Aktualisiert am 12 März 26 von

Wie spielst du deepstacked?

Einleitung

In diesem Artikel

  • Die Varianz wächst mit dem Stack
  • Potcontrol > Protection
  • Ungeahnte Möglichkeiten mit großem Stack

Viele deiner Spielzüge haben sich im Laufe der Zeit standardisiert, insbesondere was All-Ins vor dem Flop, Betsizes, Bluffinduce oder Valuebets angeht. Mit einer sehr guten Hand willst du wenn möglich bis zum River All-In sein und Villain stacken.

Diese Grundgedanken, die du verinnerlicht haben solltest, beziehen sich jedoch meist auf das Spiel mit ca. 100 BB, also dem normalen Maximum-Buy-in. Diesmal wirst du sehen, welche Randbedingungen sich verändern, wenn du deutlich mehr als einen 100BB-Stack zur Verfügung hast.

Was bedeutet deepstacked?

Deepstacked bedeutet, dass du sowie dein Gegner deutlich mehr als 100 BB zur Verfügung hast. Ab 150 BB gibt es schon deutliche Unterschiede im Spiel. Je höher die Stacks sind, umso varianzreicher können natürlich einzelne Entscheidungen sein.

In diesem Artikel wird immer von etwa 200 BB ausgegangen.

Grundsätze des Deepstack-Plays

Dein Spiel hängt von vielen Faktoren ab, unter anderem natürlich von den Holecards, deinen Gegnern, der History und solltest du soweit kommen, dem Board. Ebenso unerlässlich ist natürlich der Blick auf deinen Stack bzw. Villains Stack.

Du weißt, dass du gegen Shortstacks anders spielen musst als gegen Fullstacks. Gleiches gilt für die Midstacks. Du hast keine großartigen implied Odds, das heißt ein Call auf Setvalue oder das grundsätzliche Spielen von drawing Hands ist nicht mehr sonderlich profitabel. Dafür kannst du meist mit Toppair Topkicker broke gehen, da du ebenso weniger reverse implied Odds besitzt.

Der Spielzug bet/fold Turn ist dann meist nicht mehr möglich, da Villain mit einem kleinen Stack nach deiner Turnbet bereits All-In ist bzw. du gegen einen Midstack committed bist.

Selbstverständlich kann dies auch andersrum laufen. Solltest du selbst über einen großen Stack verfügen und Villain ebenso, so findest du eine grundsätzlich andere Situation, als sollte jeder nur seinen normalen Stack vor sich liegen haben.

Zu den wichtigsten Punkten nun ein paar Gedanken:

Der Gegner

Von großer Bedeutung ist natürlich die Art deines Gegners. Klar ist für dich, dass gegen jeden Gegner deine implied Odds ansteigen. Was auch grundsätzlich dafür spricht, dass du in Position vermehrt Hände callen kannst, die du bei einem normalen Stack wohl folden würdest.

Gerade gegen reasonable Spieler (TAGs, LAGs) solltest du dein Spiel nicht grundsätzlich umstellen. Wenn du mit etwas marginaleren Händen immer offensiver wirst und lighter 3-bettest, so wirst du auch häufiger ge-4-bettet werden.

Es besteht bei den Stackgrößen aber durchaus die Möglichkeit, 4-bet/fold zu spielen, was bei normalen 100 BB Stacks nur sehr selten in Frage kommt (pure Bluffs). Somit gewinnt hier die Bluff-4-Bet an Bedeutung, die aber mit Vorsicht angewendet werden sollte (siehe Punkt 7).

Du landest also entweder in größeren Pötten,als mit deiner Hand gewollt oder musst die Hand dennoch aufgeben. Zudem kannst du davon ausgehen, dass auch Villain als relativ guter Spieler kein Problem damit hat, mit zwei Stacks am Tisch zu sitzen.

Gegen Callingstations und allgemein schlechtere/schwächere Spieler willst du natürlich offensiver agieren. Du möchtest hier vermehrt in Pötte verstrickt sein, die relativ groß sind und deinen schwachen Gegner vor eine schwierige Aufgabe stellen.

Du erhoffst dir zum einem, dass sich dein spielerischer Vorteil durchsetzen wird, zum anderen könnte Villain etwas scared über seine 2 Stacks am Tisch sein und vielleicht sogar ein paar gute Hände folden. Du solltest hier also Druck ausüben.

Preflopplay

Wie im ersten Punkt schon umrissen, steigen deine implied Odds. Am wichtigsten ist hierbei sicherlich zu betrachten, dass du auch 3-Bets ohne großes Nachdenken sehr leicht auf Setvalue callen kannst, während du dir bei normaler Stackgröße schon mehr Gedanken um die implied Odds machen solltest.

