Preflop: Starting Hands - Expert Theory
Einleitung
In diesem Artikel
- Das Equityprinzip
- Das Open Raising Chart
Der Schlüsselfaktor für die richtige Spielweise einer Hand ist die so genannte Potequity. Die Potequity einer Hand ist ein prozentualer Wert, der die Gewinnchance dieser Hand relativ zu den Händen der Gegner angibt - vorausgesetzt, dass alle Spieler bis zum Showdown mitgehen. So hat man zum Beispiel mit AQo gegen zwei zufällige Gegnerhände eine Potequity von 46%.
Die Equity
Nimm an, du raist preflop und die Spieler im SB und BB callen mit ihren zufälligen Händen (sie können also alles halten). Dann gehen 6 Small Bets in den Pot. Von diesen 6 Small Bets „gehören“ dir nun 46%, d. h. 2,76 Small Bets. Du selbst hast aber nur 2 Small Bets investiert, also hast du 0,76 Small Bets „Gewinn“ gemacht.
Natürlich sind dies nur theoretische Werte, da die Hand ja preflop noch nicht zu Ende ist und noch allerhand passieren kann. Spielst du zum Beispiel deine AQo-Hand schlecht weiter und die Gegner spielen ihre zufälligen Hände perfekt, so wirst du im Laufe der Hand einen Teil deines Vorteils von 0,76 Small Bets wieder verlieren.
Mit Hilfe von großen Datenbanken und Simulationen lässt sich allerdings belegen, dass sich der Vorteil der Preflopequity bei angemessenem Spiel in einem Erwartungswertvorteil niederschlägt. Und dieser Erwartungswertvorteil wird durch ein Raise noch vergrößert.
Deshalb sollte man jeden noch so kleinen Equityvorteil bereits preflop durch ein Raise maximal ausnutzen. Man besitzt einen Equityvorteil, wenn die Equity der eigenen Hand höher ist als die Durchschnittsequity, die sich wiederum aus der Anzahl der Spieler ergibt, die bereits in der Hand sind - dich selbst mitgezählt.
Die Blinds werden allerdings nicht mitgezählt. Bei n Spielern liegt die Durchschnittsequity bei (1/n)*100%. Ist vor dir z. B. genau ein Spieler eingestiegen, liegt die Durchschnittsequity bei 50%. Sind zwei Spieler eingestiegen, liegt sie bei 33%. Sind drei Spieler eingestiegen, liegt sie bei 25%...
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Wie wendest du das Equityprinzip an?
Wie wendet man nun das Equityprinzip auf die konkrete Preflop-Spielweise an? Hier gibt es zwei Dinge zu berücksichtigen:
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A: Was passiert im Durchschnitt hinter mir? Wie viele Gegner sind nach mir noch dran? Wie hoch ist das Risiko, dass hinter mir eine starke Hand kommt?
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B: Was ist vor mir passiert? Was haben die Gegner gemacht, die vor mir in den Pot eingestiegen sind? Was sind es für Gegner, d. h. welche Hände spielen sie üblicherweise? Habe ich gegen die Hände vor mir einen Equity-Vorteil?
Faktor A ist relativ konstant, denn du weißt einfach nicht, was für Hände die Leute hinter dir halten könnten. Sie haben ja noch nichts gemacht. Du kannst aber in Abhängigkeit von der Anzahl der Gegner hinter dir abschätzen, wie hoch das Risiko ist, dass dort stärkere Hände vorhanden sind.
Faktor B muss natürlich konkret von Fall zu Fall betrachtet werden, da dir die Aktionen der Gegner und der Gegnertyp wertvolle Informationen liefern, die du in deine Entscheidung einbeziehen musst.
Faktor A kann durch ein Chart nahezu komplett abgedeckt werden, wie im nächsten Abschnitt gezeigt. Sind schon Gegner eingestiegen, kannst du wiederum das Chart als Grundlage nehmen, modifizierst es aber in Hinblick darauf, was vor dir passiert ist.
