Mental Coaching (3) - Pokergewohnheiten
Einleitung
In diesem Artikel
- Tagesroutine
- Gewohnheiten
- Der 30-Tage-Testversuch
- Ideen für Gewohnheitsänderungen
"Gewohnheit heißt die große Lenkerin des Lebens. Daher sollen wir uns auf alle Weise erstreben, gute Gewohnheiten einzuimpfen." - Francis Bacon
Der Beruf des Pokerspielers ermöglicht einem die Freiheit zu entscheiden, wann man arbeitet und wie viel man arbeitet. Diese außergewöhnliche Lebensweise, welche für viele auch ein Grund ist, Pokerspieler zu werden, geht oft mit Problemen bei der Terminplanung einher. Diese Freiheit ist auf der anderen Seite auch eine Verantwortung gegenüber sich selbst und anderen.
Jeden Tag immer lange zu schlafen, das Haus nicht zu verlassen und jeden Tag den Pizzaboten erscheinen zu lassen, klingt vielleicht verlockend. Ob das langfristig wirklich glücklich macht, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Dieser Artikel gibt Denkanstöße, wie durch einfache Gewohnheiten im Tagesablauf das Leben in gewisse Bahnen gelenkt werden kann, um dadurch ein größeres Pensum spielen zu können, schnellere Fortschritte zu erzielen oder mehr Freizeit zu haben.
Zwei unterschiedliche Tagesabläufe
Diese zwei unterschiedlichen Tagesabläufe sind bewusst etwas übertrieben dargestellt. Mit Sicherheit kommt dabei der eine oder andere Punkt vor in dem du dich wiederfinden kannst. Ist das der eher Chaot oder eher der Optimalist?
| Tagesalauf Chaot | Tagesablauf Optimalist | ||
14:00 |
Kindergarten macht einen Höllenlärm. Ekelhaft. Jetzt aber Aufstehen. |
08:00 |
Wecker klingelt, raus aus den Federn. Heute wird ein geiler Tag! |
| 15:00 |
Verdammt: King of Queens ist schon vorbei, dann eben die Salesch. |
08:15 |
Frisch machen, kurzes Workout, ausgiebiges Frühstück. |
| 16:00 |
Frühstück ist da, heute ist es Salami-Schinken. | 9:00 |
Meditation |
| 17:13 |
Ein kurzer Anflug von Motivation wird mühsam unterdrückt, erstmal Playstation spielen. |
9:30 |
Hand-History-Analyse für 30 Minuten |
| 18:54 |
Der Pokerclient wird angeschmissen. | 10:00 |
Interessante Hände werden im Forum gepostet, Strategieartikel gelesen. |
| 19:37 |
Kumpel/Bro ruft an was heute geht, erstmal keine Zeit. |
11:00 |
Strategie/Mental Coaching |
| 20:14 |
Session zu Ende, Kumpel anrufen. | 13:00 |
Essen gehen mit Pokerkumpels inklusive Handdiskussionen, anschließend kurze "Power-Nap". |
| 21:09 |
Kumpels/Bros kommen vorbei, bringen zwei DVDs und Sixpacks mit. |
14:04 |
Erste Session wird gestartet. |
| 01:27 |
Schon so spät, Kumpels/Bros verabschieden, was zu essen auftreiben. |
15:29 |
Kurze Pause. |
| 02:13 |
Pokerclient wird angeschmissen. | 17:07 |
Zweite Session ist zu Ende, ab zum Fitnesscenter oder Laufschuhe schnüren. |
| 04:00 |
Supernova E... Morgen ist auch noch ein Tag... | 19:13 |
Dritte Session. |
| 19:37 |
Kumpel/Bro ruft an was heute geht, erstmal keine Zeit. | ||
| 20:24 |
Session zu Ende, Kumpel anrufen. | ||
| |
20:31 |
Nettes Dinner mit Freundin/Freunden. |
|
| |
. | 21:09 |
Kumpels kommen vorbei, bringen 2 DVDs und Sixpacks mit. |
| 01:27 |
Kumpels verabschieden, auf Supernova Elite Kurs. | ||
Was genau bewirken feste Zeiten zum Aufstehen, feste Zeiten zum Essen, feste Zeiten zum Grinden eigentlich genau? Sie bringen Struktur in den Ablauf des Tages. Sie sind so etwas wie ein Gerüst, um dessen Routine herum sich der Tag bildet. Die Entwicklung und Einhaltung solcher Gewohnheiten hat zur Folge, dass diese regelmäßig wiederkehrenden Tätigkeiten des Tages schon fast automatisch in Handlungen übergehen. Somit werden nicht großartig Gedanken damit verschwendet, wann wir Aufstehen, Essen gehen oder zu Grinden beginnen. Und das spart Zeit und Nerven.
