Userwettberwerb Onlinetells - Beitrag 2
1. Einleitung
Dieser Artikel war ein Beitrag unseres Useres "Arngrim" zum Wettbewerb "Onlinetells".
An einem echten Pokertisch trifft man auf die verschiedensten Spieler, die durch ihre Gestik, Körperhaltung, Mimik oder auch Ticks verraten, wie stark ihre derzeitige Hand ist. Mike Caros Werk "Book Of Poker Tells"[1] ist eine erstklassige Einführung in diese Thematik.
Es ist ein verbreiteter Irrglaube, dass diese Tells beim Onlinespiel nicht zu finden sind. Natürlich ist es nicht möglich, seinem Gegner in die Augen zu schauen, doch gibt es eine Reihe anderer Indizien, die ähnliche Rückschlüsse zulassen wie beim Livespiel. Um diese Online-Tells geht es in der vorliegenden Abhandlung.
2. Zeitbasierte Onlinetells und Aktionsauswahl beim Onlinepoker
Es gibt in der Regel zwei verschiedene Möglichkeiten, um in einem Onlinespiel zu bestimmen, welche Aktion durchgeführt werden soll: durch Warten auf den eigenen Zug, oder durch eine Vorbestimmung in Form von Vorauswahlkästchen. Wer sich mit Onlinetells beschäftigen will, muss ein Auge dafür entwickeln, auf welchem Weg die Aktion anderer Spieler durchgeführt wird. Führt ein Spieler, sobald er an der Reihe ist, seinen Zug sofort aus, deutet das daraufhin, dass er mit den Auswahlkästchen gearbeitet hat.
Die zweite wichtige Komponente beim Analysieren von Onlinetells ist, wie schnell eine Aktion durchgeführt wird, wenn keine Vorauswahl stattgefunden hat. Abhängig von der Dauer und der resultierenden Aktion, lassen sich Rückschlüsse auf die Stärke der Hand des jeweiligen Spielers ziehen.
Im Folgenden habe ich die verschiedenen Möglichkeiten aufgeführt, wie bzw. wie schnell die Aktion eines Spielers durchgeführt wurde und worauf diese Handlung hindeutet.
2.1 Bedeutung von Spielverhalten
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Check/Fold-Vorauswahl deutet auf Schwäche hin
Die vermutlich beliebteste Vorauswahl ist Check/Fold [2]. Sie wird in der Regel dann verwendet, wenn der Spieler seine Hand als schlecht einstuft und sie nur weiterspielen möchte, solange er eine kostenlose weitere Karte sehen kann. Verwendung von Check/Fold sagt also aus: „Ich habe ein schlechtes Blatt und eigentlich kein Interesse an dieser Hand“.
Es kann überaus ertragreich sein, einen Check/Fold zu erkennen. Angenommen es befinden sich zum Flop noch 4 Spieler im Spiel, von denen wir der letzte sind, der an der Reihe ist. Der erste Spieler checkt regulär, während die beiden folgenden einen Check/Fold einsetzen. Effektiv spielen wir nun nur gegen einen Gegner, da sich die beiden mittleren gedanklich bereits von ihrem Blatt verabschiedet haben. Ein Bluff könnte hier also erfolgreich sein.
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Check/Call, Call Any Vorauswahl deutet auf Slowplay hin
Im Gegensatz zu Check/Fold ist Check/Call bzw. Call Any ein Hinweis auf ein deutlich stärkeres Blatt, das der Gegner langsam spielen möchte.
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Bet/Raise Vorauswahl deutet auf Stärke hinBeim Einsatz von Bet/Raise muss mit einem starken Blatt gerechnet werden. Solange der Spieler nicht extrem loose ist (oder auf Tilt), ist besondere Vorsicht geboten. Gerade beim Einsatz auf dem River ist nicht mit einem Bluff zu rechnen. Während des Turns kann hier aber auch nur der Versuch gestartet werden, eine freie Karte auf dem River zu erkaufen.
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Schneller Check deutet auf Schwäche hin
Ein schneller Check ist in der Regel als Zeichen von Schwäche aufzufassen – der Spieler ist froh, die nächste Karte kostenlos sehen zu können. Meine Erfahrung zeigt aber, dass gute Spieler diesen Zug gerne durchführen, in der Hoffnung einen Check-Raise initiieren zu können. Findet ein solcher nach einem schnellen Check statt, läuft man meist in eine sehr starke Hand.
