Tilt vermeiden - Warum es bisher nicht geklappt hat
Einleitung
In diesem Artikel
- Warum deine bisherigen Versuche zur Tilt-Prävention gescheitert sind
- Die ersten Symptome von Tilt
- Weshalb Methoden zum Umgang mit Tilt den Kern des Problems vernachlässigen
Jeder Pokerspieler muss sich früher oder später mit dem Thema "Tilt" auseinandersetzen. Obwohl es im Poker keinen Aspekt gibt, der bereits vollständig "gelöst" ist, gibt es heutzutage recht umfangreiche Materialien zu den technischen Aspekten des Spiels. Dabei zählt Tilt allerdings zu den Themen, zu denen es keine allgemein anerkannten Strategien zu geben scheint.
Wahrscheinlich hat man dir während deiner bisherigen Pokerlaufbahn schon viele Ratschläge zum Thema Tilt gegeben. Manche davon waren vielleicht tatsächlich erfolgreich, doch leider muss gesagt werden, dass solche positiven Effekte meistens nur kurzfristiger Natur sind. Sie funktionieren eine begrenzte Zeit lang, doch wie aus dem Nichts taucht das Problem wieder auf und zwar ausgeprägter als je zuvor. Erst glaubt man also, man habe endlich eine Lösung gefunden; aber schon am nächsten Tag ist der Tilt wieder da. Und gerade deshalb hat Tilt etwas mysteriöses und scheinbar unlösbares an sich, zwei Eigenschaften, die deine Frustration weiter in die Höhe treiben und den Tilt am Ende womöglich noch verstärken.
Gängige Weisheiten aus dem Bereich der Poker-Psychologe sind einerseits zu allgemein gefasst und andererseits zu begrenzt, um wirklich darlegen zu können, wie man mit Tilt am besten umgeht. Die Tipps, die wir euch in "The Mental Game of Poker" geben, eröffnen einen völlig neuen Blickwinkel auf das Thema Tilt und den Umgang mit dem Problem. Obwohl die Lösung des Tilt-Problems einer sehr tiefgründigen Betrachtung bedarf, kann der Ansatz der Analyse durchaus klar und strategisch aufgebaut sein. Bevor wir in den kommenden Wochen eine detaillierte Untersuchung zum Thema durchführen, wollen wir zunächst herausfinden, warum deine bisherigen Versuche, Tilt einzudämmen, erfolglos geblieben sind.
Du bist der Meinung, Tilt ist unvermeidbar
Es ist ein großer Irrtum zu glauben, dass "Tilt" ein unumgänglicher und unvermeidbarer Teil des Spiels ist. Ich bin der lebende Beweis dafür, dass dies nicht stimmt, denn ich habe schon vielen Menschen dabei geholfen, ihr Tilt-Problem zu lösen. Wenn du tatsächlich denkst, dass Tilt unvermeidbar ist, kann dies leicht zu einem Gefühl der Frustration und Hilflosigkeit führen. Es ist schwer zu glauben, aber Tilt ist durchschaubar. Die Muster aufzudecken, die zum Tilt führen, war bisher sehr schwierig - doch das soll sich nun ändern.
Dir ist nicht bewusst, warum du tiltest
Dieser Punkt hört sich auf den ersten Blick etwas unlogisch an. Wenn du aufgrund eines Bad Beats tiltest, dann weißt du doch, dass du tiltest, weil du gerade ausgesuckt worden bist. Die meisten Pokerspieler analysieren dann aber nicht genauer, warum sie eigentlich auf Tilt gehen, wenn sie einen Bad Beat kassiert oder gegen einen Fisch verloren haben. Wenn es der Suckout selbst wäre, der den Tilt verursacht, dann müsste doch jeder bei einem schlechten Run tilten - dies ist aber nicht der Fall. Wenn dich eine bestimmte Sache auf Tilt bringt, aber nicht denselben Effekt auf andere Leute hat, kann dies nur eines bedeuten: Das eigentliche Problem liegt tief in dir selbst.
Es ist dabei immer eine andere Sache, die dich so sehr aufregt, dass du tiltest. Wenn du weißt, worum es sich bei dieser Sache handelt, kannst du Tilt viel einfacher vorbeugen. Geld ist hier nicht der einzige Faktor, es spielen immer auch andere für dich persönlich wichtige Aspekte eine Rolle - Stolz, Selbstbewusstsein, Identität, das Gefühl, ein Gewinner zu sein, dein vermeintlich besseres Pokerspiel oder einfach die Abneigung davor, eine Niederlage einstecken zu müssen. Welcher dieser Faktoren es auch sein mag - sobald du herausgefunden hast, worum es wirklich geht, wenn du tiltest, bist du der Lösung des Problems bereits ein paar Schritte näher gekommen.
