Userwettbewerb Onlinetells - Beitrag 7
1. Einführung
Dieser Artikel war ein Beitrag unseres Users "FreDee" zum Wettbewerb "Onlinetells".
Dies ist ein Aufsatz über ein Thema, welches seinen Anspruch auf ein wissenschaftliches Fundament schwerlich verteidigen kann, da wir es hier mit einem rein psychologischen Thema zu tun haben.
So ist dieses Thema trotz alledem nicht minder wichtig - schrieb schon einst (1921) der französische Mathematiker Émile Borel folgendes dazu:
„Die Wahrscheinlichkeitsrechnung kann nur dazu dienen, schlechtes Spiel auszuschließen; darüber hinaus hängt die Kunst des Spielens von der Psychologie und nicht von der Mathematik ab.“
Alsdann bleibt mir zu zeigen, wie diese „Kunst“ - nämlich das „Lesen“ der Hände - aussieht.
Einen Künstler kann ich hier selbstverständlich nicht schaffen.
Diese Entwicklung, von einem schlechten "Leser" zu einem guten "Leser", ist ein Prozess aus Erfahrung, Menschenkenntnis und etwas Talent.
Darüber hinaus kann ich hier keine statistisch signifikanten Daten liefern, wie es in anderen - von der Wahrscheinlichkeitstheorie inspirierten - Ausarbeitungen auf www.pokerstrategy.com der Fall ist.
Auch wird das Ergebnis am Ende des Aufsatzes keine Lösung zum „Lesen“ der Hände beinhalten, denn es wurde bereits 1961 gezeigt, dass es unmöglich ist eine ideale Strategie zu entwickeln, um die Hand des Gegners zu lesen:
„gäbe es eine solche Strategie, dann würden gute Spieler diese Theorie kennen ...“ so Von Neumann und Morgenstern im Buch “Spieltheorie und wirtschaftliches Verhalten“.
2. Was sind Tells?
Angewohnheiten, Blicke, Stimmlage, Körpersprache und vieles mehr sind wichtige Informationsquellen zur Bestimmung der Handrange (die möglichen Blätter die ein Spieler hält).
Meist genügt es zu „wissen“, wie der Gegner auf „gute“ bzw „schlechte“ Karten reagiert (ScareCards, Volltreffer etc.).
Deuten wir diese Information falsch, wird uns das viel Geld kosten. Hingegen „lesen“ wir diese Hände richtig, so können wir unseren Gewinn über den einer strategisch korrekten Spielweise steigern.
2.1 Offlinetells:
Sitzt man mit dem Gegenspieler an einem Tisch und kann Ihn beobachten, so helfen uns bei der Entscheidungsfindung Tells. Die wohl häufigsten Tells entnimmt man dem Setzverhalten:
- Quick Caller - Meist ein deutliches Zeichen für eine Drawinghand. Hier muss der betreffende Spieler nicht lange über seinen Zug nachdenken.
- Defensive Check - Meist bei schwächeren Händen; (Slowplay!?)
- Strong Bet - Oft ein Zeichen für einen Bluff.
- Shy Call/Bet - Stärke
Ferner sagt einem erfahrenen Spieler die Körpersprache und der direkte Augenkontakt etwas über die Qualität des Blattes seines Gegners.
Hier neigen die meisten Spieler bei einem Bluff zu „Posen“.
Aufrechtes Sitzen und Augenkontakt ist als Zeichen der Einschüchterung zu sehen.
Hingegen ist die zaghafte - fast unterwürfige - Anwesenheit eines Konkurrenten im Pot oft ein Zeichen der Stärke.
Das Inspizieren des eigenen Stacks nach dem Erscheinen des Flops deutet auf einen starken Treffer hin.
Das deutliche(!) Inspizieren des gegnerischen Stacks hingegen wird als „Posen“ und damit als Bluffen (wird gerne von den Chipleadern gemacht) identifiziert.
Für Profis - die Kür sozusagen - ist das verwickeln des Gegners in ein Gespräch (Frage nach dem Stack oder die Rückfrage nach der getätigten Erhöhung) eine wahre Fundgrube an Informationen.
Die Stimme ist unser größter Feind. Nur wirkliche Profis schaffen es, Ihre Stimme zu manipulieren.
Sprachforscher (Psycholinguisten) zeigten, dass ein Zusammenhang zwischen der Stimmlage und dem Wohlbefinden existiert.
- Eine tiefe Stimme stellt somit ein Zeichen für Entspanntheit, gute Gefühle und Freude dar.
- Eine hohe Stimme kann als ein Zeichen für eine Stress- bzw. Angstsituation interpretiert werden.
