Aktualisiert am 12 März 26 von

Semi-Bluff Sequenzen - Attacking the weak Spots [Beta]

Einleitung

In diesem Artikel

  • Warum der Semibluff nicht nur eine einzelne Bet ist
  • Wie du die Kosten eines Semibluffs abschätzt
  • Welche Betsequenzen dir zur Verfügung stehen

Dieser Artikel befasst sich mit semi-bluffing auf höchster Ebene.

Konventionell ist ein semi-bluff definiert als eine Bet oder ein Raise mit einer z.Zt. nicht starken Hand, die aber Outs hat, in einer Situation, in der zudem eine Chance besteht, dass alle Gegner folden.

Diese Definition ist allerdings zu eng und ist nicht ausreichend, um das Semi-Bluffing zu meistern.

Erweiterte Definition des Semi-Bluffs

Ein Semi-Bluff ist eine Bet-Sequenz, die sich über Flop, Turn und River erstrecken kann, mit einer Hand, die wahrscheinlich z. Zt. nicht vorne liegt, aber Outs hat.

Diese Definition verdeutlicht, dass bei Hold'em die Action auf den verschiedenen Streets nicht unabhängig voneinander ist. Eine Turn bet nach einem Flop Checkraise hat eine deutlich höhere Fold Equity als eine Turn Donkbet nach einem Flop Call.

Die wahren Kosten eines Semi-Bluffs

De facto kostet ein Semi-Bluff weniger als ein purer Bluff. Der Grund dafür ist, dass man in vielen Fällen die Bets, die man als semi-bluff ausführt, zurückbekommt falls man seine Outs trifft.

Die wahren Kosten K eines Semi-Bluffs ergeben sich aus der Höhe der Bet B, der Anzahl der erwarteten Caller + sich selbst N und der Chance, eines seiner (discounted) Outs zu treffen P

K = B*(1 - N*P)

Nun müssen wir folgendes beachten: Wenn wir am Flop mit einem Flush Draw als semi-bluff betten, sind wir uns sicher, dass wir so oder so bis zum River mitgehen. Deshalb ist in diesem Fall am Flop P die Chance, dass wir bis zum River eine Flushkarte treffen, somit also 35%. Aber in Fällen, wo wir planen, den Semi-Bluff am Flop auszugeben, dürfen wir natürlich für P auch nur die Wahrscheinlichkeit nehmen, dass wir bis zum Turn ein Out getroffen haben.

BEISPIEL 1:

Sagen wir, wir sind heads-up am Flop gegen 1 Gegner. Wir betten einen Flush Draw als semi-bluff und planen bis zum River zu gehen. Dann gilt:

K = 1*(1 - 2*0,35) = 0,3

Wenn wir nun in unseren Gegner reinbetten, wie hoch ist die Chance, dass er raist? Nennen wir diese Chance einmal R. Falls der Gegner raist, steigen unsere Kosten für den Semi-Bluff auf das doppelte.

Somit gilt für unsere echten Kosten:

K* = 0,3 + R*0,3

Sagen wir nun, der Pot hat am Flop 4 SBs. Dann ist unser semi-bluff vereinfacht gerechnet also +EV wenn er in (0,3 + R*0,3) / 4 % der Fälle den Gegner zum folden bringt.

Sagen wir unser Gegner ist ein TAG und raist hier in 20% der Fälle. Dann ist unser semi-bluff +EV wenn er in 0,36/4, also in etwas mehr als 9% der Fälle gegen unsere Bet foldet. Sagen wir unser Gegner ist LAG und raist in 50% der Fälle. Dann bräuchten wir eine fold equity von mindestens 0,45/4 = 11,25% - was immer noch sehr wenig ist.

Hier können wir schon einmal unser erstes Zwischenergebnis festhalten: Mit starken Draws sollte man auch gegen LAGs heads-up noch semi-bluffen.