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Sofortiger Call bei vorangegangenem Bet deutet auf Schwäche hin
Wenn ein Spieler eine zuvor gemachte Bet sehr schnell called (nicht via Vorauswahl), hält er vermutlich eine schwache Hand, wahrscheinlich irgendeine Art von Draw. Der Grund für das schnelle Callen ist vorzugeben, dass der Spieler eine gute Hand hat. Er hofft, in den folgenden Runden das Bieten zu unterdrücken, um günstiger an die weiteren Karten zu kommen.
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Pause gefolgt von einem Check deutet Schwäche an
Ein Spieler, der zunächst eine Weile zögert und dann checkt, möchte bei den Mitspielern Angst vor einem Checkraise schüren. Die Pause soll symbolisieren, dass er über eine Erhöhung nachgedacht hat. In Wirklichkeit aber möchte er, dass die anderen Spieler auch nur checken, um so an eine weitere Karte heranzukommen. Ein Gegner, der tatsächlich einen Checkraise durchführen möchte, wird den Check in der Regel relativ zügig ausführen.
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Pause gefolgt von einem Bet/Raise deutet Stärke an
Wird vor einem Bet/Raise eine Weile gewartet, so hält der Spieler vermutlich eine starke Hand. Das Nachdenken soll den anderen Spielern suggerieren, dass er ein schwaches Blatt hat und jetzt nur blufft, um somit einen Call oder sogar einen Reraise zu induzieren. Fälle 6 und 7 sind Paradebeispiele dafür, wie die Regel "weak is strong and strong is weak" [3] falsch ausgelegt werden kann.
3. Onlinetells basierend auf Unterhaltungen im Chat
Viele Spieler schalten den Chat von Mitspielern aus, weil sie ihn als störend empfinden – oder vielleicht auch wissen, dass sie negativ darauf reagieren, wenn ihr eigenes Spiel im Chat kritisiert wird. Allgemein gesagt ist das jedoch ein Fehler; es ist eher als Glück anzusehen, wenn sich Spieler im Chat mehr unterhalten, als nur "nice hand" und "thank you" [4] zu sagen.
3.1 Vielredner
Häufig sitzt am Tisch jemand, der es nicht lassen kann, die ganze Zeit zu reden. Das vielleicht nicht einmal spielbezogen, aber in hohem Volumen, unabhängig davon, ob er in eine Hand involviert ist, oder nicht. Wenn so ein Spieler plötzlich während einer Hand, in der er mitspielt, nichts mehr schreibt, ist davon auszugehen, dass er eine starke Hand hält und deshalb vom Chatten abgehalten wird – aus Angst aus Versehen eine falsche Aktion auszuwählen oder etwas über seine Hand zu verraten.
3.2 An- oder Betrunkene
Gerade am Wochenende und zu (amerikanischen) Nachtzeiten kommt man hin und wieder in den Genuss mit einem offensichtlich Angetrunkenen am Tisch zu sitzen. Entweder gibt er das selbst Preis (just came home from a party), oder man erkennt es an seinen zusammenhanglosen Bemerkungen, die sich nicht selten auf seine aktuelle Hand beziehen (at last a decent hand). Diese Spieler versuchen häufig ihre schlechten Blätter durch dezente Einschüchterungen (just call, you’ll lose anyway) zu verschleiern. Hier gilt dann wieder der Ansatz "weak is strong and strong is weak".
3.3 Heißgelaufene Spieler
Ein Spieler, der zum Beispiel aufgrund einer Reihe von bad Beats auf Tilt ist, fängt häufig an, beleidigend oder anderweitig ausfallend zu werden. In einem No Limit Spiel wird dieses Bild durch deutlich größere, als herkömmlich von ihm bekannte Erhöhungen, unterstrichen. Spieler die heißgelaufen sind können, nachdem man sie erkannt hat, zu guten Geldlieferanten werden.
3.4 Der Besserwisser
Wer hat sich noch nicht über die ewigen Besserwisser geärgert, die zu jedem Blatt ihre Meinung sagen und erklären, dass sie selbst sowieso die absoluten Profis seien und viel intelligenter gespielt hätten. Es gibt aber eigentlich gar keinen Grund, sich zu ärgern: im Grunde kann man aus diesen Spielern den größten Nutzen ziehen, indem man sich eine einfache Eigenart dieser Spezies zunutze macht: Man erkennt ihre Überlegenheit ehrfürchtig an und fragt sie nach Ratschlägen zum Spiel. Mit vor Stolz schwellender Brust werden sie dann ihre ganze Spielweise erläutern und sitzen ab sofort wie ein offenes Buch am Tisch.