Genau dies betrifft auch schwächere Starthände, wie beispielsweise suited Connectors, suited Onegapper, suited Aces etc. Normalerweise callst du diese Hände preflop ohne eindeutige Reads nach einem Raise nicht direkt. Steigt ein weiterer Coldcaller mit ein, so kannst du in Position häufig profitabel callen, aber out of Position ist selbst hier ein Call meist nicht lohnenswert.

Eine 3-Bet ist damit in Position zwar möglich, jedoch solltest du auch dies gegnerabhängig gestalten, da diese Hände drawing Hands sind, die du häufig genug ohne Hit (bzw. Draw) durch die 3-Bet preflop bzw. die Continuationbet am Flop gewinnen musst.

Der Grund dafür sind einfach die implied Odds, da du das Board selten gut genug damit triffst. Hat dein Gegner jedoch genau wie du einen sehr großen Stack, steigen natürlich deine zukünftig zu erwartenden Gewinne. Somit kannst du dir meist profitabler mal den Flop anschauen.

Hältst du jedoch starke Hände preflop, so musst du auf der Hut sein. Hier muss dir auch klar sein, dass du um deutlich größere Beträge spielst als mit normalen Stacks. Man kann prinzipiell sagen, dass du für 100BB mit KK preflop immer All-In gehst.

Gegen sehr aggressive Spieler gilt ähnliches meist auch für AK und QQ. Nun musst du natürlich darauf achten, ob du wirklich mit solchen Händen in Coinflipsituationen All-In gehen willst. Nicht nur, dass du selber mehr riskierst als normal, auch deinem Gegner muss klar sein, dass er um mehr als einen Stack spielt. Seine Range sollte sich dadurch deutlich einengen.

Geht ein aggressiver Spieler auch gerne mit QQ und JJ mal preflop All-In für 100 BB, so dürfte sich das für über 200 BB durchaus ändern. Gegen tighte Gegner, die preflop nicht viel raisen, kannst du dir Gedanken machen, womit er deine 4-Bet mit KK 5-bettet. Ist dies für 100 BB ein Standard-All-In, kann man bei über 200 BB hier durchaus einen Fold finden. Du wirst hier nahezu immer in Aces laufen.

Die Varianz

Anschließend zu Punkt zwei ist natürlich die Varianz ein Thema. Solltst du normalerweise auch Coinflipsituationen suchen, so ist klar, dass bei einem Spiel mit deutlich größeren Stacks die Varianz vergrößert wird. Am Ende wandern nicht zwei Stacks zum Spieler mit der besseren Hand, sondern zwischen 4 und 6 Stacks und eventuell sogar noch mehr.

Wie schon erwähnt, wird dein Gegner nur mit sehr guten Händen bereit sein, solche Summen zu investieren. Deine Standardmoves solltest du somit grob überdenken, ein Overpair am Flop im 3-Bet-Pot oder sogar ein Set am Flop muss nicht automatisch heißen, dass du nun alles investieren willst, so wie du es meist für 100 BB tun würdest.

Jede Entscheidung ist nun mindestens doppelt so teuer, und wenn du kein Freund sehr großer Varianz bist, kannst du dir bei Unsicherheit mit der eigenen Hand durchaus mal eher einen Fold leisten.

Potcontrol > Protection

Somit ist dir natürlich in solchen Pötten die Potcontrol wichtiger als die Protection. Gerade mit marginalen Händen wie Toppair Topkicker oder ein Overpair am Flop willst du für diese Stackgrößen keinesfalls broke gehen. Notfalls verteilst du eher Freecards oder gibst die Hand bei Scarecards am Turn und River auf.

Du musst auch hier die Ranges abwandeln. Auch wenn ein aggressiver Gegenspieler häufig mit einem Draw raisen wird, so ist es durchaus möglich, dass er bei sehr großen Stacks eher nur callt, um nur improved weiter zu spielen. Für über 200 BB geht man ungerne mit einem Draw All-In (auch wenn es durchaus möglich ist).

Weniger Bluffs / Bluffinduce

Meist nimmt mit erhöhter Stackgröße die Bereitschaft, zu bluffen, ab. Wie schon erwähnt, werden die Ranges deiner Gegner enger, da auch sie ungern ihren mühsam erkämpften Stack mit einem eventuell unangebrachten Move verschleudern wollen.

In solch großen Pötten wird weniger geblufft, gerade wenn du dich am Turn befindest und der Pot in eine beträchtliche Höhe geschnellt ist (die normalen Bluffraises am Flop werden natürlich meistens dennoch vollzogen, da man bis dahin meist das Standardspiel vollzieht).