Semi-Bluff Sequenzen

Die Fortgeschrittenen unter euch haben sich sicherlich in vielen Fällen schon folgendes gefragt: Stellt euch vor ihr seid am Button first-in und möchte die Blinds stealen. Die SB foldet, die BB macht eine 3-bet. Am Flop bettet die BB erneut in euch herein. Ihr habt nun eine Hand mit einigen Outs und würdet gerne semi-bluffen. Die Frage ist nur: call Flop, Bet/Raise Turn oder aber Raise Flop, Bet Turn?

Diese Frage lässt sich methodisch lösen. Zunächst einmal berechnet ihr die grob Kosten beider Sequenzen. Sagen wir, wir haben wie im obigen Beispiel einen Flush Draw.

Eine Bet am Flop kostet uns dann effektiv nur 0,3 SB. Kommt am Turn unser Flush nicht, sinkt unsere Equity auf ca 20%, somit kostet uns eine Bet am Turn 0,6 BB. Allerdings kommt ja auch in 20% der Fälle unser Flush am Turn an, so dass wir also von den 0,6 BB noch einmal 20% abziehen können, somit kostet und eine Turn Bet (vom Flop aus gesehen) effektiv nur 0,48 BB.

Nehmen wir an, dass unser Gegner nach einer Flop Bet auch immer den Turn bettet. Ausserdem gibt es wieder das Risiko R, dass unser Gegner falls am Turn kein Flush ankommt reraist.

Die Kosten für Call Flop, Raise Turn sind also:

0,3 SB + (2 - PNB)*0,48 BB + R*0,48

PNB bezeichnet hier die Chance, dass der Gegner den Flop bettet, aber am Turn nur noch checkt.

Die Kosten für Raise Flop, Bet Turn sind:

0,6 SB + (1-FF)(0,48 BB) + R' = 0,3 + (1-FF)(0,48) + R'

 

R' bezeichnet hier die Extrakosten, die entstehen, wenn der Gegner den Turn raist oder den Flop 3-bettet. Sie exakt zu berechnen wäre mühseelig, da wir im Falle einer Flop 3-bet ja ggf. unseren semi-Bluff aufgeben. FF bezeichnet hier die Chance, dass unser Gegner bereits am Flop foldet.

Mit einer großen Wahrscheinlichkeit ist allerdings R' < R*0,6 BB, weil eine Turn 3-bet nach call Flop, Raise Turn deutlich seltener ist als eine Flop 3-bet nach Raise Flop oder eine Turn Checkraise nach raise Flop, bet Turn. Andererseits gibt es ja Fälle, wo der Gegner den Flop bereits foldet und somit am Turn keine Extrakosten entstehen können. Deshalb denke ich macht folgende Annahme Sinn: R*0,6 = R'

Somit können wir grob folgendes sagen:

Kosten für Call Flop, Raise Turn = 0,15 + (2 - PNB)*0,48 + R'

Kosten für Raise Flop, Bet Turn = 0,3 + (1-FF)(0,48) + R'

Kosten Nutzen Überlegung

Nun müssen wir die Kosten der Bet Sequenzen mit der von ihnen generierten Fold Equity vergleichen. Dies ist extrem gegner- und boardabhängig.

Einige von euch erinnern sich vielleicht noch an meine Coaching Session, in der ich gegen einen Gegner namens Baller6969 gespielt habe. Dieser Spieler war extrem tight, aber durchaus aggressiv. Die Chance FF, dass er gegen einen Flop Raise foldet lag denke ich bei gut 50%. Die Chance, dass er nach einer Flop bet den Turn erneut bettet, war allerdings sehr hoch, sagen wir 90%, somit PNB = 10%

Somit gilt:

Kosten für Call Flop, Raise Turn = 0,15 + 1,9*0,48 + R' ~= 0,9 + R'

Kosten für Raise Flop, Bet Turn = 0,3 + 0,5*0,48 + R' ~= 0,54 + R'

Bei diesem Gegner sehen wir folgenden Effekt: Zwar setzen wir bei Call Flop, Raise Turn 2,5 BB ein und bei Raise Flop, Bet Turn 2 BB, aber die "effektiven Kosten" sind deutlich geringer. Effektiv kostet Raise Flop, bet Turn grob 40% weniger als Call Flop Raise Turn. Wir haben aber gegen Baller6969 mit Call Flop Raise Turn keine entsprechend höhere Fold Equity. Somit ist gegen diesen Gegner Raise Flop, Bet Turn besser.