Das Open Raising Chart ORC
Aufgrund der zuvor genannten Überlegungen bildet ein sogenanntes Open Raising Chart die Grundlage der Preflopstrategie. Dieses Chart listet, gestaffelt nach Pairs, suited und offsuited Hands, die minimalen Hände auf, die du raisen must, falls vor dir noch kein Spieler in den Pot eingestiegen ist. Alle besseren Hände werden natürlich erst recht geraist. Ist z. B. im Chart AT gelistet, so raist du natürlich auch mit AJ, AQ und AK.
Folgst du diesem Chart, raist du mit genau den Händen, die im Schnitt gegen die Gegner hinter dir garantiert einen Profit zeigen, selbst wenn du von vernünftigen Gegnern ausgehst, d.h. sie folden ihre schlechten und 3-betten ihre guten Hände.
Dieses Chart ist universell für alle Tischgrößen, außer Heads-up, einsetzbar. Falls weniger als 10 Spieler am Tisch sind, behandelst du die Situation so, als ob die ersten Spieler am Tisch bereits gefoldet hätten. An einem 6max-Tisch fängt das Chart somit erst bei MP2 an.
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Das Open Raising Chart
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Wann weichst du vom ORC ab?
Das Open Raising Chart sagt dir konkret nur, was du tun sollst, wenn vor dir noch kein Gegner in den Pot eingestiegen ist. Sind vor dir aber schon Gegner in den Pot eingestiegen, greift das so genannte Equityprinzip. Du musst hierbei zwei Dinge überprüfen:
- A: Hat deine Hand im Durchschnitt einen Equityvorteil gegen die Gegner hinter dir?
- B: Hat deine Hand im Durchschnitt einen Equityvorteil gegen die Gegner vor dir?
Die Antwort auf Frage A ist einfach. Eine Hand hat immer dann einen Equityvorteil gegen die Gegner hinter dir, wenn sie im Open Raising Chart gelistet ist.
Die Antwort auf Frage B ist komplexer. Sie hängt nämlich entscheidend davon ab, was für Gegner vor dir welche Aktionen durchgeführt haben. In Abhängigkeit des Gegnertyps und der Aktionen (Call, Raise, 3-Bet, usw.) kannst du in etwa abschätzen, welche Hände sie halten könnten und somit ihre Handrange - also das Spektrum ihrer möglichen Hände - ermitteln.
Ist diese Abschätzung vorgenommen, kannst du mit Hilfe des Equilators überprüfen, ob deine Hand gegen die Handranges der Gegner vor dir einen Equityvorteil hat oder nicht.
Hier geht es, wie gesagt, nicht um das Abschätzen deiner Equity gegen eine zufällige Hand, sondern um das Abschätzen deiner Equity gegen konkrete Handranges der Gegner, die du manuell in den Equilator eingetragen hast.
Siehst du einen Equityvorteil gegen die Spieler vor und hinter dir, dann musst du raisen bzw. reraisen. Siehst du nur in einem Fall einen Equityvorteil, musst du meist folden. In Ausnahmefällen kann auch ein Call korrekt sein. Was das für Ausnahmen sind, wird später noch besprochen.
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Nach der o. g. Theorie spielst du preflop streng nach dem Prinzip „Raise oder Fold“. Allerdings gibt es auch Fälle, in denen Calls angebracht sind. Zudem gibt es einige Fälle, in denen du auch mit Händen raist oder 3-bettest, die nach der eigentlichen Theorie zu schwach dafür sind.
Als Openlimp bezeichnet man einen Call, den man macht, wenn man als erster in die Hand einsteigt. Openlimping ist grundsätzlich nur in early Position eine Option. Es wird mit Händen gemacht, die nicht im Open Raise Chart gelistet sind und gute implied Odds aufweisen. Man hofft darauf, dass hinter einem möglichst viele Gegner mit noch schwächeren Händen ebenfalls nur callen, so dass man günstig den Flop sehen kann.
