Aktualisiert am 12 März 26 von

Tilt: Vielspieler

Du bist keine Maschine

Poker ist eine fordernde Tätigkeit. Wer nicht für Pausen und Ausgleich sorgt, betreibt Raubbau am eigenen Körper.

Vielspieler unterliegen nochmals besonderen Herausforderungen beim Pokern. Hier sind zwei Aspekte besonders kennzeichnend: das Spielvolumen (gespielte Händen pro Tag/Monat/Jahr) und das Geldvolumen (Höhe des Limits/der Bankroll/des bewegten Kapitals).

Beides hängt nicht zwangsläufig miteinander zusammen, dennoch gibt es im Online-Poker weitgehende Korrelationen. Wer entsprechend hohe Limits spielt, spielt meist auch viel und an mehreren Tischen simultan. Wer solider Winning-Player ist und viel spielt, bewegt sich oft schon auf den entsprechenden Limits. Poker nimmt bei diesen Spielern einen bedeutenden Anteil am Tagesablauf ein, nicht nur vom Spielen her, sondern auch vom Training, der Theorie, der ganzen „Denke“ rund um die Karten.

Oft wird Poker hier schon professionell oder zumindest als lukrativer Nebenverdienst betrieben. Dementsprechend wichtig und dementsprechend viel Einfluss hat Poker auch auf das eigene Leben. Was tritt an zusätzlichen Belastungen für den Spieler auf? Worauf ist im Zusammenhang mit Tilt zu achten?

 

Multitasking

Multitasking ist ein Begriff, der zunächst im Zusammenhang mit Computern und deren Betriebssystemen verwendet wurde und die Fähigkeit beschreibt, mehrere Arbeitsprozesse so schnell nacheinander auszuführen, dass der Eindruck der Gleichzeitigkeit entsteht.

 

Multitabling ist Arbeit und Stress

Inzwischen sprechen Arbeitspsychologen auch von Multitasking-Belastungen beim Menschen im Zusammenhang mit den vielfältigen Herausforderungen in modernen Unternehmen, wo vernetzte Strukturen und Hierarchien, komplexes Daten- und Kommunikationsmanagement plus das parallele Agieren auf verschiedenen Tätigkeitsebenen besondere Herausforderungen an die Mitarbeiter stellen. Diese Mehrbelastung ist so groß, dass der Unterschied zwischen den heutigen Tätigkeiten und der „eindimensionalen“ Arbeit in Unternehmen früherer Zeiten bis zum Verhältnis 1:3 geschätzt wird. Das heißt, eine Stunde Multitasking in einem vernetzten Umfeld entspricht bis zu drei Stunden „herkömmlicher Arbeit“.

Es ist ein Unterschied, ob z.B. ein, zwei Stunden am Tag gemütlich zum Spaß gepokert oder 6-8 Stunden täglich vor dem Bildschirm konzentriert gespielt, besser gearbeitet, wird. Meist wird noch intensives Multitabling betrieben. In diesem Zusammenhang, nämlich durch die lange Spieldauer und das Multitabling, sind Pokerspieler anfällig für die schädigenden Nebenwirkungen des Multitaskings.

In diesem Zusammenhang können sich Fehler häufen. Auch wenn Management - und Unternehmensberater Multitasking häufig als Lösung für chronisch überlastete Mitarbeiter empfehlen, kommen Ökonomen, Neurowissenschaftler und Psychologen zu anderen Ergebnissen. Wenn mehrere Aufgaben gleichzeitig bearbeitet werden sollen, sinkt die Qualität der Entscheidungen.

Interessanterweise wähnen wir uns beim Multitasking meist als erfolgreich. Schnelles Erledigen wird oft mit intelligentem Erledigen gleichgesetzt. Was nicht stimmt, wenn die Fehlerquote steigt und mit entsprechendem Geld- und Zeitaufwand wettgemacht werden muss. Multitablen ist also eine feine Sache, wenn die Winrate gesteigert werden kann, kann aber gleichzeitig die Stressrate steigern und damit auch die Tiltanfälligkeit. Wenn jetzt auch noch die Fehlerhäufigkeit steigt, wird die Situation noch verschlimmert. Der Spieler kann dann oft nicht mehr differenziert wahrnehmen, was eigene Fehler sind und was Bad Beats, wann er geschlagen wird oder wann er sich selbst schlägt.

Weitere Nebenwirkungen des Multitaskings können sein:

  • Konzentrationsstörungen, eine Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnisses und die Förderung eines unzusammenhängenden Jetzt-Denkstils
  • Eine mögliche Unfähigkeit oder Desinteresse an Aktivitäten außerhalb der gewohnten „Arbeitsumgebung“, zunehmende Vereinzelung und Distanziertheit gegenüber dem sozialen Umfeld
  • Schlafstörungen, Reizbarkeit, Unausgeglichenheit, allgemeine Unzufriedenheit können auftreten

Get a Life …

Um die eigene volle Leistungsfähigkeit und Zufriedenheit zu erhalten und um die Tiltanfälligkeit zu reduzieren, ist es wichtig, dass du Pausen und Ruhezeiten einlegst, die dem Organismus die nötige Zeit geben, sich zu erholen. Nicht nur das Gehirn, auch das Nervensystem, die Augen, der Haltungs- und Gelenkapparat brauchen Regeneration.

