Aktualisiert am 12 März 26 von

Heads-up IP: Raise Turn oder Raise Flop

Einleitung

In diesem Artikel

  • Warum du nicht am Flop raist
  • Warum du am Turn raist
  • Wann du doch den Flop raist

In diesem Artikel wird die spezielle Situation betrachtet, in der du dich am Flop in Position befindest und der Gegner die Initiative hat. Dies kommt zum Beispiel vor, wenn du preflop raist und von den Blinds eine 3-Bet bekommst, oder wenn du ein Stealraise aus dem SB im BB callst.

Überblick

Grundlage dieses Artikels wird die Annahme sein, dass du eine Hand hältst, die stark genug ist, um ernsthaft über ein Raise an der einen oder anderen Stelle nachzudenken. Es werden also Situationen außer Acht gelassen, in denen du direkt foldest oder nur einen rein equitybezogenen Calldown mit marginalem Showdownvalue spielst.

Dieser Artikel befasst sich mit der Frage, ob in einer bestimmten Situation das direkte Raise am Flop oder aber der Call am Flop mit der Möglichkeit eines Raises am Turn zu wählen ist.

Bedenke hierbei, dass die Line call Flop, raise Turn das Turnraise nicht zwangsläufig beinhaltet. Je nach Turnkarte kannst du natürlich auch auf Calldown umsteigen oder sogar direkt folden. Dies mag zwar logisch und selbstverständlich klingen, wird aber noch eine wichtige Rolle in diesem Artikel spielen.

Um den genannten Voraussetzungen gerecht zu werden, muss zuerst die Frage geklärt werden: Ab wann ist eine Hand raisbar?

Ab wann ist eine Hand raisbar?

Auf den ersten Blick könnte man denken: Sobald du eine Equityedge hast, kannst du deine Hand raisen. Es wird sich aber zeigen, dass das nicht automatisch richtig ist.

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, werden nun verschiedene Szenarien betrachtet. Zunächst ein ungünstiges Szenario: Dein Gegner wird jede bessere Hand auf dein Raise 3-betten und alle schlechteren Hände nur noch downcallen.

Die Kosten und Gewinne für jede einzelne Line (raise Flop; call Flop, raise Turn; Calldown) sehen dabei wie folgt aus:

Raise Flop
Gewinn (Postflop): 3 BB
Verlust (Postflop): 3,5 BB

Raise Turn
Gewinn (Postflop): 3,5 BB
Verlust (Postflop): 4,5 BB

Calldown
Gewinn (Postflop): 2,5 BB
Verlust (Postflop): 2,5 BB

Diese Werte bedürfen wohl keiner weiteren Erläuterung. Nach raise Flop und Calldown des Gegners gewinnst du postflop 3 BB. Wenn er 3-bettet und du downcallst, verlierst du 3,5 BB. Genau so bei raise Turn und Calldown.

Wie sieht also der Postflop-EV jeder einzelnen Line bei verschiedenen Equity-Werten = p(win) deiner Hand aus?

EV in Abhängigkeit von der Gewinnwahrscheinlichkeit

Line
p(win) = 0,51
p(win) = 0,54
p(win) = 0,67
Raise Flop -0,185 0,01 0,855
Raise Turn -0,42 -0,18 0,86
Calldown 0,05 0.2 0,85

Die oben stehenden Werte wurden mittels eines relativ simplen Excel-Sheets berechnet, welches zur Berechnung des EV einer Line in Abhängigkeit von Equity und Gewinn/Verlust dient.

Lade dir das Excel-Sheet hier herunter

In der linken Spalte hat deine Hand eine Equity von 51%. Obwohl du hier eine Equityedge hast, hat sowohl die Line raise Flop als auch call Flop, raise Turn einen negativen Erwartungswert, da unter den gegebenen Voraussetzungen der Gegner jede bessere Hand 3-betten wird. Diese Annahme ist zwar sehr pessimistisch, zeigt aber eindeutig die Tendenz auf, dass eine sehr knappe Equityedge nicht automatisch ein Raise rechtfertigt.

In der mittleren Spalte hat deine Hand nun eine Equity von 54%. Dies ist das erste Mal, dass unter den gegebenen Bedingungen ein Raise einen positiven Erwartungswert hat, nämlich das Raise am Flop. Trotzdem ist deutlich zu sehen, dass hier der einfache Calldown noch immer einen höheren Erwartungswert hat.

In der rechten Spalte hat deine Hand eine Equity von nun 67%. Erst jetzt wird das Raise am Turn unter den gegebenen pessimistischen Voraussetzungen zu der besten Variante.

Dieses Beispiel soll die Bedeutung der reversed implied Odds (RIO) darstellen und zeigen, dass diese nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Reversed implied Odds entstehen, wenn du trotz einer 3-Bet des Gegners keinen Fold finden kannst und ihn mit der schlechteren Hand maximal ausbezahlen musst. Dann verlierst du mit einer schlechteren Hand mehr, als du mit einer besseren gewinnen würdest. Dies führt gerade bei call Flop, raise Turn dazu, dass die benötigte Equity für diese Line in die Höhe schießt, wenn du die Line profitabel for Value spielen möchtest.

Warum call Flop, mit der Option raise Turn als Standardline am besten ist

Bisher hast du die Line call Flop, raise Turn als eine sogenannte Standardline kennengelernt, und das auch aus gutem Grund. Warum call Flop, mit der Reevaluierung am Turn und der Möglichkeit eines Raises, dem direkten Raise am Flop als Standard vorzuziehen ist, wird im Folgenden erläutert.

Balancing
CALL FLOP IST GEBALANCT

Ein sehr wesentlicher Punkt ist, dass bei der Line call Flop, raise Turn der Flopcall optimal gebalanct ist. Würdest du zum Beispiel die Line call Flop, raise Turn komplett aus deinem Spiel streichen und stattdessen jede raisbare Hand sofort am Flop raisen, wäre deinem Gegner sofort klar, dass du nach einem Flopcall nur noch eine marginale Hand hältst, mit der du günstig drawen oder zum Showdown willst. Dadurch weiß er, dass er auf eine Turnbet ein Raise kaum fürchten muss. Außerdem wird dein Gegner dann mit höherer Frequenz eine 2nd Barrel feuern, weil deine Handrange sehr schwach ist und du häufig am Turn auf eine erneute Bet folden wirst.

Würdest du dagegen mit jeder raisbaren Hand zunächst nur den Flop callen und am Turn weiterschauen, so gibst du mit dem Flopcall keinerlei Informationen über deine Hand preis.