Somit solltest du auch mit dem Bluffinduce vorsichtig sein. Es gibt häufig Situationen, wo du den Turn behindcheckst, um einen Bluff zu induzieren, und any River callst. Gerade bei solch großen Stacks solltest du da doppelt vorsichtig sein.

Zum einen können die Bets schon eine enorme Größe haben, zum anderen wird dein Gegner hier wie gesagt seltener eine große Bluffbet setzen. Auch der Punkt Varianz spielt sich hier wieder in den Vordergrund. Auch wenn du deinem Gegner ein Bluff-All-In am River zutrauen würdest, da du am Turn durch deinen Checkbehind Weakness gezeigt hast, musst du dich fragen, ob du das für zusätzliche 100 BB+ wirklich herausfinden möchtest.

Ausnutzen der Weakness

Im Gegenzug solltest du dir natürlich überlegen, ob du dir die Weakness bei den großen Stacks nicht durch Aggressivität zum Vorteil machen könntest. Dabei geht es nicht um das eben angesprochene Bluff-All-In am River, was eindeutig zu teuer wird und meist nur die Varianz freuen dürfte. Du kannst preflop bzw. am Flop eher mal bluffen.

Die aufgezählten Gedanken wird Villain meist ähnlich wahrnehmen und in solchen Pötten mit dir etwas vorsichtiger spielen. Somit kannst du am Flop häufiger mal als Bluff checkraisen, da deinem Gegner klar sein muss, dass er mit seiner eventuell marginalen Hand in einen ziemlich teuren Pot verstrickt werden könnte.

Du hast hier durchaus die Möglichkeit, häufiger bessere Hände zum Folden zu bringen, als dies mit einem 100 BB großen Stack der Fall sein dürfte.

Die Bluff-4-Bet bei gesteigerter Foldequity

Du willst also ausnutzen, dass Villain etwas scared ist und du ihn zwingen könntest, um einen großen Pot zu spielen. Andererseits willst du teure Entscheidungen am Turn mit einer marginalen Hand vermeiden.

Neben der angesprochenen Aggressivität am Flop kannst du auch preflop durchaus mit einer schwachen Hand mal 4-betten, da du dich damit nicht committest. Gerade gegen LAGs, die preflop sehr viel raisen und 3-betten, kannst du mit marginalen Händen 4-bet/fold spielen.

Viele Hände werden von Villain aufgegeben, die besser sind als deine. Mit dem Read, dass Villain ebenso ein Typ ist, der dich gerne 3-bettet, kannst du auch mit 56s mal 4-betten. Sollte anschließend der Push mit 200 BB+ kommen, verabschiedest du dich aus der Hand.

Der Push Villains wird nur von einer sehr starken Hand kommen, deine Foldequity steigert sich enorm, da Villain die 4-Bet nur sehr schwer callen kann, aber natürlich auch wenig Hände pushen kann, die er normalerweise 3-bettet.

Fazit

Mit einem Stack von 200 BB+ musst du sehr aufpassen, wenn du auf Gegner mit ähnlich großen Stacks triffst. Reads sind hier sehr wichtig. Du solltest genau wissen, mit wem du es zu tun hast. Deine implied Odds steigen preflop deutlich, dafür natürlich auch die reverse implied Odds nach dem Flop. Du kannst dich hier mit marginalen Händen in viel zu teuren Pötten bewegen. Die Varianz wird dadurch deutlich zunehmen, da du eben nicht um zwei Stacks spielst, sondern mindestens um 4 oder gar (deutlich) mehr.

Hände die einen guten Showdownvalue haben, solltest du versuchen günstig bis zum River zu spielen. Potcontrol sollte hier häufig vor Protection gehen, so dass du im schlimmsten Fall eher mal Freecards verteilst und bei ungünstigen Karten die Hand aufgibst, als deine marginale Hand um jeden Preis protecten zu wollen.

Bluffs werden ab dem Turn, wo die Bets und Raises in enorme Höhen schnellen können, tendenziell seltener. Jedoch solltest du dir selbst deine Aggressivität zu Nutze machen und versuchen, durch 4-Bets preflop sowie ab und an ein Bluff-Checkraise am Flop gegen Spieler, auf die du Reads hast, deine Stackgröße auszunutzen und deinen Gegner zum Aufgeben zu zwingen.

Sobald du der Meinung bist, in eine schwierige Situation geraten zu sein, in der du die Stärke deiner Hand nicht mehr konkret einschätzen kannst, sollte bei solch großen Stacks ein Fold im Zweifelsfall immer profitabler sein, als mit über zwei Stacks All-In zu gehen.

Wie spielst du preflop?