Bei den kleinen Limits bis 0.5/1 gelingt dies sehr häufig. Man callt als erster mit einer Hand wie 22, drei Leute callen hinter einem und niemand raist. Bei höheren, tighteren und aggressiveren Tischen klappt dies aber in den meisten Fällen nicht. Callt man hier mit 22, so passiert es häufig, dass alle bis auf einen Gegner folden, dieser einen aber mit einem Raise isoliert und somit in eine höchst unprofitable Situation bringt.
Deshalb gibt es bei einem Limit wie 0.5/1, wo die Gegner in der Regel viel zu viele Hände spielen, relativ viele Openlimps aus der early Position. Bei tighteren Tischen gibt es fast kaum noch Openlimping.
Die folgenden Ranges sind Empfehlungen für das Openlimpen in UTG und UTG+1:
- An loosen Tischen auf 0.5/1 bis 2/4: 88-22, KJs-KTs, QJs-QTs, JTs, A9s-A2s
- An den etwas looseren Tischen auf 3/6 und 5/10: 88-77, KJs, QJs, A9s-A8s
Je nachdem wie loose bzw. wie tight dein Tisch nun ist, kannst du weitere Hände hinzufügen bzw. bestehende Hände weglassen. Im Zweifelsfall solltest du aber die tightere Variante wählen.
Openlimping ist, wie gesagt, nur in early Position eine Option, d. h. in den ersten drei Sitzen an einem vollen 10er-Tisch. Ab MP1, d. h. somit auch bei allen Tischen mit nur 7 oder weniger Spielern, ist Openlimping fast immer ein Fehler.
Hat vor dir exakt ein Gegner gecallt oder geraist, so ist es fast nie korrekt, nur zu callen. Entweder raist du oder du foldest. Was du machst, ergibt sich aus dem Equityprinzip.
An extrem loosen und passiven Tischen besteht zusätzlich die Möglichkeit zu einem loosen Limp. Dies kommt mit den Händen in Frage, die gegen den Gegner vor dir eine gute Equityedge haben, aber nicht im ORC gelistet sind. Falls du dir sicher bist, dass hinter dir noch einige loose passive Fische mit im Schnitt noch schwächeren Händen in die Hand einsteigen werden, so kannst du auch nach nur einem Limper vor dir ebenfalls limpen, denn du kannst davon ausgehen, dass du am Ende der Prefloprunde gegen die Gesamtheit der eingestiegenen Gegner eine Equityedge haben wirst. Die theoretische Grundlage für diese so genannten Loose Limps ist also der für Openlimps sehr ähnlich.
Haben vor dir zwei oder mehr Gegner nur gecallt, raist du nach wie vor alle Hände, die nach dem Equityprinzip einen Vorteil haben. Zusätzlich kannst du mit bestimmten Händen mit guten implied Odds nur callen. Hierzu zählen vor allem mittlere und kleine Paare in Multiway-Pötten, denn genau dort haben diese Hände exzellente implied Odds.
Dazu zählen bedingt auch die stärkeren suited Connectors wie T9s und 98s. Je schwächer deine Hand ist, desto mehr Gegner brauchst du in der Regel für einen Call. Da du mittlerweile die Charts aus der Einsteiger- und Bronzesektion gemeistert hast, besitzt du schon ein gutes Gefühl für solche Calls. Bedenke aber immer, dass du jede Hand mit einem Equityvorteil raisen musst. Gegen zwei extrem loose Gegner vor dir, die nur callen, hast du z. B. mit Händen wie A7s oder K9s ein Raise.
In extrem seltenen Fällen solltest du auch gegen ein Raise und mehrere Caller vor dir nur callen. Dies ist das so genannte Coldcalling und kommt gelegentlich z.B. mit Paaren in Betracht. Hast du z.B. 66 in late Position und vor dir sind drei Caller und ein Raiser, so kannst du damit zwei Bets callen. Für ein Reraise ist deine Hand definitiv zu schwach, aber aufgrund der vielen Gegner und der guten implied Odds ist ein Call profitabel.