Als weiterer Nebeneffekt lässt sich dadurch auch viel mehr am Tag erreichen. Somit können bei gleichem Stresslevel einfach mehr Hände gespielt werden oder es bleibt deutlich mehr Zeit für die Freizeit übrig. Doch wie genau kommen wir eigentlich zu solch einer Tagesroutine?

Nützliche Gewohnheiten fördern deine Gesundheit, machen dich leistungsfähiger und erfolgreicher, verschaffen dir mehr Zeit und machen dich letztendlich glücklicher. Diese nützlichen Gewohnheiten gilt es in dein Leben zu bringen.
Auf dem Weg dein Verhalten wirksam umzuformen, sind die richtige Strategie und die richtige Wahl der Methode entscheidend. Genau an diesem Punkt kann dir dieser Artikel weiterhelfen. Dabei kannst du selbst bestimmen, wie sehr du deine Gewohnheiten tatsächlich änderst. Du wirst überrascht sein, welche positiven Veränderungen du bewirken kannst. Der Spaß an der Gewohnheitsänderung kommt dabei mit wachsenden Erfolgserlebnissen.
Der 30-Tage-Testversuch
Jede Veränderung beginnt mit einem ersten Schritt. Der 30-Tage-Testversuch ist dabei ein Hilfsmittel, welches diesen Schritt vereinfacht. Der Vorteil dieser Methode liegt vor allem darin, dass du für den Moment diese gewünschte Veränderung mit dem Wissen in deinem Hinterkopf tätigst, dass dies nicht endgültig sein muss. Das ermutigt ungemein zum ersten Schritt. Es ist für deinen Kopf einfacher, sich mit dem Gedanken anzufreunden. Wenn die Testphase dann vorüber ist, hast du dich schon so an die neue Situation gewöhnt und sie für dich zur Gewohnheit werden lassen, dass du dich jetzt einfach nur noch entscheiden brauchst, sie beizubehalten. Es besteht praktisch kein Aufwand mehr.
Außerdem kannst du bereits erste Erfahrungen mit den positiven Effekten sammeln, die eine Verhaltensänderung auslösen. Die Erfolgserlebnisse versetzen dich in einen Zustand der Euphorie. Diese Euphorie motiviert dich zusätzlich in Verbindung mit den geringeren Widerständen, deine neue Gewohnheit langfristig zu etablieren. “Was ich 30 Tage lang geschafft habe, das kann ich von jetzt an auch täglich machen”. Um deinen inneren Schweinehund effektiver zu bekämpfen und den Erfolg deiner Gewohnheitsänderung noch einfacher und sicherer zu machen, habe ich noch ein paar Tricks für dich parat.

Sollte dies als Anreiz nicht ausreichen, dann kannst du dir durch extrinsische Motivation zusätzlich die Umstellung erleichtern. Dazu setzt du dir eine Strafe für jeden Bruch mit der deiner neuen Gewohnheit. Zusätzlich kannst du dir eine Strafe für das gesamte Scheitern des Projektes auferlegen.
Bleiben wir bei dem Beispiel mit den Handreviews. Für jedes Vergessen der Handreviews kannst du dir eine Strafe von zwei Euro (10 Euro, 100 Euro, je nach dem, was du als schmerzhaft empfindest) auferlegen, die du deinem Partner/Mitbewohner oder einem Obdachlosen oder einer Institution deiner Wahl spendest. Das kann manchmal ganz witzige Auswirkungen haben, weil die Personen oft ein entgegengesetztes Interesse entwickeln und dich gerne scheitern sehen, damit ihr Taschengeld aufgebessert wird. Das ist jedoch ein weiterer Anreiz, den du noch weiter ausreizen kannst.