Schauen wir uns dazu nun einige Beispiele an, was dieses praktisch für dein Spiel preflop bedeuten kann:

Beispiel 1

PartyPoker $25 NL Hold'em (6 handed)

Stacks & Stats
UTG ($33)
MP ($32)
CO ($28)
Hero ($73)
SB ($67) (16/13/2.1/26/1012) [VPIP/PFR/AF/WTS/Hands]
BB ($28)

Preflop: Hero is Button with K , K
3 folds, Hero raises to $1.00, SB raises to $4.00, 1 fold, Hero calls $4.00

Du hältst Kings am Button und machst dein Standardraise, der Small Blind 3-bettet dich.

Du besitzt nun zwei Optionen: 4-bet oder Call.

Bei einem 100BB-Spiel wäre es ein leichtes All-in, auch gegen einen als relativ tight geltenden Gegenspieler. Doch du bist nun so deep, dass du anzweifeln kannst, mit einer 4-bet häufig Value von schwächeren Händen zu extrahieren beziehungsweise viele schlechtere Hände All-in zu bekommen.

Angenommen du würdest 4-betten: Der SB wird als TAG wohl mit einer relativ breiten Range seine Blinds verteidigen, doch bei euren Stackgrößen zu 5-betten und die Bereitschaft zu zeigen, um insgesamt über 5 Stacks in der Mitte des Tisches spielen zu wollen, zeigt schon eine enorme Stärke. Du hast keinerlei Grund anzunehmen, dass Villain hier sehr light broke gehen wird. Leider hast du keinen direkten 3-bet-Wert zur Hand, doch auch der würde nichts darüber aussagen, wie light dieser tighte Spieler über deine 4-bet drüber geht.

Auch ihm muss klar sein, dass du hier eine starke Hand halten wirst. Zu selten wird dein Gegner hier versuchen dich mit einer Bluff-5-bet von AK/QQ runter zu bekommen.

Solltest du hier 4-betten, dann musst du auch bereit sein All-in zu gehen. Der Gegner wird wohl nahezu nie eine 4-bet callen (außer als Trap), daher wird er meistens folden oder 5-betten (pushen). 4-bet/fold mit KK ist hier kein gutes Play, da du selbstredend niemals ausschließen kannst, dass er AK/QQ oder gar JJ einfach mal reinbringt.

Jedoch wird aus diesem Grund der Call eine nette Alternative. Du hältst eine starke Hand, hast Position und hältst viele schwächere Hände in der Range deines Gegners. Der Call bedeutet somit kein "Slowplay", du möchtest dich wenn möglich jedoch nicht gegen eine sehr starke Range isolieren sondern Postflop deine Position ausspielen.

Beispiel 2

PartyPoker $25 NL Hold'em (6 handed)

Stacks & Stats
MP ($17)
CO ($12)
UTG ($57) (50/44/4.5/24/43) [VPIP/PFR/AF/WTS/Hands]
BB ($32)
SB ($26) (42/2/0.2/34/325) [VPIP/PFR/AF/WTS/Hands]
Hero ($59)

Preflop: Hero is Button with 3 , 5
UTG raises to $1.25, 2 folds,Hero calls $1.25, SB calls $1.15, BB folds 

Flop: ($4.00) J, J, T (3 players)
SB checks, UTG bets $4.00, 2 folds

Du sitzt wieder am Button und hältst einen suited Onegapper. Eigentlich ist dies keine sonderlich starke Hand, aber ohne jede Frage kann sich die Hand am Flop verbessern.

Standardmäßig würdest du die Hand nach einem UTG-Raise weglegen. Selbst bei einem weiteren Coldcaller vor dir müsstet du diese Hand nicht spielen. Hier hast du jedoch einige Besonderheiten zu beachten.

UTG ist noch nicht lange am Tisch, hat aber in den paar Händen beinahe jede zweite Hand geraist und hat mit dieser Spielweise bereits über einen Stack gewonnen. Der SB, der hinter dir agiert, ist eine loose Callingstation.

UTG raist nun - wie die letzten Runden immer – du coldcallst. Denkbar wäre hier auch eine Bluff-3-Bet, jedoch siehst du diesen Gegner zu selten daraufhin folden. Du spielst die Hand nur aufgrund ihrer implied Odds.

UTG und du sind über 200 BB deep. Aufgrund der letzten Spielrunden von Villain könntest du bei Hit, sprich Flush(-draw), Straight(-draw), Twopair oder Trips Villain eventuell stacken. Zudem kann der SB noch in die Hand einsteigen, der beinahe jedes zweite mal den Flop sehen will, aber nahezu nie selber raisen wird.

Somit callst du hier preflop aufgrund deiner implied Odds, die bei 100 BB deep nicht ausreichend wären, um alleine das UTG-Raise zu callen.