Eine schwache Hand ist in diesem Zusammenhang eine Hand, die für die jeweilige Position nicht im Open Raising Chart steht. Das bedeutet, KQo ist UTG eine schwache Hand. An einem Tisch mit Weltklassespielern wäre es in der Tat ein Verlustgeschäft, mit KQo im UTG zu raisen. An so einem Tisch sollte man diese Hand sogar folden.
An einem normalen Low- oder Middle-Limit-Tisch sitzen aber immer Leute, die gegen Raises deutlich zu loose spielen. So würden sie z. B. dein Raise mit KQo mit Händen wie KJo oder QJs etc. coldcallen. Und genau dieser Effekt ist es, der eine Hand wie KQo in UTG an einem typischen Tisch profitabel macht.
Im Großen und Ganzen gibt es nur zwei Hände, die von diesem Effekt betroffen sind: AJo und KQo. An jedem normalen Tisch kannst du diese Hände UTG profitabel raisen.
Typische Shorthanded-Situation: Vor dir raist ein einziger Gegner und niemand callt. Du überlegst, ob du 3-betten oder folden sollst. Du hast bisher kaum Reads oder Stats zum Gegner. Aus der Prefloptheorie weißt du, dass du gegen einen typischen Gegner 46% Equity benötigst. Bist du im Small Blind reichen sogar 43% Equity. Was ist aber ein typischer Gegner?
Weißt du nichts über den Gegner, bist du auf der sicheren Seite, wenn du annimmst, dass er preflop optimal spielt und er tut das genau dann, wenn er nach dem Open Raising Chart spielt. Dieser Grundgedanke führt zum unten stehenden 3-Betting-Chart. Es geht davon aus, dass der Gegner nach ORC spielt, und listet alle Hände auf, mit denen du dann 3-bettest, je nachdem in welcher Position dein Gegner geraist hat. Deine Position spielt dabei keine Rolle, da sowieso nur starke Hände für eine 3-Bet in Frage kommen.
Die einzelnen Spalten beziehen sich daher auf die Position des Raisers. Das Prinzip kennst du schon aus den erweiterten Charts aus der Bronzesektion.
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3-Bet gegen Openraise (inkl. SB-Defense)
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Wie früher schon erwähnt, solltest du einen einzelnen Raiser vor dir dann 3-betten, wenn deine Hand erstens im ORC gelistet und zweitens deine Equity gegen diesen Gegner größer oder gleich 50% ist.
Allerdings kannst du in der Regel diese 50%-Anforderung etwas nach unten korrigieren. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens hast du Position auf den Gegner und zweitens bringst du durch eine 3-Bet oft beide Blinds zum Folden und hast somit dead Money im Pot, das sich auf dich und den Gegner verteilt.
Ohne es weiter vorzurechnen: Gegen einen loose-aggressiven Gegner benötigt man mindestens 48% Equity. Gegen einen typischen Gegner reichen schon 46% Equity.
Wie spielst du in den Blinds?
Das Equityprinzip ist fundamental und gilt somit auch für die Blinds. Jede Hand mit einer Equityedge wird nach wie vor geraist oder gereraist.
Allerdings gibt es Fälle, in denen du Hände spielen kannst, die du auf einer Non-Blind-Position nicht hättest spielen können. Der Grund dafür ist, dass du erzwungenermaßen bereits einen gewissen Grundeinsatz - nämlich die Blinds - investiert hast. Damit werden natürlich sowohl Calls als auch Raises für dich günstiger, als sie es eigentlich wären.
Dies hat allgemein zur Folge, dass du in den Blinds häufig auch Hände spielen kannst, die weniger als die Durchschnittsequity haben.