Diese Zeit sollte auch möglichst NICHT vor dem PC zugebracht werden. Manch Einem scheint vielleicht das Surfen, das Schauen eines Films oder ein Videospiel schon eine so ganz andersartige Beschäftigung zu sein, aber dem ist nicht so.

Sei dir bewusst, das du mit Poker einer fordernden und komplexen Tätigkeit nachgehst, die den Körper entsprechend belastet. Auch wenn du vielleicht aufgrund deines Alters auf dem Höhepunkt deiner körperlichen und sensorischen Leistungsfähigkeit stehst, besteht dennoch die Gefahr, Raubbau mit deinem Körper zu betreiben.

Eventuell hilft es dir, die Tischanzahl zu reduzieren. Unternimm dieses Experiment nicht nur während einer Session, sondern auch über einen längeren Zeitraum, sodass du auch entsprechende Informationen und Erfahrungen damit sammelst. Wie sehen deine Stats/Erträge jetzt aus? Ist dein Spiel eventuell weniger anstrengender / die Belastung kleiner geworden? Nichts spricht dagegen, dein bisheriges Konzept beizubehalten. Es kommt einfach nur darauf an, neue Möglichkeiten kennen zu lernen.

 

Komm zur Ruhe

Richte dir einen festen Zeitpunkt ein, an dem du Pause machst. Der angemessene Zeitpunkt für eine Pause ist nicht etwa dann gekommen, wenn du schon erhebliche Ermüdung und Konzentrationsschwächen zeigst, sondern in der Regel deutlich vorher. Ein genauer Zeitpunkt hilft dir, deine Sessions einzuteilen, z.B. nach 90 oder 120min eine feste Pause einzulegen. Pausen müssen nicht rigide eingehalten werden. Wenn es z.B. gut läuft, kann die Spanne bis zur Pause auch etwas verlängert werden. Feste Zeiten helfen allerdings, ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von Pausen zu verankern, wenn die Wahrnehmungsfähigkeit hinsichtlich der eigenen Erschöpfung eingeschränkt ist.

Die Pause sollte lang genug sein und dich möglichst abschalten lassen. Schalte nicht den Fernseher ein. Tue etwas anderes als dich wieder visuellen Reizen auszusetzen. Beschäftige andere Sinne. Mach einen Abendspaziergang. Tue etwas körperliche Arbeit. Bewege dich. Oder, wenn dir nicht danach ist, versuche dich ganz in Ruheposition zu entspannen, ruhig zu atmen und Angespanntheit und Stress aus dem Körper fließen zu lassen.

Wichtig sind auch Tage, an denen du möglichst gar nicht oder nur wenig pokerst, um etwas ganz anderes zu machen. Geh aus, treffe Freunde, unternimm etwas mit dem Partner oder alleine. Sieh Poker als Arbeit an, die zwar einträglich ist, von der du aber ab und zu auch Abstand brauchst, um Sie weiterhin gut auszuführen. Das ist durchaus auch für dein Spiel wichtig, damit deine Leistungsfähigkeit erhalten bleibt.

Du bist nicht nur jemand, der Pokerspieler ist und einen beträchtlichen Teil seiner Zeit vor dem Bildschirm zubringt. Nimm wahr, was du sonst noch für Interessen hast. Was hast du früher getan, als du noch kein Poker gespielt hast? Wenn du den Eindruck hast, völlig von Poker absorbiert zu werden und zu viel zu spielen, oder wenn du dich sogar zwingen musst, vom Bildschirm weg zu kommen: Gibt es Ausnahmen? Zeiten, wo du weniger Zeit vor dem Bildschirm verbringst? Und was ist dann anders? Wenn du etwas findest, was dir hilft, mache mehr davon!

Erwartungshaltungen

Mache dir auch klar, dass hinter dem Pokerspiel oft hohe Erwartungen stecken. Viele Spieler erhoffen sich von Poker z.B.:

  • eine dauerhafte und finanziell lohnende Einnahmequelle
  • einen berufliche Perspektive
  • Traum vom sozialen Aufstieg und / oder einem neuen Lebensstil
  • Hoffnungsschimmer, Zukunftsperspektive, Rettungsanker, etc.

 

Am Ende ist es nur ein Spiel

All diese Erwartungen spielen eine Rolle und sind bewusst oder unbewusst Antreiber für das Spiel. Sie motivieren weiterzumachen, am eigenen Spiel zu arbeiten und das Beste zu geben.

Allerdings kann die Last auch schnell schwer werden z.B. in Downphasen, wenn ein Spieler mit dem Schrumpfen der Bankroll auch gleich seine ganzen Erwartungen dahinschwinden sieht.