Beispiel 3

PartyPoker $25 NL Hold'em (6 handed)

Stacks & Stats

UTG ($34)
Hero ($61)
CO ($65)
BU ($23)
SB ($25)
BB ($67) (29/27/3.9/24/651) [VPIP/PFR/AF/WTS/Hands]

Preflop: Hero is MP with 7 , 8
UTG calls $0.25, Hero raises to $1.25, 3 folds, BB raises to $4.25, 1 fold, Hero raises to $13.00

In diesem Fall hast du ein Beispiel für eine Bluff-4-Bet. In middle Position hältst du mit 87s einen suited Connector und raist standardmäßig. Der BB, der bislang als ziemlich aggressiver LAG aufgefallen ist, 3-bettet. Du hast nun drei Möglichkeiten: Folden, callen oder 4-betten.

Ein Fold wäre denkbar, muss gegen einen solch aggressiven Spieler aber nicht sein. Da du auf den BB natürlich Position hast, wäre ein Call denkbar. Jedoch ist die Frage, ob du ausreichende implied Odds hast, um auf einen eventuellen Draw zu callen.

Dabei geht es nicht um die effektive Stackgröße, sondern um die Breite der Range von Villain. Er wird hier ziemlich viel 3-betten. Zweifelst du also an deinen implied Odds, kannst du genauso gut 4-bet/fold spielen. Eure Stacks sind so groß, dass die Foldequity enorm ist.

Dein Gegner wird zwar sehr viel 3-betten und seinen Blind defenden, müsste aber nun out of Position eine 4-Bet callen. Da Villain ein recht aggressiver Typ ist, kommen für ihn wohl nur die Optionen raise or fold in Frage. Mit einem Raise würde sich Villain committen und die Range, mit der Villain um über zwei Stacks spielen will, ist um ein Vielfaches kleiner als die, mit der Villain einen Resteal ausführt.

Villain wird also entweder pushen, damit hättest du einen leichten Fold. Meistens wird dein Gegner hier aber folden müssen. Und vergiss nicht: Sollte dein Gegner tatsächlich callen, so hast du mit 87s durchaus Möglichkeiten den Flop gut zu treffen. Mit einer Hand wie ATo gäbe es keinen Flop, den du so wirklich gerne sehen würdest (außer ATT oder AAT natürlich).

Wie spielst du am Flop?

Am Flop musst du die Weichen stellen, ob du um einen sehr großen Pot spielen willst oder lieber auf Potcontrol achtest.

Beispiel 1

PartyPoker $25 NL Hold'em (6 handed)

Stacks & Stats
MP ($25)
CO ($33)
UTG ($35)
BB ($24)
SB ($67) (16/13/2.1/26/1012) [VPIP/PFR/AF/WTS/Hands]
Hero ($73)

Preflop: Hero is Button with K , K
3 folds, Hero raises to $1.00, SB calls $0.90, BB folds

Flop: ($2.25) 5, 6, 7 (2 players)
SB checks, Hero bets $2.00, SB raises to $7.00, Hero...

Du bekommst preflop einen Caller mit deinen Kings. Das Board ist sehr eklig für dich und, wie befürchtet, checkraist Villain den Flop. Nun hast du wie immer drei Möglichkeiten: Folden, callen oder 3-betten.

Solltest du 3-betten, müsstest du mit deiner Hand auch broke gehen. (Ansonsten wäre 3-bet/fold ein purer Bluff, damit kannst du auf Hände warten, mit denen du den Flop komplett verfehlt hast.)

Bei weit über 200 BB deep wäre ein All-In eine sehr harte Entscheidung. Natürlich kannst du hier gegen einen Draw oder ein schwächeres Overpair vorne liegen, problematisch wird es nur, wenn du überlegst, mit welchen Händen dein recht zurückhaltender Gegenspieler broke geht.

Er kann viele schwachen Hände checkraisen, aber womit geht er broke? Von kleinen Overpairs, schwachen Draws und natürlich Bluffs wird er sich noch gut lösen können. Blieben wohl eher Hände wie 55/66/77 oder sehr starke Draws wie bspw. A 8. Gegen keine dieser Hände möchtest du wirklich All-In gehen.

Bleiben also die Alternativen fold oder call. Du kannst hier durchaus folden, jedoch kannst du dir nicht immer so ohne Weiteres den Pot stehlen lassen. Zudem darfst du in dieser Hand in Position agieren. Das alles spricht gegen einen Fold.

Nach diesem Ausschlussverfahren bleibt die Variante call stehen. Es ist klar, dass dir Freecards hier nicht wirklich gefallen. Es gibt massenhaft Karten, die du am Turn nicht sehen möchtest. Allerdings könntest du dich im Falle einer dieser Karten leichter von deiner Hand trennen.