Wer diesen Parcours meistert, ist näher an einem guten als an einem schlechten Pokerspieler.
Dazu ein Zitat von Richard Nixon:„Leise und angenehm sprechende Personen halten meist ein gutes Blatt".
2.2 Online
Online hat man weit weniger Möglichkeiten, sich die Schwächen des Gegners zu Nutze zu machen. Dafür ist man selbst auch viel schwieriger zu lesen. Man ist Anonym.
3. Das Erkennen fremder Tells:
3.1 Reaktionszeit
Die Reaktionszeit (Setzverhalten) ist offline schon ein sehr, sehr starker Tell. Online kann man das nicht zu 100 Prozent so übernehmen.
Man kann in der Reaktionszeit nur zum einen ein SCHNELL (quickness to respond) und zum anderen ein LANGSAM (slowness to respond) erkennen.
Beides kann man interpretieren als direkte Reaktion auf die Hand des Mitspielers. Doch wissen wir nicht, ob der Gegenspieler einfach schnell bedient (automatic play) oder ob er gerade abgelenkt war (TV, Multitabling, Web...).
Testen {*1*} konnte man, dass ein Großteil der Spieler beim Onlinepoker sich vom schnellen Setzen (76%), dicht gefolgt vom langsamen Setzen (73%), ein Bild von der Hand ihres Gegners machen.
Auto-Respond ist online ein deutlicher Löwenschrei. Wer das ignoriert, wird sicher viel Geld verlieren. Aber auch Bluffen lässt sich mit automatic Play „perfekt“. Da man dem Gegner nicht den Hauch von Zweifel lässt.
Eine Fehldeutung bei der Reaktionszeit ist natürlich nicht ausgeschlossen und hier möchte ich davon abraten, diese Tells als Hauptkriterium bei der Entscheidungsfindung zu nutzen.
Viele Spieler wissen um diese Statistik und spielen ihre Monster genau darum schon sehr langsam - wohingegen der Bluff sehr oft schnell und aggressiv gespielt wird.
3.2 Name, Trashtalk, Donkbet, Tilt
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Name
Spieler mit dem Namen: „MadDog“ oder „Gambler“ tendieren zu aggressivem, loosen Spiel, wohingegen „TheRock“ auf eine tighte Spielernatur schließen lässt.
Sich von dem Namen des Gegners ein Bild von seinem Blatt zu machen, ist wohl eher in die Sparte der Kaffeesatzleserei zu schreiben. Dennoch nutzen 8% der Onlinespieler den Namen als Kriterium zur Entscheidungsfindung. Faszinierend!
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Trashtalk
Das Chatten - meist wenig sinnbehafteter - Gedanken ist oft ein Zeichen für Konzentrations-/ Geduldsmangel und meist auf den Genuss von Alkoholika zurückzuführen. Das dies die Hand des Gegners nicht ändert, scheint klar. Doch steigt mit dem Alkoholpegel die Risikofreude.
Dieses kann (und wird in 29% aller Fälle) mit einbezogen werden in die Deutung der Hand des Gegners und zwar in dem Sinne, dass man die Hände des Gegners etwas(!) nach unten transpositioniert.
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Donkbet
Eine etwas „eselhafte“ Aktion weist meist auf einen schwächeren Gegner hin. Stärkere Spieler wollen häufig damit Freecards verhindern. Hat man ein gutes Bild vom Gegner, so kann man Donkbets in Verbindung mit seinem Blatt bringen. Treffer auf den Straßen werden gerne „gedonkbettet“.
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Tilt
Bei wenigen Spielern „spürt“ man - aufgrund der jüngsten Vergangenheit (bad Beat) - dass sie schlechter spielen als ihre Werte aus dem Datamining vermuten lassen. Dort sollte man seine Daten überdenken und vielleicht etwas angleichen an die aktuelle Situation.
3.3 Data Mining
Die wohl stärkste Waffe, die wir haben, um die Tells unserer Gegner einzuordnen, ist die Auswertung vergangener Spiele. Die Klassifikation unserer Gegner in Spielertypen lässt ihre verschiedenen Aktionen an Gewicht gewinnen/einbüßen.
Der vorsichtige Spieler, der erhöht oder mitgeht ist sehr (!) gefährlich. Ein Maniac, der erhöht, folgt nur seinem Standardmuster: Gegner durch Aufgabe in die Knie zwingen.
3.4 Spielertypen
Wenn man etwas über den Spielertyp herausfindet, ist der erste Schritt getan, um seine Karten zu „lesen“.