Woran liegt das? Der Flop ist der sogenannte weak spot von Baller6969. Ein weak spot ist die frühstmögliche Situation in einer Hand, in der ein Spieler erstmals eine signifikante Fold Equity hat.

Bei vielen Gegner auf den mid limits (20/40, 30/60) liegt der weak spot definitiv am Turn. Heads-up wird von den meisten Spieler die Bet Sequenz Raise Flop, bet Turn regelmäßig mit Händen wie Ace high gecallt, während sie gegen Call Flop, Raise Turn sehr häufig folden.

Auch dies lässt sich mit obigen Gleichungen wiedergeben. Sagen wir ein Gegner hat in obiger Gleichung einen FF Wert von 10% und einen TNB Wert von 10%. Dies wäre relativ typisch für 20/40 semi-Lags. Dann gilt:

Kosten für Call Flop, Raise Turn = 0,15 + 1,9*0,48 + R' ~= 0,9 + R'

Kosten für Raise Flop, Bet Turn = 0,3 + 0,9*0,48 + R' ~= 0,73 + R'

Nun kostet Call Flop, Raise Turn nur 12% mehr als Raise Flop, bet Turn. Aber gegen diesen Gegnertyp schätze ich, ist unsere Fold Equity bei Call Flop, Raise Turn um gut 50% höher als bei Raise Flop, bet Turn. Dann dieser Gegnertyp wird erst bei Turn Raises schwach. Gegen Turn Raises hat er seinen weak-spot

Geht es noch weiter? D.h. gibt es auch Gegner, die überhaupt keinen weak-spot haben? Ja, sogar relativ häufig. Genau dies sind sogenannte Maniacs die fröhlich den Turn mit wenig oder nichts 3-betten. Solche Spieler schwächen die Kosten-Nutzen Rechnung bei einem semi-bluff extremab. Nehmen wir einmal einen mathematischen Grenzfall: Ein Gegner, der nur bettet und raist. Gegen so einen Gegner habt ihr eine Fold Equity von 0. Ein semi-bluff mit einem Flush Draw ohne High Card Value ist somit garantiert ein losing play. Gegen so einen maniac spielt man in dem Fall mit seinem FLush Draw ein simples call Flop, call Turn, fold River (falls man nicht trifft).

Es gibt auch Gegnertypen (sehr LAG, aber fähig zu folds) und Situationen, bei denen man mit seinem Raise gar bis zum River warten sollte. Diese Situationen sind aber extrem selten.

Somit erklärt sich auch das Prinzip, dass je mehr LAG euer Gegner ist, desto weniger sollte ihr semi-bluffen und falls ihr semi-blufft, solltet ihr einen starken Draw haben.

Der weak-spot des Gegners ist allerdings nicht wirklich konstant. Es gibt z.b. Boards, die so scary sind, dass auch ein LAG schon häufig gegen ein Flop Raise folden würde. Andererseits gibt es Boards, die so harmlos sind, dass selbst ein weak-tight Spieler eurem Flop Raise kaum Beachtung schenkt. Dies müsst ihr in eure Entscheidungsfindung miteinbeziehen.

Das allgemeine Semi-Bluff Prinzip

Schritt 1:

  • Abschätzen der Kosten für eine semi-bluff Sequenz in Abhängigkeit eurer Outs, des Boards und des Gegnertyps

Schritt 2:

  • Abschätzen des Nutzens einer Semi-Bluff Sequenz, d.h. Abschätzen der Fold Equity.

Schritt 3:

  • Die Wahl der semi-bluff Sequenz in Abhängigkeit von Schritt 1 und 2.

Merkregel:

Finde den weak spot des Gegners und platziere dort deinen Raise.

Bedenke, dass der weak-spot die frühstmögliche Stelle in einer Hand ist, wo dein Gegner eine signifikante Fold Equity bietet. Bedenke: Bei besonderen Boards kann sich der weak-spot verschieben.