Aktualisiert am 06 Juli 26 von

Gegnertypen: Die Bedeutung der Kenntnis des gegnerischen Stils

Unvollständige Information

Im Gegensatz zu anderen Spielen wie beispielsweise Schach ist Poker ein Spiel mit unvollständiger Information. Man kennt die gegnerischen Karten nicht. Es entsteht dadurch eine Kenntnislücke, die einen davon abhält, den optimalen Zug zu machen. Der optimale Zug ist jener, den man bei Ansicht der gegnerischen Karten als perfekter Spieler machen würde. Diese selbstverständliche Einsicht wird in Sklanskys Fundamental Theorem of Poker wiedergegeben:

"Every time you play a hand differently from the way you would have played it, if you could see all your opponent’s cards, they gain; and every time you play your hand the same way you would have played it, if you could see all their cards, they lose. Conversely every time opponents play their hands differently from the way they would have if they could see all your cards, you gain; and every time they play their hands the same way they would have played it, if they could see all your cards, you loose. Aus “Theory of Poker”.

Es gibt durchaus Situationen, in denen eine autistische Sichtweise relativ ungefährlich ist. Angenommen, man startet mit einem hohen Pocket Pair und schaut auf einen ungefährlichen Flop (niedrige Karten) oder man floppt eine extrem starke Hand. In den meisten Situation jedoch erhält man eine verwundbare Hand, die sich in einiger Entfernung von den Nuts befindet. In solchen Fällen würde man gerne einschätzen können, über welche ungefähre Stärke die gegnerischen Hände verfügen. Die Methode, die gegnerischen Hände zu taxieren, nennt man Handreading. Durch gutes Handreading wird die spielimmanente Informationslücke (die verdeckten gegnerischen Karten) ein Stück weit geschlossen.

Handreading

Unter der Vorrausetzung, daß man es mit einem einigermaßen vernünftigen Menschen zu tun hat, kann man die gegnerischen Karten per Ausschlussverfahren auf eine bestimmte Range festlegen. Zwei Faktoren bestimmen das Handreading:

Die gegnerischen Betsequenzen

Die Stärke und die Art der gegnerischen Hand lässt sich durch seine Betsequenzen auf der aktuellen und auf vorherigen Straßen erahnen.

Das gegnerische Profil (Stil)

Das gegnerische Profil relativiert die Bedeutung der Betsequenzen. Ein Raise von einem Rock hat natürlich ein ganz anderes Gewicht als das eines Maniacs.

Das gegnerische Profil

Beim Poker hängt vieles davon ab, die Züge des Gegners gut interpretieren zu können. Dafür benötigt man sein Profil:

Attribute

Der gegnerische Stil setzt sich aus vier Hauptattributen zusammen. Man sollte in der Lage sein, jeden seiner Gegner im Rahmen der vier Gegensatzpaare klassifizieren zu können. Diese Einordnung ist allerdings immer noch einigermaßen grob. Eine umfassende Analyse des Gegners würde sein Verhalten (Betting Patterns) in den zahlreichen Standardsituationen umfassen, wie sie im Hold’em vorkommen.

1. stark/schwach
2. tight/loose
3. aggressive/passive
4. tricky/straight forward

Motivation

Die Grundlage der Attribute des Spielerprofils sind die Emotionen des Gegners, seine Ängste und Sehnsüchte. Häufig werden gewisse Dinge auf einer unterbewussten Ebene ausgelebt. Poker wird aus einer Vielzahl von Gründen gespielt. Geld zu verdienen, ist bei weitem nicht der einzige Grund. Häufig werden finanzielle Einbußen in Kauf genommen, um andere Motivationen zu befriedigen. Diese können sein: Die Lust am Wettstreit (man möchte möglichst viele Pötte gewinnen), Lust an der Aufregung, soziale Kontakte (besonders im Live Game) oder Unterhaltung im weitesten Sinne. Kennt man die Motive des Gegners, lassen sich daraus seine Spielzüge erklären und umgekehrt. Ferner lassen sich darauf gegnerspezifische Strategien aufbauen. Spieler mit einem extremen Stil sind rigide und „predictable“. Sie agieren in einer ganz bestimmten Weise, auch wenn es selbstzerstörerisch ist.