Selbst wenn dies gar nicht stimmt, -Rückschläge gehören dazu-, wird der Druck durch solche verborgenen Antreiber größer und lastet auf uns. Dadurch kann die Tiltgefahr steigen.

Versuche folgende Fragen ehrlich zu beantworten:

  • Weshalb spielst du Poker? Was ist deine Motivation? Bleibe nicht nur beim Geld stehen, sondern überlege weiter: Was erhoffst du dir? Was möchtest du erreichen?

  • Hohe Ziele zu haben ist keine Schande, im Gegenteil. Nur ist es besser, darüber Klarheit zu haben, dann lässt sich auch leichter der richtige Weg einschlagen

  • Versuche trotz allem Poker als das zu sehen, was es ist: ein Spiel. Und es gibt noch ein Leben nach dem Spiel. Lebe es. Es lohnt sich. Zu hohe Erwartungen lassen dich dagegen verkrampfen.

 

Die richtige Atmung - eine Übung

Im Folgenden möchte ich eine Empfehlung zur wirksamen Entspannung geben, die einfach, wirkungsvoll und gut auch mal zwischendurch auszuführen ist. Wie immer lässt sich alles mit allem kombinieren, hat also nichts spezifisch mit der hier angesprochenen Thematik zu tun.

Viele Menschen atmen nicht richtig. Sie atmen zu flach oder stoßweise mit schnellem Ein- sowie langsamen Ausatmen oder umgekehrt. Wir brauchen uns nicht danach zu fragen, wie wir gesünder leben können, wenn bereits solche elementaren Dinge wie das Atmen falsch gemacht werden. Du kannst einige Wochen ohne Nahrung auskommen, einige Tage ohne Wasser, aber nur wenige Minuten ohne Atmung. Mehr noch: Es ist unmöglich, bei richtiger Atmung nicht zu entspannen.

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    Atemübungen helfen bei der Entspannung

    Nimm dir die Zeit, um bewusst einige tiefe Atemzüge zu nehmen. Atme ruhig durch die Nase ein und lass die Luft in den Bauch einströmen. Atme dann weiter ein in den Brustraum. Viele Menschen atmen nur in den Bauch oder nur in die Brust.

    Spüre wie du beides kannst, erst in den Bauch atmen und dann weiter in die Brust, und um wie viel mehr du einatmen kannst. Fühle, wie sich der Bauch beim Einatmen hebt, sich die Rippenbögen wölben und der Brustraum gefüllt wird. Entlasse dann den Atem ruhig durch den Mund. Wiederhole den Vorgang des tiefen Ein- und Ausatmens einige Male und schau, wie es dir dann geht.

  • Eine weitere Übung ist das tiefe Atmen während des Gehens, gut mit einem Spaziergang zu verbinden. Atme während zweier Gehschritte ein, dann in den nächsten zwei Schritten wieder aus. Wiederhole das ein paar Mal, dann atme während dreier Schritte ein und in den nächsten drei Schritten wieder aus.

    Wiederhole den 3er-Rhythmus wieder ein paar Mal. Behalte dein Schritttempo bei, werde nicht schneller oder langsamer. Dann versuche das ganze mit einem Intervall von vier Schritten usw. Sieh zu, wie weit du kommst. Gelingt es dir z.B. 6 Schritte ein- und auszuatmen, reduziere dann wieder auf 5, dann 4, bis du wieder bei zwei Schritt ein- und ausatmen angekommen bist.

    Du wirst bei regelmäßiger Wiederholung feststellen, wie du deine Kapazitäten sehr bald ein gutes Stück erweiterst und einige Schritte mehr machen kannst.

    WICHTIG: Versuche, die Abläufe ganz natürlich zu machen. Dein Atmen sollte nicht deinen Schritten hinterherjapsen, noch deine Schritte deinem Atmen hinterherstolpern. Du wirst bald einen guten Rhythmus gefunden haben, bei dem die Abläufe ganz natürlich funktionieren. Die Übung entspannt, harmonisiert durch tiefes Atmen und hilft dir, ein Gefühl für deine Atmung zu bekommen.

Zusammenfassung

  • Online Poker ist eine geistig und körperlich anstrengende Angelegenheit. Betrachte Ruhe- und Erholungsphasen als genauso essenziell wichtig wie das Spiel an sich. Sie helfen dir, dein Spiel auf hohem Niveau zu halten.

  • Mache dir klar, dass deine Persönlichkeit weiter reicht als bis zum Pokertisch. Auch wenn du mit Poker große Ziele verfolgst, hängt dein gesamtes Wohlergehen nicht nur von deinem Pokerspiel ab. Versuche dir eine gewisse Leichtigkeit zu erhalten. Poker sollte nicht dein ganzes Leben beherrschen.

 

Zum Autor: Robert Langer ist psychologischer Berater, Coach und Trainer in eigener Praxis in Saarbrücken. Außerdem unterrichtet er Psychologie an einer großen deutschen Heilpraktikerschule und ist Dozent bei Seminaren zu den Themengebieten NLP, lösungsorientierte Psychologie und psychologische Typenlehre.