Über das Tilten
Tilten - Gefahr und Wirklichkeit
Jeder hier hat es sicher schon einmal gelesen: "Da war wohl tilt dabei", "du tiltest!", "tilt ist böse". Nie aber wird geklärt, was sich hinter dem Vorgang des so genannten Tiltens eigentlich verbirgt.
Nach mehreren Monaten des Pokerns habe ich bemerkt, dass ich nun - im nachhinein - langsam erkannt habe, wann ich einfach Pech hatte, und wann ich die Kontrolle über mein Spiel verloren habe. "Die Kontrolle über sein Spiel verlieren" halte ich übrigens für die beste Definition von tilt.
Tilt heißt nicht, dass Du wie ein Maniac alles cappst, was Dir über den Weg läuft, oder dass Du zum Rock mutierst. Tilt sollte man viel näher an seinem Wortsinn sehen, man "kippt", man gerät in eine Schieflage.
In diesem Artikel versuche ich, einen Einblick in die Ursachen und die Methodik des Tiltens zu geben, so wie ich sie selbst erlebt oder aus Gesprächen kennengelernt habe. Anschließend versuche ich, einen Einblick darin zu geben, welche Verhaltensmöglichkeiten es gibt.
Ich erhebe hier nicht den Anspruch auf Vollständigkeit oder behaupte, dass ich dieses Problem hier gelöst habe. Ich will lediglich einen Einblick in mein Verständnis und meine Erfahrungswelt geben.
Die Auswirkungen
Auswirkungen des Tilt sind individuell verschieden, aber ich versuche, eine Skala von "auffällig" zu "subtil" zu erstellen, in der sich - zumindest grob - jeder wiederfinden kann:
Amoklauf oder Verängstigung
Dazu gibt es nicht viel zu sagen; Entweder, man findet den raise-Button überhaupt nicht mehr, oder man kann sich davon gar nicht mehr lösen.
Überzogenes Downcallen/Raisen
Das hier ist die wohl häufigste Art, denke ich: "Der kann nicht schon wieder getroffen haben" vs "diesmal MUSS ich doch die beste Hand halten". Wer solche Gedanken noch NIE in seinem Kopf hatte .. Respekt!
gelegentliches Frustklicken
Alle zehn oder zwanzig oder auch hundert gespielten Hände passiert es, dass man einfach auf raise haut, oder auf fold. Kein Überlegen, kein Reflektieren, das 'muss jetzt sein'.
etwas aggressiver/passiver werden
Aus unerklärlichen Gründen wird das eigene Spiel verändert. Ich rede hier von Veränderungen um die +/- 1 AF, die sich eine ganze Weile halten. Diese Änderungen sind jedoch nicht bewusst herbeigeführt, weil man vorher zu passiv war, oder weil man etwas neu/besser verstanden hat, sondern sie sind einfach so eingetreten.
Unterbewusste Veränderungen des eigenen Stils
Dies ist die wohl gefährlichste Art des Tiltens. Durch einen Auslöser (siehe unten) wird das eigene Spielvertrauen verändert. Langsam rappelt man sich wieder nach oben (oder kommt auf den Boden zurück!), aber durch diese Veränderungen hat sich etwas im eigenen Spiel verändert, sei es, dass man aus irgendwelchen Gründen mehr Hände spielt, oder aber nur seine Reaktion in Standardsituationen angepasst hat. Das Gefährliche: Wenn ich nur mein Postflop - Verhalten ändere, so kann es geschehen, dass Standardsituation A von Standardsituation B ausgeglichen wird.
Ein Beispiel: Headsup bette ich nicht mehr jeden unraised Pot, dafür mache ich als Preflopraiser auch mit sechs Mann an Flop und Turn Contibets.
Diese Veränderungen des Spielstils, die durch Tilt ausgelöst werden, sind wohl die verheerendste, weil subtilste, Gefahr.
Die Ursachen
Hierzu will und kann ich nicht eine Liste an Möglichkeiten geben, das ist zu individuell. Häufige Sachen sind sicher Bad Beats oder downswings über X-tausend Hände. Aber bei vielen Leuten reicht wohl auch ein verlorener Pot, den man schon sicher glaubte, um die Spielkontrolle für ein paar Hände zu verlieren.
Wichtig ist, dass man sich bewusst macht, dass Tilten nicht nur durch Downswings und andere, negative Erfahrungen auftritt: Ein Upswing kann genauso dafür Auslöser sein wie ein unglaublicher Suckout, dem man seinem Lieblingsgegner verpasst.
Als Merksatz sollte man sich immer vor Augen halten, dass der Gewinn von Pötten nicht das eigene Spiel bewertet.
Nun kommen wir zum wirklich komplizierten Teil. Einerseits soll eine Möglichkeit geschaffen werden, eine Selbstdiagnose zu stellen, andererseits soll auch versucht werden, Anstösse zur Heilung zu geben.
Die Diagnose
Der wohl komplizierteste, manchmal wohl auch schlichtweg unmögliche, Teil ist das Selbstgeständnis: "Ich tilte gerade. Ich mache dumme Fehler". dafür gibt es mehrere Gründe. Die beiden wichtigsten sind wohl Verdrängung und Ignoranz. Damit ist nicht die böse Ignoranz gemeint, wie in "ich gucke weg, während die alte Frau auf der anderen Straßenseite zusammengeschlagen wird", sondern die unbewusstere Variante von "ich glaube, ich kriege einen Weisheitszahn rechts oben, später mal gucken".