Beispiel 2

PartyPoker $25 NL Hold'em (6 handed)

Stacks & Stats
BU ($24)
CO ($25)
UTG ($61) (15/13/1.2/22/734) [VPIP/PFR/AF/WTS/Hands]
BB ($32)
SB ($26)
Hero ($54)

Preflop: Hero is MP with 3 , 3
UTG raises to $1.25, Hero calls $1.25, 4 folds

Flop: ($2.85) 2, 7, 8 (2 players)
UTG bets $2.25, Hero raises to $7.00

Preflop callst du in middle Position mit deinem kleinen Pocketpair das Raise eines recht tighten Spielers. Am Flop hittest du nichts, hast aber Position und bekommst wie erwartet die Continuationbet vorgesetzt.

Genau die Problematik, die in der vorherigen Hand auftrat, machst du dir nun zu Nutze. Du raist den Flop und zwingst deinen Gegner zu einer schweren Entscheidung.

Villain ist, wie erwähnt, ein recht tight-aggressiver Spieler, der deinen Raise aus den gleichen Gründen, die dir in der Hand zuvor maximal einen Call ermöglichten, nicht einfach callen kann. Das Board ist dafür zu drawheavy. Auch er muss sich entscheiden, ob er gegen dich 3-bettet oder foldet. Zum 3-betten braucht er eine enorm starke Hand, da auch er weiß, wie groß der Pot werden kann. Somit wird auch er häufig genug gezwungen seien, ein Overpair wegzuschmeißen (und natürlich auch alle Bluffs).

Ebenso möglich wäre gegen einen eher passiven Spieler ein Float (Der AF von 1,2 ist nicht sonderlich hoch). Jedoch kann dieser Spieler durchaus ein schwaches Overpair (TT/JJ) halten, welches er am Turn 2nd-barrelt. Hier müsstest du bluffraisen, was natürlich recht teuer werden kann. Dennoch ist ein Floatversuch eine gute Alternative.

Beispiel 3

PartyPoker $25 NL Hold'em (6 handed)

Stacks & Stats
BU ($59)
CO ($32)
UTG ($12)
BB ($63) (22/8/3.4/25/831) [VPIP/PFR/AF/WTS/Hands]
SB ($24)
Hero ($71)

Preflop: Hero is MP with A , K
1 fold, Hero raises to $1.00, 3 folds, BB calls $0.75

Flop: ($2.10) 3, 4, 9 (2 players)
BB bets $2.10, Hero raises to $9.00

Nachdem du preflop deine Anna geraist hast, bekommst du am Flop eine Donkbet. Bei Donkbets im Heads-up ist es vor allem gegner- und situationsabhängig, wie du reagieren solltest. Villain ist hier ein postflop recht aggressiver Spieler, so dass diese Donkbet nicht allzu viel zu bedeuten hat.

Auch machst du dir die Stackgrößen zum Vorteil. Du raist die Donkbet und zwingst Villain in den meisten Fällen zu einem Fold. Mit einem Set wird er hier mindestens callen oder raisen, damit wärst du raus aus der Hand.

Wenn du aber davon ausgehst, dass Villain hier recht oft blufft oder semiblufft (und davon musst du bei seinen Stats ausgehen), ist das (Semi-)Bluffraise angebracht. Für über zwei Stacks wird Villain nicht profitabel weiterbluffen können.

Fazit

Am Flop stellst du die Weichen, ob du um einen großen Pot spielen willst oder lieber kein Risiko eingehst. Bei großen Stacks ist klar, dass die Foldequity steigt, weil eine 3-Bet den Pot so enorm anwachsen lässt, dass du bei noch zwei ausstehenden Streets davon ausgehen musst, dass es zum All-In kommt.

Gegen tighte Gegner solltest du lieber kein Risiko eingehen und im Zweifelsfall deine Hand einfach wegschmeißen, als dich in einen Pot von über 400 BB mit einer recht marginalen Hand verstricken zu lassen.

Andererseits kannst du wiederum profitabel bluffen und von der vergrößerten Foldequity profitieren. Wichtig ist hierbei immer, dass du weißt, gegen wen du spielst. Gegen Unknown sollte auch hier gelten, möglichst große Pötte mit undefinierten Händen zu vermeiden.

Wie spielst du an Turn und River?

