Aktualisiert am 12 März 26 von

Advanced Mindset

Einleitung

In diesem Artikel

  • Was ein Mindset ist und wie du dein eigenes Mindset bewerten kannst
  • Warum ein gutes Mindset wichtig für dein Pokerspiel ist
  • Mittel und Wege zu einem gesunden Mindset


Dieser Artikel erreichte den 2. Platz beim Article Contest im April 2011

Das Zusammenspiel von Poker und Mindset

Was ist ein Mindset?

Eine direkte Übersetzung für das Wort Mindset ist nicht geläufig. Daher fällt es auch schwer, es genau zu erklären. Das Mindset stellt einen breit gefächerten Bereich der Psyche eines Spielers da, welcher Auswirken auf die folgenden Handlungen hat. Wir kategorisieren dies in mehrere Fragen zur Psyche eines Spielers:

  • Wie ehrgeizig bin ich?
  • Wie gefestigt spiele ich im Downswing?
  • Wie schnell gerate ich in Rage?
  • Wie gehe ich mit Bad Beats um?
  • Wie schnell gebe ich auf?
  • Wie schnell geraten meine Ziele aus dem Blickwinkel?
  • Wie stark ist mein Selbstbewusstsein?
  • Wie leicht bin ich beeinflussbar?
  • Wie leicht bin ich ablenkbar?
  • Wie flexibel reagiere ich auf Veränderungen?

Die Antworten auf diese Fragen lassen sich als Eigenschaften des Mindsets zusammenfassen. Jeder Spieler sollte sich diese Fragen einmal stellen. Seid ehrlich zu euch, niemand ist perfekt. Aber ihr könnt hart arbeiten, um nah dran zu sein. Diese Fragen können natürlich beliebig ausgetauscht oder erweitert werden.

Wie bewerte ich mein Mindset?

Um euer Mindset zu klassifizieren, bedienen wir uns eines Bewertungssystems, welches vorrangig in der Wirtschaft zur Entscheidungsfindung genutzt wird. Hiermit könnt ihr nun euer Mindset bewerten. Somit erhaltet ihr einen guten Überblick und wisst, wo ihr ansetzen könnt.

Gewichtung der Fragen

Als erstes beurteilt ihr die oben genannten 10 Fragen nach eurer eigenen Wichtigkeit. Die wichtigste Frage bekommt 10 Punkte, die für euch unwichtigste 1 Punkt. Fragen mit derselben Punktzahl zu benennen, ist nicht möglich.

Beurteilung der Fähigkeiten

Anschließend beurteilt ihr eure momentanen Fähigkeiten bzgl. der Fragen. Seid ihr z.B. total ehrgeizig, bewertet ihr eure Fähigkeit mit 10 Punkten. Könnt ihr mit Bad Beats nicht umgehen gebt ihr euch 1 Punkt. Also je besser ihr eure Fähigkeit einschätzt, desto mehr Punkte gebt ihr euch. Geht alle Fragen einmal durch. Hier ist natürlich eine Mehrfachnennung der Punkte möglich. Als Beispiel habe ich unten meine Fragen einmal meiner Wichtigkeit nach sortiert und mit meine Fähigkeiten bewertet.

Frage Rangfolge Bewertung Summe
Wie ehrgeizig bin ich?
Sehr ehrgeizig: 10 - Gar nicht: 0
10 10 100
Wie gefestigt spiele ich im Downswing?
Sehr gefestigt: 10 - Gar nicht: 0
9 5 45
Wie leicht gerate ich in Rage?
Gar nicht: 10 - Sehr schnell: 0
8 4 32
Wie gehe ich mit Bad Beats um?
Sehr gut: 10 - Sehr schlecht: 0
7 8 56
Wie schnell gebe ich auf?
Nie: 10 - Sehr schnell: 0
6 3 18
Wie schnell geraten meine Ziele aus dem Blickwinkel?
Nie: 10 - Sehr schnell: 0
5 9 45
Wie stark ist mein Selbstbewusstsein?
Sehr stark: 10 - Sehr schwach: 0
4 10 40
Wie leicht bin ich beeinflussbar?
Gar nicht: 10 - Sehr leicht: 0
3 7 21
Wie leicht bin ich ablenkbar?
Gar nicht: 10 - Sehr leicht: 0
2 8 16
Wie flexibel reagiere ich auf Veränderungen?
Sehr gut: 10 - Sehr schlecht: 0
1 6 6
Summe
379

Ich habe zum Beispiel 379 Punkte erreicht. Die Maximalpunktzahl, also wenn ihr alle eure Fähigkeiten mit 10 bewertet, beträgt 550 Punkte. Dies setzt ihr nun ins Verhältnis (379/550*100 = 68,91%). In nachfolgender Erklärung könnt ihr feststellen, wie gut und gefestigt euer Mindset momentan ist. Die Fragen könnt ihr natürlich beliebig gegen andere tauschen.