Häufig zuckt es nach einer schlecht gespielten Hand zumindest kurz durchs Gehirn, eine kleine Warnleuchte taucht auf. Diese Warnleuchte ist in den meisten Fällen wirklich klein, eher winzig. Man sieht sie nur für einen Augenblick, wenn man dann nicht auf sie reagiert, ist es zu spät. Eine Diagnosehilfe kann deshalb sein, schlicht das Tempo etwas rauszunehmen. Einen der acht Tische schließen, vielleicht, oder einfach vor jedem Klick die Hand von der Maus nehmen. Zwingt man sich selbst, den Bildschirm zu betrachten, ohne Handlungen dabei durchzuführen, merkt man vielleicht schon, dass man gerade eine Dummheit begehen wollte und kann das Unheil abwenden.
Leider ist das nicht immer so einfach und vor allem das langgezogene Tilten wird sich über mehrere Sessions hinziehen, deshalb ist ein Teil der Diagnose ganz klar:
Spielreflexion
Hierzu gibt es über das Forum verstreut tausende Ratschläge und fast alle sind brauchbar. Die wichtigsten fasse ich hier noch einmal zusammen:
Beispielhände posten
Nichts geht darüber!
Intensivsessions
spielt für eine oder zwei Stunden nur einen, maximal zwei Tische. Denkt über jede eurer Handlungen nach. Ignoriere die PA-Daten, mache Dir ein Bild von deinen Mitspielern. Keine Entscheidung wird aus dem Bauch heraus getroffen, selbst über Standardmoves wird kurz nachgedacht: "Ist das wirklich Standard? Könnte was abweichen?"
Theorievertiefung
Halbiert die Spielzeit, studiert in dem Rest Artikel aus dem Forum oder bearbeitet ein Pokerbuch. Dies verstärkt nicht nur euer Selbstvertrauen (ihr bestätigt euer Wissen oder findet Fehler), sondern führt auch zu einem tieferen Verständnis der Materie, was nie schadet.
Beispielhände posten
Wenn ich nicht wüsste, dass das sehr schnell ignoriert wird, würde ich es noch dreimal schreiben.
Eine andere, wesentlich unsicherere Methode der Diagnose ist das Beobachten der Bankroll. Ein 100BB-Downswing ist normal, 200BB können mal vorkommen. Sollte sich jedoch immer wieder ein Downswing auf die 200BB zubewegen, dann ist für euch eine Reihe von bad beats wahrscheinlich ein Auslöser, nicht mehr euer A-Spiel zu bringen und auf die schiefe Bahn zu geraten.
Die Behandlung
Bevor man sich wirklich an die bewusste Auseinandersetzung mit dem eigenen Tilt-Verhalten machen kann, sollte man die Ursache lokalisieren, denn dort sollte man ansetzen. Es gibt kein 100% sichereres Mittel für Tilt, keine Antibiotika gegen Downs. Deshalb möchte ich nur Eindrücke vermitteln und Denkanstöße verteilen.
Habe ich bemerkt, dass ich immer ab 50BB down nicht mehr 100% bringe, so muss ich nach 50BB down vielleicht einfach eine Stunde Pause machen. Eventuell reicht es auch, die Ursache zu kennen, um das Problem zu beseitigen: Sobald ich diese, für mich psychologisch sehr wichtige, Grenze überschreite, gucke ich mir selbst so scharf auf die Finger, dass ich nicht mehr tilten kann.
Stelle ich fest, dass sich irgendwann während der letzten Swings/Beats mein Spielverhalten verschlechtert hat, so wird es schwerer. Man muss nun bereit sein, die Lernkurve praktisch zurückzugehen, und viel tiefer anzusetzen. Vermeintlich sicheres Wissen in Frage zu stellen, dürfte in die Kategorie "besonders schwer" fallen, aber es führt kein Weg daran vorbei.
Habe ich das Gefühl, gerade nicht mein A-Spiel zu geben, dann ist dieses Gefühl meistens berechtigt, denn schon durch dieses Gefühl spielt man nicht mehr sein A-Spiel - Eine so reine Tautologie wie dieses Gefühl werdet ihr nie wieder kriegen, denn dieses Gefühl wird euch nie täuschen, selbst wenn ihr bis dahin euer bestes Spiel präsentiert habt. Wenn dieses Gefühl auftaucht, und ihr den Umgang damit nicht gewohnt seid/ es überwindet, dann wird es eine sich selbst erfüllende Prophezeiung werden.
Oft stellen Leute fest, dass sie wesentlich besser spielen, wenn ihnen dabei zugesehen wird, als wenn sie alleine spielen. Dies kommt nicht von ungefähr: Unter Beobachtung haben wir einen doppelten Leistungsdruck, denn man will den Beobachter ja auch noch beeindrucken und nicht 'nur' gut pokern. Solltet ihr in diese Kategorie fallen, so sucht euch Leute, die euer Spiel beobachten und Fragen stellen können. Am besten sucht ihr Leute, die über oder unter eurer Stufe stehen: Beobachten euch bessere Spieler, seid ihr unter dem Druck, keine Fehler zu machen, weil der andere sie sofort bemerken würde. Spielt ihr mit schlechteren/unerfahreneren Spielern, so ist der Druck enorm, dass zu jedem Moment und zu jeder Handlung eine Frage kommen kann, und der Erklärungsdruck steigt enorm. Gott sei dank findet man kaum zwei Spieler, deren Stil identisch ist, und die das absolut identische Niveau haben, so dass eine der beiden Situationen praktisch immer gegeben ist.