fehler direkt den nächsten Fehler in dieser Session oder diesem Turnier provoziert.

Von all den verschiedenen Arten von Tilt ist der Mistake-Tilt der unbekannteste. Nur wenige meiner Kunden wussten vor unserer ersten Session, dass sie an dieser Art des Tilt litten, obwohl ungefähr die Hälfte von ihnen davon betroffen waren. Das bedeutet, dass sich viele nicht darüber bewusst sind, wie Fehler am Tisch ihren mentalen Zustand beeinflussen. Achte genau darauf, wie du während deiner Sessions reagierst. Wenn du dabei auf Wut stößt, frage dich, welcher Fehler sie hervorgerufen hat. Hier sind einige häufige Beispiele:

  • „Das war enorme Geldverschwendung und ich werde lange brauchen, um das wieder reinzuholen.“
  • „Es ist unverzeihlich, solch offensichtliche Fehler zu machen. Das hätte ich besser wissen sollen.“
  • „Das fühlt sich wie ein großer Rückschritt an. Ich habe versagt.“

Der Mistake-Tilt basiert auf einer fundamentalen Fehleinschätzung des Lernprozesses und einer falschen Definition von Leistung. In Wirklichkeit ist es einfach so, dass du das korrekte Spiel in der jeweiligen Situation noch nicht beherrschst, wenn du dort einen Fehler gemacht hast. Wenn du dich wegen diesem Fehler so fühlst, als wärst du nicht so gut wie du eigentlich dachtest, dann ist das korrekt.

Alle Spieler haben eine gewisse Bandbreite ihrer Leistungen: etwa vom C-Game bis zum A-Game. Wenn dir grundlegende Fehler passieren, dann liegt das daran, dass sie immer noch zu deiner Range gehören. Es gibt Fehler, die du mit Sicherheit nie wieder machen wirst, weil du die richtige Spielweise in dieser Situation bereits gemeistert hast. Sie gehören nicht länger zu deiner Range. Alles andere ist Teil des Lernprozesses. Bis zu dem Punkt, an dem du diese Situationen alle beherrschst, solltest du dich nicht darüber wundern, dass sie vorkommen, sondern lieber alles daran setzen, sie in Zukunft zu verhindern.

Ich rate dir, die aktuelle Range in deinem Spiel zu analysieren und zwar von deinem absolut schlechtestem bis zu deinem absolut besten Spiel. (Damit meine ich die taktische, nicht die mentale Ebene, obwohl die gleichen Prinzipien auch für den mentalen Bereich gelten.) Das hilft dir zu erkennen, was du von deinem Spiel erwarten kannst und was du, jedes Mal wenn du spielst, verbessern solltest. Wenn du dann bewiesen hast (kontinuierlich und unter Druck), dass ein bestimmter Fehler nicht mehr zu deiner Range gehört, kannst du dich auf das nächste Set von Fehlern in deinem Spiel konzentrieren. Denke daran: Du verbesserst dich zwar immer weiter, aber es wird immer Schwächen geben, an denen du arbeiten musst.

Entitlement-Tilt

An der Wurzel des Entitlement-Tilt liegt übermäßiges Selbstvertrauen. Dahinter steckt der Glauben, dass es gute Gründe dafür gibt, dass du gewinnen musst. Diese Gründe hast du selbst festgelegt; du bist z.B. viel cleverer oder besser als dein Gegner oder übst viel mehr. Entitlement-Tilt war schon immer der klassische Phil-Hellmuth-Tilt, der glaubte, seine früheren Erfolge verschafften ihm das Recht, auch heute immer gewinnen zu müssen. Bei der diesjährigen WSOP zeigte er sich von einer anderen Seite und man muss ihm Respekt dafür zollen, dass er an seiner Einstellung gearbeitet und das Problem gelöst hat.

Die Spieler, die mit dieser Art des Tilt zu kämpfen haben, denken, dass sämtliche Gewinne eigentlich ihnen zustehen. Wenn sie verlieren, fühlen sie sich, als ob sie beraubt worden wären. Wenn sie dann noch gegen einen Fisch völlig unverdient verloren haben, gehen sie sofort auf Tilt. Dann folgen Gedanken oder Aussagen wie:

  • „Der Typ ist sooo schlecht. Wie kann ich bloß gegen so einen verlieren?“
  • „Ich bin zu gut, als dass so etwas passieren sollte.“
  • „Ich arbeite härter, ich bin besser, also warum verliere ich hier?“

Ohne Kontext bekommt der Leser durch solche Aussagen den Eindruck, dass der Entitlement-Tilt nur Spieler mit riesigen Egos betrifft. Das ist aber nicht der Fall. Viele Spieler, von denen man so etwas nie erwarten würde, reagieren genau so auf Niederlagen. Der Grund dafür ist, dass sie sich oft von einer Reihe guter Hände blenden lassen. Dadurch überschätzen sie ihr eigenes Können und glauben, sie hätten das Resultat des Spiels besser unter Kontrolle als es tatsächlich der Fall ist. Dieser Umstand löst dann Tilt aus, sobald die unvermeidlichen Verluste eintreffen. Bleib während eines guten Runs auf dem Boden – das ist eine der einfachsten Möglichkeiten, Entitlement-Tilt zu vermeiden. Das kann schwierig sein, aber auf diese Weise spielt man nicht nur während eines Downswings, sondern auch während eines Upswings wesentlich besser.