Dazu hast du die Möglichkeit, deinen Pokerfreunden oder anderen Menschen, die dein Vorhaben nachvollziehen können, davon zu erzählen. Wenn du Personen von deinem Projekt erzählst, wird es verbindlicher, auch tatsächlich deine Hände zu reviewen und zusätzlich peinlich, dieses Scheitern zu sehen. Das verleiht dir einen nicht zu unterschätzenden Antrieb, um diese Blamage zu vermeiden. Scheitert das Projekt am Ende vollständig, dann kann die Strafe auch etwas höher ausfallen. Dadurch überlegst du dir zweimal, ob es sich tatsächlich lohnt, in die alte Gewohnheit zurückzufallen.
Ideen für Gewohnheitsänderungen
Mögliche Ideen für Gewohnheitsänderungen unterscheide ich einmal in Änderungen der Tagesroutine und einmal in Pokergewohnheiten. Die Tagesroutine beschreibt dabei das grobe Zeitmanagement des Tages, während Pokergewohnheiten sich speziell auf einzelne Situation beziehen, also unregelmäßig auftauchen. Beide Formen lassen sich gut miteinander kombinieren. Im weiterem Artikel werde ich jeweils beispielhaft auf die erste Idee ausführlicher eingehen.
Tagesroutinen:
- Zu Beginn des Tages drei wichtige oder unangenehme Dinge erledigen
- Regelmäßige Aufstehzeiten
- Regelmäßige Mahlzeiten
- Tägliches Workout
- Gesunde Ernährung
- Abends 10 Dinge aufschreiben die dir am Tag gefallen haben
- Power-Naps (Methode mit der durch kleine 10-20 Minuten Schläfchen deine benötigte Schlafzeit enorm reduziert werden kann)
Pokergewohnheiten:
- Ritual vor jeder Pokersession
- Nach jeder Session/Tag/Woche/Monat Handreviews machen
- Volle Konzentration nur auf das Pokerspiel (kein Internetbrowser/Chat etc, stattdessen Notizen über Gegner)
- Bei jeder Entscheidung alle relevanten Statistiken anschauen
- Jede schwierige Hand markieren und zur Strategiediskussion veröffentlichen
- Jeden Tag/Woche ein Coachingvideo
- Jede Woche/Monat ein Coaching nehmen
- Jede Woche/Monat ins Casino
- Mentaljournal führen
- Tagebuch über das Pokerspiel führen
Ziel der Gewohnheit ist es, zu aller erst am Tag viele wichtige oder unangenehme Dinge zu erledigen und mit Schwung in den Tag zu starten. Dadurch dass du zuerst drei Blockaden bzw. Barrieren von deiner persönlichen To-do-Liste streichen kannst, bekommst du deutlich mehr Motivation und Energie für den Tag.
Es könnten auch genauso gut zwei oder fünf Dinge sein. Worum es mir geht ist eine Zahl zu haben, die bindend ist, damit keine Ausreden entstehen, nicht anzupacken. So kommt jede Aufgabe irgendwann an die Reihe.
Hiermit meine ich Dinge, mit denen Ausreden oder Widerstand verknüpft sind. Das Hinauszögern dieser Aufgabe verursacht nichts weiter als unangenehme Gefühle bzw. den Widerstand unnötig in die Länge zu ziehen. Die Beschäftigung mit diesen Dingen in unserem Kopf verbraucht Energie, die stattdessen sinnvoller genutzt werden kann. Außerdem ist es auch ein sehr befreiendes Gefühl diese Aufgabe erledigt zu haben. Von daher haben diese Aufgaben die höchste Priorität. Hierzu zählen zum Beispiel unangenehme Telefonate, Updates von Pokersoftware oder das Versöhnen nach einem Streit mit dem Partner oder Kumpel.

Viele große Steine (wichtige, lange Tätigkeiten, z.B. Pokersessions) sind untergebracht und auch Kieselsteine (mittlere Tätigkeiten, z.B. Coachingvideos anschauen) kommen unter. Jetzt stelle dir gedanklich vor, wie du zuerst das Wasser und den Sand (kleine, meistens unwichtige Tätigkeiten, z.B. alle 15 Minuten E-Mails checken) einfüllst.
Am Ende bleibt kein Platz für die großen Steine. Genau das ist der Sinn dieser Aufgabe, nämlich die Tätigkeiten zuerst zu erledigen, die einen wirklich voranbringen und die Zeit kosten. Die kleine Pausen und Wartezeiten füllen sich dann ganz von selbst mit den nebensächlichen Dingen.