Deine Handrange ist in dieser Situation so groß, dass dein Gegner keine genauen Reads auf dich bekommen kann. Auf der einen Seite könntest du mit einer schwachen made Hand oder A high auf einem equitybasierten Calldown sein, du könntest aber auch einen Draw haben, den du passiv spielst weil du keine Foldequity siehst.

Genau so gut könntest du aber auch einen Draw oder eine made Hand auf eine erneute Turnbet deines Gegners raisen. Kurz gesagt, jede Aktion ist möglich. Dein Gegner kann eben nicht ausschließen, dass du ihn raisen wirst. Dein Gegner wird es sich dann vielleicht zweimal überlegen, ob er eine 2nd Barrel feuert und eventuell nur checken. Das kommt dir natürlich genau dann zugute, wenn du auf einem Draw bist und dir eine Freecard nehmen kannst, oder auf einem Bluffcall, woraufhin du auf den Check bluffen kannst.

ALLES AM FLOP ZU RAISEN, MACHT SMARTES BALANCING FAST UNMÖGLICH

Im ersten Moment könnte man denken, dass nichts dagegen spricht, alle spielbaren Hände am Flop zu raisen. Du würdest eine Mischung aus made Hands, Semibluffs oder sogar pure Bluffs am Flop raisen, womit dieses Flopraise ausreichend gebalanct ist und dein Gegner dich auf keine bestimmte Hand readen kann.
Das Balancing-Problem besteht hier in deinen Calls am Flop.

Selbst wenn deine Raises am Flop super gebalanct sind, bekommst du aber Probleme, deine - bei intelligentem Poker unvermeidlichen - Calls am Flop zu balancen. Da in diesem Fall die Line call Flop, raise Turn quasi für dich nicht existieren würde, hieße ein Call am Flop sofort, dass du eine Hand hast, die nicht stark genug zum Raisen ist und mit der du entweder einen Peel zum Turn machst oder einen Equitycalldown planst.

Ein guter Spieler wird das erkennen und es entsprechend exploiten. Er weiß dann, dass du entweder am Turn auf eine erneute Bet foldest, oder aber maximal einen Calldown spielst. Er könnte diesem Fall sehr dünne Valuebets gegen dich spielen, da er weiß, dass du alle starken Hände bereits am Flop geraist hättest.

Man kommt so zu der Feststellung: Hättest du die Wahl, alle raisbaren Hände am Flop entweder zu 100% zu raisen oder zu 100% zu callen, so wäre es definitiv besser, immer zu callen.

Fast alle Gegner haben Schwächen im Turnplay mit Initiative OOP

Ganz generell gesehen ist es eine Tatsache, dass viele Gegner ein schwaches Turnplay haben, wenn sie out of Position (OOP) mit Initiative spielen. Dadurch, dass du mit der Line call Flop, raise Turn die Action auf den Turn verlagerst, kannst du die Schwachstelle im Spiel deines Gegners attackieren und ihn zu Fehlern zwingen.
Die Schwächen der meisten Gegner sehen folgendermaßen aus:

BLUFFINDUCTION IST MEIST BESSER, ALS DAS FOLDEN VON OUTS

Mit einem Raise am Flop hast du, zumindest theoretisch, die Möglichkeit deinen Gegner eine Hand folden zu lassen, die Outs hat.
Callst du dagegen nur den Flop so wird dein Gegner sehr oft nochmal den Turn betten, womit du im Vergleich zu einem Fold am Flop eine BB extra gewinnst. Auf der anderen Seite bekommt der Gegner so aber die Chance, nach seiner gemachten Bet quasi umsonst den Turn zu sehen. Was hast du lieber? Chance auf Bluffinduce oder Outs folden lassen und Suckout vermeiden? Dazu ein Beispiel:

Preflop: Hero is BB
SB raises, Hero calls.

Flop: (4SB)
SB bets, Hero?

Pot: 4 SB + Conti-Bet = 5 SB

Gehe davon aus, dass der Gegner genau 6 Outs am Flop hätte, die er am Flop auf einen Raise folden würde. Ein Out entspricht 2,2%, so ist seine Chance am Turn zu treffen ca. 13%.

Der EV deines Raises ist in diesem Fall leicht berechnet, wenn der Gegner foldet, ist dieser 5 SB.

Callst du allerdings am Flop und bekommst eine weitere Bet von deinem Gegner, sind 7 SB im Pot (die SB die noch drin ist, weil du den Flop gecallt hast wird ignoriert, da sie hier keinen Gewinn darstellt) und du hast 87% Equity. Daraus ergibt sich dann ein EV von


EV (Call Flop) = 0,87 x 7 SB - 0,13 x 3 SB = 5,7 SB

Wenn du also die Bluffbet am Turn bekommst, ist es profitabler, in einem so kleinen Pot noch eine BB von einem 6 Outer zu bekommen, als ihn direkt am Flop zum folden zu bringen.

Empirisch gesehen wird in ca. 70% der Fälle eine Continuationbet am Turn gespielt. Selbst in diesem Fall läge aber der EV(Call Flop) bei 5,2 SB
6 Outs sind damit eine ungefähre Grenze. Foldet der Gegner mehr Outs, freut man sich über den Fold. Foldet der Gegner weniger Outs, hätte man es lieber auf die Bluffbet am Turn ankommen lassen.

Drastischer wird es, wenn dein Gegner zum Beispiel nur 3 Outs (~7%) hätte. Dann ergäbe sich


EV (Call Flop) = 0,93 x 7 SB - 0,07 x 3 SB = 6,3 SB
EV(Call Flop 70% BluffBet Turn) = 0,93 * 6,4 – 0,07 * 3 = 5,7SB

Hier wird logischerweise der Wert einer Bluffbet deutlich größer.

Es zeigt sich also, dass es durchaus Sinn machen kann, Hände mit Outs nicht zum Folden zu bringen, um eine weitere Bet am Turn zu bekommen. Den Teil den du dadurch verlierst, dass Villain den Turn zu sehen bekommt, ist kleiner als die zusätzliche Bet, die Villain am Turn feuern wird.

In der Regel werden Gegner Hände mit 6 und mehr Outs ohnehin fast nie am Flop folden, somit ist ein Fold, wenn der Gegner ihn denn macht, meistens eine Hand mit sehr wenigen Outs gewesen. Insgesamt zeigt sich aber, dass bei Gegnern mit einer natürlich hohen Betfrequenz am Turn der Wert der Bluffinduction meist den Wert von „Gegner soll Outs folden“ übersteigt. Im Umkehrschluss wird ein Raise am Flop besser, wenn der Gegner eine sehr niedrige Betfrequenz am Turn hat und viele Trashhands dann direkt aufgibt.

