Userwettberwerb Onlinetells - Beitrag 5
1. Einleitung
Dieser Artikel war ein Beitrag unseres Users "Sascha Abel" zum Wettbewerb "Onlinetells".
Im Gegensatz zum Livepoker hat man beim Onlinepoker wesentlich weniger Möglichkeiten so genannte Tells zu entdecken. Sie beschränken sich im Wesentlichen auf die Geschwindigkeit, mit der jemand eine Aktion tätigt und über den oftmals nicht beachteten Chat. Doch sind auch diese wenigen Informationen mitunter schon eine große Hilfe.
2. Klassische Onlinetells
Vorweg muss gesagt werden, dass die hier aufgeführten Fälle Verallgemeinerungen sind, also im Regelfall passende Tells. Da jeder Mensch aber seine eigene Persönlichkeit hat, kann man die individuellen Tells eines Menschen nur durch Beobachten herausbekommen. Hat man bei einem Spieler abweichende, individuelle Tells festgestellt, so sollte man sich nach diesen richten und sie für zukünftige Spiele in den „Playernotes“ festhalten. Im Optimalfall hat man dann ein kleines Psychogramm des entsprechenden Gegners.
Die unten stehenden Begriffe „schnell“ und „langsam“ meinen, dass der betreffende Spieler schneller oder langsamer agiert, als er es gewöhnlich tut.
2.1 „Sofort“-Raises preflop
Hiermit zeigt euer Gegner eine starke Starthand an, sofern er in middle oder sogar in early Position ist. Dies gilt besonders, wenn der Raise über einen Vorauswahlbutton getätigt wurde, also er seinen Raise schon angeklickt hat, bevor er überhaupt dran war. In late Position ist dieser Tell weniger klar. Es kann sich hier auch um einen Bluff handeln, besonders wenn der Spieler als erster in der Hand ist.
2.3 „Sofort“-Raises postflop
Sofern noch mehrere Spieler in der Hand sind, hat der Raiser meistens mindestens das Top Pair oder einen Draw. Je weniger Spieler am Flop noch dabei sind, desto weniger kann man sich darauf aber verlassen. Gerade Heads up wird am Flop auch oft geblufft.
2.4 „Sofort“-Raises am Turn
Euer Gegner hat wahrscheinlich eine starke Hand. Manchmal kommt es allerdings auch vor, dass euer Gegner den Turn raist, weil er plant, am River zu checken (free Showdown).
2.5 „Sofort“-Raises am River
Euer Gegner sollte über eine äußerst starke Hand verfügen. Hier blufft so gut wie keiner mehr. Viele Hände sind hier die Nuts oder nah dran.
2.6 „Sofort“-Checks
Ganz schnelle Checks, besonders die über den Vorauswahlbutton (Check/Fold) getätigten, signalisieren eine schwache Hand. Hat man nur noch einen oder zwei solcher Gegner, kann ein Bluff lohnend sein.
2.7 Schneller Check, dann Raise
Mit dem schnellen Checken möchte euer Gegner euch in die Hand locken. Hat das funktioniert, dann zeigt der Raise, dass euer Gegner eine sehr starke Hand hat. Heads up am Flop gilt das allerdings häufig nicht. Hier ist es auch gut möglich, dass der Gegner glaubt, dass man selber blufft und er mit dem Raise testen will, ob er Recht hat oder nicht.
2.8 Langes Nachdenken, dann Raise
Das lange Nachdenken soll grübeln signalisieren, also Schwäche. Der Spieler hofft, dadurch seine Mitspieler zum Callen zu bewegen. In Wirklichkeit hat euer Gegner wahrscheinlich ein sehr gutes Blatt.
2.9 Langes Nachdenken, dann Check
Hier soll das lange Nachdenken signalisieren, dass euer Gegner überlegt zu betten, also Stärke. Er hofft also darauf, dass es kein anderer wagt eine Bet abzugeben. Oft hat der Checker aber wenig bis nichts auf der Hand.
2.10 Schneller Call bei Flush- oder Straightmöglichkeit
Hier hat der Caller oft einen Flushdraw oder einen (open ended) Straightdraw. Bei der Vielzahl an Outs lohnt sich ein Call für diese Spieler meistens. Deshalb erfolgt er auch recht schnell.
2.11 Callingstation denkt viel nach und callt
Hier macht jemand seinem Spitznamen wieder alle Ehre. Er überlegt, ob er wirklich noch mitgehen sollte, weil er keine so gute Hand hat. Hat man selber eine gute Hand sollten weitere Bets den Profit steigern.
2.12 Häufige Erhöhungen preflop, nach dem Flop oft Fold
Hier ist ein Spieler häufig on tilt. Hat man sich den Flop angesehen, so kann ein solcher Gegner oftmals durch eine Bet aus der Hand gedrängt werden.
3. Vorsicht bei Onlinetells
Wie schon erwähnt, sind die hier aufgeführten Beispiele Verallgemeinerungen. Es kann viele Gründe geben, weshalb die Hand des Gegners auch mal genau andersherum sein kann, als oben beschrieben. Hier einige Beispiele:
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Falsche Interpretation
Wenn euer Gegner glaubt, dass er eine starke Hand hat, kann er natürlich wirklich eine starke Hand haben. Vielleicht hält er seine Hand aber auch nur für stark, sie ist es aber in Wirklichkeit nicht (z.B. Top Pair bei einer Flushmöglichkeit auf dem Board).