Wir unterscheiden zwischen tight und loose sowie zwischen aggressive und passive. Daraus ergeben sich die bekannten 4 Grundmuster:
- Tight Aggressive (TAG)
- Loose Aggressive (LAG)
- Tight Passive (Rock)
- Loose Passive
TAG:
Hier deutet ein Call preflop schon fast auf eine Drawinghand hin, viel zu sehr mag er das Blindstealing. Ein check/call postflop ist schon fast ein sicheres Indiz für eine schwache Hand bzw. einen unkomplettierten Draw.
Hier sollte man ihm am besten voll zahlen lassen. Wenn sein Draw ankommt, lässt er es einen wissen. Hier ist Folden meist eine gute Wahl. TAGs sind recht selektiv in ihren Anfangshänden und können damit mit Scareboards kaum umgehen und folden schnell.
LAG:
Trennt sich gerne und viel von Gewinnerhänden. Frühes callen/checken sollte man mit Raisen beantworten.
Rock:
Jeder Bet/Raise sollte hier als sehr starke Hand (Monster) gewertet werden. Ein Rock hasst es Geld zu verschenken. Er ist eigentlich kein Spielertyp und spielt damit nur Hände, die ihm gefallen und womit man auch überdurchschnittlich oft gewinnt. Gegen einen Rock spielt man am besten nach dem Prinzip ausweichen oder bluffen.
Maniac:
Die Hände von Maniacs zu lesen ist naturgemäß schwer, da sie wirklich alle Karten spielen, denen sie in ihrer momentanen Gefühlslage eine Chance einräumen. Dann sind sie sich nicht zu fein eine 72o-Hand zu spielen als wäre sie Gold. Maniacs, die zum Ende hin ruhiger werden, haben meist gar nichts auf der Hand und da ist wohl die einzige Chance diese Spieler zu bluffen. Mit mittelstarken Händen lohnt sich hier oft ein Calldown.
Callingstation:
Callingstations sind bereit auf jeder Straße den „normal nötigen“ Betrag von 1SB bzw. 1BB zu „zahlen“. Sie sehen das als Kosten, die man nicht umgehen kann – Fold ist meist keine Option.
Im Full Ring kann man Sie durch „Doppelkosten“, sprich Reraise, zur Aufgabe bzw. zu einer Aussage über ihre Hände „zwingen“.
Im Heads Up hat man so gut wie keine Möglichkeiten, die Hand des Gegners zu lesen, da hier bei guten wie bei schlechten Händen ausschließlich gecallt wird und damit keine Reads möglich sind.
Als Resultat steht damit: Da ihre Aktionen im Spiel bei jeder Situation immer die Gleiche ist, fällt es einem schwer - bzw. man kann es förmlich vergessen - diese Spieler zu lesen.
Ihr Problem ist, dass Sie auf ihre guten Blätter kein Value bekommen und auf ihre schlechten Blätter immer draufzahlen.
Man sollte nicht versuchen gegen Callingstations tricky zu spielen (Slowplay, c/r…). Das geht sicher nach hinten los.
Somit sollte man sich bei jedem „besseren“ Blatt einfach die Callingstations zu Nutze machen und mit ihnen bis zum River spielen. Meist gehen Sie dann beim River, wenn all ihre „Möglichkeiten“ ausgeschöpft sind. Wenn sie einen dann nach 4 Straßen callen zwei Asse zeigen – frei nachBobby McFarrin: Don’t worry, be happy!
Kann man also einen Gegner zu einem Spielertypen zuordnen, so verfällt dieser Spieler immer wieder in sein klassisches Muster. Diese Mustererkennung ist sicherlich der entscheidende Vorteil eines guten Spielers gegenüber eines weniger guten Spielers und auf das Erlernen dieser Fertigkeit sollte man allerhöchste Priorität legen.
Mustererkennung
Untersuchungen zeigen, dass Menschen eher ein konsistentes Wahlverhalten haben.
Da wir in jedem Schritt beim Pokern vor eine Wahl zwischen check/bet, fold/call/raise bzw. fold/call gestellt werden, ist davon auszugehen, dass unsere Gegner maschinell bei vergleichbaren Situationen immer gleich handeln. Somit kann man vermuten, dass ihre Präferenzen zielend (transitiv) sind.
Diese Mustererkennung ist eine reine Erfahrungssache. Man kann einem lerneifrigen ps.de'ler dort nur den Tipp geben, sich das Verhalten der Spieler anzuschauen, während man nicht spielt. (immerhin in 80% der Fälle!)
4. Vermeiden eigener Tells
4.1 Selbstsicht
Es ist ein Prozess der Selbsterkenntnis, sich selbst richtig einzuordnen. Wem das gelingt, der hat es leichter im Leben und natürlich allegorisch auch beim Pokern. Wenn ich um meinen Status als Rock/Maniac/TAG am Tisch weiß, so kann ich auch Spielzüge meines Gegners besser einordnen. Damit kann man das Spiel „ich weiß, dass du weißt...“ spielen und schon beginnt der Antizipationswettkampf.