In der Praxis zeichnen sich aber die meisten Spieler (TAGs inclusive) dadurch aus, dass sie einen tendenziell eher zu hohen als zu niedrigen Continuationbet-Wert am Turn haben. Dies ist eine weit verbreitete Spielweise, die dazu beiträgt, dass das Turnplay OOP zu einer Schwachstelle im Spiel vieler Gegner wird. Bei vielen Gegnern geht das so weit, dass diese selbst dann betten, wenn Board und/oder Gegner eigentlich keine Bet mehr zulassen.

In den 3 folgenden Beispielen (Button = BB) hat SB jeweils eine 70% Range, die er openraist.

BEISPIEL 1

Preflop: Hero is BB with Q, 5
SB raises, Hero calls.

Flop: T, 3, 2 (4SB)
SB bets, Hero folds.

Flopequity: 34,7%

Dadurch dass Villain hier mit einem sehr großen, bei sehr aggressiven Gegnern sogar dem kompletten, Teil seiner Range eine 2nd Barrel macht, musst du dich bei solchen Gegnern bereits am Flop von marginalen Händen mit unter 37% Equity trennen, die du gegen andere Gegner vielleicht noch einmal callen würdest. Du kannst dir gegen solche Gegner sicher sein, dass die 2nd Barrel sehr oft, wenn nicht immer, kommen wird, wodurch das loose peelen am Flop unprofitabel wird.

BEISPIEL 2

Preflop: Hero is BB with Q, 3
SB raises, Hero calls.

Flop: T, 3, 2 (4SB)
SB bets, Hero calls.

Turn: 2 (3BB)
SB bets, Hero raises (Hero calls ebenfalls eine Option)

In diesem Beispiel profitierst du davon, dass Villain sehr viele schlechtere Hände noch einmal betten wird, die er evtl. auf ein Raise am Flop direkt, oder aber auf Raise Flop, Bet Turn gefoldet hätte. In beiden Fällen gewinnst du mit dem Flopcall mehr. Auf der anderen Seite kannst du dir nach einer 3-Bet gegen einen reasonable Gegner sicher sein, hinten zu liegen und kannst einen Fold finden. Bei einer 3-Bet am Flop wäre das schwieriger, da dein Gegner auch durchaus eine schlechtere 3 oder sogar eine 2 3-betten könnte oder einen vermeintlichen Rebluff spielt.

Hinzu kommt, dass der Flopcall natürlich gebalanced sein muss. Würdest du am Flop nur Equitycalls* und Calls mit Monstern machen, so wäre deine Line nicht gut gebalanced, da du deine Equitycalls unimproved am Turn nicht raist und deine Monster am Turn nicht callst. Dadurch hätte dein Gegner nach einem Raise am Turn mit praktisch allen Händen einen einfachen Fold. Erst dadurch, dass du made Hands und schwache made Hands mit in die Line einbeziehst, zwingst du den Gegner dazu, auch mal einen Calldown mit schwachen Händen zu machen und dich auszubezahlen.

*Equitycall: Unter einem Equitycall versteht man einen Call mit einer marginalen Hand (in der Regel ohne Pair), der aufgrund ausreichender Equity gegen die Raisingrange des Gegners gemacht wird. Näheres dazu findest du hier:

Heads-up am Flop OOP: C/C Flop ohne Initiative - Mit Showdownvalue
Turnplay OOP ohne Initiative mit Showdownvalue

BEISPIEL 3

Preflop: Hero is BB with T, 2
SB raises, Hero calls.

Flop: T, 3, 2 (4SB)
SB bets, Hero calls.

Turn: 2 (3BB)
SB bets, Hero raises

Die klassische Valueline. Du hast am Flop Twopair getroffen und improvst am Turn sogar zu einem Full House. Durch deinen Flopcall provozierst du von dem Großteil seiner Range eine weitere Bet. Außerdem sieht das Board für deinen Gegner sehr ungefährlich aus, er wird dich hier oft auf eine T readen und dir somit vielleicht sogar eine 3-Bet mit einer starken T und bestimmt mit einem Overpair geben, die du dann cappen kannst.

VIELE GEGNER LASSEN SICH DURCH EIN RAISE AM TURN ZU LEICHT EINSCHÜCHTERN

Wenn du mit ein und derselben Hand auf dem gleichen Board und gegen den gleichen Gegner mal call Flop, raise Turn und mal raise Flop spielen wirst, so wirst du feststellen, dass du am Flop häufiger eine 3-Bet bekommst, als am Turn. Dies ist auch nur logisch, denn am Flop muss dein Gegner gegen mögliche Draws protecten und Freecards verhindern. Er wird also mit mehr Händen 3-betten, als er das auf ein Raise am Turn hin tun würde.

Dennoch ist es wahr, dass viele Gegner zu wenig Hände am Turn 3-betten. Sie sind ganz einfach von deinem stark aussehenden Raise am Turn eingeschüchtert und trauen sich die Value-3-Bet nun nur noch mit sehr starken Händen.
Deine Verluste gegen eine stärkere Hand sind somit oftmals nicht höher, als bei dem direkten Raise am Flop, während dein Gewinn gegen Hände, die dich downcallen, dagegen höher ist, aufgrund des Raises am Turn.

BEISPIEL 4a

Preflop: Hero is BB with Q, 7 Villain is SB with T, 7
SB raises, Hero calls.

Flop: T, 8, Q (4SB)
SB bets, Hero raises, Villain calls down.

Win: 3 BB

Preflop: Hero is BB with Q, 7 Villain is SB with T, 7
SB raises, Hero calls.

Flop: T, 8, Q (4SB)
SB bets, Hero calls.

Turn: 5 (3BB)
SB bets, Hero raises, SB calls down.

Win: 3,5 BB

BEISPIEL 4b

Preflop: Hero is BB with T, 7 Villain is SB with Q, 7
SB raises, Hero calls.

Flop: T, 8, Q (4SB)
SB bets, Hero raises, Villain 3-bets, Hero calls down.

Loss: 3,5 BB

Preflop: Hero is BB with T, 7 Villain is SB with Q, 7
SB raises, Hero calls.

Flop: T, 8, Q (4SB)
SB Bets, Hero calls.

Turn: 5 (3BB)
SB bets, Hero raises, SB calls down.