Die zentrale Frage lautet also nun: Wie tief kannst du mit deinen Equityanforderungen gehen, damit eine Hand noch profitabel ist?
Bist du im Big Blind und es wurde vor dir geraist, so raist du natürlich wieder all die Hände, deren Equity über der Durchschnittsequity liegt.
Mit den Händen, die für ein Raise zu schwach sind, deren Equity aber mindestens 70% der Durchschnittsequity beträgt, solltest du lediglich callen.
Im Heads-up ist die Durchschnittsequity zum Beispiel 50%. 70% davon sind 35%. Bist du also im BB, der Button raist und SB foldet, benötigst du eine Hand, die gegen die Raisingrange des Gegners mindestens 35% Equity hat.
Bei drei Spielern ist die Durchschnittsequity 33%, 70% davon sind ca. 23%, was der Equity entspricht, die du brauchst. Bei mehr Spielern verläuft die Berechnung analog.
Oft kommst du in folgende Situation: Du bist im SB und alle bis auf einen Gegner vor dir folden. Dieser Gegner raist. Auch hier gilt das Grundprinzip: 3-bet oder fold.
Nun hast du aber schon Geld in Form des Small Blinds investiert. Dadurch wird eine 3-Bet im Verhältnis natürlich günstiger. Dies führt dazu, dass du üblicherweise bereits ab einer Equity von 43% gegen die Raisingrange des Gegners profitabel 3-betten kannst. Gegen einen loose-aggressiven Gegner sollten es aber mindestens 45% sein.
Falls der Small Blind nur 1/3 einer Small Bet betragen sollte, benötigst du für eine 3-Bet gegen einen typischen Gegner 45% und gegen einen LAG 47%.
Falls der Small Blind aber 2/3 einer Small Bet betragen sollte, benötigst du für eine 3-Bet gegen einen typischen Gegner nur 41% und gegen einen loose-aggressiven Spieler 43%.
Als Completen im Small Blind bezeichnet man das Callen im Small Blind, falls vor einem nicht geraist wurde. Da man den Small Blind schon gezahlt hat, kostet einem der Call nun effektiv nur einen Bruchteil einer Small Bet. Da man also sozusagen einen Rabatt auf seinen Call bekommt, kann man effektiv mehr Hände spielen, als nach dem Equityprinzip möglich wären.
Nun könnte man argumentieren, dass im Regelfall ein Call nur die Hälfte kostet, man de facto auch nur eine halb so hohe Equity braucht, um zu spielen. Dies wäre auch richtig, wenn die Hand preflop schon zu Ende wäre. Allerdings kommt man gerade mit sehr schwachen Händen postflop mit so genannten reverse implied Odds oft in unliebsame Situationen - d. h. man verliert am Flop, Turn und River überdurchschnittlich viel Geld, wenn man hinten liegt. Der Equitynachteil preflop wird quasi durch die Postflop-Runden noch vergrößert.
Deshalb folgende Empfehlung: Du completest im Small Blind mit allen Händen, die du auch am Button nur gecallt hättest. Zudem completest du mit den Händen, deren Equity mindestens 70% der Durchschnittsequity beträgt. Nach diesem Prinzip completest du deutlich mehr Hände, als du es bisher gewohnt bist. So ist es z. B. korrekt, mit einer Hand wie T6s nach zwei tighten Limpern zu completen.
Falls der Small Blind 2/3 einer Small Bet beträgt, completest du die Hände, die du auch am Button gecallt hättest, und zudem die Hände, deren Equity mindestens 50% der Durchschnittsequity beträgt.
Falls der Small Blind nur 1/3 einer Small Bet beträgt, completest du nur die Hände, die du auch am Button gecallt hättest.
Gerade bei Shorthanded-Games kommt es oft vor, dass du im Small Blind bist und alle Gegner vor dir folden. Gegen einen typischen, aggressiven Gegner im Big Blind gilt hier nach wie vor folgendes Prinzip: raise oder fold. Du raist all die Hände, die im ORC für den SB gelistet sind. Alle anderen Hände foldest du.