Revenge-Tilt

Ruf dir die Szene aus „Scarface“ in Erinnerung, in der Tony Montana den verrückten Blick in seinen Augen hat. Rachegefühle beim Poker unterscheiden sich davon kaum (dafür aber die Art, wie man Rache nehmen will). In deinem Kopf konzentrierst du dich gespannt auf den Spieler, der dir unangenehm aufgefallen ist und dein einziges Ziel ist es, dein Geld von ihm zurückzuholen, ihn zu demütigen oder ihn deinen Schmerz fühlen zu lassen.

Revenge-Tilt kommt besonders häufig bei Heads-up-Duellen vor, da es bei diesen Spielen oft persönlicher zugeht. Meist gibt es einige Spieler, auf die du nicht gut zu sprechen bist und bei denen es dich schon wütend macht, nur ihren Namen zu hören – sogar wenn sie nicht spielen.

Es gibt viele Gründe, an jemandem Rache nehmen zu wollen: nicht respektiert worden zu sein, ständige Aggressivität. Vielleicht ist es jemand, der denkt, er wäre besser als du, der dich ständig besiegt oder immer viel Glück hat. Die Ironie am Revenge-Tilt ist, dass deine Wut ein Versuch ist, die Oberhand oder die Kontrolle zu gewinnen. Die Art und Weise, wie du das versuchst, beweist allerdings, dass du die Kontrolle über die Situation eigentlich schon verloren hast. Du bist verärgert und triffst daraufhin schlechte Entscheidungen am Tisch oder bei der Tableselection, dadurch gewinnst du nicht die Kontrolle über das Spiel, sondern verlierst sie.

Anstatt die Kontrolle zu verlieren, solltest du deine Wut dazu nutzen, so gut wie möglich zu spielen. Dies ist der einzig effektive Weg, sich an jemandem zu rächen. Nimm dir dabei ein Beispiel an Michael Jordan. Er war ein Meister darin, die Respektlosigkeit anderer als Motivation für die einzige Art und Weise zu nutzen, wie er doch noch gewinnen konnte – nämlich durch ein gutes Spiel auf dem Basketballfeld.

Desperation-Tilt

Verzweiflung ist ein Gefühl, das man nicht immer so einfach erkennt. Zunächst musst du analysieren, welche Motivation hinter einer bestimmten Handlung steckt, z.B. wenn du das Gefühl hast, unbedingt deine Verluste wieder reinzuholen zu müssen, zu hohe Limits oder mit any two Cards spielst, ständig 3-bettest, die Action forcieren willst, zu schnell in den Stakes aufsteigst oder zu lange Sessions spielst.

All diese Aktionen alleine bedeuten noch nicht, dass du tiltest, da es noch andere Gründe für diese Verhaltensweisen geben kann. Was den Desperation Tilt von anderen Arten unterscheidet, ist der Zwang, gerade jetzt gewinnen müssen. Er veranlasst dich, fast alles zu tun, um zu gewinnen oder Verluste wieder aufzuholen.

Den wahren Grund für den Verzweiflungs-Tilt nenne ich „aufgestauter Tilt“. Aufgestauter Tilt ist die Wut, die sich über längere Zeit aufgestaut hat und in deinem Gehirn abgespeichert ist. Er sorgt dafür, dass etwas Banales wie ein einfacher Bad Beat dich vollständig die Kontrolle verlieren lässt. Die von einem einzelnen Bad Beat verursachte Wut ist zwar gering, aktiviert aber zusätzlich über längere Zeit aufgestaute Emotionen. Die Intensität all dieser Wut übernimmt sofort die Kontrolle über dein Denken und lässt dich Dinge tun, von denen du hinterher selbstverständlich weißt, dass sie -EV waren. Aber in diesem Moment ist dein Drang zu gewinnen so groß, dass dich das alles nicht interessiert.

Desperation-Tilt hat schon die Karriere vieler guter Spieler zerstört. Um genau dies zu vermeiden, solltest du folgende Schritte unbedingt befolgen. Und zwar so, als würde deine Pokerkarriere nur davon abhängen:

  • Notiere dein Tiltmuster und analysiere es, damit du gleich erkennst, wenn der Tilt sich anschleicht und du sofort darauf reagieren kannst.
  • Setze dir ein strenges Stop/Loss-Limit.
  • Nimm dir festgelegte Pausen.
  • Gehe selbst kleine Anzeichen von Tilt aggressiv an.
  • Arbeite hart daran, auch dann gut zu spielen, wenn du es normalerweise nicht tun würdest (Inject Logic).
  • Arbeite auch abseits der Tische an deinem Spiel, um den „aufgestauten Tilt“ zu reduzieren.
  • Verschiebe deinen Fokus weg von den Ergebnissen hin zu gutem Spiel.

Zusammenfassung

Möchtest du dein Tilt-Problem lösen, musst du verstehen, welche Faktoren deinen Tilt auslösen. Deine taktischen Fehler beim Poker genau zu benennen, dürfte für dich mittlerweile Standard sein. Jetzt ist es an der Zeit, das Gleiche mit dem Tilt zu tun. Nutze die Ratschläge in diesem Artikel, um zuerst die Art(en) des Tilt zu identifizieren und dann anhand der Informationen aus meinen vorherigen Artikeln deine Probleme anzugehen. Wenn du Hilfe brauchst, stehe ich im Forum jederzeit für deine Fragen zur Verfügung und unterstütze dich dabei, dein Tilt-Problem zu analysieren und zu lösen.

Jared Tendler, MS, hat einen Master-Abschluss in Psychologie und ist der führende Experte im Bereich des Mental Game beim Poker. Er coacht einige der besten Spieler der Welt und mehr als 180 Pros aus aller Welt. Jareds wegweisendes neues Buch „The Mental Game of Poker“ ist ab sofort bei www.mentalgameofpoker.com erhältlich. PokerStrategen erhalten mit dem Code 2411 einen Rabatt von 10%.