Loss: 3,5 BB

Selbes Board, dieselben Hände, zwei unterschiedliche Lines. In Beispiel 1a hast du deinen Gegner mit Toppair gegen Midpair dominiert. Auf raise Flop werden die meisten Gegner calldown spielen. Auf call Flop werden die meisten Gegner den Turn bet/calldown spielen. In diesem Fall gewinnst du also mit call Flop, raise Turn mehr als mit einem diekten Raise am Flop.

In Beispiel 1b sind die Karten vertauscht. Diesmal bist du dominiert. Raist du den Flop, bekommst du meistens von Toppair eine 3-Bet, auf die du in der Regel calldown spielen wirst. Raist du aber den Turn, so werden viele Gegner mit Toppair weak Kicker eingeschüchtert und haben nicht mehr die Balls zu einer 3-Bet, so dass du mit raise Turn das gleiche verlierst wie mit raise Flop. Natürlich spielen hierbei immer der Gegner und dein Image eine Rolle. Es ist aber im echten Leben durchaus häufig der Fall, dass du auf Setups triffst, in denen du mit call Flop, raise Turn mehr gewinnst als mit raise Flop, aber das gleiche verlierst, wenn du hinten liegst. So ist im Mittel hier call Flop einem Raise am Flop vorzuziehen.

Dazu ein weiteres Beispiel:

BEISPIEL 5a

Preflop: Hero is BU with Q, J
Villain is SB with Tx, 8x, Gutshot oder OESD
Hero raises, SB 3-bets, Hero calls.

Flop: T, 8, Q (7SB)
SB bets, Hero raises, SB calls (down).

Villain wird hier mit der T oder 8 downcallen und mit Gutshot oder OESD vermutlich bis zum River gehen und dort ui zu folden.

Gegen die made Hand gewinnst du also 3BB, gegen den Draw 2BB.

Win: 2BB-3BB

BEISPIEL 5b

Preflop: Hero is BU with Q, J
Villain is SB with Tx, 8x, Gutshot oder OESD
Hero raises, SB 3-bets, Hero calls.

Flop: T, 8, Q (7SB)
SB bets, Hero calls.

Turn: 4 (4,5BB)
SB bets, Hero raises, SB calls (down).
Win: 2,5BB-3,5BB

Durch deinen Call am Flop und das Raise am Turn verlierst du also gegen bessere Hände, die den Turn aber nicht mehr 3-betten genau so viel, wie mit einem Raise am Flop und einem Calldown auf eine 3-Bet. Du gewinnst aber mehr von schlechteren Händen, die dich downcallen, da du die Action auf die teurere Straße, den Turn, verlagerst.

CHECKS AM TURN BEDEUTEN C/C ODER C/F, ABER FAST NIE C/R

Eine weitere Schwäche der Gegner beim Turnplay OOP ist die Tatsache, dass die Line checkraise Turn mit Initiative praktisch kaum vorhanden ist. So hast du z.B. mit deinem Call am Flop einen sehr günstigen Informationsgewinn, checkt dein Gegner den Turn, so bedeutet das fast immer entweder check/fold oder check/call(down). Dein Gegner zeigt also durch seinen Check am Turn, wenn er diesen nicht durch einen Checkraise gebalanced hat, zwangsläufig Schwäche und ermöglicht es dir, den Bluffcall häufiger zu spielen oder auf einen Check hin sehr dünne Valuebets zu machen.

BEISPIEL 6

Preflop: Hero is BB with 8, 3 / 4, 4 / 2, 2
SB raises, Hero calls.

Flop: J, 3, 6 (4SB)
SB bets, Hero calls.

Turn: 5 (3BB)
SB checks, Hero bets

BEISPIEL 7

Preflop: Hero is BB with 8, 7 / 9, 8 / 7, 4
SB raises, Hero calls.

Flop: J, 3, 6 (4SB)
SB Bbets, Hero calls.

Turn: 2 (3BB)
SB checks, Hero bets

Bei diesem Board kannst du dir sehr sicher sein, dass dein Gegner, wenn er am Turn checkt, eine schwache Hand hat. Du kannst also mit Händen wie 33 oder einem kleinen Pocket zwei dünne Valuebets setzen und dir trotzdem recht sicher sein, vorne zu liegen.

Gebalanced wird das ganze zum Beispiel durch Bluffcalls, mit denen du exakt dieselbe Line spielst. Dadurch hat es dein Gegner sehr schwer, in dieser Situation optimal gegen dich zu spielen und wird dazu gezwungen auch A-/K-high downzucallen und so deine dünnen Valuebets auszubezahlen.

Dies macht natürlich nur gegen die entsprechenden Gegner Sinn. Einen Gegner der nach seinem Check am Turn immer downcallen wird, kann man natürlich nicht bluffbetten. Wenn dein Gegner aber ein so krasses Leak hat, kannst du getrost auf Balancing verzichten und sein Leak ausnutzen, indem du nach Checks am Turn sehr dünne Valuebets machst oder dir die Freecard nimmst, wenn du sie brauchst.

GEGNER FOLDEN AM TURN MEHR

Ein Raise am Turn sieht tendenziell stärker aus als ein Raise am Flop und erzeugt so bei den meisten Gegnern eine erhöhte Foldequity. Das ist in sofern paradox, als dass dein Gegner nach call Flop, raise Turn sogar bessere Odds bekommt, als nach raise Flop, bet Turn. Bei call Flop, raise Turn bekommt dein Gegner im raised Pot Odds von 1:6, im 3-bettet Pot sogar 1:7.
Bei raise Flop, bet Turn bekommt dein Gegner im raised Pot Odds von 1:5, im 3-bettet Pot dann 1:6.

Obwohl die Gegner nach raise Turn bessere Odds bekommen, ist bei vielen die Bereitschaft zum Fold nach einem Raise am Turn deutlich höher, als nach dem Raise am Flop und einer erneuten Bet am Turn. Diese erhöhte Foldequity kannst du dir ebenfalls zu nutze machen, indem du mit Draws den Flop nur callst und passende Turns raist.

BEISPIEL 8

Preflop: Hero is BB with J, 9
Villain is SB with A, 2
SB raises, Hero calls.

Flop: 2, T, Q (4SB)
SB bets, Hero calls.

Turn: 7 (3BB)
SB bets, Hero raises, SB folds.

BEISPIEL 9

Preflop: Hero is BB with J, 9
Villain is SB with A, 2
SB raises, Hero calls.

Flop: 2, T, Q (4SB)
SB bets, Hero raises, SB calls (down).