4. Zuverlässigkeit von Onlinetells
Wie zuverlässig sind Onlinetells nun? Die Antwort ist die gleiche wie auf viele andere Fragen bei Texas Hold’em: es kommt darauf an und nichts ist absolut.
Für sich allein genommen sind die Onlinetells eine sehr vage Vermutung über die Stärke eines gegnerischen Blatts. Ein schwacher Spieler, der noch nie über die Möglichkeiten eines Slowplays nachgedacht hat, raised seine Quads vielleicht genau so schnell oder langsam, wie er das bei einem medium Pair tun würde, von dem er denkt, dass es bestimmt gewinnen wird. Oder er denkt länger über seine Kartenkombinationen nach, weil er erst nachzählen muss, ob er die Straight wirklich hat.
Ein guter Spieler wiederum kennt die Bedeutung von Onlinetells und versucht sie zu seinem Zweck auszunutzen, in dem er beispielsweise die Pause gefolgt von einem Check tatsächlich dazu einsetzt, um einen Checkraise durchzuführen – in der Hoffnung, dass ein anderer Spieler denkt, es wäre nur eine haltlose Androhung dieser Gefahr.
Optimal geeignet sind Onlinetells deswegen vor allem bei Spielern, die sich im unteren bis mittleren Spielniveau bewegen und die oben aufgeführten Fälle für „clever“ halten. Sie werden nicht verstehen, warum die anderen nicht auf die Tricks hereinfallen.
Ein wenig Beobachtung der regulären Spielweise ist also unabdingbar, um zu sinnvollen Resultaten kommen zu können.
5. Wann Onlinetells nicht funktionieren
Gerade die zeitbasierten Onlinetells funktionieren nicht, wenn die Bedingungen nicht optimal sind. Das bezieht sich auf drei Faktoren: die eigene Internetverbindung, die der Gegner und das Spielverhalten der anderen Mitspieler.
Im Einzelnen:
5.1 Die eigene Internetverbindung
Ohne eine gut funktionierende Internetverbindung ist eine Aussage über Onlinetells unmöglich. Vielleicht reagiert ein Spieler blitzschnell, aber aufgrund eines Lags kommt die Aktion erst 5 Sekunden später auf dem heimischen Rechner an. Bei Party Poker steht in den Fenstertitelzeilen, wie der Status der eigenen Verbindung ist. Steht dort etwas von "Internetconnection delayed", ist die wahrgenommene Aktion nicht live, sondern zeitverzögert. Onlinetells haben nun keine reelle Basis mehr und sollten nicht in die Bewertung einer Spielsituation einfließen.
5.2 Die Internetverbindung der anderen Mitspieler
Das in 5.1 gesagte trifft umgekehrt natürlich auch für die anderen Mitspieler zu. Wenn beobachtet wird, wie ein Spieler keine Aktion durchführt, weil seine Verbindung abbricht (im Chatfenster bei Party Poker steht dann etwas wie Player XYZ has been disconnected) muss davon ausgegangen werden, dass dieser Spieler eine schlechte Verbindung zum Internet hat. Seine Aktionen sind zeitlich also nicht mehr zuverlässig einschätzbar - Onlinetells für diesen Spieler sollten außer Acht gelassen werden. Das gilt übrigens nicht nur für den aktuellen Moment, sondern sollte wenigstens für die restliche Sitzung auch weiterhin so behandelt werden.
5.3 Spielverhalten der Mitspieler
Grob gesagt kann man die Mitspieler in drei Klassen unterteilen: Die Ernstnehmer, die Professionellen und die Nebenherspieler [5].
Ein Nebenherspieler surft im Internet, chattet und telefoniert mit Freunden oder arbeitet am Computer, während er eine Partie Poker nebenher spielt. Für ihn besteht das Spielen darin, dass irgendwann das Spielfenster in den Vordergrund kommt, er kurz auf seine Karten schaut, die Aktion wählt und dann das Fenster wieder in den Hintergrund schiebt. In der Regel wird er nur die besten Karten spielen und alles weitere halbautomatisiert über die Vorauswahlkästchen laufen lassen. Nebenherspieler verpassen hin und wieder ihren Spielzug, ohne die Internetverbindung zu verlieren oder verwenden auffallend häufig die Vorauswahlkästchen. Sie nehmen das Spiel nicht sonderlich ernst und werden nur die besten Starthände etwas konzentrierter spielen. Hat man einen Mitspieler als Nebenherspieler klassifiziert, ist Vorsicht geboten, sobald er einmal ordentlich mitspielt – jetzt hat er ein wenigstens als gut zu bezeichnendes Blatt auf der Hand.