100-92%

Herzlichen Glückwunsch. Dein Mindset ist wirklich super. Es steht dir auf jeden Fall nicht im Weg, ein erfolgreicher Pokerspieler zu werden. Hiermit bist du vielen deiner Gegner einen Schritt voraus. Nun gilt es, gezielt an deinem Spiel zu arbeiten.

91-81%

Auch mit diesem Ergebnis hast du bereits ein starkes Mindset und eine gute Basis zum Weiterentwickeln geschaffen. Mit diesem Mindset bist du immer noch im guten oberen Drittel angeordnet. Viel gibt es nicht mehr zu verbessern, aber natürlich solltest du weiter an dir arbeiten, denn Stillstand bedeutet Rückschritt.

80-67%

Dieser Wert entspricht in etwa dem Durchschnitt. Dein Mindset ist in Ordnung, aber nicht überragend. Du hast also noch genug Punkte, an denen du ansetzen kannst, um das nächste Level zu erreichen. Du wirst sehen, es lohnt sich.

66-40%

Mit diesem Wert liegst du im unteren Bereich. Aber noch ist nicht alles verloren. Du musst verstehen, dass ein geeignetes Mindset ein wichtiger Bestandteil einer erfolgreichen Pokerlaufbahn ist. Es gibt Einiges zu tun, also ran. Im unteren Teil des Artikels erhältst du erste Denkanstöße, um dein Mindset zu verbessern.

<40%

“Mindset? Was ist das? Dann vertilte ich halt die Hälfte meiner Bankroll beim Shot auf 2 Limits. Poker ist ein scheiß Spiel, immer gewinnt der Schlechtere. Ich hab keinen Bock mehr auf diesen Mist.“

Kommen dir diese Floskeln bekannt vor? Könnten diese Sätze von dir stammen? Gut abgeschnitten hast du ja nicht. Du solltest überlegen, ob und wie stark dein Mindset dir im Weg steht und ob du bereit bist, daran zu arbeiten.

Wichtigkeit des Mindsets

Viele Spieler unterschätzen die Komponente des Mindsets. Sie ist ein genauso wichtiger Bestandteil wie euer Spiel selbst. Ein guter Spieler kann ohne gefestigtes Mindset nie auf lange Sicht erfolgreich spielen.

Zunächst einmal müsst ihr euch bewusst machen, wieso ihr überhaupt Poker spielt. Aus Spaß? Oder habt ihr ein Ziel? Optimal wäre beides. Denn nur wer Spaß an einer Sache hat, ist auch bereit, Opfer zu bringen und viel Zeit und Fleiß zu investieren, um erfolgreich zu sein.

Ein Ziel ist immer wichtig, egal ob im Poker oder im normalen Leben. Ihr habt etwas, worauf ihr hinarbeiten könnt. Verliert euer Ziel nie aus den Augen, es kann in der entscheidenden Situation das letzte Prozent zum winning Player beitragen. Setzt euer Ziel jedoch nicht zu hoch an. Ein utopisches Ziel, wie irgendwann die High Stakes zu crushen, wirkt bei Nichterreichen eher demotivierend als fördernd.

Äußere Einflussfaktoren

Man sollte versuchen, die äußeren Einflüsse auf ein Minimun zu reduzieren. Denn diese behindern euer Mindset und somit auch eurer A-Game. Seit Ihr hungrig, könnt ihr nicht optimales Poker spielen, denn eure Gedanken schweifen immer wieder ab und ihr seid unzufrieden. Es mögen nur Kleinigkeiten sein, in der Summe jedoch können sie schon einiges an eurer Winrate drücken.

Die wichtigsten elementaren Faktoren:

  • Hunger
  • Durst
  • Notdurft
  • Ruhe
  • Fit und bereit, sich zu konzentrieren
  • Ausgeglichenheit

Vor dem Spiel

Es hat sich bewährt, vor dem Spiel eine Liste durchzugehen und sich einige Fragen zu stellen:

Wie geht es mir heute?

  • Bin ich gut drauf oder bedrückt mich irgendetwas? Pokerbezogen oder Real Life?
  • Kann ich dagegen sofort etwas unternehmen?
  • Kann ich es ausblenden?
  • Habe ich alle äußeren Einflussfaktoren unterbunden?
  • Wäre es besser, heute nicht zu spielen oder fühle ich mich bereit und bin motiviert?

Welches Ziel setze ich mir für die heutige Session?