Dein Gegner wird auf ein Raise am Turn mit dem Lowpair eher dazu in der Lage sein, seine Hand zu folden, als nach dem Raise am Flop. Auf dieses wird er nämlich meistens einen Calldown planen, sofern keine hässlichen Karten kommen.

Kann dein Gegner also am Turn auch mal ein Pair folden, solltest du natürlich deine Aggression mit Draws auf den Turn verlegen. Sollte es reines Wunschdenken sein, dass der Gegner ein Pair folden könnte, so musst du natürlich deine Blufffrequenz reduzieren und fast ausschließliche for Value raisen. Bedenke, dass mit J, 9 das Raise am Turn aber auch gegen einen showdowngebundenen Spieler sinnvoll ist, denn er könnte eventuell A-high oder vor allen Dingen K-high folden.

Kein Flopraise aus Angst vor schlechten Turnkarten

Das „Am Turn können so viele eklige Karten kommen, auf die ich nicht
raisen will, deswegen raise ich lieber direkt den Flop“-Argument ist
Unsinn. Diesen Satz habt ihr sicherlich alle schon einmal irgendwo gelesen oder auch schon selbst benutzt. Die Logik hinter diesem Satz unterliegt aber einem grundlegenden Denkfehler. Während du bei No-Limit durch Raisen am Flop verhindern kannst, dass der Gegner den Turn sieht, wird in FL ein Flopraise nur sehr selten gefoldet, besonders dann nicht, wenn es preflop über drei Bets ging.

Die Line call Flop, raise Turn hat zwar das Raise am Turn im Namen, beinhaltet dieses aber nicht zwangsläufig. Bei dieser Line callst du den Flop mit dem Plan, den Turn zu raisen. Kommen besonders schlechte Karten, so kannst du natürlich von deinem Plan abweichen und auf Calldown umstellen oder selten sogar direkt folden. Kommt am Turn dann so eine schlechte Karte, auf die du dein geplantes Raise nun doch nicht spielen wirst, so kannst du sogar froh sein, dass du den Flop nicht geraist hast, da sich ja die Situation merklich verschlechtert hat und du womöglich nicht mehr Favorit bist. Mit dem erhöhten Informationsgehalt, den du durch das Kennen der Turnkarte hast, bist du also in der Lage, präzisere und bessere Entscheidungen zu treffen.

GROSSE EQUITYSPRÜNGE GEBEN DIR MEHR INFORMATIONEN

Macht eine Hand besonders große Equitysprünge vom Flop zum Turn, so wird die Line call Flop, raise Turn besser. Durch die gravierenden Equitysprünge am Turn kannst du bessere Entscheidungen treffen, anstatt den Flop zu raisen. So kannst du vermeiden, das Raise am Flop zu bereuen, wenn am Turn eine besonders schlechte Karte kommt.

Ein Beispiel wäre folgende Hand:

Hero: 88
Villain: TT+,AJs+,KJs+,AJo+,KJo+

Preflop: Hero (CO) raises, Villain (BB) 3-bets, Hero calls.
Flop: 267r

Du stehst einem für dich erfreulichen Flop gegenüber, mit 58,3% Equity bist du momentan vorn, aber ein deutlicher Vorsprung ist das noch nicht.

Praktisch jeder Turn bringt einen Equitysprung:

Turn: Blanks (2,3,6,7) Equity: 64%
Turn: Gute Karten (4,5,9,T) Equity: 66%-69%
Turn: Sehr gute Karten (8) Equity: 98%
Turn: Schlechte Karten (J,Q,K,A) Equity: 42% (J,Q) bzw. 32% (K,A)

Die Turnkarte bringt also in jedem Fall einen Equitysprung. Erscheinen Blanks oder gute Karten, ist die Entscheidung natürlich klar: du raist den Turn, wie du es nach deinem Flopcall auch geplant hattest.

Kommt dagegen eine schlechte Karte, also J, Q, K, A, dann kannst du den Turn nicht mehr raisen sondern nur noch callen. Ob du bei einem A oder K dann am River einen Fold finden kannst, ist dann im konkreten Fall vom Gegner abhängig. Der entscheidende Punkt ist, wie bereits erwähnt, die Tatsache, dass du die Turnkarte nicht verhindern kannst. Auf ein Raise am Flop beträgt die Foldequity nahezu Null.

Fazit zu Call Flop mit Option Raise Turn als Standardline

Die Line Call Flop mit der Option, den Turn zu raisen ist deshalb als Standardline zu betrachten weil:

  • Fast keine Informationen über die eigene Hand preisgegeben werden, weder nach dem Call am Flop, noch nach dem Raise am Turn.
  • Der Turn nicht geraist werden muss. Es kann turnabhängig gehandelt und damit die bessere Entscheidungen getroffen werden.
  • Du am besten Leaks beim Turnplay OOP deiner Gegner ausnutzt
  • Call Flop, mit optionalem Raise Turn kaum Möglichkeiten bietet, exploitet zu werden.

Wann du auch am Flop raisen solltest

Auch wenn die Line call Flop, (raise) Turn als Defaultline einem Raise am Flop überlegen ist, brauchst du ein direktes Flopraise aber nicht aus deinem Repertoire streichen. Auch wenn ein Raise am Flop aus spieltheoretischer Sicht gar nicht zwangsläufig nötig ist, kannst du durch raise Flop gewisse Leaks deiner Gegner angreifen und damit einen exploitive Spielstil gegen manche Gegner betreiben. Bedenke, dass jeder Exploitversuch auch vom Gegner mit einer Konterline exploitet werden kann. Du spielst also exploitive Lines dann, wenn du glaubst, eine Nummer cleverer zu sein als dein Gegner. Im Folgenden werden bestimmte typische Leaks deiner Gegner gezeigt, die du gezielt mit raise Flop exploiten kannst.

Der Gegner bettet den Turn nur noch selten

Wenn dein Gegner den Turn nicht mehr häufig genug betten wird, wird dein Plan die Turnbet zu raisen natürlich häufig zunichte gemacht. Stehst du so einem Gegner gegenüber, der nur noch made Hands am Turn bettet, macht es meistens mit guten Händen mehr Sinn, den Flop direkt zu raisen, um eine extra SB zu gewinnen. Ein

Beispiel wäre z.B. folgende Hand:

BEISPIEL 10

Preflop: Hero is BU with 7, 7
Hero raises, BB 3-bets, Hero calls.

Flop: 4, 2, 3 (6,5SB)
BB bets, Hero calls.

Turn: 3 (4,25BB)
BB checks, Hero bets, BB calls.