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Umgekehrte Psychologie
Hat euer Gegner gute Kenntnisse von den Onlinetells und er glaubt, dass man selber diese auch hat, so kann er genau andersherum agieren als oben beschrieben. Er hofft dann, dass man auf den falschen Onlinetell hereinfällt.
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Multitabling
Spielt euer Gegner an mehreren Tischen gleichzeitig, so können seine Phasen des längeren Nachdenkens auch als Ursache haben, dass er an den anderen Tischen gerade beschäftigt ist. Je mehr Tische ein Spieler gleichzeitig spielt, desto weniger Aussagekraft haben die oben genannten Online-Tells.
4. Der Chat
Da ein Teil der Spieler während des Spiels auch chatted, kann man hier ebenfalls Informationen über die Gegner, besonders über ihren Gemütszustand bekommen.
4.1 Fragen
Mitunter fragt ein Spieler mal seine Mitspieler, ob er eine bestimmte Situation richtig gespielt hat. Man selbst weiß jetzt, was er zumindest nicht weiß. Wahrscheinlich ist er sich in ähnlichen Spielsituationen ebenfalls nicht sicher.
4.2 Antworten auf Fragen
Einige andere Spieler sind dann so nett und beantworten die gestellten Fragen. An der Antwort kann man sehen, wie es um den Wissensstand des Antwortenden bestellt ist, vorausgesetzt er antwortet wahrheitsgemäß. Auch hier kann man die eine oder andere Wissenslücke entdecken.
4.3 Behauptungen
Wieder andere geben mal die eine oder andere Behauptung von sich. Einige Behauptungen sind so abenteuerlich, dass man keine paar hundert Hände abwarten muss, um einen Spieler als „schwach“ zu identifizieren. Er klebt sich praktisch einen Zettel auf die Stirn.
4.4 Unmutsäußerungen
Jemand der einige bad Beats eingesteckt hat, beklagt sich beispielsweise über das launische Kartenglück. Dieser Spieler befindet sich eventuell bereits in einem Tilt-Zustand oder ist auf dem besten Wege dahin. Das gilt noch nicht so stark, wenn einer einmal „Mist“ sagt nach einer verlorenen Hand. Doch wenn jemand fragt, ob mit den Karten was nicht stimmt, weil er bisher nur 3 % der Hände gewonnen hat über einen Zeitraum von 2 Stunden, dann geht demjenigen das meistens nicht mehr so gut.
4.5 Beleidigungen
Jemand der andere Spieler (grundlos) beleidigt, ist wahrscheinlich ebenfalls schon in einem Tilt-Zustand. Doch selbst wenn nicht. Emotionale Stabilität sieht sicher anders aus. Ein ausgeglichener Mensch hat das nicht nötig. Vielleicht dreht so jemand nach ein oder zwei (weiteren) bad Beats am Tisch total durch.
4.6 Kritik
Mitunter kommt es vor, dass ein Spieler die angeblich falsche Spielweise seiner Mitspieler kritisiert. Ist diese Kritik falsch, so weiß man wieder, dass hier jemand keine Ahnung hat. Doch selbst wenn die Kritik berechtigt ist, so muss man sich fragen weshalb er das tut. Denn es ist ja nur zu seinem Vorteil, wenn seine Gegner verkehrt spielen. Manchmal ist das einfach nur nett gemeint, weil er den anderen Spieler vielleicht gut kennt. Oft steckt aber auch ein gewisses Geltungsbedürfnis dahinter, nach dem Motto: Ich kann es besser als du! Man kann das unter anderem daran erkennen, wie jemand etwas sagt. Sollte Geltungssucht dahinter stecken, so weiß man, dass auch dieser Mensch nicht so stabil ist. Wer weiß, wie der einen bad Beat verkraftet.
4.7 Aufforderungen
Mitunter fordert jemand, der eine Bet abgegeben hat, seinen Gegner zu einer bestimmten Handlung auf. Er schreibt z.B. „Call!“ und will damit eine starke Hand anzeigen. Frei übersetzt heißt das aber häufig so viel wie „bitte call nicht, da ich eine schwache Hand habe.“ Wie dem auch sei, kommt es zum Showdown, dann kann man genau sehen wie viel hinter seiner Aufforderung steckt. Wenn man sich das notiert, dann weiß man beim nächsten Mal (vielleicht eine Woche später) noch viel besser, wie man auf seine Aufforderung reagieren soll.
4.8 Geschwätzigkeit
Meistens sind es einige wenige Spieler, die viel chatten während des Spiels. Man kann Rückschlüsse daraus ziehen, an wie vielen Tischen jemand gleichzeitig spielt. Dies ist interessant wenn euer Gegner die „hide me from search“-Funktion aktiviert hat. Denn an je weniger Tischen jemand spielt, desto mehr Zuverlässigkeit haben die oben beschriebenen Onlinetells. Schreibt jemand ganze Romane im Chat, so wird er kaum an 8 Tischen sitzen.
5. FAZIT
Man sollte, um sein Spiel noch profitabler zu gestalten, die Onlinetells auf jeden Fall kennen und bei seinen Entscheidungen mit berücksichtigen. Ferner sollte man darauf achten, dass man selber keine Onlinetells verkündet oder man sollte so agieren, dass die Gegner einen nicht durchschauen, also mit variablen Geschwindigkeiten spielen. Beim Chat sollte man sich ebenfalls genau überlegen was man schreibt.