4.2 Konventionelles Spielen / Tableimage
Das Tableimage ist eine reine Wahrnehmungsangelegenheit. Jeder versucht jeden einzuschätzen. Menschenkenntnis gegen Menschenkenntnis. Eure Gegner versuchen, genau wie ihr, euch zu klassifizieren. Sie versuchen euch in die oben genannten 4 Kategorien plus den Zusatz gut/schlecht einzuordnen. Nutzt dies, indem ihr eurem eigenen Tableimage trotzt. Seit unberechenbar.
- Spielt auch mal nicht nach SHC und bindet es aller Welt auf die Nase.
- Donkbet / Trashtalk
- Ein gezeigter Bluff verändert euer Tableimage.
4.3 Deception
Wenn ihr ausschließlich mit guten Händen spielt und mit schlechten Händen foldet, so seid ihr von eurem Gegner zu leicht zu durchschauen. Deception (das Tarnen und Täuschen) soll euch vor dem Lesen eurer Hand schützen. Kein guter Spieler kann ohne diese Täuschungsmanöver leben.
Die folgenden Tells sollte man zur Tarnung der eigenen Hand an den richtigen Stellen immer mal wieder einfügen:
- Bluff
- Semibluff
- Slowplay
- Donkbet
- Checkraise
- check behind
Sehr oft gewinnt ihr vor dem Showdown. Das findet ausschließlich im Kopf eures Gegners statt.
5. Tipps
Zum Ende möchte ich noch den einen oder anderen Tipp geben, der mir bei der Bearbeitung des Themas „Online Tells“ ein-/ aufgefallen ist:
Deaktiviert die Buddylist:
Ihr wollt in der Buddylist eines anderen Spielers stehen. Das hat sicher etwas mit Stolz zu tun und den Gedanken „...aber ich bin doch kein fish“ Doch wenn ein Gegner euch in der Buddylist hat und euch studiert hat, nimmt er euch vielleicht viel Geld ab undiIhr merkt es nicht einmal. [PartyPoker//GameRules&Option//Hide Me From Search]
Aggression beim Gegner erzeugen:
Wenn Ihr dreimal gegen einen Gegner durch sein Folden gewinnt, denkt darüber nach, einmal „Trash-Downcall“ zu machen und ihm eure Hand unter die Nase zu reiben. Das emotionalisiert seine Sicht auf euch und kann nur zu eurem Vorteil sein.
Scarecard:
Manchen Gegnern „merkt“ man an, dass sie mit der gerade erschienenen Scarecard nicht umgehen können. Nutze dies zu einem Bluff (nicht gegen Maniacs).
Stack:
Eure eigene Stackgröße sollte angemessen sein. Zu hoch lässt entweder auf Geltungssucht schließen oder auf einen sehr guten Spieler. Zu niedrig lässt auf „letzte Chance“ deuten. Alles fällt den Gegnern auf und es gibt gegen alles ein Mittel. Nur wollen wir ja, dass die Gegner unkonzentriert gegen uns spielen.
Wohnort:
Die Herkunft des Gegners läßt keine Schlüsse auf die Spielweise oder gar die Hand zu. Auch wenn im Forum gern und viel von den "schlecht spielenden" Amerikanern die Rede ist, gibt es auch sehr gut spielende Amerikaner. Es gibt auch schlecht/gut spielende Deutsche, Finnen und Dänen. Somit eignet sich diese Information nicht zur Deutung der Hand.
Anzahl der Mitspieler:
Wenn sich die Anzahl der Mitspieler an einem Tisch lichtet, so spielen die Spieler mit weniger guten Blättern.
Position:
Laut T.J.Cloutier (Autor u.a. von "How to Win the Championship: Hold'em Strategies for the Final Table") werden die meisten Bluffs auf der Position Small Blind und Button gespielt (also der erste und der letze Spieler einer Setzrunde - je nach Board und Aggressivität der Spieler). Wenn man das weiß, kann man das schneller durchschauen und auch für sich einsetzen.
Multitabling:
Wenn man an mehreren Tischen auf seinem Level spielt und dort diverse Spieler sieht, dann kann man von maschinellen Spielen ausgehen und braucht nicht übermäßige „Trickyness“ des Gegners erwarten.
Ist hingegen ein Spieler „nur“ an einem Tisch zugange (Playesearch Funktion von PP!), kann man nicht mit Aufmerksamkeitsproblemen rechnen.