Ein passiver Gegner könnte am Turn mit A-high sehr gut nur noch checken. Dein Gegner weiß, dass er zu viele Outs hat, um zu folden und so möchte er sich seinen vermeintlichen Draw vielleicht nicht zu teuer machen. In diesem Fall wäre ein Raise am Flop besser, um eine extra SB zu gewinnen.

Preflop: Hero is BU with 7, 7
Hero raises, BB 3-bets, Hero calls.

Flop: 4, 2, 3 (6,5SB)
BB bets, Hero raises, BB calls.

Der Unterschied ist in diesem Fall eine SB. Wenn du den Flop raist und dich dein Gegner mit A-high downcalled, gewinnst du postflop 3 BB von ihm. Wartest du aber bis zum Turn und kannst nur noch betten weil Villain nicht mehr bettet sondern checked, so gewinnst du nur 2,5 BB.

Fold to Flopraise beim Gegner besonders hoch

Dieser Punkt ist ja eigentlich fast selbsterklärend. Wenn der fold to Flopraise deines Gegners erhöht ist, wird es natürlich besser, das Raise direkt am Flop zu spielen, als damit bis zum Turn zu warten, vorausgesetzt du hast eine Hand, mit der du auch tatsächlich Foldequity erzeugen willst. Mit einer made Hand, mit der du einen Calldown von einer schlechteren Hand erreichen willst, wäre es dann ein Fehler den Flop zu raisen, wenn die Chance größer ist, dass du einen Calldown bekommst, wenn du den Turn raist.

Ein normaler fold to Flopraise Wert ist 15%-20%, alles was dies deutlich übersteigt, kann ein Leak sein und ist somit angreifbar. Allerdings sollte der Wert schon deutlich erhöht sein, ab einem Wert von 30% fold to Flopraise oder höher kannst du schon fast darüber nachdenken, any two Cards am Flop zu raisen.

Gegner macht am Turn weake Folds

Wenn du einen Gegner hast, der auf ein Raise am Flop hin sein A-high ohne groß nachzudenken downcalled, dagegen aber den Fold-Button findet, wenn du erst den Turn raist, ist es von Vorteil, mit einer made Hand direkt den Flop zu raisen, um eben diesen Calldown von A-high zu bekommen.

Dass ein Gegner weak Folds am Turn macht, zeigt sich ganz einfach daran, dass der fold to Turnraise im Vergleich zum fold to Flopraise stark erhöht ist.
Beim Turn liegt der Rahmen bei ca. 20%-25%. Wiederum sollte der Wert deutlich erhöht, also >30%oder gar 35%+ sein, um dies wirklich zu einem Grund zu machen.
Dieser Punkt gilt allerdings wiederum nur in Verbindung mit einer made Hand, ein Semibluffraise würdest du unter dieser Voraussetzung natürlich am Turn spielen.

Villain checkraist am Turn oft mit Initiative

Das ist zwar seltener der Fall als die Tatsache, dass dein Gegner zu selten den Turn mit Initiative checkraist, aber auch diese Variante kommt vor und stellt dich mit der Line call Flop, raise Turn vor Probleme.

Folgende Dinge verändern sich für dich:

VALUEBETS MIT MARGINALEN HÄNDEN SIND SCHWERER ZU SETZEN

Stell dir einmal vor, du hast eine schwache made Hand am Flop gecallt und am Turn checkt der PFA nun zu dir. Sehr oft kannst du dir hier sicher sein, noch die beste Hand zu halten und kannst 2 dünne Valuebets gegen sein A-high oder ähnliches machen.

Spielt Villain am Turn aber häufig neben C/F und C/C auch C/R mit Initiative, wird es sehr unangenehm für dich, mit deiner schwachen made Hand zu betten. Die Gefahr eines Checkraises ist groß und du hast RIO. Also wirst du dazu gezwungen, den Turn mit deinen schwachen made Hands, obwohl du eine Equityedge hast, behind zu checken.

Villain kommt somit mit einer Investition von gerade einmal 1 SB zum River.

VILLAIN WIRD NICHT SO OFT DEN TURN NACH EINEM FLOPRAISE CHECKRAISEN

Villain wird nach einem Flopraise eher den Flop direkt 3-betten, als nur zu callen um den Turn zu checkraisen. Zum einen sieht diese Line sehr sehr stark aus und er muss befürchten, dass du dich am Turn von deinen schwachen made Hands trennen wirst und zum zweiten riskiert Villain Freecards, wenn er versucht den Turn zu checkraisen. Hast du allerdings einen solchen Gegner, der auch nach dem Flopraise oft den Turn checkraist, so solltest du das Raise for Freecard nutzen.

BLUFFCALL SOLLTE EHER DUCH FREECARDCALL ERSETZT WERDEN

Ein Gegner, der oft den Turn checkraist, ist für einen Bluffcall am Flop eher ungeeignet. Die Theorie hinter dem Bluffcall sieht vor, dass Villain zu einem sehr hohen Prozentsatz seine Hand folden wird, wenn er am Turn checked.

Wenn du nun aber einen Gegner hast, der nach Check Turn mit Initiative seltener foldet und öfter chekraist, läufst du mit Bluffcalls ins offene Messer.

Als Adaption solltest du folgendermaßen vorgehen: Möchtest du pure Bluffen, solltest du das am Flop tun, weil der pure Bluff mit 2 SB günstiger ist, als ein misslungener Bluffcall. Mit passablen Draws hingegen kannst du wiederum auf einen sogenannten Freecardcall spekulieren.

BEISPIEL 11

Preflop: Hero is BB with 9, 6 oder 7, 3
SB raises, Hero calls.

Flop: J, 8, 5 (4 SB)
BB bets, Hero???

Bist du der Meinung, du könntest den Gegner von einer Hand wie A2o herunterholen, solltest du mit 7, 3 lieber den Flop raisen, da ein Bluffcall wegen einer erhöhten C/R Gefahr am Turn unnötig teuer werden kann.

Mit 9, 6 hingegen wäre es ein gutes Play, den Flop einfach zu callen. Bettet der Gegner den Turn, kannst du semibluffen. Da er ja diverse gute made Hands dem Read nach C/R Turn spielt, ist seine Bettingrange geschwächt und enthält mehr Hände, die er auf ein Raise folden könnte. Checkt der Gegner hingegen den Turn, bedankst du dich für dei Freecard und hoffst darauf, am River zu improven.