Du weißt nicht, wie du die ersten Anzeichen erkennst
Bei vielen Spielern schleicht sich der Tilt ganz langsam heran. Von einem Moment auf den anderen spielen sie nicht mehr vernünftig, sondern schmeißen ganz plötzlich und unkontrolliert 5 Buy-ins in die Mitte. Andere bemerken es vielleicht sogar, sobald sich bestimmte Symptome anhäufen - ein angespanntes Gefühl im Magen, ein looseres Spiel, man macht Hero Calls und nennt jeden Gegner im Chatfenster einen Donk. Der erste Schritt zur Besserung ist die Einsicht, dass das Problem in dir selbst liegt. Nur wenn du verstehst, was du zu erwarten hast, wenn der Tilt sich anschleicht, kannst du ihn schon im Keim ersticken.
Wenn ich zum ersten Mal mit einem Kunden arbeite, empfehle ich ihm die Erstellung eines "Tilt-Profils" - dies empfehlen wir auch in "The Mental Game of Poker". Schreibe dir alle Nuancen auf, in denen sich der Tilt bei dir äußert: Welchen körperlichen Reaktionen ruft er hervor? Welche Gedanken schießen dir in den Kopf und welche Dinge äußerst du? Welche Fehler machst du in deinem Spiel und was sind die ersten Anzeichen deines Tilts?
Dieses Dokument über dein Tiltverhalten kann nicht sofort vervollständigt werden. Vielmehr musst du es kontinuierlich erweitern, denn während du spielst, lernst du ja ständig weitere subtile Details deines Tiltverhaltens kennen. Schließlich gelangst du an einen Punkt, an dem du sagen kannst: "Ich habe mich dabei ertappt, wie ich mit schwachen Aces out of Position calle. Ich brauche jetzt erst einmal 5 Minuten Pause, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen". Wenn du gelernt hast, die frühen Anzeichen zu erkennen, kannst du die Kontrolle über den Tilt erlangen, bevor er dich überwältigt.
Du glaubst, Emotionen sind schlecht
Einer der größten Unterschiede zwischen meiner Arbeit und dem Rest der gängigen Poker-Psychologie betrifft das Thema "Emotionen". In einem Großteil der Literatur werden Emotionen als Feind betrachtet; als wären sie etwas Irrationales, etwas, das ausgeblendet werden muss. Emotionen sind keine schlechte Sache; sie fungieren als eine Art Bote, der dir mitteilt, wann etwas richtig bzw. falsch läuft. Statt deine Emotionen zu unterdrücken, solltest du ihnen Beachtung schenken und dich fragen, was sie dir sagen möchten. Tust du dies nicht, verschlimmerst du dein potentielles Tilt-Problem womöglich noch weiter.
Du gehst mit Tilt um, aber du beseitigst ihn nicht
Von vielen Seiten hört man, man könne Tilt durch Sport, Meditation, positives Denken und bestimmte Atemtechniken verhindern. Dem möchte ich auch gar nicht widersprechen. Bei solchen Methoden handelt es sich um "Eindämmungsstrategien" und sie stellen eine gute Möglichkeit dar, mit Tilt umzugehen - zumindest in dem Moment, in dem er dich trifft. Wenn eine dieser Methoden für dich persönlich funktioniert, dann wende sie an!
Sind das allerdings die einzigen Maßnahmen, die du zur Tilt-Prävention triffst, dann wird das Ganze problematisch, da sie den Kern des Problems nicht berühren. Solch eine Vorgehensweise kann nur für begrenzte Zeit erfolgreich sein und wird ihre Effektivität schon bald verlieren. Es ist, als ob man ein Pflaster auf eine Schusswunde kleben würde. Als ausgebildeter Psychologe kann ich versichern, dass man ein mentales Poker-Problem nur dann lösen kann, wenn man ihm direkt ins Gesicht sieht, um es zu verstehen und an der Wurzel zu packen.
Mehr Informationen darüber, wie ich hunderte von Pokerspielern unterstützt habe, findet ihr in meinem Buch "The Mental Game of Poker". Im nächsten Artikel werden wir herausfinden, wie die ersten Schritte zur Bekämpfung von Tilt aussehen sollten.
Dieser Artikel wurde von Mentalcoach jaredtendler verfasst, dem Autor von The Mental Game of Poker (Co-Autor: PokerStrategy.com-Redakteur ). Das Buch kann über die The Mental Game of Poker-Website erworben werden.
Das Hörbuch zu The Mental Game of Poker ist außerdem zurzeit kostenlos unter diesem Link verfügbar.