Gegen einen aggressiven Gegner in einer „SB vs. BB“-Situation nur zu completen, ist ein Fehler, da du dem Gegner dann die Möglichkeit gibst, dich mit seinen starken Händen zu raisen und mit seinen schwachen Händen einen free Flop zu sehen.
Gegen einen passiven Gegner ist das Opencompleten allerdings eine sehr gute Option. Ein passiver Gegner wird dich dann nur sehr selten raisen. Hinzu kommt, dass du gegen diese tighten Raises hinter dir dann häufig sogar folden kannst, nämlich immer dann, wenn deine Equity gegen seine Raisingrange kleiner als 35% ist.
In den meisten Fällen wird aber ein passiver Gegner gegen deinen SB-Complete nicht raisen. Wenn er checkt und es zum Flop kommt, so kannst du nahezu jeden Flop betten, ohne dir auch nur das Board anzusehen. Nun reicht es, wenn dein Gegner in 33% der Fälle foldet, damit diese Bet profitabel ist. Und bei so einem winzigen Pot wird der Gegner in 33% der Fälle folden. Eine Ausnahme machst du nur dann, wenn deine Hand extrem stark ist und du glaubst, durch eine andere Vorgehensweise extra Value herausschlagen zu können.
Genau deshalb ist der SB-Complete eine starke Strategie mit schwachen Händen, falls dein Gegner dies zulässt. Gegen solche Gegner kannst du im SB jede Hand, auch 32o, completen und dann den Flop betten.
Beispielanalysen
Die hier vorgestellte Theorie ist komplex und man weiß in einigen Situationen nicht auf Anhieb, was nun richtig ist. In diesem Fall gilt: Im Zweifelsfall spielst du so, wie du es nach den Charts aus der Einsteiger- und Bronzesektion tun würdest. Die entsprechende Hand notierst du dir und analysiert diese nachher in Ruhe, um zu ermitteln, welche Aktion nun tatsächlich korrekt gewesen wäre.
Natürlich kannst du nicht während des Spiels immer spontan deine Equity gegen die Handranges der Gegner ausrechnen und dementsprechend spielen.
Dein Ziel muss es sein, auf lange Sicht ein gutes Gefühl für Preflop-Equityedges zu bekommen. Dies erhält man vor allem dadurch, dass man intensiv über Equilator typische Equities gegen bestimmte Handranges ermittelt und analysiert. So weiß man dann zum Beispiel, mit welchen Händen man grob geschätzt einen 10 PFR/30 VPIP-Limper isolieren kann und mit welchen nicht, welche Hände gegen einen 10 PFR-Spieler eine 3-Bet wert sind, usw.
Problem: Ein Gegner mit einem PFR von 10% raist im MP1. Du bist im MP2. Mit welchen Händen solltest du 3-betten, mit welchen Händen callen, mit welchen folden?
Lösung: Du schätzt, dass ein Gegner mit einem PFR von 10% im MP1 ca. 8% seiner Hände raist. Das ergibt laut Equilator folgende Range: 88+, ATs+, KTs+, QJs, AJo+
Nun schaust du mit Equilator, welche Hände gegen diese Range eine Equity von mindestens 46% haben. Die Analyse ergibt folgendes: TT+, AQs+, AQo+
Das ist die Range für eine 3-Bet. Es gibt keine Hände, mit denen du nur callst.
Problem: Ein Gegner mit PFR 10 und VPIP 30 limpt im MP2. Du bist im MP3. Mit welchen Händen solltest du ihn mit einem Raise isolieren?
Lösung: Du ermittelst seine Handrange, indem du im Equilator eine 30%-Range angibst und die oberen 10% wieder rausnimmst, weil er mit diesen ja geraist hätte.