Turn: 2 (6 SB)
BB checks, Hero checks behind nach Call Flop mit 9, 6
BB bets, Hero raises

Vorsicht: Sollte der Gegner nach dem Checkbehind am Turn von dir den River ebenfalls checken, musst du mit Bluffs vorsichtig sein. Du wirst Probleme mit dem Balancing haben, da dein Checkbehind am Turn nur selten eine made Hand ist. Somit könnte ein smarter Gegner am River gute Herocalls gegen dich machen.

Raise for Information

Das Raise kann gegen straight forward spielende Gegner am Flop eine gute und vor allem günstige Möglichkeit sein, um Informationen darüber zu erlangen, wo du mit deiner Hand stehst. Das wichtige dabei ist, dass du die gewonnen Information auch sinnvoll nutzen kannst! Oft raisen Spieler den Flop for Information oder „um zu sehen, wo ich stehe“. In vielen Fällen bekommen sie dann eine 3-Bet, wissen wo sie stehen, können aber den Turn wegen der Pot Odds nicht folden und callen dann auch den River „weil der Pot ja groß ist“. In diesem Fall hat Hero einiges für seine Informationen bezahlt, konnte diese aber nicht effektiv nutzen. In den meisten Fällen ist der Nutzen eines Raise for Information, eventuell einen günstigen Ausgang aus der Hand zu finden. Beispiele:

BEISPIEL 12

Preflop: Hero is BB with 4, 4
SB raises, Hero calls.

Flop: 7, K, 3 (4SB)
SB bets, Hero raises

In diesem Beispiel kannst du anhand der Reaktion deines Gegners auf dein Raise sehr gute Informationen darüber erlangen, wie stark deine Hand hier tatsächlich ist.
Bekommst du eine 3-Bet, so kannst du auf diesem Board gegen reasonable Gegner direkt einen Fold finden. Dieser günstige Ausgang aus der Hand kostet dich gerade einmal 1 BB.

Preflop: Hero is BB with 4, 4
SB raises, Hero calls.

Flop: 7, K, 3 (4SB)
SB bets, Hero raises, SB 3-bets, Hero folds.

Callt dein Gegner dagegen nur das Raise, kannst du dir recht sicher sein, im Moment die beste Hand zu halten und kannst so an Turn und River dünne Valuebets machen, solange keine übermäßig hässliche Karte kommt.

Preflop: Hero is BB with 4, 4
SB raises, Hero calls.

Flop: 7, K, 3 (4SB)
SB bets, Hero raises, SB calls.
Bet good Turn & River

Nun ändert sich deine Hand in 53. Auch hier macht ein Raise for Information am Flop Sinn, der einzige Unterschied ist nur der, dass du auf eine 3-Bet hin nicht direkt den Flop folden kannst.

BEISPIEL 13

Preflop: Hero is BB with 5, 3
SB raises, Hero calls.

Flop: 7, K, 3 (4SB)
SB bets, Hero raises, SB 3-bets, Hero calls.

Turn: 2/7/8/9/T/J/Q/K/A
SB bets, Hero folds.

Turn: 4/6
SB bets, Hero calls.

Turn: 3/5
SB bets, Hero raises

Da du am Flop noch die Outs hast, um auf Twopair, Trips und Backdoorstraight zu drawen, musst du den Flop noch einmal callen. Auf Turnkarten, die dir nicht weiterhelfen, kannst du dann folden. Raise/call Flop kostet hier genauso viel wie call Flop, call Turn, du kannst aber wesentlich besser einschätzen, wo du in der Hand stehst und gibst dem Gegner gleichzeitig die Möglichkeit einen 6-Outer zu folden.
Callt dein Gegner den Flop ist es genau dasselbe Spielchen wie mit 44.

Preflop: Hero is BB with 5, 3
SB raises, Hero calls.

Flop: 7, K, 3 (4SB)
SB bets, Hero raises, SB calls.

Bet good Turn & River

Natürlich solltest du beim Raise for Information darauf achten, dass du nicht gerade gegen einen Maniac spielst, da Maniacs bekanntlich in jeder Situation mit jeder Hand raisen können. In diesem Fall hast du keinen Informationsgewinn und im schlimmsten Fall nur sehr große RIO, wenn du dich trotz weiterer Action deines Gegners dazu gezwungen siehst, downzucallen.

Wichtig bei diesem Punkt ist, dass die Information die du aus deinem Raise erhältst, auch positiv verwertbar ist. Dies bedeutet meistens, dass du bei entsprechender Action deines Gegners einen Fold finden kannst.

Wäre in diesem Beispiel deine Hand nicht 44 sondern 93s und hättest du zudem Paar 3er noch einen Flushdraw, so wäre hier ein Raise for Information unangebracht, da du auf eine 3-Bet deines Gegners zwar weißt, dass du hinten bist, du aber trotzdem nicht folden kannst (bzw. frühestens am River), da du ja noch den Flushdraw hast.

Das Raise kann natürlich trotzdem aus anderen Gründen korrekt sein, aber es ist in diesem Fall kein Raise for Information im eigentlichen Sinne.

Villain 3-bettet den Turn light

Ein genannter Grund, warum es in den meisten Fällen gut ist call Flop, raise Turn zu spielen war, dass sehr viele Gegner den Turn nur noch mit sehr starken Händen 3-betten werden und selbst mit stärkeren Händen als der, mit der du gerade den Turn raist, nur einen Calldown spielen.

Auf der anderen Seite bedeutet dies aber auch, dass genau dann das Raise am Flop besser wird, wenn dein Gegner zu lighten 3-Bets am Turn neigt. Dein Problem ist hier, dass du häufiger das Maximum zahlen musst, wenn dein Gegner mit mittelstarken Händen 3-bettet. Wenn dann auch noch eine nicht exploitbare Frequenz seiner 3-Bets am Turn Bluffs sind, kannst du nicht mal gute Folds auf eine 3-Bet finden. Somit solltest du mit marginalen Favouritenhänden die großen RIO vermeiden, die entstehen, wenn du den Turn raist und von jeder besseren Hand eine 3-Bet bekommst. Schau dir im Anschluss noch mal die Excelsheets ganz am Anfang an.

Um diesem Problem aus dem Weg zu gehen, ist wie gesagt in diesem Fall dann der Raise am Flop besser als die Line call Flop, raise Turn.

Doch natürlich heißt das nicht, dass du gegen einen sehr aggressiven Spieler am Turn dann mit einer raisbaren Hand den Flop raisen musst. Hast du zum Beispiel eine sehr starke Hand, mit der du möglichst viel Action haben willst, so kannst du natürlich genau diese Eigenschaft deines Gegners maximal ausnutzen und mit deinem Raise am Turn zu einer lighten 3-Bet bewegen, die du dann cappen kannst und so das Maximum an Value gegen die Hand deines Gegners gewinnst.