Beispiel 1

PartyPoker $25 NL Hold'em (6 handed)

Stacks & Stats
MP ($32)
CO ($23)
UTG ($21)
BB ($12)
SB ($54) (23/12/1.1/25/321) [VPIP/PFR/AF/WTS/Hands]
Hero ($53)

Preflop: Hero is Button with A , K
2 folds, MP calls $0.25, Hero raises to $1.25, SB raises to $3.00, 2 folds, Hero calls $1.75

Flop: ($6.50) A, 9, T (2 players)
SB bets $5.00 Hero calls $5.00

Turn: ($16.60) 8 (2 players)
SB checks, Hero checks

River: ($16.60) Q (2 players)
SB bets $30.00, Hero folds

Preflop bekommst du nach deinem Raise vom Button aus den Blinds eine 3-Bet. Du hast die Möglichkeit zu 4-betten, wobei das Problem bestünde, dass du entgegen einem Spiel mit 100 BB einen Push für über zwei Stacks ungern callen würdest. Da du in Position spielst, entscheidest du dich für einen Call.

Der Flop ist ideal für dich, du triffst dein Toppair mit Topkicker und es gibt nicht viele Hände, die dich beat haben. Du entscheidest sich für Potcontrol und spielst way ahead / way behind.

Der Turn ermöglicht nun jedem Jack einen OESD, du könntest nun for Protection betten. Während du jedoch mit einem Stack von 100 BB auf dem Board locker broke gehen könntest, ist die Line bet/call Turn für solch große Stacks doch grenzwertig. Bet/fold wäre hier ebenso denkbar und aufgrund des doch recht niedrigen AFs deines Gegners eine sehr sinnvolle Alternative.

Du bleibst aber bei deiner "way ahead / way behind"-Line, checkst den Turn behind, um einen eventuellen Bluff zu induzieren und willst lieber eine Riverbet callen.

Der River lässt nun zwei Backdoordraws ankommen. Jeder J macht die Straight, ein -Flush ist möglich und Villain bettet beinahe doppelte Potsize. Eigentlich hast du den Turn gecheckt in der Absicht, den River zu callen, jedoch wirst du nun mit einer Bet konfrontiert, die alleine schon größer ist als ein normaler 100-BB-Stack.

Auch wenn du in einem 3-Bet-Pot mit getroffenem Toppair Topkicker grundsätzlich bereit bist, broke zu gehen, kannst du diese Riverbet angesichts der möglichen Hände von Villain (neben Straight und Flush natürlich auch Set oder AQ möglich), den relativen tighten Stats von Villain sowie der unverhältnismäßig großen Riverbet nur schwer callen. Ein Fold wäre hier angebracht.

Beispiel 2

PartyPoker $25 NL Hold'em (6 handed)

Stacks & Stats
BU ($21)
CO ($13)
UTG ($64) (15/5/2.1/27/325) [VPIP/PFR/AF/WTS/Hands]
BB ($52) (23/2/1.5/32/712) [VPIP/PFR/AF/WTS/Hands]
SB ($32)
Hero ($61)

Preflop: Hero is MP with 2 , 2
UTG calls $0.25, Hero calls $0.25, 1 fold, BU calls $0.25, SB calls $0.15, BB checks

Flop: ($1.25) 2, 3, 4 (5 players)
SB checks, BB checks, UTG checks, Hero bets $1.25, 2 folds, BB calls $1.25, UTG calls $1.25

Turn: ($5) A (3 players)
BB bets $3.00, UTG raises to $10.00, Hero folds

Da der Tisch ziemlich loose zu sein scheint, limpst du preflop dein kleines Pocketpair nach dem UTG-Limp ebenfalls nur mit. Es ist eventuell nicht die ideale Spielweise, aber in den vorherigen Runden hast du festgestellt, dass zu viele Raises und 3-Bets gecallt werden, da sich deine Gegner allesamt zu gerne den Flop anschauen möchten.

Am Flop triffst du im 5-handed Pot dein Set auf einem drawheavy Board und bettest Potsize, um den Pot aufzubauen und um zu protecten. Du erhälst zwei Caller.

Der Turn ist eine recht eklige Karte und beide Villains, tendenziell recht tighte Spieler, fangen mit der Action an. Natürlich ist das Board nun sehr gefährlich, 5x macht die Straight und ein Flush ist ebenfalls möglich. Natürlich können auch beide Spieler ihr Ace so spielen.

Die Option Push für maximale Protection fällt hier raus. Für 100 BB könntest du über einen Push nachdenken, auch wenn es in dieser Situation grenzwertig wäre. Natürlich hättest du noch 10 Outs am River, dafür könntest du aber auch schon gegen 33/44 way behind sein. Da aber alle Spieler über zwei Stacks deep sind, fällt diese Option grundsätzlich weg.

Ein Call wäre zwar denkbar, jedoch hättest du böse reverse implied Odds am River. Für den Fall das auch BB nur callt (nur dann wäre dein Call nach Odds gerechtfertigt), wäre der Pot am River bereits über $35 groß. Die Frage ist, ob du bei einer Blank am River und einer halben Potsizebet einfach folden könntest.