Dies ergibt für den Gegner folgende Limprange: 77-55, A8s-A2s, K9s-K5s, Q9s-Q7s, J8s+, T8s+, 98s, ATo-A7o, A5o, KJo-K9o, Q9o+, J9o+, T9o
Nun ist die erste zu stellende Frage, mit welchen Händen du gegen diese Range mindestens 50% Equity besitzt. Das sind laut Equilator: 55+, A2s+, K9s+, QTs+, A5o+, KTo+, QJo
Das sind aber nicht alle Hände, die du raisen kannst, denn es kommen noch Spieler hinter dir. Daher „verrechnest“ du diese Range mit den Händen, die im ORC für deine Position stehen, weil diese auch die nötige Equity gegen die Spieler nach dir haben.
Es bleiben übrig: 55+, A9o+, KJo+, QJo+, A6s+, K9s+, QTs+
Aus der Openraising-Range nach dem ORC sind damit JTs, J9s und T9s herausgefallen. JTs besitzt eine Equity von 47%, kann aber trotz des kleinen Equitydefizits zusätzlich geraist werden, da sich diese Hand sehr gut in Position in einem raised Pot spielen, du kannst dir nämlich am Flop oft gut eine Freecard nehmen, sofern die Blinds callen.
Zusätzliche Limp-Hände gibt es gegen diesen Gegner nicht, da in jedem Fall das zweite Kriterium (ausreichende Equityedge gegen die Gegner hinter dir) nicht erfüllt ist und sich Hände wie A8o, die zwar eine Equity von 53% gegen den Limper haben, aufgrund von reverse implied Odds nicht zum Limpen eignen. Man könnte allerdings mit A8o in diesem Fall ebenfalls raisen.
Problem: Ein Gegner mit PFR 10 und VPIP 15 limpt UTG. Alle folden zu dir und du bist am Button. Mit welchen Händen spielst du?
Lösung: Dieses etwas extreme Beispiel verdeutlicht, dass gerade in late Position sehr viele Hände im Open Raise Chart gelistet sind, die aber sehr häufig gefoldet werden müssen, wenn vor dir Limper sind.
Zunächst ermittelst du wieder die Handrange des Gegners. Typisch für einen 15 VPIP/10 PFR-Spieler, der UTG limpt, ist eine Range wie: 99-88, ATs-A9s, KJs, QJs. Diese sind nicht mit dem Equilator ermittelt, sondern der Praxis entnommen.
Nun überprüfst du wieder die Hände im ORC auf ihre Performance gegen diese Range, wie gewohnt nach dem Equity-Prinzip. Da vor dir genau ein Gegner eingestiegen ist, benötigst du eine Equity von 50% oder mehr. Aufgrund deines Vorteils gegenüber den Blinds kannst du aber ein kleines Stück tiefer gehen, sagen wir auf 48%.
Gegen die angenommene Range haben folgende Hände die benötigte Equity von mindestens 48%: 99+, ATs+, KJs+, ATo+, KQo
Da all diese Hände auch im ORC für den Button gelistet sind, bilden sie deine Raisingrange in dieser Situation. Hände wie KJo (46,4%) musst du hingegen folden.
Fazit
Der Umstieg vom blinden Chartspiel hin zum selbstständigen Spiel nach Equity ist ein wichtiger Meilenstein im Werden eines Pokerspielers. Dieser Artikel hat dir gezeigt, wie du mittels Equityprinzip Preflopsituationen analysieren und korrekte Spielentscheidungen finden kannst, auch wenn dies oftmals erst in der Nachbetrachtung möglich ist.
Das in diesem Artikel vorgestellte ORC stellt die Grundlage des Preflopspiels dar. Es enthält all jene Hände, mit denen du auf jeden Fall profitabel openraisen kannst. Wann du in welcher Weise abweichst, auf Raiser und Limper reagierst, wurde angesprochen in dem Maße, dass du in der Lage sein solltet, mit Equilator und Taschenrechner bewaffnet selbst optimale Spielweisen und Ranges herauszufinden.
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