Die Ernstnehmer spielen einen Tisch zur Zeit und agieren selten über die Vorauswahlkästchen. Das ist auch gerade das Kriterium, an dem man sie am besten erkennen kann. Ihnen sind die im letzten Abschnitt beschriebenen Spielweisen zuzutrauen und sie stellen eine gute Ausgangsbasis für das Auswerten von Onlinetells dar.
Die „Professionellen“ spielen an mehreren Tischen gleichzeitig. Sie sind bei Party Poker leicht über den Menüpunkt Game Rules & Options->Playersearch zu finden: einfach die Accountnamen dort eintragen und schauen, wer an mehreren Tischen spielt. Diese Spieler sind für Onlinetells ungeeignet, zum einen, weil sie vermutlich selbst Erfahrung damit haben und sie als Spielelement einsetzen, zum anderen weil das Spielen auf mehreren Tischen Verzögerungen bei Aktionen automatisch mit sich führt, ohne dass darin eine Aussage verborgen wäre.
6. Vermeiden von eigenen Onlinetells
So wie die anderen Mitspieler auf Onlinetells hin untersucht werden, so ist man auch selbst Opfer der gleichen Analyse. Nachdem in diesem Artikel beschrieben wurde, wie die zeitbasierten Online-Tells aussehen, ist es ein leichtes sie selbst zu vermeiden.
Dazu gibt es zwei einfache Möglichkeiten, die untereinander auch variiert werden sollten. Das einfachste ist es, einfach immer in der selben Geschwindigkeit zu agieren, egal welche Aktion durchgeführt wird. Somit ist es für einen Analysierenden nicht mehr möglich festzustellen, welche Bedeutung eine Aktion hat.
Etwas trickreicher ist die Variante, in zufälligen Zeiteinheiten zu agieren, zum Beispiel abhängig von der Uhrzeit (die ersten 30 Sekunden einer Minute nach 2 Sekunden, die zweiten nach 4 Sekunden) oder von der Farbe der zuletzt aufgedeckten Karte (rot: 2 Sekunden, schwarz: 4 Sekunden).
7. Zusammenfassung
Onlinetells stellen eine weitere mächtige Waffe im Arsenal eines Pokerspielers dar. Wichtig ist es, die Basis für eine sinnvolle Analyse zu schaffen (Stichwort Internetverbindung und Spielerverhalten) und dann die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Wie auch jeder andere Teilbereich ist es entscheidend, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen und sachlich über die Geschehnisse nachzudenken, denn der heilige Gral sind Online-Tells auch nicht.
Richtig eingesetzt ermöglichen sie aber wieder einen kleinen Vorteil mehr gegenüber der breiten Masse und gestatten es so, die Hand Ranges der Gegner für eigene Überlegungen wirkungsvoll einzuschränken.
8. Fußnoten
[1] "Caro's Book of Poker Tells" von Mike Caro, erschienen im März 2003 bei Cardoza
Publishing. ISBN: 1580420826, US-Preisempfehlung: $24.95
[2] Genannte Vorauswahlen entsprechen den Bezeichnungen von Party Poker. Andere
Pokerseiten können abweichende Bezeichnungen für identische Vorauswahlen
verwenden.
[3] Diese Regel ist ein allgemeiner Grundsatz beim Pokern und bezieht sich darauf,
dass jeder Spieler verschleiern möchte wie stark seine aktuelle Hand ist. Es ist eine
viel beobachtete Angewohnheit, gerade des Gegenteil von dem zu tun, was man
eigentlich erwarten würde, zum Beispiel ein Check anstelle eines Raises bei einem
starken Blatt oder umgekehrt.
[4] "Nice Hand" oder "Nice Play" zu sagen ist übrigens ein erprobtes Mittel, um schlechte Spieler darin zu unterstützen, länger am Tisch zu bleiben, nachdem sie einmal eine
Hand (vielleicht oder gerade auch glücklich) gewonnen haben.
[5] Es handelt sich hierbei um keine Klassifizierung im Sinne von guter oder schlechter
Spieler, sondern schlicht auf die Betrachtung, wie intensiv ein Spieler sich einem
einzigen Tisch widmet.