Eine gute Methode, um dich auf die Pokersession einzustimmen. Du veränderst dadurch gewollt deinen Bewusstseinszustand, um gezielt Richtung Flow-Zustand (das völlige Aufgehen in einer Tätigkeit) zu steuern. Durch die tägliche Wiederholung ist es praktisch so, als wenn du dich täglich hypnotisierst. Die verschiedenen Schritte des Rituals werden mit deinem Flow-Zustand verbunden, so dass du den Zustand jedesmal wieder abrufen kannst, indem du die Schritte wiederholst.
Wenn du deine Fähigkeit entwickeln möchtest, diesen Flow-Zustand auf Knopfdruck abrufen zu können, solltest du drei Bedingungen für einen effektiven hypnotischen Trigger (Auslöser) beachten:
- 1. Einzigartigkeit:
Es sollten Schritte sein, die du nicht mit anderen Aktivitäten verbindest, ansonsten verminderst du den Effekt. - 2. Emotionale Intensität:
Versetze dich in die Erfahrung, die du erlebst, wenn du richtig in dein Pokerspiel eingetaucht bist und diesen Flow-Zustand erlebst. - 3. Wiederholung:
Je öfter du die Erfahrung dieses hypnotischen Triggers mit dem Flow-Zustand erlebst, desto stärker wirkt er.
Als nächstes wird anhand eines Beispielrituals veranschaulicht, wie so ein Ritual aussehen kann. Auch dieses Mal ist vor allem der Chaot wieder etwas überspitzt dargestellt. Ziel ist es am Ende, durch das Ritual gezielt in den Flow-Zustand zu gelangen, um direkt dein bestes Spiel abrufen zu können- dein A-Game.
- 1. Alle Störfaktoren ausschalten
Handy und Telefon ausschalten, Tür schließen, Mitbewohnern sagen das man in nächster Zeit nicht gestört werden möchte/ Shotgun für Schwiegermutter bereithalten - 2. Aufräumen des Schreibtisches
Nur pokerrelevante Dinge stehen lassen/ Pizzakartons zur Seite räumen, damit der gesamte Monitor zu sehen ist - 3. Versorgung sicherstellen
Wasser, Obst und kleine Snacks in Reichweite/ Pinkelflasche und Döner (nicht verwechseln!) - 4. Motivationssong
So wie der Boxer beim Einlauf in den Ring seinen Song bekommt, gönnst du dir einen für den Start der Pokersession / Eye of the Tiger wird gerülpst - 5. Starten aller Pokerprogramme
Alles was nicht mit Pokern zu tun hat, schließen, Pokerprogramme starten / Nebenbei Moorhuhn, Black Jack und Counter Strike zocken - 6. Schreibtischstuhl ausrichten
- 7. Tische scannen und mental vorbereiten
- 8. Vorsatz für heutige Session fassen
Mindestens 45 Minuten A-Game spielen / mindestens 45 Minuten durchhalten - 9. Ritual für Start ausführen
Faust ballen und bewusst in den Flow-Zustand gehen / Musik bis zum Anschlag aufdrehen und bewusst in den Flow-Zustand gehen - 10. Start
Zusammenfassung
Dieser Artikel hat gezeigt, wie man Tagesroutinen und Pokergewohnheiten entwickelt und mögliche Ideen dafür veranschaulicht. Dazu wurde der 30-Tage-Testversuch als praktische Methode zur Gewohnheitsänderung vorgestellt. Außerdem wurde am Beispiel der Gewohnheiten "Zu Beginn des Tages drei wichtige oder unangenehme Dinge erledigen" und "Ritual vor jeder Pokersession" gezeigt, wie so eine Gewohnheitsänderung konkret aussehen kann.
Im nächsten Artikel geht es weiter in die Tiefen des Unterbewussten und die eindrucksvolle Wirkung von „Glaubenssätzen und Affirmationen“ wird vorgestellt.
Zum Autor: Carsten Bruns ist erfolgreicher Mental Coach. Er coacht und veranstaltet Seminare für Amateure und professionelle Pokerspieler. Er spielt selbst seit Jahren erfolgreich auf den Mid- und Highstakes Poker.
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