  • Warum spiele ich heute? Aus Spaß? Will ich nur schnell Geld gewinnen oder mein Spiel verbessern?
  • Abzuraten ist von Zielen über bestimmte $-Beträge oder eine bestimmte Handanzahl. Diese setzten euch zusätzlich unter Druck und beeinflusst euer Mindset und Spiel.
  • Gute Ziele sind z.B. positiven EV generieren, genaue Analyse eueres Spiels oder das eines guten Regs oder Spielen eures A-Games.

Wie ist meine Session geplant?

  • 1 Std. spielen, 30 Min. Sessionreview, 1 Std. spielen.
  • 2 Std. spielen und anschließend Sessionreview.

Ein genauer Ablauf ist wichtig für die Sicherheit in eurem Spiel. Hast du in einer Sache die nötige Routine, kannst du befreiter und selbstbewusster an die Sache herangehen. Daher sollte eure Session in der Regel immer gleich ablaufen. Wie ihr das plant, bleibt natürlich euch selbst überlassen. Achtet jedoch auf ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Spiel und Theorie.

Nach dem Spiel

Nur wer sich und sein Spiel hinterfragt, ist in der Lage, gezielt Verbesserungen zu erreichen. Stell dir einfach mal folgende Fragen:

  • Wie geht es dir nach der Session? Besser oder schlechter als vorher? Worauf ist das zurückzuführen?
  • Warst du zufrieden mit deinem Spiel und der Session?
  • Würdest du alle Entscheidungen wieder genauso treffen? (Sessionreview)
  • Wie war dein Mindset in den verschiedenen Phasen der Session?
  • Was hast du Besonderes gelernt?
  • Was kannst du für dein Mindset und Spiel mitnehmen?

Bedürfnisse

Jeder Mensch hat Bedürfnisse. Ziel ist es, das Bedürfnis zu befriedigen, also den Bedarf zu stillen. Bedürfnisbefriedigung macht glücklich. Das erleben wir täglich im Alltag. Haben wir Hunger, so essen wir etwas. Möchten wir unterhalten werden, gehen wir ins Kino.

    Natürlich hat auch jeder Pokerspieler spielbezogene Bedürfnisse. Dies können z.B. sein:

  • Erfolg. Normalerweise in Form von Geldbeträgen, Aufsteigen in den Limits oder spielen des A-Games.
  • Anerkennung von anderen guten Spielern
  • Erfahrungsaustausch

Sind wir nicht in der Lage, unsere Bedürfnisse zu befriedigen, löst das in erster Linie Unzufriedenheit aus. Dies belastet wiederum unser Mindset und es kann ein Teufelskreis entstehen. Daher ist ein gutes Mindset unabdingbar. Das Bilden eines guten Mindsets ist keine einmalige Sache, es ist ein ständig wiederkehrender und andauernder Prozess, den wir täglich meistern müssen.

Tilt

Ein großer Feind unseres Mindsets ist der Tilt. Wir spielen unser bestes Poker und trotzdem werden wir nach dem fünften Suckout in Folge merklich unzufriedener und unausgeglichener. Es drückt einfach unsere Stimmung. Wir haben alles richtig gemacht und trotzdem werden wir dafür nicht belohnt. Das nagt an unserem Selbstvertrauen und wir empfinden diese Tatsache als ungerecht. In Folge dessen sind wir nicht mehr in der Lage, die besten Entscheidungen zu treffen.

Dies liegt vor allem daran, dass wir ergebnisorientiert denken. Dies ist beim Pokern jedoch falsch. Wichtig ist lediglich, dass wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Das Ergebnis ist auf kurze Sicht irrelevant. Treffen wir auf lange Sicht immer oder nahezu immer die richtige Entscheidung, wird auch das Ergebnis unsere richtigen Entscheidungen widerspiegeln.

Freut euch, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Ein erfahrener Spieler hat einmal gesagt: “Es gibt keine bessere Situation, seinen Stack zu verlieren, als bei einem Suckout.“

Was bringt mich auf Tilt?

Die Ursache erörtern ist der erste Schritt. Es gibt genügend Gründe, um auf Tilt zu kommen. Das können Bad Beats, unbefriedigte Bedürfnisse wie Hunger oder auch äußere Einflussfaktoren wie Lärm sein.

Ziel ist es natürlich, die Ursachen zu beseitigen. Manchmal ist es einfach, wie z.B. etwas essen, aber Bad Beats kann man nicht abstellen. Hier muss man Wege finden, diese zu akzeptieren.

Wie kann ich Tilt vermeiden?