Percentage Play

Beim Poker macht man immer das Percentage Play. Das Handreading wird einen selten in die Lage versetzen, die exakte Hand des Gegners vorherzusagen. Vielmehr setzt man ihn auf eine Range of Hands. In der Regel macht man den Zug, der gegen die wahrscheinlichste Hand des Gegners die größten Erfolgsaussichten besitzt.

Beispiel:

Unser Gegner ist ein Maniac und raist preflop mit 30 % seiner Hände. Wenn wir davon ausgehen, daß dies ungefähr die besten 30 % aller Hände sind, dann raist er im Schnitt mit Händen, die in der Hierarchie der Hände exakt die besten 15 % oder 16 % abschließen. Wir hätten somit einen leichten Reraise mit einer Hand, die die besten 10 % begrenzt. Im Einzelfall können wir das Pech haben, daß der Gegner ein Monster (beste 1 %) hält. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sich seine Hand bei 20 - 25% bewegt. Im Einzelfall mögen wir mit unserer Reaktion daneben liegen. Auf lange Sicht jedoch verdienen wir Geld, da sich der Durschnitt seiner tatsächlichen Hände dem Durchschnitt aller seiner bisher in der Datenbank (PokerTracker) befindlichen Hände annähert. Ich muss noch erwähnen, daß man auch seine Position mit in die Rechnung einbeziehen sollte. In early position wird er sicherlich weniger als 30 % raisen, in late position dagegen deutlich mehr.

Flexibilität

Pokerhände haben keinen absoluten, sondern nur einen relativen Wert. Man bekommt keinen Schönheitspreis ausgehändigt, wenn man mit starken Karten nur die zweitbeste Hand macht. Im Gegenteil. Die zweitbeste Hand ist die schlechteste Hand im Pokern, denn sie kostet am meisten Geld.

Daraus ergibt sich, daß man die Hände flexibel spielen muss. Wenn ich Top Pair, weak Kicker habe, sollte ich vermutlich folden (unzureichende Drawing-Odds vorausgesetzt), wenn ein Rock vor mir bettet. Bettet dagegen ein Maniac vor mir, kommt ein Raise stark in Frage, da der Maniac möglicherweise nur blufft bzw. sein Middle Pair/Bottom Pair stark spielt. Durch das Raise würde ich den Maniac mit seiner vermutlich schlechteren Hand isolieren und eine bessere Hand hinter mir wie Top Pair, decent Kicker möglicherweise zum Folden bringen.

Poker ist also ein dynamisches, situationsbezogenes Spiel. Ein und dieselbe Hand wird einmal gefoldet, ein anderes mal geraist, je nach Gegner. Anpassungsfähigkeit ist eine große Tugend im Poker. Anfänger und Fortgeschrittene werden sich noch durch die Anwendung starrer Regeln gegenüber ihren Gegner behaupten können. Dazu brauchen sie ja nur durch tightes Spiel, die großen Fehler auszunutzen (Nichtbeachtung der elementaren Prinzipien, Odds etc.). Für den Experten (2/4 und höher) gilt jedoch, daß er nur unter Berücksichtung des gegnerischen Profils zu überwiegend richtigen Entscheidungen gelangen kann. Viele strategische Entscheidungen basieren also auf psychologischen Erwägungen. Sehr gute Spieler sind dazu in der Lage, in die Köpfe ihrer Gegner zu schauen. Poker auf der aller höchsten Ebene wird durch folgendes Sklansky-Zitat ganz gut wieder gegeben:

„What we mean by the psychology of poker is getting into your opponents’ heads, analysing how they think, figuring what they think you think, and even determining what they think you think they think.” Aus „Theory of Poker”.