Mit marginalen Händen, die gegen einen normalen Gegner raisbar wären, ist es sogar eine Option gegen solche Gegner ganz auf das Raise zu verzichten. Da du dir gegen diese Gegner trotz ihrer 3-Bet nicht sicher sein kannst, hinten zu liegen, gehst du so hohen RIO aus dem Weg.

BEISPIEL 14

Preflop: Hero is BB with J, T
SB raises, Hero calls.

Flop: Q, 8, T (4SB)
SB bets, Hero raises

In diesem Beispiel wäre call Flop, raise Turn gegen einen Gegner der den Turn light 3-bettet schlecht. Mit JT hast du hier außer deinem Middlepair noch einen Gutshot und wärst auf jeden Fall dazu gezwungen, die 3-Bet am Turn zu callen. Dann noch einen Fold am River zu finden, ist praktisch nicht möglich. Du zahlst also deinen Gegner hier voll aus und da er so light 3-bettet, wirst du vermutlich jede bessere Hand voll auszahlen müssen.

BEISPIEL 15

Preflop: Hero is BB with A, K
SB raises, Hero 3-bets, SB caps, Hero calls.

Flop: T, K, 3 (8SB)
SB bets, Hero calls.

Turn: 6
SB bets, Hero raises, SB 3-bets, Hero caps, SB calls.

In dieser Hand kannst du dir es dagegen zu Nutze machen, dass Villain light 3-bettet und in einem Spot cappen, den du sonst für gewöhnlich nur noch downcallen würdest. Villain könnte hier auch mit QQ/JJ/KQ 3-betten, weil er dich evtl. auf die T oder einen Draw readet und dich maximal zahlen lassen möchte.

Fazit raise Flop:

Wie du siehst gibt es auch eine Menge Gründe, direkt am Flop zu raisen. Es sei aber noch mal angemerkt, dass dies meistens exploitive Lines sind, mit denen man Leaks des Gegners angreifen kann. Hier solltest du in der Denkleiter genau eine Sprosse höher stehen als dein Gegner, denn exploitive Lines sind ihrerseits exploitable, wenn sich die gegnerspezifischen Annahmen als falsch erweisen sollten.

Das Balancing von call Turn

Ein grundlegendes Problem besteht darin, nach call Flop im Falle eines Calls am Turn seine entsprechende Range zu balancen. Fast immer wenn du als TAG den Turn callst (nach einem Flopcall) bedeutet das, dass du meistens eine recht marginale Hand ist, mit der du irgendwie zum Showdown möchtest.
Was kannst du also tun, um den Call am Turn zu balancen?

Die beiden wichtigsten Möglichkeiten in Position sind:

  • Delayed Riverraise
  • Passiv gespielter Draw mit Bluffbet am River

Wie bereits erwähnt, bedeutet ein Turncall oftmals Schwäche. Um dem Turncall etwas mehr Stärke zu geben, ist es wichtig, ab und an ein delayed Riverraise mit einzustreuen.

Ein Beispiel für ein solches delayed Riverraise wäre folgende Hand:

BEISPIEL 17

Preflop: Hero is CO with Q, K
Hero raises, SB 3-bets, Hero calls.

Flop: T, Q, 5 (7SB)
SB bets, Hero calls.

Turn: 7 (4,5BB)
SB bets, Hero calls.

River: 2 (6,5BB)
SB bets, Hero raises, SB calls.

Villain kann hier am River noch einige dünne Valuebets machen, da er dir keine starke Hand gibt. Er wird garantiert jede Q und jede T betten und evtl. auch so etwas wie Pocket 8er oder 9er.

Dein Raise macht dann nicht so viel Sinn in seinen Augen, er könnte dich durchaus auf einen busted Draw readen, immerhin sind beide Draws nicht angekommen, und könnte so auch noch das Raise callen.

Die zweite Möglichkeit den Turncall zu balancen, ist ein passiv gespielter Draw mit einer Bluffbet am River. Villain wird dich in dieser Situation oft auf eine schwache made Hand readen, die du nicht raisen wolltest, aber auf einen Check hin valuebettest.

Die folgende Hand wäre ein Beispiel dafür:

BEISPIEL 18

Preflop: Hero is BB with T, 7
Villain is SB with A, 7
SB raises, Hero calls.

Flop: 9, 8, 2 (4SB)
SB bets, Hero calls.

Turn: 5 (3BB)
SB bets, Hero calls.

River: 4 (5BB)
SB checks, Hero bets, SB folds.

In diesem Spot hat in der Regel call Turn, bet River die gleiche Foldequity wie raise Turn, bet River, kostet aber eine BB weniger. Weiterhin wäre es ein katastrophales Ergebnis, wenn man den Turn raisen würde, am River aber aufgibt, wo der Gegner schon den Mauszeiger auf dm Foldbutton hatte.

Ein weiterer Effekt des beschriebenen Balancings von call Turn ist, dass Villain in Zukunft oft nicht mehr so dünn Valuebetten wird. Dadurch könnte der Gegner in Zukunft Valuebets gegen dich auslassen. Es sei aber angemerkt, dass das Delayen zum River keine Standardspielweise sein sollte, sondern dosiert eingesetzt werden sollte, um dem Gegner im Falle eines Calls am Turn so wenige Informationen wie möglich zu geben. Das Ziel ist, die Aktion selten zu machen, damit beim Gegner aber einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, so dass er in Zukunft überproportional oft Valuebets auslassen wird.

Fazit

Du siehst, dass die Frage, ob man eine gut spielbare Hand IP am Flop oder am Turn (oder sogar erst am River) raisen sollte, nicht gerade einfach zu beantworten ist.
In diesem Artikel wurden zunächst die Gründe aufgezeigt, warum die Line call Flop mit der Option eines Raises am Turn, im Zweifelsfall als Standardspielweise einem Raise am Flop vorzuziehen ist.

Trotzdem gibt es auch zahlreiche Situationen, in denen bei bestimmten Gegnern unter den richtigen Voraussetzungen ein Raise am Flop die Line mit dem höchsten EV sein kann.

Dieser Artikel gibt dir eine Grundlage, wie du deine eigenen Annahmen bezüglich deiner Gegner in die richtige Wahl der Line umsetzen kannst. Du wirst nun wesentlich flexibler auf die Spielweisen einzelner Gegner reagieren können und kannst deren Leaks präziser angreifen und damit exploiten.