Da es durchaus möglich ist, dass der Big Blind noch einmal 3-bettet, solltest du dich in dieser Situation für einen Fold entscheiden, der dir schwierige und teure Entscheidungen am River erspart.

Beispiel 3

PartyPoker $25 NL Hold'em (6 handed)

Stacks & Stats
MP ($55) (13/11/2.3/18/1041) [VPIP/PFR/AF/WTS/Hands]
CO ($11)
UTG ($24)
BB ($63)
SB ($17)
Hero ($51)

Preflop: Hero is Button with 4 , 4
2 folds, MP raises $1.00, Hero calls $1.00, 2 folds

Flop: ($2.35) 9, 9, 3 (2 players)
MP bets $1.75 Hero calls $1.75

Turn: ($5.85) 5 (2 players)
MP checks, Hero bets $4.25, MP folds

Preflop callst du am Button das Raise eines recht tighten Spielers auf Setvalue. Du verfehlst den Flop und nach Villains Contibet hast du nun mehrere Optionen. Du machst grundsätzlich mit einem Fold nicht viel verkehrt, entscheidest dich aber in dieser Situation dafür, einen Float zu versuchen.

Neben dem geringen WTS-Wert von Villain machst du dir die großen Stacks zu Nutze. Villain wird seine Hand kaum downcallen auf diesem Board, so dass du bei einem Check von Villain am Turn davon ausgehen kannst, wesentlich häufiger erfolgreich floaten zu können als mit normaler Stackgröße.

Nun aber folgendes Szenario:

Turn: ($5.85) 5 (2 players)
MP bet $4.00, Hero raises to $13.00

Ein Float kommt nicht zu Stande, da Villain auch den Turn bettet. Du bluffraist auf $13.00.

Für dich ist die Mathematik recht einfach. Du investierst 13$, um knapp 10$ zu gewinnen. Die Foldequity müsste demnach bei rund 60% liegen, jedoch wird sie in diesem Fall viel höher sein.

Villain steht nun vor einer ekligen Entscheidung. Schaut man sich seine Stats an, so ist es unwahrscheinlich, dass er AA-TT hier weiterspielen wird. Er müsste nun bereit sein, über zwei Stacks mit einem Overpair zu investieren. Dieses Risiko wird er seinen Stats zufolge nicht eingehen. Villain wird häufig nur callen oder 3-betten, wenn er 9x (unwahrscheinlich) oder 33/55 hält.

Auch dieses Bluffraise macht Sinn, jedoch musst du beachten, dass dies mit einem normalen 100 BB großen Stack nicht möglich gewesen wäre. Du hast hier einen sehr sinnvollen und Erfolg versprechenden Bluff gesetzt, der sicherlich häufig genug profitabel ist, um als +EV deklariert werden zu können, der nur aufgrund deines großen Stacks möglich war.

Fazit

Du hast am Turn und River meist viele Möglichkeiten, deinen großen Stack profitabel einzusetzen. Auf der einen Seite steigt deine Foldequity enorm, so dass du häufiger Bluffs ansetzen kannst. Natürlich solltest du dir hierzu passende Gegner und wenn möglich passende Boards aussuchen.

Andererseits steigen auch die reverse implied Odds, so dass du mit einer schwachen made Hand eher auf Potcontrol als auf Protection achten solltest. Teure Entscheidungen kannst du dir durch einen Fold einfach ersparen.

Ebenso sollte der Effekt des Bluffinduce eine besondere Rolle erfahren, denn in solch großen Pötten bist du häufig genötigt, Riverbets zu callen, die größer sind als ein normaler Stack. Du solltest dich fragen, ob du für über 100 BB extra herausfinden möchtest, ob Villain tatsächlich blufft.

Zusammenfassung

Das Spiel mit großen Stacks – viele haben Angst davor, vielen macht es aber Spaß. Für dich solltes es das Ziel sein, möglichst deep gegen möglichst schwache Spieler, am liebsten natürlich in Position, agieren zu können.

Und wie du gesehen hast, offeriert dir das Spiel mit solch großen Stacks ungeahnte Möglichkeiten: Preflopfold mit KK, das Folden eines Sets am Turn, ein Call in Position mit sehr schwachen drawing Hands. All das sind Sachen, die dir beim Spiel mit 100 BB wahnsinnig schwer fallen.

Außerdem hast du gesehen, welche Waffen du mit solchen Stackgrößen besitzt: Bluffraises am Turn, vermehrte Bluff-4-Bets preflop und bessere Möglichkeiten zu floaten.

Bekommst du die Möglichkeit, in solche Situationen einzutauchen, nutze sie und lerne daraus. Denn häufig kommst du nicht umhin, solche Situationen auszufechten. Du kannst nicht nach jedem Double-up den Tisch verlassen.