Zunächst sollte man alle äußeren Einflussfaktoren, welche störend wirken können, beseitigen. Den Tilt zu vermeiden, ist die schwierigste Aufgabe des Mindsets. Also sollte er erst gar nicht aufkommen. Dir sollte klar sein, dass du durch Tilt sehr viel kaputt machst. Du brauchst sehr viel Zeit, deine durch Tilt gecrushte Bankroll wieder auf den alten Stand zu bringen. Allein das sollte ein guter Grund sein, den Tilt zu vermeiden. Denn wer hat in der heutigen Gesellschaft schon Zeit im Überfluss?

Ganz vermeiden kann den Zustand des Tilts so gut wie niemand. Wir sind alle Menschen, die sich von Emotionen steuern und leiten lassen und keine Roboter. Ziel ist es, den Tilt so schnell wie möglich zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Wie komme ich vom Tilt runter? Wie vermeide ich immer tiefer in den Tiltsumpf zu geraten?

Als optimal hat sich bei mir im Laufe der Zeit das “Stop-Loss-Limit“ bewährt. Sobald ich 10 Stacks in einer Session droppe, höre ich zur Sicherheit erst einmal auf und beschäftigte mich mit etwas anderem. Für Poker habe ich dann in der Situation einfach keinen freien Kopf. Nach einer Stunde Ablenkung sieht die Pokerwelt auch schon wieder viel besser aus und ich kann gefestigt an die Tische. Dieser Weg ermöglicht dir einen gewissen Abstand und schont definitiv deine Bankroll.

Welche Folgen hat der Tilt auf mich und mein Spiel?

Auch diese Frage musst du dir wieder selbst stellen. Belastet der Tilt mein Real Life? Nehme ich schlechte Laune mit in mein Privatleben? Inwiefern bringt der Tilt mich pokerbezogen nach vorne? Und ganz einfach: Was habe ich davon, wenn ich nun einen Teil meiner Roll vertilte? Aus rationaler Sicht sollte man schnell zu einer vernünftigen Entscheidung kommen.

Der Stellenwert des Geldes im Poker

Wenn ihr nur spielt, um schnell möglichst viel Geld zu gewinnen, werdet ihr es nie bis ganz nach oben schaffen. Um eine Sache oder Tätigkeit perfekt zu beherrschen, bedarf es Disziplin, Ehrgeiz und Fleiß. Der Fußballprofi hat auch als Kind schon angefangen zu trainieren und jede Menge Zeit und Arbeit in seine Karriere investiert. Wieso sollte es beim Poker anders sein?

Wer etwas erreichen will, muss hart dafür arbeiten. So ist es in allen Bereichen des Lebens. Niemand wird von heute auf morgen Pokermillionär. Sofern ihr hart an euch und eurem Spiel arbeitet, kommen die schönen Nebeneffekte wie Geld oder Anerkennung von ganz allein.

Ein sehr bekannter und äußerst erfolgreicher Onlinespieler hat einmal in einem Interview folgendem Satz gesagt:

“Ich habe jeglichen Bezug zum Geld verloren.“

Verständlich, wenn man mit jungen Jahren schon Millionen durch ein Onlinespiel gewonnen hat. Für Außenstehende mag dieser Satz unfassbar und auch traurig klingen. Für den Pokerspieler ist es das Beste, was einem passieren kann. Den Bezug zum Geld verlieren.

Denn wer sich nur auf das Geld fixiert, wird nie sein A-Game spielen können. Wer ständig in seinem Holdem Manager nach seinem Gewinn oder Verlust schaut, wird nie völlig befreit und hochkonzentriert seine Karten im Blick behalten.

Versucht Poker als ein Spiel zu sehen, bei dem ihr euch mit anderen messt und den Highscore knacken wollt. Ihr wollt der Beste sein. Denn genau dies ist unser Anspruch. Und genau dies erreicht ihr nur, wenn ihr nur das Spiel und nicht euren Profit im Blick habt. Mit einem ausreichenden und sicheren Bankrollmanagement ist der Grundstein gelegt.

Die 10 Pokergebote

Als Abschluss möchte ich einen Gedanken aufgreifen, welcher mir in der Anfangszeit die Augen geöffnet hat. Diese Vorgaben habe ich, genau wie den kompletten Text, selbst verfasst und entwickelt.

Poker – Dein eigenes, kleines Gewerbe
  • Du bist dein eigener Chef in deinem kleinen Pokerbusiness.
  • Du triffst alle Entscheidungen alleine.
  • Du trägst das komplette Risiko.
  • Du erntest die Früchte.
  • Du haftest für die Verluste.
  • Du hast für deine Fortbildung zu sorgen.
  • Du bist für die Entwicklung deines Gewerbes verantwortlich.
  • Du legst deine Ziele fest.
  • Du bestimmst die Arbeitszeit.
  • Es liegt in deiner Hand.