Soft Spots

Gerade wenn man an mehreren Tischen spielt, ist es unmöglich, alle Spieler genau zu beobachten. Vielmehr sollte man sich aufs Wesentliche konzentrieren.

Das meiste Geld

Wesentlich sind die Spieler, an denen man potentiell am meisten Geld verdienen kann. Um höhere Limits zu schlagen, muss man in der Lage sein, die schwachen Spieler am Tisch zu identifizieren und herauszufinden, welche Merkmale zu ihrem schwachen Spiel beitragen. Schließlich muß man die geeignete Strategie auswählen, um an das Geld dieser Leute zu kommen.

Die häufigsten Begegnungen

Die Konzentration auf die schwachen Spieler hat den Vorteil, dass man die gewonnen Erkenntnisse öfters anwenden kann. Schwache Spieler sind nun mal sehr loose und daher viel öfter in der Hand.

Der schnellste Erkenntnisgewinn

Der ökonomische Aspekt bezieht sich letztlich auch noch auf den Beobachtungsprozess. Schwache Spieler haben meistens einen extremen Stil. Man kommt dadurch viel schneller zu wertvollen Erkenntnissen als bei der Analyse von starken Spielern. Starken Spielern kann man der Einfachheit halber zunächst den normalen tight-aggressiv Stil zuordnen.

Shorthanded

Die Kenntnis des Gegners ist besonders wichtig an Shorthanded Tables. In einem Fullring Game kommt es häufig zu Multiway Pots, in denen man am Ende die beste Hand vorzeigen muss. Ist man am Flop dagegen threeway oder heads-up, kann und muß man viel gegnerspezifischer spielen. Man hat einfach mehr Möglichkeiten zu psychologischen Kunstgriffen und deceptiv play. Dadurch läßt der Kampf oft schon vor dem Showdown entscheiden. Häufig ist es sogar die schlechtere Hand, die sich dabei durchsetzt. Im übrigen ist das auch die Erklärung dafür, weshalb starke Spieler ihre Win Rate an Shorthanded Tables verbessern und sich schwache Spieler besser davon fern halten sollten. Starke Spieler haben einfach bessere Hand Reading Skills und sind in der Lage, gegnerspezifisch zu spielen.

Table und Seat Selection

Ein Großteil des finanziellen Erfolgs beim Pokern kommt von der Auswahl der richtigen Tische. Je schwächer die Gegner, desto größer der Profit. Verfügt man über gute PokerTracker-Datenbanken, kann man die Spielstärke eines Tisches bereits erkennen, noch bevor man sich hingesetzt hat. Um die einzelnen Spielertypen zu erkennen, braucht man nur auf folgenden drei Werte zu achten: VPIP, PFR und Aggression Factor. Der wichtigste Wert ist der VPIP. Jemand der über 50 % seiner Hände spielt, ist in jedem Fall ein losing player. Am liebsten sind uns jedoch Gegner, die zu viel spielen und dabei noch passiv sind, also Callingstations. Tische mit vielen tight-aggressive Spielern sind zu meiden, es sei denn, da sitzen auch ein, zwei richtig große Fische.

Ein Spiel ist nicht automatisch profitabel, wenn schwache Spieler zugegen sind. Man benötigt auch Position auf sie. Ich habe gerne alle loosen Spieler rechts und alle tighten Spieler links von mir. Auf diese Weise sind die schlechten Spieler bereits in der Hand, wenn ich mit starken Händen raise. Im Beitrag „Table Selection“ wird umfassend auf Table und Seat Selection eingegangen.

Resumee

Die Kenntnis der Gegner ist aus folgenden Gründen wichtig:

1. Handreading

2. strategische Anpassung an den gegnerischen Stil (besonders wichtig bei extremen Stilmerkmalen)

3. Konzentration auf die soft spots

4. Table und Seat Selection